Schnee für morgen
In Mecklenburg-Vorpommern entsteht der größte Ganzjahres-Wintersportpark Europas. Wie viele Skifahrer er anlocken wird, ist ungewiß. Sicher aber ist, daß der Staat wieder Millionen in der ostdeutschen Provinz verbuddelt. Als hätte er nichts gelernt
Es müssen mindestens zwei Dutzend Frösche sein, die in dem seichten Weiher hinterm Festzelt hocken und einen Radau machen, als wollten sie gegen etwas protestieren. Sie machen jede Unterhaltung schwierig, sie übertönen manchmal sogar das entfernte Dröhnen der Baumaschinen. Nur einer ist lauter als sie: der Minister.
"Hier entsteht eine Attraktion, die weit über das Land hinaus wirkt. Ich möchte mich bei Ihnen dreihundert Mal bedanken, für jeden neuen Arbeitsplatz einzeln", ruft Otto Ebnet (SPD), Wirtschaftsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Er steht auf einer frischplanierten Brache unweit der früheren Zonengrenze. Hinter ihm ein Getreide-Silo der Raiffeisen-Genossenschaft und in ein paar hundert Metern Entfernung der Kirchturm von Wittenburg, derzeit noch das höchste Gebäude des 4900-Einwohner-Örtchens. Der Dank des Ministers geht an Hans-Gerd Hanel, Chef der Hanel Holding aus Hamburg. Diese Gesellschaft will schon in ein paar Monaten die größte Hallenski-Anlage Europas betreiben - hier.
Im Dezember 2006 soll der Snow Funpark öffnen. Wo jetzt nur ein paar Grundmauern aus der Erde ragen, sollen, so stellen es sich die Investoren vor, jeden Tag Busladungen voll Touristen aus Hamburg und Berlin von der Autobahn einrollen, um in Wittenburg Wintersport zu treiben. In einem kompletten Skigebiet aus der Retorte, komprimiert auf die Fläche von acht Fußballfeldern. Mit 330-Meter-Abfahrtspiste, Idiotenhügel, Schlepp- und Sessellift. Unten Restaurants, Läden, ein Hotel. Wellness und Hüttenzauber. Wintergaudi an 365 Tagen im Jahr, überdacht und gekühlt. 30 Kilometer südwestlich von Schwerin. Mitten im Nichts.
In den 90er Jahren mußte jede Stadt ein Spaßbad haben. Dann kam man auf Ideen wie Formel-1-Strecken in der Lausitz oder einen Tropenpark bei Berlin. Jetzt boomt ein neues Element auf den Brachen strukturschwacher Regionen: der Kunstschnee. Nachdem vor fünf Jahren die erste Ski-Halle im Ruhrgebiet eröffnete, wird nun eine nach der anderen geplant. Trotz des baulichen Aufwands und immenser Energiekosten.
Und trotz der schlechten Erfahrungen. Denn ein großer Teil der auf dem platten Land errichteten und meist öffentlich subventionierten Attraktionen hatte nie Erfolg. Länder und Kommunen versenkten ungezählte Millionen. Klüger gemacht hat sie das offenbar nicht. Angesichts katastrophal hoher Arbeitslosigkeit und voller Fördertöpfe greifen die Staatsdiener vor Ort nach jedem Strohhalm.
Die Anlage, für die am Mittwoch in Wittenburg der Grundstein gelegt wurde, ist in jeder Hinsicht der vorläufige Höhepunkt des Trends. 74 Millionen Euro Investitionsvolumen, fast 34 Hektar Baugrundstück und eine Halle, die mit 30 000 Quadratmeter Piste die größte in Europa sein soll - und mit 65 Metern zwei Meter höher als Wittenburgs Bartholomäus-Kirche.
