Buchtipp: Elegant in den Winter
Bald fällt der erste Schnee in den Bergen und Tälern, und sportliche Menschen wedeln wieder die Pisten hinab. Zum Auftakt der Saison eine kleine Geschichte über die Kunst des Skifahrens.
Von Bettina Seipp
Die Kunst des Skifahrens
Foto: Brandstätter-Verlag
Berlin - Der Erste Weltkrieg liegt erst drei, vier Jahre zurück, es ist Winter, und die Boulevards der europäischen Städte sind an den Wochenenden wie leer gefegt. Das gesellschaftliche Leben liegt buchstäblich auf Eis. Denn wer es sich leisten kann, verbringt die kalte Jahreszeit in St. Moritz, Garmisch-Partenkirchen, Chamonix oder Davos - und aufs Feiern versteht man sich dort auch: "Wenn es um das Gefühl von Entdeckung ging, um Exklusivität und Gesellschaftsleben, so waren die frühen Tage des Skifahrens wohl so etwas wie das Goldene Zeitalter", schreibt Jenny de Gex. Die Britin ist Reisebuchautorin und Sammlerin von Plakaten des frühen 20. Jahrhunderts, zwei Leidenschaften, aus denen sie ein faszinierendes Buch gemacht hat: "Die Kunst des Skifahrens", das eben im Buchhandel erschienen ist.
Es ist ein bewusst doppeldeutiger Titel, der beide Anliegen der Autorin fasst: Einen kurzen Abriss der europäischen und amerikanischen Skisportgeschichte zu geben und sie mit den besten Lithografien dieser Zeit zu illustrieren.
Das Ergebnis ist ein glamouröses Sittenbild der Roaring Twenties, einer Zeit, als sich das Reisen demokratisierte und zum Massenphänomen entwickelte. Als Reedereien, Bahnfirmen, Luftfahrtunternehmen, Kurorte und sogar einzelne Hotels begannen, massiv um die Gunst der Urlauber zu buhlen. Und die lautmalerische Bildsprache der Plakatkünstler entsprach genau dem Mitteilungsbedürfnis der erwachenden Touristikindustrie.
Schon bald genoss das Medium Plakat, das inzwischen auch die Politik für sich entdeckte (man denke nur an John Heartfield), inflationäre Verbreitung. Was dazu führte, dass die Grafiken immer plakativer, respektive moderner wurden. Der typische 20er-Jahre-Stil kristallisierte sich heraus, der wie kein anderer das mondäne, um nicht zu sagen dekadente Lebensgefühl dieser Generation ausdrückte.
So ziert das Buchcover eine Grafik Roger Broders', die verblüffend den Arbeiten von Tamara de Lempicka ähnelt. Die aus Polen stammende Künstlerin war als Art-déco-Malerin eine Berühmtheit im Paris der 20er-Jahre. Typisch für diese Zeit sind selbstbewusste, an kühle Filmdiven erinnernde Frauen mit Kurzhaarschnitt und ausgestattet mit "Insignien" des Wohllebens wie Champagner, Zigarette, Telefon - oder eben Ski. "Die einfallsreiche Eleganz dieser Zeit zeugt von einem Gefühl der Sorglosigkeit und bringt einen Mythos aus Träumen und Wünschen unter die Leute ...", kommentiert Jenny de Gex.
1933, drei Jahre nach der Plakatierung von Broders' genialer Lithografie, wurde die Fédération Française de Ski gegründet, womit die Franzosen das Skifahren erst ziemlich spät adelten. Es waren die Amerikaner, die 1867 den ersten Club in La Porte, Kalifornien, gründeten. Allerdings mit logistischer Unterstützung der Skandinavier, die als Einwanderer das Wissen, wie man Ski fährt, in die Neue Welt brachten. So wie nach Australien, wo 1876 der erste Ski- und Schneeschuhclub aus der Taufe gehoben wurde und damit ein Jahr früher als in Norwegen. 1901 formierte sich der erste italienische Skiclub in Turin, ab 1904 gab es schweizerische, deutsche und österreichische Skiverbände. Dann ging alles sehr schnell: 1924 wurden die ersten Olympischen Winterspiele in Chamonix ausgetragen und die Fédération Internationale de Ski (FIS) gegründet.
Die Entwicklung des Skifahrens weltweit, die Höhepunkte der Plakatkunst dieser Zeit und die Einflüsse von Politik und Gesellschaft auf den Sport - eine verwirrende Gemengelage, durch die sich Jenny de Gex sprachlich leicht und elegant arbeitet. Mit einer winzigen Einschränkung vielleicht: So stellt sie im Kapitel über Deutschland den Protest der Briten gegen die Ideologisierung des Sports während der Olympischen Winterspiele 1936 heraus, was zwar richtig ist, aber für die Geschichte unerheblich. Interessanter an dieser Stelle wäre der Hinweis gewesen, dass die Nazis bis zum Überfall auf Polen 1939 massiv um ausländische Devisenbringer warben und viele Plakate deshalb englisch verfasst waren.
Fazit: Mit dem Buch aus dem Wiener Christian-Brandstätter-Verlag (160 Seiten, 34 Euro) kann man sich stilvoll auf die kommende Wintersportsaison vorbereiten.
Artikel erschienen am 28.11.2006
Quelle: Welt