Tag 2a: Tschiatura - "Ein Wurm oder keiner"
Früh aufstehen ist eigentlich so gar nicht meine Sache, aber fürs Skifahren oder etwas außergewöhnliches bin ich immer automatisch schon früher wach. Das Bett lag auch nicht so bequem als Gedacht und bin schonmal duschen gegangen. Henri schaute schonmal etwas skeptisch aus dem Fenster. Direkt gegenüber vom Hotel waren mehrere völlig maroden Wohnhochhäuser zu sehen.
Nun ja duschen... Erstmal braucht man schon mal Wasser! Zuerst kamen noch ein paar Tropfen runter, kurz danach kam gar nichts mehr. Sind dann doch alle Vorurteile über Georgien gerechtfertigt?! Zum Glück gab es weiterhin noch Strom und Internet. In Georgien generell das wichtigste. Egal wo du bist, WLAN und Strom gibt es so gut wie überall.
Da wir heute noch einiges vorhatten, hab ich mich mal ohne Wasser frisch gemacht und danach ging es zum Frühstück. Die Zimmermädchen waren schon etwas am Schimpfen, was wir allerdings nicht verstehen konnten. An der Rezeption meinte die Bedienstete "Ja, die sind im Stress, weil es kein Wasser in den Zimmern gibt. Gleich sollte es aber wieder gehen." Na schön, für uns zwar zu spät aber sowas kann ja mal passieren.
Oben am Frühstück trafen wir einen Georgier, der auch Deutsch sprechen konnte. Er hat uns kurz aufgeklärt, dass es keinen Buffet gibt, sondern dass das Frühstück für jeden Individuell am Tisch gebracht wird. Nur mit Kaffee oder Tee konnte jeder sich selbst bedienen. Danach hat er kurz seinen Frust über WizzAir ausgesprochen. "Ihr wart doch auch im Flugzeug aus Memmingen, oder?" "Katastrophe! Die Stewardessen können nix!" Der Man guckte nur ein bisschen unglaubwürdig als wir unsere Positive Erfahrungen ab Dortmund mitteilten.
Als das Frühstück kam, musste ich kurz mal gut schauen was da genau dabei war. Brot, Joghurtcreme, Marmelade, Käse, Eier und etwas was Wurst gewesen sein mag. Es sah jedenfalls etwas komisch bzw. unappetitlich aus, aber alles hatte am Ende ausgezeichnet geschmeckt.
Nach dem Frühstück ging es mit dem Auto dann endlich wieder weiter. Zuerst wollten wir nochmal eine Tankstelle ansteuern, da der Tank bei der Übergabe nicht mal halbvoll war. Und wir wussten auch nicht was uns zwischen Kutaissi und Tschiatura erwarten wurde. Also ab in die Stadt zum Gulf-Tankstelle an der David Agmashenebeli Ave, wofür wir eine Rabattkarte hatten. Dort sprach man wie erwartet nur Georgisch oder Russisch. Dennoch war "Euro 95" noch verständlich. Gezahlt wurde Bar und wir bekamen sogar etwas zuviel Wechselgeld zurück, das wäre aber in Ordnung.
David Agmashenebeli Ave
Ab zur nächsten Station: Supermarkt. Henri hatte im Vorfeld schonmal erkundigt wo es eine in der Gegend gab. Von außen ist es für Touristen ohne Georgische Schrift- und Sprachkentnisse gar nicht zu erkennen, da hilft das Internet heutzutage ungemein. Die Supermarktkette heißt wohl "Foodmarkt" und hat eigentlich nur Filialen rundum Tiflis und sonst nur eine hier in Kutaissi und eine in Batumi.
Supermarkt samt Eingang und 'Parkplatz'
Bavaria-Werbung für Holländisches Bier gibt schon fasst ein heimisches Gefühl.
