Tages-Anzeiger vom 07.02.2005
Frischer Schnee aus Staatskanonen
Die Gemeinden Flims, Laax und Falera finanzieren der Weissen Arena neue Schneekanonen. Damit übernehmen sie auch einen Teil des Risikos der Bahn. Ein gewagtes Vorgehen.
Von Marcel Odermatt
Bergbahnunternehmen auf Geldsuche haben ein grosses Handicap. Die Banken stufen sie als risikobehaftete Branche ein. Die Folge sind hohe Zinsen für Finanzierungskredite. Da auch Bund und Kantone bei der Vergabe von Unterstützungsbeiträgen zurückhaltender geworden sind, müssen die Schweizer Bergbahnen andere Lösungen suchen, um zu günstigem Geld für die anstehenden Investitionen zu kommen. Dabei geht es um eine erkleckliche Summe: Nur schon bis 2010 rechnen Experten mit einem Anlagebedarf von 1,4 Milliarden Franken.
Einen neuen Weg beschreitet nun das Bündner Skigebiet Weisse Arena. «Wollen wir weiter in der Topliga mitmischen, müssen wir in den nächsten Jahren viel Geld für Beschneiungsanlagen ausgeben», sagt Präsident Reto Gurtner. Um diese Investitionen tätigen zu können, hat das Stimmvolk der drei Gemeinden Flims, Laax und Falera kürzlich mit einem Ja-Anteil von 86 Prozent einem 4-Millionen-Kredit zugestimmt, um 80 Prozent der neu gegründeten Finanz Infra zu übernehmen. Die Firma verpflichtet sich, auf den Pisten der Weisse Arena Gruppe neue Beschneiungsanlagen zu bauen und dafür eine kostengünstige Finanzierung zu organisieren. Im Gegenzug bezahlt das Bergbahnunternehmen einen Pachtzins, der die gesamten Kosten und Amortisationen der Finanz Infra abdecken soll.
Maximalgarantie von 17 Millionen
Diese Lösung bringt der Weissen Arena handfeste Vorteile. «Aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen wären die Investitionen nicht möglich gewesen», erklärt Gurtner. Jetzt könne die Infrastruktur dennoch verbessert werden. Die ganze Region profitiere davon, denn Gemeinden könnten Kredite zu besseren Konditionen bekommen als die Weisse Arena. Zudem würden sowohl die Kapitalstruktur als auch das Verhältnis zwischen Eigenkapital und Fremdkapital verbessert. Damit erreiche das Unternehmen ein besseres Bankenrating und damit wiederum vorteilhaftere Fremdkapitalkonditionen.
Aus Sicht der Gemeinden sieht die Sache etwas anders aus: Anders als die Weisse Arena ist die Finanz Infra nämlich nicht gewinnorientiert: In den Statuten steht, «dass Gewinnstrebigkeit kein Ziel der Gesellschaft ist». Hinzu kommt, dass die an der Finanz Infra beteiligten Gemeinden gegenüber den Banken eine Maximalgarantie von 17 Millionen Franken abgegeben haben. De facto bezahlt die öffentliche Hand damit die Beschneiungsanlagen und trägt das unternehmerische Risiko.
Andere Bahnen wollen nachziehen
«Die entscheidende Frage lautet, ob und wie die Gemeinden die finanziellen Konsequenzen eines allfälligen Scheiterns der Finanz Infra verkraften könnten», sagt Reto Flury, Unternehmensberater bei BDO Visura. Der Fall Leukerbad sei ein Mahnmal; da habe sich klar gezeigt, dass Gemeinden im Grundsatz keine privatwirtschaftlichen Aufgaben wahrnehmen und ihre finanziellen Möglichkeiten nicht überschätzen sollten. Dieser Grundsatz gelte auch für eine momentan finanzstarke Gemeinde wie Flims.
Tatsächlich gehen die drei Bündner Gemeinden mit ihrem Engagement ein beträchtliches Risiko ein. Die maximale Garantiesumme für die Gemeinde Flims beträgt gemäss Abstimmungsunterlagen 6,8 Millionen Franken. Dies entspricht dem gesamten Ertrag an Einkommens- und Vermögenssteuern des Jahres 2002. «Muss die Garantie in Anspruch genommen werden oder überschuldet sich die Finanz Infra, hat dies nicht zu unterschätzende Rückwirkungen auf die Gemeinden», sagt Flury. Zur Kompensation des finanziellen Ausfalls müssten sie - wie im Falle von Leukerbad - den Steuerfuss wohl massiv anheben. Dies wiederum könnte zu einer Abwanderung wichtiger Steuerzahler führen. Ein Teufelskreis.
