Der neue Funsport
Slalomfahren mit dem Bullcart
Skiliftbetreiber entdecken ein geländetaugliches Dreirad als sommerliches Ersatz-Geschäft.
Von Christian Sebald
Marvin braucht noch ein Kissen, sonst reicht der Zehnjährige nicht an den Lenker heran. Sein Vater, ein stämmiger Westfale, muss sich hingegen fast schon in den Sitz hineinzwängen. Dann zieht der Lifthelfer den Bügel herab, hängt eine Schlaufe am Lenker ein und Marvin zuckelt davon. Gleich darauf schwenkt sein Papa in die Liftspur ein und lässt sich nach oben ziehen.
Bullcarts heißen die Funsport-Geräte, die in diesen Tagen zumeist Väter und Söhne, aber auch ganze Betriebsausflüge und zum Beispiel Burschenvereine aus der Umgebung an den Streidlhang bei Lenggries (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) ziehen. Wo im Winter am Fuße des Braunecks Skikurse die ersten Stemmschwünge üben, rauschen jetzt Urlauber und Tagesausflügler auf überdimensionalen, geländetauglichen Dreirädern mit dicken Gummireifen nach unten. "Das ist ein Wahnsinnskick", sagt Josef Wohlmuth, der außer dem Skilift am Streidlhang auch die Ausflugsgaststätte "Alte Mulistation" dort betreibt. "Viele wollen nicht mehr aufhören, wenn sie es ausprobiert haben."
Zwei Jahre Entwicklungsarbeit
Erfunden hat die Bullcarts der Oberpfälzer Tüftler Karl Kroher, der in Parkstein bei Weiden die Rollsurfing Funsport GmbH betreibt. "Lange Zeit haben wir nur Nischengeschichten für Jugendliche gebaut, Mountainboards oder Grasboards zum Beispiel, mit denen man auch Hänge hinabfahren kann", sagt Kroher. "Aber dann wollten wir etwas für die ganze Familie machen."
Zwei Jahre lange dauerte die Entwicklung des Bullcarts. Sein flaches Fahrwerk ist eine robuste Stahlkonstruktion, die schräg gestellten Hinterreifen sollen garantieren, dass das Gerät nur schwer kippt. Damit die Fahrer in jeder Lage schnell bremsen können, ist der Bullcart mit Scheibenbremsen ausgestattet, die dicken Gummireifen machen ihn auch für schwieriges Gelände tauglich.
Auch für Kinder leicht zu lenken
"Außerdem ist so ein Bullcart sehr einfach zu lenken", sagt Wohlmuth. "Auch Kinder brauchen nur eine kurze Einweisung, dann können sie loslegen." Erst hat der Lenggrieser Gastwirt und Liftbetreiber die Fahrer den immerhin 750 Meter langen Streidlhang mit seinen 90 Höhenmetern einfach querfeldein hinabdüsen lassen. Inzwischen hat er einen Slalomkurs mit weiten Bögen präpariert, auf dem die Bullcarts angeblich bis Tempo 40 erreichen.
Wohlmuth setzt große Hoffnungen in die Bullcarts. "Im Winter, mit den vielen Skifahrern am Brauneck, da läuft unser Geschäft von selbst", sagt er. "Aber im Sommer, da musst du den Gästen was bieten, sonst kommen die nicht zu uns herauf." Deshalb hat er neben seiner "Mulistation" einen großen Spielplatz mit Trampolin und Indianerzelt eingerichtet und dann im vergangenen Jahr 15 Bullcarts angeschafft, auch wenn sie um die 2500 Euro pro Stück kosten. Dieses Frühjahr hat er den Fuhrpark sogar um fünf Bullcarts aufgerüstet, "damit die Gäste nicht so lange anstehen müssen, wenn hier richtig was los ist".
Export ins Ausland geplant
Gleichwohl war Josef Wohlmuth bis vor kurzem der einzige Liftbetreiber überhaupt, bei dem man dem Funsport frönen konnte. Inzwischen kann man aber auch in Garmisch-Partenkirchen und im Bayerischen Wald am Hohen Bogen Bullcart fahren. Erfinder Kroher ist sogar guter Dinge, seine Geräte demnächst auch in die Schweiz und sogar nach Korea und Russland exportieren zu können.
Am Streidlhang ist an diesem Spätnachmittag freilich nicht allzu viel los, was auch damit zu tun haben mag, dass die Sonne erst mittags herausgekommen ist. Außer Marvin und seinem Papa tummeln sich noch ein paar Halbwüchsige auf den Bullcarts.
Bei der ersten Fahrt sind Vater und Sohn noch recht vorsichtig. Gemächlich kurven sie die Strecke herab. Doch schon bei der zweiten Abfahrt werden sie mutiger, auch wenn das Gerät mitunter ordentlich holpert und bei jedem Bremsen eine dicke Staubwolke aufwirbelt. Und dann kommt es, wie es kommen muss: Marvin will nicht mehr aufhören, bis seine Mutter ein Machtwort spricht. Einen besseren Beweis, dass der neue Funsport ankommt, kann sich Erfinder Kroher nicht wünschen.
(SZ vom 19.8.2005)