Bochum -> Zürich -> Lech
14.11. - 16.11.2023
Der November ist nicht gerade das Highlight des mitteleuropäischen Kalenders, eher das blasse, gehänselte Gothic-Kid unter den Monaten. Also so etwas ähnliches wie Bochum bei den Städten. Nimmt man sich den Moment für innere Werte, ist der November allerdings recht spannend (ebenso wie Bochum!). Er vereint die Kontraste des bunten Herbstes in den Tälern wie kein zweiter mit dem nahenden weißen Kleid des Winters in der Höhe. Für manchen nichts Halbes und nichts Ganzes. Ich hingegen sage, man muss damit zu spielen wissen. Muss ich auch, denn meine überzähligen Freiwochen kann ich zum Jahresende nur da abbauen, wo alle anderen Kollegen da sind. Also im November.
Im Dezember werden meine Frau und ich das erste mal mit unserem Camper (ein 6meter VW Kastenwagen) in der kalten Jahreszeit unterwegs sein und wahrscheinlich Dänemark und Schweden heimsuchen. Bisher waren wir nur im Sommer damit unterwegs. Entsprechend war der Zuschlag ehrenvoller Weise an mich gegangen, Erkundigungen über technische Modifikationen zur Erhöhung der Wintercampingtauglichkeit aus dem Netz zu recherchieren und diese dann möglichst professionell und möglichst kostengünstig umzusetzen. Das meiste hat mit Isolierungsmaßnahmen zu tun. Nachdem ich zwei Tage im Nieselregen in unserer Einfahrt überwiegend unter dem Fahrzeug in Rückenlage verbracht hatte, vermute ich, dass der Schmutzwassertank nun auch eine Arktisexpedition überstehen würde und selbst Robert Habeck stolz auf den geringen Wärmeverlust der Fenster ist.
Wenn T. von der Arbeit kam, stupste sie jedes Mal liebevoll gegen meine unter dem Camper hervorragenden Füße und fragte, ob ich vielleicht schon tot sei und wenn nein, warum nicht. Im Rahmen jenes liebevollen Neckens ersann ich schließlich die Retourkutsche, dass ich ja nun noch 10 Tage frei hätte und alles daran setzen wolle um sicherzugehen, dass ihre Hoheit im Dezember nicht frösteln zu braucht. Dazu müsse eine Vorexpedition in kältere Gefielde stattfinden um das neu ertüchtigte Fahrzeug unter realen Bedingungen ausgiebig zu testen. T rollte mit den Augen... "So möge er losziehen und sein Werk tun. Am Freitag, den 24. hat er Nachmittags in Würzburg zu erscheinen, dort hole er sie vom Bahnhof ab, führe sie aus und demonstriere ihr dann bis Sonntag die Neuigkeiten am Fahrzeug." Jawohl eure Hoheit!
Donnerstag, 14.11.
Ich habe immer Angst davor, irgendetwas an Sportausrüstung nicht dabei zu haben was ich unterwegs spontan gerne nutzen würde. Daher habe ich relativ wenig Probleme, auch alleine den Camper ausreichend vollzuladen. Am frühen Mittag komme ich dann irgendwann schlussendlich los. Eine Agenda für die acht Tage bis ich in Würzburg sein soll habe ich nicht. Die tiroler Gletscher haben mich im Herbst in den letzten Jahren nur wenig gereizt. "Hauptsache Berge" ist mir im Moment grundsätzlich wichtiger als "Hauptsach Skifahren". Zumindest so lange, bis ich die Wettervorhersage für das Wochenende gesehen hatte. In den klassischen Weststaulagen könnten Freitag innerhalb von 24h über einen Meter Neuschneefallen, am Samstag dann kurzer Zwischenhoch-Einfluss und am Sonntag dann das jähe Ende mit Regen bis über 2000m. Und ich kenne nur einen, der mitten in der Staulage des Arlbergs wohnt. Man erzählt sich, er sei ein wahrer Fan der Region.
Die A3 besteht von Köln bis Frankfurt eigentlich nur aus Baustellen und die A5 quasi bis Lörrach ziemlich voll. Irgendwann am frühen Abend komme ich bei meinen Verwandten nahe Zürich an. Hier machen wir gerne regelmäßig Station auf dem Weg von oder nach Süden. Den Teil der Verwandtschaft schätze ich außerordentlich und nebenbei ist der servierte Rotwein immer vorzüglich. Ich bin gemäß meines Auftrags äußerst pflichtbewusst und nächtige im Camper in der Garageneinfahrt und schlage das Gästezimmer aus.
Freitag, 15.11.

Als ich erwache, liegen Wolken im Talgrund über die hinweg ich nach rechts die Höhenzüge des Jura und nach links bei gutem Wetter den Titlis sehen könnte. Am Arlberg verläuft bereits alles nach Plan und es schneit.
Ich sitze das erste Mal in meinem Leben auf einem S-Pedelac und folge meinem Onkel über die wundervollen Hügel des Aargau die 25km bis nach Zürich. Ich vertreibe mir und erschwere ihm den Start in den Arbeitstag mit einer privaten Führung durch die Google-Zentrale Swiss in Zürich.

Alles, was man sich so erzählt über das Arbeiten bei hippen Tech-Konzernen stimmt.