Obwohl der Atmosphäre im Supermarkt völlig anders war als bei uns, war es trotzdem ähnlich eingerichtet. Der Auswahl war groß. Insbesondere der Süßigkeiten-Abteilung. Wir kauften unseren Bedarf schonmal für die ersten Tage ein, da es bei unserer zweiten Unterkunft in Kazbegi kein Frühstück angeboten wurde. Insgesamt waren wir 70 Lari (= ca. 24€) los für Brot, Wurst, Käse, Butter, Joghurt, Obst und Getränke, Bier und Süßigkeiten. Nicht besonders günstig für Georgische Begriffe, aber völlig in Ordnung. Insbesondere westliche Nivea Produkte uzw. hatten ähnliche Preise wie bei uns.
Supermarkt Inneneinrichtung
Draußen machten wir noch ein paar Fotos. Der Parkplatz vom Supermarkt sah genau so aus, als man von Georgien erwarten wurde... Schrott. Die Straßen weiter durch Kutaissi waren in einen ziemlich guten Zustand. Nur hier und da gab es einen Schlagloch, was man problemlos umfahren konnte. Das Zentrum von Kutaissi - die zweite Stadt Georgiens - war zum diesen Zeitpunkt nicht besonders stark befahren. Wie oft in Georgien hilft viel Asphalt.
Erste Einkäufe erledigt; fertig für die Reise nach Tschiatura!
Zentrum-Durchfahrt von Kutaissi.
TOTSO - "Turn Of To Stay On" - Das passiert hier wohl öfters um in Kutaissi auf die Hauptstrecke zu bleiben.
Als wir Kutaissi durch waren ging es weiter auf die alte S1 in Richtung Tiflis, oder besser gesagt Tbilisi, denn der Name Tiflis hört man nicht mehr so gerne in Georgien. Hinter einer Kurve standen schon die ersten Polizisten zu kontrollieren. Ich war zwar 10 km/h zu schnell, aber passiert ist gar nichts. Nach zirka 11 km kamen wir auf die neue (einspurige) Autobahnstrecke südlich von Kutaissi. Wir hatten den fertiggestellten Bereich gerade verpasst und kamen sofort in eine lange Baustelle bis Sestaponi. Hier wird die existierende Landstraße zum vollständigen Autobahn (s2x2s) ausgebaut.
Pfui... Unseres Tagesziel Stepanzminda (Qasbegi) ist noch 326 km fahren, exklusive Umweg über Tschiatura. Das wird noch was! Zum Glück sind die Ortsnamen wenigstens alle auf Englisch übersetzt, damit man es auch lesen kann.
Die alte S1 östlich von Kutaissi. Etwas weiter hinter der sehbare Kurve standen die ersten Polizisten bereits zu kontrollieren.
Kurz nach der Auffahrt auf die (einspurige) Autobahn. Wie in der Schweiz, Slowakei oder Italien gibt es auch in Georgien auf Autobahnen grüne statt blaue Beschilderung.
Obwohl einige LKWs auf die Strecke fuhren, wurde endlos im Baustellenbereich überholt. Gegenverkehr mit verengte oder verlegte Fahrbahn... Kein Problem, es wird überholt was das Zeug hält. Irgendwann hatte ich das Spiel durch und hab dann auch hier und da illegal überholt, aber bei Gegenverkehr wählte ich lieber die vorsichtigere Methode.
Autobahn wird hier zukünftig vollständig ausgebaut sein...
Die Passage durch Sestaponi erfordert das überqueren einige Bahnübergänge. Zwar waren die Tore für die Eisenbahn jeweils links und rechts der Straße zugesperrt (es könnte also unmöglich einen Zug kommen), dennoch gab es an jeden Bahnübergang ein STOP-Schild. Obwohl die Schilder durch die meisten Autofahrer negiert wurde, hatten gerade wir einen langsamen LKW vor uns die tatsächlich überall angehalten ist. Und da es auch noch Bergauf ging, dauerte es gefühlte Ewigkeiten und hinter uns fingen die ersten an zu Hupen.
Kurz vor dem Ende von Sestaponi stand ein großes Abbiegeschild mit "Tschiatura 40 km". Endlich von der Hauptsache durch Georgien runter und ab ins Hinterland. Es gab auf einmal überhaupt keinen Verkehr mehr. Hier und da liefen - wie in Georgien üblich - Kühe und anderes Vieh frei über die Straße herum. Parallel an der Straße verliefen endlose Rohrleitungen, welche die Anwohner mit Wasser versorgt.
