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Quelle BernerZeitung 26.05.07«Du siehst nur noch Himmel»
Im Grüebli, zuoberst in der Gemeinde Trub, kommt kein Postbote vorbei. Hierher führt keine Strasse, der Marsch zum Nachbarn dauert über eine halbe Stunde. Und doch lebt hier eine junge Familie. Nun bekommt sie eine Seilbahn.
Ab und zu, ungefähr zweimal pro Monat, kauft Mirco Ghezzi im Tal unten ein. Im Laden packt er alle Waren in den Rucksack, dann fährt er hinauf bis zum Niederänzi. Dort stellt er sein Auto ab, nimmt gleich noch die Post mit, die hier dreimal pro Woche deponiert wird, schultert den Rucksack und marschiert los. Der Wanderweg Richtung Napf ist zuerst steil, führt dann durch den Wald – und nach über einer halben Stunde Marsch ist der Mann zu Hause.
Mirco Ghezzi, seine Frau Heidi Rey und die beiden Kinder Tom und Rico leben im Grüebli. Früher wurde das Heimet auf 1300 Metern über Meer als Sömmerungsbetrieb genutzt, im Haus machte gelegentlich jemand Ferien. Dann kaufte der Besitzer der benachbarten Stärenegg das Grüebli und verpachtete es schliesslich an Mirco Ghezzi und Heidi Rey, die beiden, die ihm zuvor einen Sommer lang bei der Arbeit auf der Stärenegg geholfen hatten.
Sich selbst versorgen
«Als wir hierher zügelten, war mir seltsam zu Mute», blickt Ghezzi sechs Jahre zurück. Im Änzigrund wurden die Möbel auf einen Einachser geladen, dann gings nur noch bergauf. «Du fährst auf dem Einachser, und das Einzige, was du siehst, ist der Himmel.» Bis zu 30 Prozent – schon 12 Prozent gelten als steil – beträgt die Steigung auf dem Kiesweg, der im Winter unmöglich befahrbar ist. Auch im Sommer benutzt ihn die Familie nur selten, etwa für grössere Einkäufe oder den Transport eines Kälbchens.
«Auch wir trinken gerne mal einen Kaffee, aber grosse Ansprüche haben wir nicht», sagt Mirco Ghezzi. «Wir geniessen es, uns weit gehend selbst zu versorgen und vom riesigen Weltmarkt unabhängig zu sein.» Gemüse, Kräuter, Beeren, Kartoffeln, Getreide: Alles pflanzt die Familie an. Sie verkauft Goldmelisse, stellt für den Eigenbedarf Brot, Käse und Joghurt her. Und vor allem bewirtschaftet sie 12 Hektaren Land. Zum Hof gehören ein Fahrzeug – ein Schilter – 5 Mutterkühe und 4 Kälber, Mutterschweine mit ihren Jungen, Schafe, und hinter dem Haus staksen Hühner und Küken herum. «Schön, wenn Kinder in einem solchen Umfeld aufwachsen können», so Ghezzi.
Seilbahn ist günstiger
Die Kinder wachsen. Tom ist mittlerweile 5-jährig, Rico 3-jährig. An zwei Vormittagen pro Woche reisen sie mit ihrer Mutter oder ihrem Vater nach Langnau in den Rudolf-Steiner-Kindergarten, und ab Sommer 2008 wird Tom zur Schule gehen. Das nächste Schulhaus steht im Dorf Fankhaus. Anderthalb Gehstunden entfernt.
Aber nun ist Abhilfe in Sicht: Das Grüebli und 15 weitere Liegenschaften im Fankhausgraben sollen besser erschlossen werden (Text unten). Eine neue Strasse für das Grüebli hätte aber «mindestens 700000 oder 800000 Franken» gekostet, erklärt Hans Bütikofer vom Amt für Landwirtschaft und Natur. Deshalb ist nun eine Seilbahn vom Grüebli hinunter in den Schlegelgraben geplant. Sie ist 450 Meter lang, überwindet 350 Höhenmeter und kostet voraussichtlich 300000 Franken. «Die Seilbahn ist für das Weiterbestehen des Hofes sehr wichtig», sagt Mirco Ghezzi. Einerseits, damit die Kinder zur Schule können. «Andererseits weiss man nicht, wie es mit den Subventionen weitergeht.» Je nachdem wird er in Zukunft zusätzlich eine Arbeitsstelle im Tal annehmen müssen.
«Alles hat einen Nutzen»
Der 27-jährige Familienvater erzählt in Luzerner Dialekt. Er wuchs in Emmenbrücke auf, machte eine Schuhmacherlehre und half danach zwei Sommer lang auf Bergbauernhöfen. Seine Frau arbeitete als Köchin in verschiedenen Restaurants. Was den beiden an ihrem neuen, abgeschiedenen Leben gefällt? «Dass alles, was man macht, einen Nutzen hat», antwortet Mirco Ghezzi spontan. Etwas später schweift sein Blick über die Emmentaler Hügel und Wälder hinweg zu den Bergen. Bis zum Titlis und Pilatus reicht die Aussicht vom Grüebli aus. «Je länger wir hier leben, desto weniger möchten wir weg.» Markus Zahno