In den späten neunziger Jahren hatte ich einen unschönen Skiunfall. Es handelte sich, vereinfacht gesagt, um Verpuffungen, Splatter-Brüche und Blutausaperungen im Unterbeinbereich. Die Orthopädin sagte: »Mit diesen Beinen da sollten Sie niemals wieder Ski laufen. Am besten zeigen sie die Beine auch niemandem.« Ich dachte: »Orthopädinnen dramatisieren immer. Vielleicht sollte ich mit dem Skilaufen trotzdem ein wenig kürzer treten.« Fortan fuhr ich in Skigebiete für den Kürzertreter. Sie heißen »Erzgebirge«, »Harz« oder auch »Polen«. Solche Gegenden besitzen alles, was ein Skifahrer sich wünscht – malerische Hütten, fordernde Pisten, liebenswertes Liftpersonal. Schnee allerdings war nur in bescheidenem Maß vorhanden. Ich lernte, auf einer Schneefläche von der Größe eines Saunatuches in der Weise eines Zen-Mönches stundenlang Kreise zu ziehen. Abends sagte ich: »War eigentlich super.« Aber der Mensch kann sich nicht ewig selbst betrügen.
Diesmal bin ich nach jahrelanger Pause wieder in den Alpen gewesen. Auf den ersten Blick sahen die Alpen aus wie immer. Dann fuhr ich Schlepplift. An jedem einzelnen Liftpfosten sind neuerdings Werbeplakate befestigt, meistens für holländische Banken. Im Sessellift haben sie den Bügel, den man zuklappen muss, damit man nicht hinausfällt, mit Werbebotschaften für Fluggesellschaften gepflastert. Ich habe nichts gegen Werbung. Ich habe auch nichts gegen Kinder. Aber wenn auf all meinen Kleiderbügeln im Schrank Kinder sitzen würden, die mir zuwinken, würde ich wahrscheinlich früher oder später ein Kinderfeind werden.
Bei Werbung kann man normalerweise wegschauen oder wegzappen. Nun schneide ich ein Tabuthema an, über das in der Presse selten gehandelt wird. Es sind Herrentoiletten. In den Herrentoiletten der Berliner Gastronomie ist es üblich geworden, über den Becken, den so genannten Urinalen, in Blickhöhe Werbeplakate aufzuhängen. Die Idee, dass Männer in dieser Lebenssituation für Werbebotschaften emotional aufgeschlossen seien, muss dem Hirn eines Wahnsinnigen entsprungen sein. Nun aber besuchte ich zum ersten Mal seit Jahren eine Alpentoilette in einer Skihütte auf 2700 Meter Höhe. In die Oberseite des Beckens war ein Monitor eingelassen, wie ein kleiner Fernseher, wo Werbung gezeigt wurde. Es war unmöglich, wegzuschauen. Wenn man nämlich in dieser Lebenssituation als Mann wegschaut, könnte man den Nachbarn in einer Weise benetzen, die fast automatisch zu Streit und Geschrei führt. Ich habe also mehrfach zwangsweise die Werbung von Gustls Skiverleih gesehen, und jedes Mal, wenn ich an Gustls Skiverleih vorbeigelaufen bin, habe ich im Unterbewusstsein nicht etwa gefühlt: »Ich muss jetzt Skier leihen«, sondern: »Ich muss jetzt sofort ein WC aufsuchen.« Das fand ich störend. Wenn man aber auf der Hüttentoilette in eine Kabine hineingegangen ist, hingen dort Lautsprecher, aus denen Werbung zu hören war. Zum Beispiel: »Germknödelwochen beim Loislwirt! Aufi! Auf zum Loisl!« Das, woran ich immer denken musste, wenn ich beim Loisl vorbeigegangen bin, darf ich hier gar nicht hinschreiben. Aus tiefenpsychologischen Gründen fahre ich nächsten Winter vielleicht wieder ins Erzgebirge.
Harald Martenstein sucht ein erträgliches Skigebiet
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Jay
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Harald Martenstein sucht ein erträgliches Skigebiet
Eine ganz nette Kolumne aus Die Zeit:
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Hmm, beim Ka.... Werbung für Germknödel machen...
Also so eine Hütte würd ich in Zukunft meiden. Ich geh eh lieber auf kleinere Hütten. Die ham meistens eh besseres Essen.
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