Straße Sestaponi - Tschiatura
Straße Sestaponi - Tschiatura
Die ersten zwanzig Kilometer der Strecke verliefen einwandfrei. Man fährt quasi über ein Hochplateau durch abgelegene Felder und Bauerndörfer. Manchmal ging es leicht hoch und runter und manchmal musste man kurz für freilaufende Tiere oder eine Straßenschwelle bremsen. Auf einmal änderte die Straße aber spontan in einer sehr schlechten Schotterpiste. Ich könnte kaum stark genug abbremsen um das Auto sicher herein fahren zu lassen, da es aus dem nichts hinter einer Kurve kam.
Den nächsten Kilometer dauerte gefühlt eine Ewigkeit. Slalom um jedes dickes Loch, wobei man trotzdem langsam durch das eine oder andere Loch fahren müsste. Schon direkt war ich Heilsfroh, nicht mit eigenem Auto hier rumfahren zu müssen. Das war nicht nur eine schlechte Schotterpiste, sondern überhaupt katastrophale Schotterverhältnisse!
Nach einen Kilometer kam kurz vor dem Asphalt noch ein dickes fettes Loch was man nicht umfahren könnte und unter Wasser stand. Ein Auto im Gegenverkehr fuhr hier bereits sehr langsam und „sorgfältig“ durch. Danach war die Straße wieder genau so gut wie vorher. Ob das hier eine nicht fertiggestellte Baustelle war?! Es standen keine Warn- und/oder sonstige Hinweisschilder.
Straßenzustand im Schotterbereich. Hier muss man durch!
Die letzten zehn Kilometer verliefen dennoch nicht sehr zügig, da der Fahrbahn hier und da ziemlich mit Schnee oder Eis bedeckt war. Nach etlichen Kurven kamen wir dann endlich in „Tschiatura“ an. Als Fahrer sah ich nicht sofort Seilbahnen, aber Henri als Mitfahrer meinte wohl gleich was zu sehen.
Kurz vor Tschiatura immer mehr Felsen und Schnee
Kurz nach der Einfahrt in Tschiatura eine Kirche mit Kapelle...
...viele Häuser auf der andere Talseite...
...und einen ehemaligen Seilbahnstation!
Zuerst wollten wir das Zentrum aufsuchen wo es die zentrale Seilbahnstation geben sollte, von wo aus direkt drei Pendelbahnen starten, auch „Dreifachseilbahnstation“ genannt. Es endete in eine ziemlich hin- und her Fahrerei bis wir die berühmte steile „Friedensbahn“ (111%) samt „Seilbahn Nr. 25“ (die älteste Seilbahn der Stadt in versiertem Stalingebäude - auch "Stalinbahn" genannt) sahen. An die andere Seite vom Fluss „Qwirila“ parkten wir unserem Auto vor ein altes (dennoch ziemlich frisch lackiertes) Hochhaus. Die Videokamera kam aus der Tasche um die ersten Eindrücke auf Bild festzulegen. Ein ziemlich krasses Gefühl jetzt selber hier in diese mythische Stadt der Seilbahnen zu stehen. Die örtliche Atmosphäre… mehr Georgien geht nicht!
Die Einkaufsstraße von Tschiatura.
Brücke über der Fluss "Qwirila", kurz vor der Seilbahn Nr. 25 bzw. "Stalinbahn" mit Blick in Richtung Zentrum.
Blick in östliche Richtung mit der berühmte Seilbahn Nr. 25 / Stalinbahn.
Wohnhochhäuser an der andere Seite der Brücke, wo wir unseren Auto geparkt hatten. Diese Wohnungen sehen noch äusserst gut und 'gepflegt' aus im Vergleich was wir später in Tschiatura gesehen haben.
Inzwischen wunderten wir uns über die Tatsache, dass die Gondeln jeweils ein Stücken aus der Station in der Luft „geparkt“ waren. Sind die Seilbahnen jetzt für immer außer Betrieb? Schnell liefen wir zur Talstation, direkt neben der ziemlich stark befahrene Hauptstraße. Kein Mensch zu sehen oder zu hören. Man hörte nur die Autos und das Wasser auf der Straße. Draußen am Straßenrand standen drei Polizisten und habe diese kurz auf Englisch angesprochen. Leider sprachen sie nur Georgisch oder Russisch, aber mir wurde schon klar, dass die Seilbahnen nicht in Betrieb waren. Mist! Das ist wohl jetzt eine mehr als große Enttäuschung! Was soll das jetzt?! Mittagspause? Ferien? Oder nie mehr in Betrieb? Wer kann uns Antworten geben?!