"Wittenburg bekommt ein neues Wahrzeichen", sagt der parteilose Bürgermeister Norbert Bebinck. Vor sechs Jahren sei er aus dem Skiurlaub heimgekommen, als ihm eine Bauamts-Mitarbeiterin den Ansiedlungswunsch auf den Tisch legte. Wittenburg hat bei 4900 Einwohnern 450 Arbeitslose. "Da habe ich gesagt: ab sofort Vollgas!" sagt Hebinck, der auf seinem Auto einen Snow-Funpark-Aufkleber spazierenfährt. Klar habe es auch Kritik gegeben, von ein paar Umweltschützern. Doch die Vorstellung, daß hier ein pulsierender Touristenort entstehen könnte, habe ihn und die meisten anderen von Anfang an "beseelt".
300 Arbeitsplätze soll der Park schaffen, davon 180 Vollzeit-Stellen. Ski-Lehrer, Pistenpfleger, Hüttenpersonal. Ganz neue Perspektiven für den Kreis Ludwigslust, wo die Arbeitslosenquote bei 14,4 Prozent liegt. Dafür entrichtet der Wirtschaftsminister nicht nur seinen Dank, sondern steuert auch einen erklecklichen Betrag aus der Landeskasse bei. 17,4 Millionen Euro Subventionsmittel läßt sich Mecklenburg-Vorpommern den Ganzjahres-Winterspaß kosten.
Dabei ist der Snow Funpark nicht ohne Konkurrenz: Autofahrer können an der A7 zwischen Hamburg und Hannover schon jetzt sehen, wie Wittenburgs neues Wahrzeichen in etwa ausschauen wird. Dort ragt bereits das Stahlgerippe des Snow Dome Bispingen wie eine gigantische Startrampe in den Himmel. 300 Meter Piste, Erlebnis-Gastronomie, jede Menge Bus-Parkplätze. Alles irgendwie so wie in Wittenburg. Eröffnung im Herbst 2006. Einzugsgebiet: Hannover, Bremen, Hamburg. Die Hanseaten, bislang eher für Wassersport zu begeistern, haben bald gleich zwei Wintersportgebiete vor der Tür.
Und nicht nur sie. In der Niederlausitz buhlt die Skihalle Senftenberg um Wintersportler aus der Hauptstadt, in Berlin-Adlershof soll im Herbst ein weiterer Snow-Park entstehen. Im Ruhrgebiet gibt es schon zwei, bei München entsteht eine weitere.
"In den Niederlanden gibt es allein neun Ski-Hallen. Das zeigt, wie groß der Markt ist", hält Bauherr Hanel dagegen. Er rechne mit durchschnittlich 2000 Besuchern am Tag, 730 000 pro Jahr. Jeder soll im Schnitt 28 Euro dalassen. "Wir wollen vom ersten Tag an Geld verdienen und nach achteinhalb Jahren alle Darlehen zurückgezahlt haben", so der Investor. Der Bürgermeister und er, sagt Hanel, freuten sich "wie die kleinen Jungs".
Doch Jungenträume platzen häufig. 1,3 Millionen Besucher sollte der Space-Park nach Bremen locken. Nach weniger als einem Jahr wurde er geschlossen. Die Investoren des Tropical Islands in der ehemaligen Cargo-Lifter-Halle in Brandenburg rechneten mit 2,5 Millionen Tropen-Fans. Es kamen nicht einmal eine Million. Der Westernpark in der Uckermark: nach drei Monaten Pleite.
"Wir haben für die Banken fünf Gutachten erstellen lassen, in jedem liegen wir bei über einer Million Besucher", sagt Investor Hanel. Vielleicht hat er recht, die Anlagen im Ruhrgebiet laufen profitabel.
In Wittenburg überwand man zumindest die Probleme im Vorfeld. Banken waren abgesprungen, wegen fehlender Finanzierung lag der Schnee-Park jahrelang auf Eis. Um ihn doch noch zu verwirklichen, änderte Hanel mehrfach das Konzept. Und erweiterte die Wertschöpfungskette um immer mehr Anglizismen: Open-Air-Konzerte, Snowboard-Events, Air-Park, Bike-World, Food-World, Kids-World und natürlich Wellness.
Da ist es beruhigend, daß auf der Wittenburger Wiese zumindest eines beim alten bleibt: Der Froschweiher nämlich. Er fungiert künftig als Löschteich, aufgemotzt mit einer schwimmenden Insel. Steffen Fründt