Es gibt tatsächlich Rutschen, Indoorspielplätze, Snoozelräume, Restaurants und viele bunte Lichter. Und ein äußerst gutes Frühstück für mich.
Mittags bin ich dann ausreichend geflasht von dieser Welt und radel zurück. Also nein, nicht wirklich. Ich setze mich auf dieses Gefährt, das wahrscheinlich schwerer ist als mein Mofa damals mit 15, tippe leicht die Pedale an und fahre auf jeden Fall erheblich schneller als ein Mofa aus Zürich hinaus. Irgendwann rolle ich gemütlich mit Supermarkt-, Pinkel- und "ich hab keinen Bock zu fahren"-Stopps Richtung Osten. In Feldkirch regnet es noch, irgendwann vor Bludenz geht es in Schnee über und noch vor Klösterle ist die Autobahn weiß.

Ich fahre an der dortigen Raststation ab. Den Pass hoch mit dem 3,5-Tonnen gefährt hätte ich ohne Ketten sowieso keine Chance, dann kann ich auch einfach hier aufziehen und bin sicher, nicht vorher schon stecken zu bleiben.
Und dann tauche ich ein in eine Winterwunderlandschaft, wie man sie in den letzten Jahren auch im Hochwinter selten zu Gesicht bekommen hat. Der VW-Crafter verhält sich mit den Ketten und seinem Vorderradantrieb äußerst vorbildlich und ich ziehe mühelos über die schneebedeckte Fahrbahn hoch nach Stuben. Im dichten Flockenwirbel schafft ein wahrscheinlich im Pendelverkehr fahrendes Räumfahrzeug es halbwegs, eine Spur breit zu räumen. Auch die Serpentinen hoch bis zum Abzweig zum Flexenpass machen keine Probleme.
Zürs ist wie ausgestorben.

Natürlich sieht man niemanden auf den unter Schnee begrabenen Gehwegen, aber es brennt auch nirgends Licht. Wenn man anhält und einen Schneeball gegen eine der Hotelfassade wirft, fallen sie womöglich um wie Kulissen in einer Westernstadt. Bis zum Start der Skisaison hat das Dorf sich abgemeldet. Ich versuche Arlbergfan zu erreichen.

Eigentlich wollte ich auf einem Parkplatz zwischen Zürs und Lech nächtigen, mittlerweile frage ich mich allerdings, ob es klug ist, sich bei diesen Schneemassen außerhalb des Siedlungsraumes aufzuhalten. Vielleicht kann der Local mir ja einen Parkplatz in Lech zuschanzen. "Gib mal Stubenbach ein". Okay! Das ist der letzte Weiler vor der Sperre der Straße nach Warth. Hier wurde noch nicht geräumt bzw. schon länger nicht mehr. Ich komme hoch, aber so langsam ist die Grenze der Steigfähigkeit des Crafters erreicht. Schlussendlich schliddere ich nach kurzer Diskussion mit Anrainern in eine allen Parteien genehme Parklücke und stehe vor der Casa Arlbergfan.

Auch seine Couch schlage ich aus, jetzt kommt die erste Nacht im Schneegestöber.

Eher wie ein Ufo aber die Isolierung tut ihren Zweck und ich verbringe eine gemütliche Nacht ohne das die Heizung durchlaufen muss.
Samstag, 16.11.
Ab sechs Uhr tut der Schneepflug seine Arbeit. Ich komme nicht ganz an die Küchenzeile ohne aufzustehen, aber mit dem ersten Kaffee liege ich direkt wieder im Bett und warte auf das erste Lebenszeichen von drinnen.

Was das Panorama angeht hatte ich spektakulärere Ausblicke aus der Tür, aber selten verheißungsvollere.

Es ist nicht einfach nur einiges an Schnee, es ist auch für die Maßstäbe des Arlbergs einiges an Schnee und das Ergebnis von 24h.

Zürser Täli hatten wir schon am Vorabend verworfen. Bestimmt wird es jemand gefahren sein und es ist bestimmt gut gegangen, aber in den obersten Hang gehört aus meiner Sicht an diesem Tag kein Skifahrer. Und das Flachstück unten raus wäre bei dem Lockerschnee kein Spaß gewesen.

Auf dem Weg zum Kriegerhorn. Kein spektakulärer Gipfel, aber den braucht es an diesem Tag auch nicht.
Am Gipfel legen wir die obligatorische kleine Rast ein und fellen ab. Kurzer Snack? Ich ziehe eine Banane aus meinem Rucksack. Markus aus seinem zwei Bier. Etwas verschämt biete ich ihm eine halbe Banane im Tausch an.
Mittlerweile hat es zwar zugezogen aber das ist egal. Ich bin mir relativ sicher, für meine bescheidene Skisaison 2023/24 ist dies schon der Tag der Tage.
Danke Arlbergfan, danke Lech!

Auch der Local huldigt dem Wintersport-Gott.
Im Tannenberger Hof sitzen wir noch lange und freuen uns über diesen Tag. Dort los zu kommen ist gar nicht so einfach an einem Ort an dem jeder jeden kennt. Irgendwann sitzen wir schlussendlich doch frisch geduscht auf Arlbergfans Sofa. Heute Nacht schlage ich es nicht aus.
Sonntag 17.11.

Ich lasse meinen Gastgeber schlafen, draußen ist auch kein Wetter für das es sich lohnen würde ihn zu wecken.
Auf dem Flexenpass laufen Bäche über die Straße. Donnerstag war es unten in Lech noch teils grün gewesen, Freitag kam der Schnee, Sonntag der Regen. Der Samstag war ein kurzes Zeitfenster und wenn man in Bochum lebt, ist es nicht gerade eine Kernkompetenz, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Außer am 16.11.2023!

Eine Stunde später rolle ich in das Wohnviertel am Ardetzenberg. Halllo Feldkirch, hallo Lea. (vgl.
https://www.alpinforum.com/forum/viewtopic.php?p=5398306#p5398306
To be continued...