Die desolate Eingang der Talstation von "Seilbahn Nr. 25".
Innenansicht der Talstation. Früher muss das wohl ein sehr schickes Gebäude gewesen sein, zu Ehre von Stalin. Jetzt hinterlässt es definitiv eher ein LSAP Eindruck. Kaum vor zu stellen, dass die Seilbahn tatsächlich noch Ihre Runden drehen sollte.
Ein Plakat an der Talstation für einen Festival im Rahmen der Geschichte von Tschiatura samt Logo der Schweizerische Eidgenossenschaft?! Was ist hier los?!
Die Friedensbahn. Sie geht fast senkrecht den Berg hoch... Beeindruckend! Fangbremse usw. Fehlanzeige! Immerhin noch nicht so steil wie der berühmte Zingel-Seilbahn aus 1921 in der Schweiz. Wenigstens wurden hier die Gondeln aus Blechstahl aber mal neu lackiert.
Stationseinfart der Friedensbahn. Die Tragseile wurden nicht so wirklich abgespannt...
Rost und verhärtete Ölreste soweit das Auge reicht. Die Schweizer Zingel-Bahn ist noch in einen deutlich besseren Zustand!
Zuerst machten wir noch ein paar Bilder und sind zu Fuß weiter in die Stadt gelaufen. Tschiatura ist eine vergleichsweise arme Stadt mit über 16.700 Einwohnern in der Provinz Imeretien, am Fuße des Großen Kaukasus auf 149 Meter über Meeresspiegel. In der Region gab es früher ein sehr hohes Manganvorkommen und sorgte dafür, dass hier bereits in 1877 Mangan unter Tage abgebaut wurde. Bis zum ersten Weltkrieg war Tschiatura sogar die größte Manganproduzent der Welt, mit einem Weltexport von über 50%. Fast alle Felder waren damals in Hand deutscher Unternehmen und der Großteil des abgebauten Mangans wurde bis 1914 in Deutschland verarbeitet. Nach der berühmte Oktoberrevolution in 1917 diente den Manganabbau ausschließlich noch für die georgische und russische Schwerindustrie.
Während der Sowjet-Zeit wurde in 1954 die erste Seilbahn der Stadt gebaut, die mittlerweile sogenannte „Seilbahn Nr. 25“ bzw. "Stalinbahn". Schon rasch danach folgten dutzende (einfache) Anlagen um die Wohn- und Manganerzabbaugebiete der Stadt miteinander zu verbinden. Insgesamt wurden 24 Seilbahnen für Personentransport, 50 für Material und nochmal 50 Seilbahnen für den Manganabbau durch Giorgi Mumladze errichtet. Damit hatte Tschiatura wohlmöglich das dichteste Seilbahnnetz der Welt. Obwohl viele Seilbahnen mittlerweile außer Betrieb sind, laut aktuelle Angaben sind nur noch 4 in Betrieb, wurden nur die wenigsten abgerissen. Es gibt durch die Stadt noch viele Ruinen der alten Bahnen, was wir auch noch zu sehen bekamen. Alle Bahnen befinden sich nach wie vor im „Originalzustand“.
Mittlerweile ist fast das ganze hochwertige Manganvorkommen ausgeschöpft. Nachdem Georgien am Ende der Sowjet-Union in 1991 selbständig wurde, ist die Stadt in Armut abgerutscht. In 1992 ist die komplette Strom, Gas und Wasserversorgung abgebrochen und in den Jahren danach verrottet. Bis 2004 waren die Bewohner auf Dieselgeneratoren angewiesen, wonach die öffentliche Stromversorgung unter Saakaschwili wieder hergestellt wurde. Geheizt wurde (und wird zum Teil immer noch) mit Holz. Die Einwohneranzahl hat sich mit fast um die Hälfte verringert.
