"Viele Menschen sind gut erzogen, um nicht mit vollem Mund zu sprechen,
aber sie haben keine Bedenken, es mit leerem Kopf zu tun."
(Orson Welles)
Vorwort
Der Piz Val Gronda ist eine der am kontroversesten und von Befürwortern wie Gegnern über Jahrzehnte verbissen und ausdauernd verfolgte Neuerschließung der letzten Zeit. Zur Wintersaison 2013/14 wurde das Projekt unter strengen Auflagen genehmigt und als Pendelbahn realisiert. Der Genehmigungsbescheid wurde hier in den "Infrastrukturellen Neuigkeiten" ausgiebig (ich finde zu ausgiebig) noch vor der Umsetzung diskutiert. Der Bescheid verbietet die Befahrung einiger Areale, zusätzlich hat die Schweiz für ihr Gebiet eine WIldruhezone mit Betretungsverbot ausgewiesen.
Um die vielen, zum Teil wenig faktenbasierten und oft nur aus der Ferne abgegebenen bisherigen Meinungen pro/contra Val Gronda etwas zu versachlichen (und den Thread im Neuigkeiten-Forum zukünftig vielleicht etwas freier davon zu halten), habe ich mir an meinem Ischgl-Tag Ende Januar etwas mehr Zeit für jenen Berg genommen. Ich beginne mit einer Beschreibung der aktuellen Abfahrtsmöglichkeiten vor Ort als Faktensammlung und schließe mit meinem ganz persönlichen Fazit ab. Gerne können sich die flammenden Einzelmeinungen der Forumswelt dann hier ergießen.
Status Quo
Was geht und was nicht?
Der Bescheid verbietet eine Befahrung des Nordrückens des Piz-Val-Gronda, auf Schweizer Seite eine Wildruhezone - aber was heißt das vor Ort? Was bleibt über zum Befahren? Ich habe vor Inaugenscheinnahme Vor- und Nachmittags mit unterschiedlichen Liftlern der Valgronda-PB an Tal- und Bergstation gesprochen und nicht ganz deckungsgleiche Aussagen erhalten (zwei sagten, außer im Bereich um die Piste herum gehe eigentlich nichts), alle vier ergänzten aber in unterschiedlicher Form, dass dies die OFFIZIELLEN Grenzen seien bzw. es sie persönlich nicht weiter interessieren würde, wo ich runter führe. Ich fasse im Folgenden die Beschilderung an der Bergstation zusammen:
Wir stehen vor der Bergstation und blicken in Richtung der Trasse talwärts. Links und rechts der Station sind für ein paar Meter Zäune angebracht.
Der Zaun auf der rechten Seite.
Der Zaun auf der linken Seite.
DIe Versinnbildlichung einer halbherzigen Absperrung...
Aufschrift der Schilder.
Noch weiter nach links geschwenkt, also parallel zum Fimbatal talaufwärts gesehen, dann die Beschilderung der schweizer Wildruhezone.
Und das heißt jetzt was?
Ich versuche es grafisch zu erfassen. Auf dem Bild zu sehen sind Stütze 2 und die Bergstation. 1 und 2 sind die Zäune und Schilder links und rechts der Station, 3 deutet im Hintergrund die Markierung der Wildruhezone an. Blau gepunktet verläuft die Piste.
Wir erinnern uns - von den Zäunen 1 und zwei ist die Abfahrt in Richtung Stütze 2 erboten und dahinter verläuft die schweizer Wildruhezone. Nach der Beschilderung dort oben müsste also ungefähr jener Bezirk Sperrgebiet sein.
Aus etwas anderer Perspektive mit noch mehr Übersicht.
Daraus folgt: Der gelbe Bereich ist schlichtweg nicht zu erreichen. Die Flanken sind steil, mal eben entspannt entlangqueren kann man auch vergessen.
Wie steil, sieht man hier etwas besser.
Stimmt meine Interpretation der Beschilderung (damit würde sie zumindest auch mit der Schilderung von zwei der vier befragten Liftlern übereinstimmen), bliebe tatsächlich nur ein unbedeutend kleiner, gut erreichbarer Fleck nahe der Piste übrig.
Diskussion
Ab hier folgt meine ganz persönliche Meinung zum Projekt "Val Gronda" nach der Inaugenscheinnahme. Ich bin nicht generell gegen Neuerschließungen, aber eines muss man klar aussprechen: Egal ob mit EUB, KSB, SL oder PB, egal ob mit Pistenmodellierung oder ohne - jede Neuerschließung ist in irgendeiner Form Flächenverbrauch und der Berg ist danach nicht mehr der Selbe wie zuvor. In meinen Augen ist es das manchmal Wert und manchmal nicht, entscheidend ist, wie viel man für welches Opfer bekommt. Die PB hat ca. 20 Millionen gekostet, aber Geld spielte für die Silvretta Seilbahn-AG in den letzten Jahren ja nie eine Rolle.
