Tragseilentgleisung durch Windeinwirkung?

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trincerone
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Tragseilentgleisung durch Windeinwirkung?

Beitrag von trincerone »

hi,

es kommt ja immer wieder mal vor, dass bei Einseil-Umlaufbahnen (insbesonderer älterer Bauart?) durch Windeinwirkung das Seil aus den Rollen einer Stütze gehoben wird. Nun vermute ich mal, dass es nicht der Wind direkt sein kann, der "von unten" so gegen die Fahrbetriebsmittel pustet, dass sich das Sei aus den Rollen hebt, sondern dass das nur aufgrund von windbedingten Schwingungen im Seil möglich ist und insbesondere durch Veränderungen in der Schwingungsfrequenz durch die sich ändernden Abstände zwischen Fahrbetriebsmitteln und Stützen. Ist das soweit richtig?

Wenn ja, müsste dann nicht auch eine Pendelbahnkabine mit dem Fahrwerk vom Tragseil gehoben werden können, bei ungünstigen Tragseilschwingungen bzw. insbesondere bei gegenläufigen Trag- und Zugeseilschwingungen oder ist das nicht möglich?

Danke für Infos!

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Dresdner
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Beitrag von Dresdner »

Theoretisch: ja.
Deshalb die Forderung in § 15 der deutschen BO Seil:
Die Fangbremse soll nach Möglichkeit auch einfallen, wenn die Verbindungsmittel der Seile mit dem Laufwerk brechen.
Wenn allerdings keine Fangbremsen da sind ...
Aber ich gehe davon aus, dass dann andere Möglichkeiten des Entgleisungsschutzes gegeben sind - einfach mal Theo fragen
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Beitrag von HP »

Auch mich würde es interessieren, ob ein Sicherheitsmerkmal für eine Seilentgleisung bei einer Seilbahn besteht. Die Seilbahn liegt ja eigentlich ohne weiteres auf dem Tragseil. Da ich noch nie von einer Seilbahnentgleisung gehört habe, nehme ich an, dass das System (mathematisch und so..) genug gut ausgeklügelt ist.

Bin gespannt auf die Antworten unserer Seilbahnprofis.

:wink:
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Theo
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Beitrag von Theo »

Au weia: Eure Fragen werden auch nicht grade leichter.

Also die mir bekannten Seilentgleisungen an EUB's würde ich doch eher direkt auf den Wind zurückführen als auf Frequenzschwingungen.
Ich kenne aber eine inzwischen umgebaute EUB, bei der das Seil in der Nacht von den Rollen geworfen wurde, ohne das Gondeln auf der Strecke waren.
Da dort zwei ziemlich lang spannfelder direkt hintereinander waren konnt das Seil hin und her schaukeln bis es auf der stütze rausprang.

Inwieweit Frequenzschwingungen im Seil dafür verantwortlich sind weis ich nicht, das wird ja von uns auch nirgends gemessen.
Ich glaube aber eher nein, dnn Frequenzschwingungen gibt es ja auch beim normalen Fahren ohne das Wind ist.

Nun zu den Pendelbahnen:
Es hat schon Laufwerkentgeisungen vom Tragseil gegeben. der letzte bekannte Vorfall erst vorletzte Woche in Tignes.
Ich habe mich darüber am letzten Freitag noch mit einem unserer Technikchefs unterhalten.

Es schaut also so aus: Die Kabine wird durch den Wind zur Seite gdrücht und mit ihr auch die Tragseile. Fahrzeug und Seile sind also seitlich versetzt zu eigentlichen Spur. Je näher nun das Fahrzeug zur Stütze kommt zieht aber das Zugseil wieder auf die richtige Spur zurück.
Meistens ist es so das dadurch dann alles wieder auf die richtige Spur zurückkommt. Wenn aber nun Die Kabine samt Laufwerk und den Tragseilen aber immer noch von der Spur weggedrückt werden kommt es je näher das Fahrzeug zu einer Stütze hinkommt zu einem Querzug weil das Zugseil zurück in die Spur will.
Beweis dafür: Die Kabine in Tignes hängt ca. 25m unterhalb der Stütze.