Anno 2017 gibt die Stadt immer noch einen ziemlich armen Eindruck, jedoch hat man mittlerweile alles was man braucht. Vom maroden (aber noch funktionierenden) Bahnhof bis zum leicht modernisierte Einkaufsstraße. Alles ist vorhanden. Zahlreiche Straßenhunde abseits der Hauptstrecke inklusive.
Zentrum von Tschiatura. Beachte die kleine 'Seilbahnkabine' im Park. Angeblich ist man schon Stolz auf die viele Seilbahnen die die Stadt seit Jahren prägen.
Ein weiterer Flussüberquerung, mit Blick auf die Bergstation von Seilbahn Nr. 25, welche die Wohnhochhäuser oben am Berg mit der Stadt verbindet.
Weihnachtsbaum auf Georgische Art. Sie steht ein bisschen auf einem desolaten Platz da.
Während wir durch die Stadt auf der Suche nach dem Dreifachseilbahnstation waren, kamen wir eine andere alte Seilbahn auf der Spur. Hier hing ebenfalls die Gondel etwas außerhalb der inzwischen völlig maroden Talstation. Dafür müssten wir zuerst durch eine schmuddelige Bahnunterführung durchlaufen.
Ein paar geschlossene Kiosks standen noch drum herum. Das marode Gebäude der Talstation selbstverständlich für Georgien nicht abgeschlossen und frei begehbar. Wir haben dort sofort erst ein paar Bilder gemacht. Die Treppen aus Beton haben schon ordentlich mit gefedert. Diese Seilbahn hatte in August 2007 mal ein Vorfall wobei das Zugseil riss und die Bahn stehen geblieben ist. Alle Insassen (16 plus Bahnbedienstete) mussten stundenlang ausharten bis eine Rettungsgruppe aus Tiflis sie aus der Kabine befreit hat. Zur Schaden ist damals keiner gekommen.
Talstation der Seilbahn. Die Schrift "Delete this day" spricht schön für den Tag als die Anlage durch den beschriebenen Vorfall für immer geschlossen wurde.
Talstation samt Strecke und Kabine. Auch hier handelt es sich um einen Pendelbahn mit nur eine Kabine. Typisch ist das alte Sowjetische Kabinenmodell.
Minions müssen draußen bleiben!
Zoom auf Seilbahnkabine.
Wunderbare Beton und Stahl Technik diese verrottete Talstation.
Letzter Blick auf die Seilbahn. Schade, dass auch diese ausser Betrieb ist. Wurden wir sehr gern mal fahren!
Nochmals ein Blick auf die Stadt, während wir zurück zum Auto liefen...
Leider war sonst sehr wenig los in der Stadt. Die Suche nach der Dreifachseilbahnstation zu Fuß war weiterhin vergebens. Wir sind zurück zum Auto gelaufen und haben weiter gesucht. Henri meinte es müsste wohl direkt am Fluss stehen vor ein etwas größeres altes Gebäude. Ich fuhr schon einen ganzen Stück auf eine schmale Straße Stadtauswärts, bis wir eine andere marode Seilbahnstation gefunden hatten. Hier waren die Seile samt Spanneinrichtung sogar noch vorhanden! Irre! Diese Seilbahn hat wohl ein Hochhaus auf einem Berg an die andere Seite des Tals verbunden, wo sich mindestens drei andere Bergstationen befunden haben müssen. Ein anderes „Dreifachseilbahnstation“ also, allerdings alles mit gerissene oder entfernte Seile. Das Hochhaus (auch am Anfang der Trailer zu sehen) sah leider schon ausgebrannt und leer aus. Wie schade! Das muss wohl sehr beeindruckend gewesen sein, ein Hochhaus wo direkt oben drei Seilbahnen enden wurden. Können wir die Zeit ein bisschen zurück drehen?
Eine zugewachsene und desolate Talstation, etwas Stadtauswärts in westliche Richtung.
Irgendwann fuhr sie mal Leute und/oder Material zum diesen Hochhaus aufm Berg an der andere Talseite. Dort oben endeten mindestens drei weitere Seilbahnen.
Zugseilumlenkung in der Talstation.
