1/3 der Schweizer Seilbahnen nicht überlebensfähig

Medienberichte rund um den Wintersport: Aktuelle TV-Tipps, Presseartikel, Unfallmeldungen und Diskussionen zu Nachrichten aus der Alpinwelt.
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Jay
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1/3 der Schweizer Seilbahnen nicht überlebensfähig

Beitrag von Jay »

Aus der NZZ:
Ein Drittel der Seilbahnen ist nicht überlebensfähig
Klimawandel als weitere Herausforderung

Ein Drittel der Schweizer Seilbahnunternehmen dürfte nicht überlebensfähig sein. Immerhin hat sich aber der Anteil der wirtschaftlich gesunden Betriebe in den letzten Jahren markant erhöht. Unumgänglich ist ein Strukturwandel durch Fusionen und Übernahmen. Die Seilbahnbranche will verstärkte Anstrengungen unternehmen, um Jugendliche für den Wintersport zu begeistern.

bbu. Viele Schweizer Seilbahnunternehmen sind zu klein und können längerfristig nicht im Markt bestehen. Laut einer im Auftrag des Seilbahnverbandes von der Hochschule St.Gallen erstellte Studie ist die für die finanzielle Überlebensfähigkeit einer Bergbahn wichtigste finanzielle Kennzahl das Verhältnis zwischen Cashflow und Umsatz. Und zwar sollte Ersterer mindestens 20% des Umsatzes ausmachen. Die Autoren der Studie kommen zum Schluss, dass gegenwärtig 66% der Bergbahnen diese Bedingung erfüllen.

Minimal 1 Million Franken Umsatz pro Jahr
Der Drittel der Seilbahnen, der diesen Wert nicht erreicht, dürfte mittelfristig kaum mehr Chancen haben. Immerhin: Seit der letzten gleichartigen Erhebung vor fünf Jahren hat sich der Anteil der gemäss diesen Kriterien wirtschaftlich gesunden Seilbahnunternehmen erhöht - damals erreichten erst knapp 50% der Betriebe die entscheidende Kennzahl. Als wesentliche Erfolgsfaktoren für die Unternehmen der Bergbahnbranche nennt die Studie ausserdem eine minimale Betriebsgrösse von etwa 1,0 bis 1,2 Mio. Fr. Umsatz. 30% der Unternehmen erreichen aber nicht einmal die Marke von 1 Mio. Fr. Umsatz.

Probleme vor allem in Tessin und Westschweiz
Auch regional präsentiert sich die Lage der Bergbahnen in der Schweiz durchaus unterschiedlich. Den höchsten Anteil wirtschaftlich starker Bergbahnen weist das Berner Oberland auf, den kleinsten das Tessin. Es folgen der Jura und die Westschweizer Alpen. Offensichtlich haben also vor allem die Bahnen in den Voralpenregionen der lateinischen Schweiz ein ernsthaftes Strukturproblem.

Nötige Investitionen bei kleiner Ertragskraft
Die Studie zeigt weiter, dass nach wie vor ein beträchtlicher Bedarf an Strukturwandel in Richtung grösserer Unternehmen besteht, damit eine Verbesserung der Ertragskraft erreicht werden kann. Zudem wird tendenziell ein riesiger Investitionsnachholbedarf konstatiert. Hier macht die Studie ein zentrales Dilemma zwischen einem ausgesprochenen Investitionsstau und ungenügender Ertragskraft aus. Weil Bankkredite immer schwieriger zu erhalten sind, empfiehlt die Studie den Einsatz neuer «kreativer» Finanzierungsinstrumente - bis hin zur Platzierung von Anleihen bei Stammgästen.

Schneegrenze wandert nach oben
Eine weitere Herausforderung für die Seilbahnbranche wird in den nächsten Jahrzehnten die Klimaveränderung sein, wie Hans Höhener, Präsident des Verbands Seilbahnen Schweiz betonte. Die globale Erwärmung führt im Alpengebiet unter anderem zu einem Rückgang der Gletscher und einem Anstieg der Schneefallgrenze. Die Seilbahnunternehmen werden unausweichlich Strategien finden müssen, um sich an diese Veränderungen anzupassen.

Jugendliche wieder motivieren
Vor dem Hintergrund der Abhängigkeit der Seilbahnen vom Wintersport will sich der Verband im eigenen Interesse mit verschiedenen Aktionen auch für eine gezielte Schneesportförderung einsetzen. Damit soll dem Negativtrend entgegengewirkt werden, der laut diversen Studien dazu geführt hat, dass sich die Jugendlichen immer weniger für den Wintersport interessieren.

IG Schnee soll helfen
Um die Position der Schweiz im Wintertourismus wieder zu stärken, wird die Interessengemeinschaft Schnee gegründet. Bei dieser IG Schnee mit dabei sind das Bundesamt für Sport, Schweiz Tourismus, der Seilbahnverband, Swiss Snowsports, Swiss Ski und das Tourismusressort des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco).

Jay
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Beitrag von Jay »

Und dazu ein Artikel von vor 5 Jahren aus der NZZ:
Die Schweizer Seilbahnen auf einer Fahrt ins Ungewisse
Aufbau internationaler Bergbahnketten oder Rückzug in lukrative Nischen

Ein Grossteil der Schweizer Seilbahnen, einst die treibenden Kräfte der touristischen Entwicklung von Wintersportgebieten, ist zu einem Sanierungsfall geworden. Bisher haben aber entweder öffentliche Gelder oder lokaler Unternehmergeist ein «Bähnlisterben» grösseren Ausmasses verhindert. Dennoch rechnen Experten mit einer Marktbereinigung, an deren Ende eine Handvoll internationalisierte Bahnen und einige kleine Nischenanbieter überleben werden. Endgültig vorbei sein muss die Zeit einzelbetrieblicher Subventionen.