Besonders anfällig dafür sind PB's, bei denen die Fangbremsen vor dem eigentlichen Laufwerk sind, also bei denen die Fangbremsen nicht auch noch die zusätzlich Funkion einer Zwangsführung übernehmen.
Einige Bahnen werden in dieser Hinsicht sicher auch noch umgebaut werden müssen indem das seitliche Zwangsführungen ans Laufwerk angebracht werden.
2S und 3S Bahnen haben solche Zwangsführungen, dort wäre ja auch niemend in den kabinen um die Bahn zu stoppen.

Zur Sicherheit:
Eine automatische Abschaltung bei einer Laufwerkentgleisung gibt es nicht.
Bei PB's wird es bei einer Entgleisung meistens so sein, das das Zugseil ein Tragseil berührt was zu einem Nothalt führt, ausserdem wird der Kabinenführer wohl auch den Nothalt drücken wenn es oben rumpelt.
Es besteht auch die Möglichkeit das das Laufwerk blokiert. In diesem Falle sollte aber das Ampermeter hochgehen bis die Überstromüberwachung die Bahn abschaltet.

Zum deutschen Gesetzestext: Ich glaube eher der text meint die Verbindung des Zugseiles mit dem Laufwerk und nicht das Laufwerk mit dem Tragseil.
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Beitrag von sänger »

Bei Pendelbahnen ohne Fanngbremsen und mit wenig Seilauflagekraft wird das Tragseil gelegentlich mit U-förmigen Blechen so gesichert, dass es nicht entgleisen kann. Vielleicht finde ich irgendwo noch ein Foto.
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Schmalspurfan
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Beitrag von Schmalspurfan »

x x
Zuletzt geändert von Schmalspurfan am 10.01.2006 - 20:41, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag von trincerone »

@theo: vielen vielen Dank für die ausführliche Auskunft!

Ich hatte gedacht, dass die Windkraft alleine nicht stark genug sein könnte, um die Gondeln und das Seil von der Stütze zu heben und hatte daher nur eine sich aufschaukelnde Schwingung als Ursache für derartige Vorfälle vermutet. In dem Fall hab ich mich wohl geirrt. Deine Erklärung ist auch viel logischer.... :!:

Vielen Dank nochmal.
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Dresdner
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Beitrag von Dresdner »

Danke an Theo für den ausführlichen Beitrag.
Im Anhang ein Foto welches zeigt, wie stark Windböen auf die Seile wirken.
Das Bild zeigt die Karwendelbahn Mittenwald.
Bildautor: S. Meider, Karwendelbahn AG.
Dieses Bild ist nicht für die Verwendung bei seilbahn.net freigegeben.
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trincerone
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Beitrag von trincerone »

Das übersteigt das was ich bei direkter Krafteinwirkung (ohne sich aufschaukelnde Schwingung) für möglich gehalten hätte bei Weitem! Erstaunlich was trotz der geringen Angriffsfläche für Kräfte auf das Seil wirken, handelt es hier immerhin um eine Auslenkung von mehreren Metern im Extremum!

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Stefan
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Beitrag von Stefan »

8O
genau meine meinung - vierlen dank an pendolino; dieses bild gehört eigentlich ins lehrbuch
sänger
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Beitrag von sänger »

Hier noch ein Bild, wie eine Tragseilüberwachung aussehen könnte. Wenn das Tragseil aus dem Schuh in die linke oder rechte Führung fällt, gibt's über die Kontaktplatten einen Erdschluss und die Bahn stellt ab. Funktioniert allerdings nur, falls das Tragseil die Sicherung nicht "überspringt".
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TS.jpg
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