Es tut bis in die Sele Weh sowas ansehen zu müssen, aber gleichzeitig auch so Einzigartig und Spezial.
Nach eine kurze Pause und Besuch an der maroden Talstation, ging es wieder zurück in die Stadt. Irgendwo müssten wir doch die verdammte Dreifachseilbahnstation finden. Erneut nach etliches hin- und herfahren haben wir das Auto direkt am Fluss nah am Zentrum geparkt. Auf einmal sagte Henri „Das hier ist das!“ Wo, wie, wer, was? Ich sehe kein Gebäude?!
Und dann die noch größere Enttäuschung des Tages… Die berühmte Dreifachseilbahnstation von Tschiatura wurde ABGERISSEN! Dazu war eine komplette Baustelle eingerichtet. Keine weitere Informationen. Was wird das? Henri wusste etwas von eine neue Gondelbahn, aber genaues wusste er auch nicht. Später zuhause habe ich erfahren, dass hier demnächst wohl moderne Pendelbahnen mit kleine Kabinen (also 8er oder 10er-Gondel) von Poma errichtet werden.
Straße zurück nach Tschiatura.
Das Gebäude wo früher die Dreifachseilbahnstation vor gestanden hat...
...die Seilbahnstation selber völlig abgerissen. Hier hat sie bis vor kürzem noch gestanden!
Dum gelaufen. Keine alte Seilbahn in Betrieb, andere alte Seilbahnen marode und weitere Seilbahnen für Neubau abgerissen. Und ausgerechnet jetzt sind wir in Tschiatura. Naja, besser da gewesen zu sein als niemals. Wie lange aber noch der Friedensbahn und der Klassiker „Seilbahn Nr. 25“ erhalten bleiben? Auch dort droht auf Dauer eine Modernisierung. Wer also die noch erhaltene alte Bahnen mal live ansehen möchte, sollte möglichst zügig handeln!
Promenade am Fluss wo wir unseren Auto geparkt hatten und noch ein paar Videoaufnahmen machten.
Ein Straßenhund guckte mich derweil ein wenig verzweifelt an. Man würde solche Tiere gern mal streicheln wollen, aber davon sollte man unbedingt die Finger lassen. Man weiß nie ob die Tiere aggressiv werden oder je nachdem ernsthafte Krankheiten bei sich tragen wie im schlimmsten Fall Tollwut. Zwar bin ich dagegen geimpft, aber immerhin...
Wir stiegen wieder ins Auto ein und fuhren ostwärts (Richtung Tiflis) noch einmal durch das Zentrum bis wir in die quasi „Vororte“ von Tschiatura kamen. Hier waren über das Tal noch sehr viele Material und mögliche Personenseilbahnen zu sehen. Weiterhin typisch für Georgische Städten die marode Wohnhochhäuser im Tal. Dazu auch völlig marode Brücken über den Fluss. Hier ist man wohl echt in eine völlig andere Welt als bei uns in Europa. Armut und maroden Konstruktionen soweit das Auge reicht. Einfach nur Krass. An einer Zweifachseilbahnstation sind wir spontan nochmal gestoppt und ausgestiegen.
Der Fahrer in ein weiteres geparktes Auto was da (neben der Straße) rumstand hat uns interessiert angestarrt. Über diesen spezifischen Ort sagte mal ein Georgischer Dolmetscher in eine Belgische Fernsehsendung über Georgien (Reizen Waes) „creapy place“ (Gruseliger Ort). Und so könnte man das vielleicht auch hervorragend bezeichnen, jedoch ein sehr interessanter „gruseliger“ Ort.
Fahrt Stadtauswärts in östliche Richtung...
...wo immer wieder zahlreiche Materialseilbahnen über das Tal zu sehen waren!
Unser letzter Stopp in Tschiatura am "gruseliger Ort".
Außenanblick der Zweifachseilbahnstation.
Die Zweifachseilbahnstation war von innen sehr wahrscheinlich noch im Originalzustand. Die Leiter die zum Gondeleinstieg führen sind sehr rutschig und beweglich. Nichts für Leute ohne Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Die Gondeln der beiden Pendelbahnen hingen hier auch nur draußen rum. Allerdings handelte es sich hier um Pendelbahnen mit nur eine Gondel, aber es waren keine Windenbahnen.
