Interview
"Nee, nee, den Gefallen tue ich euch nicht"
Der ausgeschiedene deutsche Radprofi Jens Voigt über Adrenalin, Schüttelfrost und Geier auf dem Fernsehmotorrad.
Von Andreas Burkert
Nachdem Jens Voigt, 33, am Mittwochabend im Quartier seiner Mannschaft CSC angekommen war, legte er sich gleich schlafen. Er war am Ende. Trotz einer fiebrigen Erkältung hatte der Berliner die schwere Alpenetappe über den Galibier mit einer guten Dreiviertelstunde Rückstand auf den Sieger beendet, doch am Ende fehlten ihm 41 Sekunden – er hatte das Zeitlimit überschritten und wurde von der Jury ausgeschlossen. Einen Tag zuvor hatte er noch das Gelbe Trikot getragen. Am Donnerstag ist Jens Voigt nach Hause geflogen, zuvor erzählte er von seiner einsamen Bergfahrt ohne Happyend.
SZ: Herr Voigt, dürfen wir Ihnen ausnahmsweise diese dämliche Frage stellen: Wie geht es Ihnen?
Voigt: Ich bin natürlich kaputt und auch enttäuscht, weil es so knapp war, ich habe ja den ganzen Tag gekämpft und immer an meine kleine Chance geglaubt. Jetzt bin ich doch sehr traurig.
SZ: Sie waren krank.
Voigt: Ja, der Doktor redet von einer Lungeninfektion, ich habe üblen Husten und muss Antibiotika nehmen. Das fing schon am Ruhetag an, aber da wollte ich das wohl noch nicht wahr haben und habe es verdrängt. Weil ich ja das Gelbe Trikot hatte und gerne in der Tour bleiben wollte. Ich war noch voller Adrenalin, man ist glücklich, da merkt man so was erst nicht. Doch im Training habe ich es schon nach drei Kilometern gemerkt, denn selbst Bjarne (CSC-Teamchef Riis/41; d.Red.) hat mich fast abgehängt.
SZ: Schon am Dienstag, als Sie in Gelb fuhren, hatten Sie Probleme.
Voigt: Die Strecke war zwar zunächst flach, doch es ging schon nach fünf Kilometern nicht mehr so, wie ich wollte. Weil ich aber das Trikot hatte, habe ich mir so die Kante gegeben, dass ich wohl übers Limit gegangen bin. Ich war ja zwei Stunden nach dem Rennen gar nicht ansprechbar, habe irgendwie zusammenhanglos geredet. Nachts hatte ich 40 Grad Fieber und Schüttelfrost, sie wollten mich am Mittwoch erst gar nicht starten lassen.
SZ: Haben Sie sich am Dienstag doppelt unwohl gefühlt, weil Sie als Mann in Gelb so weit hinten fuhren?
Voigt: Nicht wirklich, ich war so kaputt, dass ich gar nichts mehr denken konnte. Du bist dann in einem Tunnel, du hörst zwar noch die Leute brüllen: „Oh, le Maillot Jaune!“ Weil sie dich ja auch besonders lange sehen, denn du fährst sehr langsam. Die deutschen Fans waren allerdings sehr positiv, sie haben mich angefeuert und sogar angeschoben. Die waren ganz euphorisch.
SZ: Zum Galibier sind Sie am Mittwoch dann ganz alleine hoch gefahren. Wie haben Sie diesen Kampf erlebt?
Voigt: Du hast halt Schmerzen überall, im Rücken, die Beine tun weh, und du hast einfach diese Leere, im Körper und im Kopf. Trotzdem gibst du alles, das ist schon verrückt. Man hat Gefühle der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung in sich, denn alles hatte ja gegen mich gesprochen.
Ich hatte meinen sportlichen Leiter Kim Andersen im Auto hinter mir, und er hat mir immer gesagt: ,Jens, es wird ganz knapp, du musst jetzt wirklich schnell fahren!’ Denn als ich auf dem Galibier über die Bergwertung gefahren bin, waren die ja unten schon im Ziel! Also hatte ich 40 Kilometer Rückstand und hätte alles mit 60 km/h fahren müssen oder schneller, um im Zeitlimit zu bleiben.