Wie groß ist das Opfer Val Gronda? Von der Geologie her ist er anders als die umliegenden, sowohl im Winter sieht man es auf den ersten Blick durch seine abgerundeten Formen, als auch im Sommer durch die andere Färbung seines Gesteins. Er hat einen sehr hohen Kalkgehalt, ist dadurch weicher und durch die Erosion der Jahrtausende formbarer und er existierte schon, als sich die übrigen Alpen um ihn herum noch auffalteten. Diese andere Gesteinszusammensetzung ist der Grund für seine besondere Pflanzenwelt. Pacherscher Löwenzahn und Mähnenpippau erlangten in den letzten Jahren traurige Berühmtheit. Gutachtenschlacht hin und Polemik um Ökoaktivisten und verrückte Blumenliebhaber her - irgendjemand kennt einen der einen kennt, der gesagt hat, bei ihm zu Hause wächst diese gelbe Blume an jedem zweiten Hang - leider gibt es aber über 200 Pippau-Arten, die sich zum Teil sehr ähnlich sehen. Es ist Fakt, dass da etwas wächst, was in den Alpen extrem selten ist und nur wenige Zentimeter pro Jahr wächst, sich also von Schäden nur sehr langsam erholt. Aber ist das schützenswert? Es ist halt eine Blume... Ist sie Kulturgut? Sie ist Artenvielfalt, aber ist sie notwendig? Ob ja oder nein, muss jeder für sich entscheiden, meine ganz persönliche Meinung lautet am Ende ja. So hat auch die Verwaltung entschieden und die kartographierten Wachstumsgebiete als Sperrgebiet ausgewiesen. Vom einstigen Projekt einer oder gleich mehrerer Umlaufbahnen und Pisten blieb nur noch eine Pendelbahn und eine Abfahrt übrig. Das die Piste, die von Stäntn hier bereits fotografisch gut dokumentiert wurde, langweilig ist, wissen die Ischgler selbst. Deshalb werben sie auch nicht mit der neuen Abfahrt, sondern mit dem Freeride-Areal, welches - so man sich an die Absperrungen hält - sehr klein ist. Ob hinter den Kulissen die Liftler tatsächlich angehalten wurden, Umfahrungen der halbherzigen Absperrungen bewusst zu tolerieren oder ob es sich um eine zufällige Aneinanderreihung von Eigenmeinungen handelt, ist wüste Spekulation - vielleicht, vielleicht auch nicht.
Was also haben wir am Ende bekommen? Eine zweifelsfrei nette Aussichtsstelle, eine Pendelbahn, die zwar ganz hübsch, für mehrere Wiederholungsfahrten aber genau so unattraktiv ist wie die dazugehörige Piste und ein Freeride-Gelände, was seinen Namen wenn überhaupt nur dann verdient, wenn man sich ins verbotene Gelände begiebt. Selbst wenn eine Abfahrt entlang der schweizer Grenze hinab ins Fimbatal noch ein legaler Korridor sein sollte (die nicht 100%ig eindeutige Beschilderung und zwei Liftler sagen nein, zwei Liftler sagen ja), ist das zwar eine nette Variante, aber nicht DAS Powder-Eldorado. Der Rücken ist auch bei guter Schneelage häufig abgeblasen und chronische Föhneinflugschneise. Man wird auch dort sicher hin und wieder ein nettes Fahrerlebnis haben können, aber es ist einfach maximal unteres Mittelmaß. Das was die Ischgler gerne hätten, den Powder-Spot, das weitläufige, großartige Freeride-Areal, den Garanten für GUTEN Pulver, einen Anziehungspunkt, um endlich auch einen relevanten Teil der Off-Piste-Szene in die Silvretta-Arena ziehen zu können, das haben sie auch mit dem Piz Val Gronda nicht, sondern einen windausgesetzten, mit Sperrbezirken überzogenen Hügel, den sie aus genau einem Grund erschlossen haben: Aus Trotz und weil es auf dem Papier gut aussieht. Meiner Meinung nach findet man z.B. zwischen Greitspitze und Zeblaswiesen hinab Richtung Samnaun-Dorf viel bessere Linien - in einem Bereich, der seit jeher erschlossen ist - und in Kappl sowieso... Die Tage nach meinem Aufenthalt in Ischgl war ich ausgerechnet am Arlberg unterwegs - das machte den Kontrast zu dem, was Freeride-Gelände eigentlich sein sollte, einfach nochmal größer. Der finanzielle Preis ist irrelevant, den, den die Natur gezahlt hat, ist für das wenige, was man skifahrerrisch damit herausgeholt hat, in meinen Augen nicht verhältnismäßig. Gebraucht um sein Skigebiet attraktiv zu halten hat Ischgl den Berg nicht, schon gar nicht, um es mit den umliegenden wettbewerbsfähig zu halten oder gar um die Arbeitsplätze im Tal zu sichern. Stattdessen hat man die Widerstände gegen zukünftige Erschließungsprojekte in Österreich nur noch weiter verstärkt und den Val Gronda mittlerweile zum Politikum auf EU-Ebene gemacht. Man hat jetzt seinen Willen, wobei eigentlich hat man ihn nicht, denn eigentlich wollte man was ganz anderes und anderen wird man es dadurch zukünftig schwerer gemacht haben. Ich habe gerne an der Bergstation gestanden und unter blauem Himmel hinabgeblickt und mal den Reiz des Neuen genossen, aber für mich persönlich ist die Realisierung dieses Projektes in seiner heutigen Form ein Fehler gewesen, sie hätten es lassen sollen und ob sie mit den fünf Metern Plastikzäunchen auf Dauer durchkommen, ziehe ich in Zweifel. So das Forum in weiteren 10 bis 15 Jahren noch existiert (was ich doch schwer hoffe), überprüfe ich meinen jetzigen Standpunkt an dieser Stelle gerne, aber es würde mich nicht wundern, wenn viele sich in einem Jahrzehnt wünschen würden, diese Bahn wäre nicht gebaut worden.
Tobt euch aus, Feuer frei!
(ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich das Foto mit dem umfahrenen Schild oder dem ignorierten Zaun als Titelbild besser fand...)