Innenanblick der Zweifachseilbahnstation.
Seilbahnstrecke in südliche Richtung. Hier hing die Kabine kurz vor der Bergstation.
Seilbahnstrecke in nördliche Richtung samt verrosteten Stahlblechkabine, wie an der Friedensbahn.
Komandoraum samt Seilbahnsteuerrung.
Technische Informationen der Anlage
auf Georgisch. Angeblich sollten beide Anlagen immer noch in Betrieb sein?! Wer weiß... Heute leider auf jeden Fall nicht.
'Hübsche' Anblick der Wohnhochhäuser an diesen gruseligen Ort.
Nach etliche Bilder und Videoaufnahmen wollte ich neben das Gebäude noch schnell ein kleines Geschäft erledigen. Öffentliche Toiletten sucht man hier eben vergeblich. Doch hinter das Seilbahngebäude lagen zahlreiche leere Flaschen Wodka und sonstige alkoholhaltige Getränke. Fast wie eine Mühldeponie. Dann doch mal kurz ins Gebüsch rein wo wiederum etliche leere Flaschen rumlagen.
Auf die andere Straßenseite wo unser Auto stand, konnten wir auch noch eine der zahlreiche völlig marode Brücken über dem Fluss bewundern. Wer hier wohl noch rüber laufen wird?!

Die Holzplanken könnten bei jedem Tritt quasi durchbrechen. Und aus der Rohrleitung die ebenfalls über die Brücke verlief, kam mit Hochdruck Wasser raus. Ob das irgendwann mal repariert wird?
Gefühlt laufe ich eher über ein apokalyptisches Filmset her, als das ich in der echten realen Welt herumlaufe. Wie hat man eine so gut funktionierende und ursprünglich wohlhabende Stadt so in den Abgrund rutschen lassen können?! Es ist zwar sehr beeindruckend, aber mir wäre es für die Bewohner lieber gewesen, dass man dort wie in Tiflis weiter modernisiert hätte.
Ein der zahlreiche maroden Brücken am östlichen Ende der Stadt.
Nachdem wir genug gesehen hatten setzten wir unsere Reise endgültig in Richtung Tiflis fort. Zuerst blieb die Seilbahndichte noch erhalten, aber wie weiter wir von Tschiatura entfernt waren, desto weniger wurden die Seilbahnanlagen bis igendwann gar nichts mehr gab. Die Häuser und weitere Dörfer sahen noch zwar arm aus, aber es gab keine gruselige (apokalyptische) Gegenden mehr.
Das wars! Ciao Tschiatura, hoffentlich bis zum nächsten Mal mit geöffneten Seilbahnanlagen!
Eine weitere Seilbahn samt Bergstation außerhalb von Tschiatura.
Die letzte Ansammlungen an Seilbahnen und alte Industriegebäuden, etwas ausserhalb von Tschiatura. Ob in diese Seilbahnen immer noch Mangan befördert wird?!
Vorerst hört hier die Berichterstattung auf. Im nächsten Teil geht die Reise weiter nach der Hauptstadt von Georgien: Tiflis. Henri und ich wollten unbedingt nochmal eine Seilbahn in einer Georgischen Stadt fahren. Zeit hatten wir noch, da wir leider in Tschiatura keine Anlage fahren konnten. Und was wäre nicht besser als gleich die Hauptstadt kurz zu erkunden, bevor es in die richtige Berge nach Stepanzminda und Gudauri ging?
Tschiatura. Ein Wurm oder keiner. Oder auch besser für uns: "Ein Seilbahn oder keiner". Dennoch haben wir sehr viele Eindrücke sammeln können und sind dankbar, hier auch gewesen zu sein. Es war legendarisch. Vielleicht irgendwann im Sommer mal eine Wiederholung um die Seilbahnanlagen zu fahren?
Also bis zum nächsten Teil. Diese wird nicht lange auf sich warten!

Und ein Videoblog über Tschiatura mit weitere Eindrücke - inkl. Antwort warum die Seilbahnen nicht in Betrieb waren - wird selbstverständlich auch bald folgen!
