Mal fix ein kurzes Fazit nach einer Woche Ober-/Hochgurgl:
Einsteigen am Morgen geht prima, wenn der Schuh die Nacht in der Wärmetasche verbracht und man den Trick mit dem fixen Biegen der Schale nach links und rechts raus hat. Wenn nicht, ist Einsteigen unmöglich.
Verhalten:
Tag 1: sehr kalter Morgen (<-10°C), der Schuh wird sehr schnell sehr hart, wenn er an die frische Luft kommt. Am Sprunggelenk reicht Ratsche 2 dicke aus, um guten Halt zu generieren, der Rest sitz auf 1. Das spricht zwar dafür, dass der Anpassprozess gut geklappt hat, ein "gutes Gefühl" habe ich anfangs jedoch überhaupt nicht, der Schuh und ich werden nicht so recht warm miteinander. Mir fehlt das "auslösende Moment" im Vorderschuhbereich, irgendwie ist da ein schwammiges und undefinierbares Gefühl.. Ich versuche, Grübeleien zu vermeiden...auch um die Gattin zu schonen
Tag 2: Es wird wärmer, viel wärmer. Am Morgen noch -5 Grad, am Mittag schon auf 2.000m um 0°. Der Schuh reagiert erstaunlich schnell, er wird ruckzuck weicher. Weiß der Geier, was für ein Kunststoff da verbaut wurde. Ich bekomme mehr Luft im Vorderfußbereich und siehe da, Schwungeinleitung über die Zehen...allmählich wird das so, wie ich mir das vorstelle, aber da ist irgendweie "zuviel Luft". Noch lasse ich die Schnalleneinstellungen so wie am ersten Tag.
Tag 3: Noch wärmer. Am späten Vormittag bereits deutliche Plusgrade auch >2.500mtr. Nach der Mittagspause lege ich, mit Ausnahme der Schnalle "Sprungeglenk", an allen Schnallen "eine Schippe drauf". Bei der obersten sogar 2. Oha! Die merkwürdigen und mir unbekannten brennenden Waden sind perdü, ich bekomme noch mehr Druck im Vorderfußbereich, dieses schwimmende Gefühl ist schlagartig weg. Trotzdem kann ich die Zehen weiter frei bewegen und fühle mich andererseits nicht im Schraubstock sondern fest und flexibel zugleich...wie in einer zweiten Haut. Die Ferse sitzt bombenfest. Beim Vorgänger Nordica 130 gabs das nicht, da war entweder alles knallfest oder alles weich, vor allem die Ferse bekam sehr schnell zuviel Spiel - die Druckverteilung über die gesamte Schalenkonstruktion hinweg war sehr einheitlich. Der neue Boot scheint da wesentlich differenziert zur Sache zu gehen. Am Abend fummele ich mit dem Imbus herum und stelle das Heck von Soft auf Hart um. Parallel dazu erläutere ich der Angetrauten wortreich, warum der richtige Schuh das A&O.....als ich mich umdrehe, schläft sie schon. Frechheit.
Tag 4: Und nochmal eine Schippe Celsius obendrauf. Ich lasse die Schnallen wie am Vortag, ziehe lediglich über die Mikro-Einstellung noch ein wenig fester nach. Jetzt habe ich ihn! Der besten Ehefrau von allen verkünde ich am Mittag in der Zirbenhütte, dass sie sich von nun an keine elaborierten Abhandlungen über das neuen Schuhwerk mehr anhören muss. Der AquaNova und ich finden zusammen. Die Gattin rollt mit den Augen und glaubt mir kein Wort...warum nur?
Tag 5: Nun sind wir endgültig in der Sauna. Gegen Mittag meldet das Thermometer an der Talstation Hohe Mut 12 Grad im Schatten - plus. Der Schuh bleibt davon gänzlich unbeeindruckt. Weicher wird er nicht mehr, soviel ist sicher. Vor allem um das Sprunggelenk herum, also die Zone, die mit Abstand die Wichtigste ist, sitzt das Ding wie angegossen, ohne an irgendeiner Stelle auch nur den Hauch unangenehmen Drucks spürbar zu machen. Entgegen vorheriger Schwüre und Beteuerungen doziere ich beim Verschlingen eines oppulentes Kaiserschmarrns noch einmal über das neue Schuhwerk und verkünde, endlich einen guten Schuh gefunden zu haben, der wie eine 2. Socke sitzt und mir das Gefühl gibt, direkten und unmittelbaren Kontakt zum Ski zu haben. Die Gattin ächzt und behauptet, dergleichen in den vergangenen Jahrzehnten schon öfters gehört zu haben. Wie kommt sie jetzt darauf?
Summa summarum: Ich bin mit dem Schuh nach anfänglichem Unwohlsein (im Wortsinne) warm geworden, er unterstützt mich ausgezeichnet bei dem, was ich mit dem drunter liegenden Ski zu tun gedenke. Abzuwarten bleibt, was bei "richtigem Winterwetter" passiert, bei Temperaturen also, die den Tag über bei -10° oder drunter bleiben. Die Reaktion der Schale auf Temperaturschwankungen ist immens und ich frage mich, wie ich darauf reagieren werde oder ob ich reagieren muss.
Ach...eins noch. Als ich am ersten Abend aus dem Schuh stieg stank es bestialisch und ich dachte: verdammt, bekomme ich nun auf meine alten Tage plötzlich Schweißpropeller der Marke "Dead or alive"? Es war ekelhaft und die Mischung roch seltsam. Irgendwie nach einer Kombination aus Reifenhandlung, toter Wiesel und verschimmeltem Parmesan. Wie sich herausstellte, sind das Reste der Schäumprozesses, die gelegentlich bei nicht 100% dichten Nähten des geschnürten Innenschuhs zwischen Schale und Innenschuh geraten und bei Erwärmung ausgasen. Am dritten Tag war das weg, nachdem ich eine Nacht lang die Wärmetasche auf Vollgas habe laufen lassen.
K.
P.S.: Ich habe in der Woche keinen 2. AquaNova gesehen, bin aber im Lift oft auf den Schuh angesprochen worden. Vor allem von Engländern, die allerlei alberne (gute) Witze über den Markennamen machten.