Wo ein Rest ist, ist auch ein Weg 8
Winterberg, 2.5.2015
Dann melden sich sofort meine Pupillen,
Mit dem Willen sich zu weiten
um die Höhen und die Breiten
dieser Nacht abzustreiten
Es sind schlaflose Zeiten
(aus "Schlaflos" von Jennifer Rostock)
Rückblende:
Ruhrgebiet, 1. Mai - 6 Uhr ... morgens: Mein Wecker geht. Der Tanz in den Mai oder besser die Erholung davon war kurz... Ich krieche mit geschlossenen Augen ins Bad, wanke von dort mit einem halb geöffneten in die Küche, schleiche gebückt in die Abstellkammer und tanze beschwingt mit meinen Ski auf dem Rücken zum Auto.
7:00 Uhr: In der Tiefgarage meines Arbeitgebers steht ein Auto mit Wintersportausrüstung.
7:15 Uhr: Ich trete hinaus in die Kälte Wittens.
7:59 Uhr: Ich bin zurück von meinem 10km-Morgenlauf, gehe in der Umkleide nochmal duschen (den Durchgang nach dem Aufstehen einzusparen ist eine uhrzeitabhängig nicht stemmbare Transferleistung). Im Treppenhaus begegnet mir der Kollege, der mich morgen früh wieder ablösen wird. "Geh was anständiges studieren" haben sie damals gesagt...
1. Mai - 9:00 Uhr morgens: Ich bin auf Deck. Der Dienst wird ruhig, zumindest die Nacht, ich habs im Gefühl, dieses Mal habe ich Glück. Klar, ich will ja auch Skifahren und habe es dementsprechend verdient.
2. Mai - 9:00 Uhr morgens: Ich bin immer noch wach.
11:00 Uhr: Übergabe, Duschen, Umziehen - Feierabend. Die Sonne und Kaffee bringen mich zu der Einschätzung, fahrtauglich zu sein. Aber ich vergesse, dass ich eigentlich nochmal zu Hause meine GWG-Ski (Gras-Wiese-Geröll) einsammeln wollte. An Bord ist nur das Premium-Material.
13:20 Uhr: Ich erreiche den Fuß des Poppenbergs. Schnee!
Prolog:
Diese Wintersaison war anders als die drei vorherigen. Sie startete erst im Januar und endete nach nur einer Hand voll Skitagen schnell wieder mit dem ersten nennenswerten Skiunfall meines Lebens. Vielleicht ebnen dem Sportler seine Reserven den Weg zurück zu alten Taten oder es ist die Gewohnheit, dass es vor allem zwei Dinge zur Rehabilitation braucht, nämlich Fleiß und Schweiß, aber erst im April war für mich wieder an ernsthaftes Training zu denken, den Weg zurück auf die Ski glaubte ich erst im Winter 2015/16 zu finden, zumal die Urlaubsvorplanung keinen Raum mehr für einen späten Skifrühling im Mai ließ. Die Einladung zum Restefahren am 2.5. war unablehnbar.
^ Von den Lokalpatrioten liebevoll als Poppenberg-Gletscher betitelt, parke ich direkt am Ende der Schneefelder. Wobei, so mancher ehemalige Alpengletscher in spe sieht auch nicht viel besser aus.
^ Die Elite ist schon da und kurz darauf schließen sieben Männer mit drei Schaufeln erstaunlich große Schneelücken. Einige neue Gesichter sind dabei, der jüngste halb so alt wie ich, der Alterspräsident fast zwei Jahrzehnte erfahrener als ich. Offenbar forentypisch: Altersunabhängige gemeinsame Leidenschaft halt.
^ Wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man auf der Webcam ca. zwei Stunden lang ein seltsames schmales weißes Band zwischen zwei Schneefeldern.
^ Ein Großteil des Drecks sind Tannennadeln und co. - zwar wachshungrig aber für den Belag harmlos. Die anderen machen vor, das auch ein Weg ist, wo kein Rest mehr liegt. Sie haben Recht, aber nicht mit meinen Ski!
^ Tapfere Menschen mit Schaufeln kämpfen gegen den Frühling.
^ Auch ohne Ski wäre es ein schöner Tag geworden!
^ Abfahrt in Boxershorts? Okay - und einer muss den Anfang machen. Was auch immer mich morgens hat zu dieser Farbe greifen lassen. Bisher haben noch nicht alle Protagonisten dieses speziellen Missionsabschnitts dem Posten des Gruppenfotos zugestimmt. Aber es besteht Hoffnung auf das Video von Franz!
^ Am Gipfel des Poppenbergs wird der Grill entzündet, allerdings erst nach ein wenig Wartezeit auf Sherpa Marc mit dem benötigten Equipment. Das Unterfangen ist bei dem niedrigen Sauerstoffpartialdruck droben in jenen extremen Gipfelhöhen nicht ganz trivial. Hier kann die ältere Generation Kompetenzen an den Nachwuchs vermitteln.
^ Auf zur letzten Abfahrt. Eigentlich schade, dass ich so kamerafaul war. Mehr und schönere Fotos gibt es von Hibbe: http://www.alpinforum.com/forum/viewtop ... 45&t=53616
Epilog:
Zügig verlasse ich das Land der 1000 Hügel und erreiche meine Einfahrt, ab hier endet die Erinnerung.
3. Mai - irgendwann morgens: Ich krabble aus dem Bett, später kommt die bessere Hälfte von ihrer Frauentour auf dem Rothaarsteig zurück. Witzig - ich habe geträumt, ich wäre auch im Sauerland gewesen. Aber nicht mit Wanderschuhen, sondern mit Ski. Ob ich ihr davon erzählen soll?
In der Serie bisher erschienen:
- Montafon | 29.3.2012 | Wo ein Rest ist, ist auch ein Weg
- Hintertux | 28.4.2012 | Wo ein Rest ist, ist auch ein Weg 2
- Willingen | 14.4.2013 | Wo ein Rest ist, ist auch ein Weg 3
- Hintertux | 2.5.2013 | Wo ein Rest ist, ist auch ein Weg 4
- Stubai | 3.5.2013 | Wo ein Rest ist, ist auch ein Weg 5
- Kaserer, Lärmstange & Tuxer Joch | 15.6.2013 | Wo ein Rest ist, ist auch ein Weg 6
- Talabfahrt Gastein | 8.3.2014 | Wo ein Rest ist, ist auch ein Weg 7