Die belagseitige Präparation der Kante entscheidet über den Kantengriff. Der Winkel der Seitenkante und die effektive Schärfe sind nur notwendige Voraussetzungen.
Es ist auch nur die halbe Wahrheit, hier lediglich von dem Winkel zu sprechen. Ich bevorzuge als Kriterium den Abstand der Spitze der Kante zum Planum. Denn der Massenservice fräst erst die Struktur in die Kante, um sie dann durch großzügiges Abhängen wieder heraus zu polieren. Es ist dabei technisch unmöglich, eine in die Kante gefräste Struktur wieder heraus zu polieren, in dem man belagseitig die Kante lediglich auf der Breite der Kante abhängt. In der Regel schleifen die Shops daher bis zum doppelten der Kantenbreite in den Belag hinein. Was den Ski drehfreudiger und weniger aggressiv macht. 0.8° per Hand geschliffen sind daher etwas völlig anderes als 0.8° aus dem Vollautomaten.
Ich habe das in
diesem Beitrag mit Bildern erklärt.
Ob das die Ursache für den von Dir beanstandeten Verlust bei Grip ist, kannst Du in einem ersten Schritt leicht selbst prüfen. Reicht die Struktur an Schaufel und Ende bis kurz vor die Kante, dann liegt vermutlich hier die Ursache. Falls nicht, kämen noch u.a. folgendes in Betracht: Ski nach dem Schleifen konvex verzogen, Kante stumpf geschliffen oder an den Enden absichtlich gebrochen, Verlust an Vorspannung, andere Ursachen.
Was Dir passiert ist, habe ich vor Jahren selbst erlebt. Mein SL hatte einen Handschliff, damals noch von einem versierten Servicemann ausgeführt. Leider musste der Ski während meines Urlaubs nach Feindkontakt in den Service, meinen Hinweis auf den Handschliff hat man ignoriert und den Ski nach Schema-F durch den Vollautomaten gezogen. Danach hatte der Ski gefühlt 50% Verlust beim Grip. Das war für mich der Anlass, mich selbst mit dem Skiservice zu beschäftigen.
Um Deinem Ski wieder den gewohnten Grip zu verpassen, ist ein echter Rennservice nötig. Also nicht der 87° Pseudo-Service, mit dem die Vollautomaten-Shops die Kunden abzocken. Stichwort zurückversetzte Struktur, die nicht in die Kante geschliffen wird. Präparation der Kanten entweder per Hand oder auf einer Profi-Maschine, welche sich präzise steuern lässt. Und lieber erst einmal etwas zu aggressiv schleifen und dann schrittweise an Deine Wünsche anpassen. Vorher muss der Ski erst einmal plan geschliffen werden. Dass der Ski technisch in Ordnung ist, setze ich als gegeben voraus.
Wie eine zurückversetzte Struktur aussieht, kannst Du in diesem
Schulungsvideo von Toko gut erkennen. Bis heute habe ich übrigens noch kein Schulungsvideo gefunden, bei dem dieser entscheidende Schritt, die korrekte Vorbereitung des Belags, wenigstens ansatzweise, geschweige denn ausführlich erklärt wird. Das ist wie eine Kochshow, bei dem man den vorbereiteten Kuchen in den Ofen schiebt und nach dem Backen lediglich demonstriert, wie man den Puderzucker darauf streut.
Hersteller hochwertiger Ski liefern ihre Bretter ab Werk mit so einer Stuktur aus. Und stellen, wie bei Stöckli, interessierten Shops diese Strukturen auch zur Verfügung. Was viele Shops aber leider nicht daran hindert, trotzdem nach Schema-F zu verfahren. Wenn der Ski nach dem Service weniger Grip hat als ab Werk, dann liegt es meist schlicht am Service.
Wenn der Schnee keinen aggressiven Grip erfordert, kannst Du den Ski ja erst einmal weiter fahren. Jeder Service kostet halt Geld und Material. Eine Diskussion mit dem Service, der Deinen Ski verbockt hat, kannst Du Dir sparen. Viele "Service"-Leute wissen heute nur noch, wo bei ihrer Maschine der Knopf zum Einschalten ist und auf welcher Seite sie die Maschine mit den Ski füttern müssen. Vom Handwerk selbst haben sie oft nicht die Spur einer Ahnung.