SZ: Am Ende haben Ihnen nur 41 Sekunden gefehlt. Ist so etwas gerecht?
Voigt: Leider sind die Regeln so. Sicherlich könnte man den einen oder anderen Grund finden für einen Einspruch, denn die Strecke war nicht mehr perfekt abgesperrt, mir sind welche vors Rad gelaufen, und es hat geregnet. Aber das funktioniert hier eben nicht, und wenn ich tatsächlich im Rennen geblieben wäre, hätte ich sowieso nicht mehr attackieren dürfen. Denn durch einen Einspruch im Rennen bleiben und dann auf Etappensiege gehen? Nee, das geht nicht. Das würde ich auch nicht wollen. Ich muss mich damit abfinden.
SZ: Fühlen Sie sich jetzt besiegt vom mythischen Galibier?
Voigt: Nee, ich habe mich selber erledigt, meine Krankheit, und die Leere meines Körpers.
SZ: Trotzdem sind Sie ins Ziel gefahren. Wäre es nicht gesünder gewesen abzusteigen?
Voigt: Ich war ein paar Mal kurz davor, aber dann kam dieses Fernsehmotorrad zu mir. Da dachte ich: ,Nee, nee, den Gefallen tue ich euch nicht.’ Die kamen mir vor wie Geier, die über mir kreisen. Du magst als Rennfahrer nicht abgehängt sein, und wenn es dann doch passiert, möchtest du es nicht auch noch öffentlich dokumentiert haben. Das ist, als ob Sie von Ihrem Chef zusammengepfiffen werden, und das wird dann mit der Fernsehkamera aufgenommen und der gesamten Belegschaft vorgeführt. Wie würden Sie sich dabei fühlen?
SZ: Vermutlich nicht sehr gut.
Voigt: Eben, so geht es uns auch, wir haben ein besonderes Selbstwertgefühl und einen hohen Anspruch an uns selbst. Das mit dem Zeitlimit ist mir auch noch nie passiert, ich bin ja ein halbwegs guter Fahrer. Nur im Jahr 2003 habe die Tour wegen Magenkrämpfen mal aufgegeben müssen, da waren auch noch meine Eltern im Ziel in Toulose – und sie haben sich dann auch gleich angesteckt bei meiner Lebensmittelvergiftung.
SZ: Kann man sagen, dass das Gelbe Trikot in Ihrem Gepäck die Enttäuschung aufwiegt?
Voigt: Ja, das tut es, und viele sagen mir jetzt auch: ,Jens, ist doch egal, du hattest doch einen Tag das Trikot.’ Es ist auch schön, wenn man sein Ziel erfüllt hat, doch trotzdem wäre ich lieber dabei geblieben, denn wir haben Ivan Basso auf dem dritten Platz und führen in der Mannschaftswertung. Deshalb ist es schon schade, dass man nicht mehr mithelfen kann.
SZ: Würden Sie demnach das Trikot eintauschen gegen die Erlaubnis zur Weiterfahrt?
Voigt: Puh, das ist eine schwere Frage. Aber ich denke fast: ja. Denn die Mannschaft könnte mich gebrauchen. Und ich hatte ja noch andere Pläne, am Freitag oder im Zentralmassiv wollte ich eigentlich noch mal attackieren und versuchen, die Etappe zu gewinnen.
SZ: Wenigstens sind Sie am Mittwoch nicht der Letzte gewesen, sondern fast zwei Minuten schneller als der Belgier Kevin Hulsmans.
Voigt: Ich habe ihn gesehen, man kann von auf diesem Berg aus ja so wunderschön weit schauen. Und vermutlich wäre ich im Rennen geblieben, wenn der nicht hinter mir gewesen wäre, sondern der Besenwagen. Dann hätten sie gesagt: Komm’, lassen wir den. Aber so hätten schon zwei Fahrer drinnen bleiben müssen, und da Kevin Hulsmans ein wichtiger Mann für Tom Boonen ist (der verletzte Belgier im Grünen Trikot trat jedoch gestern nicht mehr an; d.Red.), wäre auch das nicht fair gewesen.
SZ: Gnade gibt es also bei der Tour nicht?
Voigt: Nee, so richtig nicht.