Unter dem Strich ist klar: Der clevere Ökonom Gurtner hat einen neuen Weg gefunden, um öffentliche Gelder für sein Unternehmen nutzbar zu machen. Der Tourismusmanager ist überzeugt, dass sein Beispiel Schule machen wird: «Ich habe bereits Anfragen von mehreren Bergbahnen und Gemeinden, die sich für unser Modell interessieren.» Das ist gut möglich: Die Bahnen stehen in direktem Wettbewerb miteinander. Es dürfte deshalb nicht lange dauern, bis andere Gesellschaften auf die Gleichbehandlung mit der Weissen Arena pochen werden. «Die Bergbahnen sind in vielen Gemeinden die wirtschaftliche Existenzgrundlage», sagt Hans-Kaspar Schwarzenbach, Direktor von Arosa Tourismus. Es sei deshalb nachvollziehbar, dass eine Bahnbetreiberin ein Engagement der öffentlichen Hand in die Infrastruktur fordere.
Die Unterstützung von Bergbahnen durch die öffentliche Hand hat Tradition. Und der Finanzbedarf ist enorm, wie verschiedene aktuelle Beispiele zeigen. Die Bergbahnen Destination Gstaad etwa wollen in den kommenden zehn Jahren rund 70 Millionen Franken investieren. Mehrere alte Anlagen sollen ersetzt, bestehende erneuert werden. Die Gemeinde Saanen will dafür 39 Millionen aufwerfen. Weitere 28 Millionen kommen von den Kantonen Bern und Waadt sowie anderen Gemeinden der Region.
Auch die Gemeinde St. Moritz deckt die Verluste der Bahnen, die sie zum Teil sogar in eigener Regie betreibt. Für das laufende Jahr sind dafür in der Rechnung 2,3 Millionen budgetiert. Kleinere Orte nehmen ebenfalls staatliche Mittel in Anspruch. Etwa Melchsee-Frutt, wo die Obwaldner Gemeinde Kerns den 8,5 Millionen Franken teuren Bau einer neuen Sesselbahn berappt hat.
Auf eigenen Beinen stehen
Doch es gibt auch Stimmen in der Branche, die vor dieser Entwicklung warnen. «Die Finanzierung von Beschneiungsanlagen durch die öffentliche Hand bedeutet eine Subventionierung», sagt Giann Theler. Für den stellvertretenden Geschäftsführer der Bergbahnen Engelberg-Trübsee-Titlis übernehmen die Gemeinden schon genügend Infrastrukturaufgaben. «Die Bahnen müssen betriebswirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen und sollen nicht vom Staat unterstützt werden müssen», findet auch Christen Baumann, Chef der Zermatt Bergbahnen.
Klar ist: Subventionen nützen den Bergbahnen bestenfalls kurzfristig etwas. An den fundamentalen Problemen der Branche ändern sie kaum etwas:
Rund 2400 Seilbahnen und Skilifte stehen in den Schweizer Bergen. Seit 1990 nimmt zwar ihre Zahl jährlich leicht ab. Die Kapazität ist aber trotzdem gestiegen, weil bei Erneuerungen meistens leistungsfähigere Anlagen gebaut werden. Gleichzeitig hat die Zahl der Wintersportler, die für 80 bis 90 Prozent der Einnahmen verantwortlich sind, allein in den vergangenen fünf Jahren um rund 5 Prozent abgenommen - und eine Umkehr dieser Entwicklung ist nicht absehbar.
Der jährliche Erneuerungsbedarf liegt gemäss Schätzungen der Grossbank UBS bei 300 Millionen Franken. 2003 wurden aber nur 180 Millionen investiert, letztes Jahr nur 100 Millionen.
Nur die wenigsten Bahnen sind noch in der Lage, ihre Investitionen aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Gemäss dem Verband Schweizer Bergbahnen sind rund 80 Prozent der Kosten für neue Anlagen fremdfinanziert.
Umfragen zeigen, dass im Winter die Schneesicherheit bei der Auswahl des Ferienortes heute der absolut wichtigste Faktor ist. Die Schweiz hat hier einen gewaltigen Rückstand. Obschon sich beispielsweise Gemeinden wie Flims, Laax und Falera nur auf rund 1200 Meter über Meer befinden und damit als schneeunsicher gelten, werden nur rund 5 Prozent der Pisten beschneit. Im Tirol sind es 45, im Südtirol gar 80 Prozent.
Immerhin, eine positive Entwicklung lässt sich am Vorgehen in Flims, Laax und Falera festmachen. Die Tourismusregion als Ganzes übernimmt einen Grossteil der Verantwortung für das wirtschaftliche Geschehen der Destination. Bezeichnenderweise haben die Gemeinden und die Weisse Arena Gruppe zusammen mit der Hotellerie und dem lokalen Gewerbe bereits vor fünf Jahren mit Alpenarena.ch eine gemeinsame Tourismusorganisation gegründet.