NZZ vom 17. Juni 2000

fg. Die Schweizer Seilbahnen bleiben weiter am Boden. Das wird sich deshalb kaum ändern, weil die Vorzeichen vorerst auf Sturm stehen. So wird die Branche weltweit als reife Industrie eingestuft, die gekennzeichnet ist durch einen Verdrängungsmarkt, eine Konzentration auf Stammmärkte in einer sich beschleunigenden Internationalisierung und Kosten- sowie Qualitätsstrategien. Die touristischen Spezialtransportanlagen, also Zahnradbahnen, Standseilbahnen, Luftseilbahnen, Pendelbahnen und Skilifte, die das Rückgrat des Wintertourismus bilden, schaffen überdies wenige Innovationen, womit die Produkte stark vergleichbar und austauschbar sind. In einer solchen Situation wäre eigentlich mit dem Marktaustritt einzelner Konkurrenten und einer Konsolidierung durch Zusammenschlüsse zu rechnen. Offenbar tritt aber diese Marktbereinigung in der Schweiz bisher noch nicht ein.

Resort-Holdings in den USA...
Anderswo verläuft die Neuausrichtung indessen in einer schnelleren Gangart. In den Vereinigten Staaten nahm etwa die Zahl der Skigebiete, der wichtigste Markt für die Seilbahnen, von 1983 bis 1999 um über 30% auf rund 500 Skigebiete ab, und die Zahl der verkauften Skitage stagnierte. In der gleichen Zeit entstanden grosse Skigebietsunternehmen, die neben den kleinen, regionalen Betreibern von Skiliften, die vorwiegend Tagesskiläufer anziehen, vor allem Feriengäste ansprechen. Die vier grossen, börsenkotierten Betreiber von Skiresorts, American Skiing Company, Vail Resorts, Intrawest und Booth Creek, kontrollieren mittlerweile rund 30% des amerikanischen Marktes. Sie erzielen zwar den Löwenanteil ihrer Einnahmen noch aus dem Verkauf von Ski-Tickets; durch die Entwicklung von Zusatzattraktivitäten und durch die Integration von Leistungen wie Unterkunft und Restauration mutieren diese ehemaligen reinen Betreiber von Skiliften aber zusehends zu eigentlichen Resort-Holdings, deren Gäste ein ganzes Freizeitangebot aus einer Hand erhalten.

... und Bergbahn-Holding in Frankreich
In Frankreich wiederum führte die Idee, Beteiligungen an verschiedenen Bergbahngesellschaften zu vereinen, zur Gründung der Compagnie des Alpes (CDA). Das 1989 als Holdinggesellschaft für Wintersport-Transporteinrichtungen gegründete Unternehmen war zunächst in Frankreich aktiv, wo unter anderem Mehrheitsbeteiligungen an La Plagne, Tignes, Les Arcs und Les Menuires erworben wurden. Mit der Kotierung am Second Marché der Pariser Börse erreichte der Mitbegründer und gegenwärtige Präsident Jean-Pierre Sonois (vgl. NZZ vom 21. 2. 00) 1994 den Zugang zu den Finanzmärkten. Prompt erfolgte 1996 mit dem Kauf eines Mehrheitspakets an der italienischen Destination Courmayeur ein erster Expansionsschritt ins Ausland. 1999 trat die CDA dann erstmals in der Schweiz in Erscheinung, als das Unternehmen eine Minderheitsbeteiligung an der Téléverbier übernahm. Inzwischen hat die CDA den Anteil am grössten Skianlagenbetreiber des Wallis auf fast 22% erhöht, was zu einiger Aufregung geführt hat (vgl. NZZ vom 13. 1. 00). Trotz solchen vereinzelten Widerständen hält die Gruppe unbeirrt am Expansionskurs fest, der das Unternehmen innerhalb eines Jahrzehnts zum grössten Skiliftbetreiber der Welt gemacht hat. Gemessen an den verkauften Skitagen verfügt die CDA gegenwärtig über einen weltweiten Marktanteil von 5%. Dennoch scheint der Akquisitionshunger noch nicht gestillt, zumal die CDA über einen potenten Kapitalgeber verfügt: Der Hauptaktionär, Frankreichs staatliche Caisse des dépôts et consignation ist eine öffentlichrechtliche Anstalt. Wohl nicht ganz von der Hand zu weisen ist deshalb, dass die République Française über dieses Vehikel eine Art strategische Industriepolitik betreibt.

Ähnlich wie in den USA oder in Frankreich entwickelt sich die Branche auch in Österreich. Wie eine Studie der Grischconsulta nachweist, sind dort fast die Hälfte der Bahnen über ein Verbundnetz verknüpft, wogegen in der Schweiz nur knapp ein Drittel über einen Tarifverbund verfügen. Weitergehende Kooperationen oder gar Fusionen sind aber bisher selten zu beobachten.

Finanzielle Schräglage in der Schweiz
Dabei steht bei nicht wenigen der Schweizer Seilbahnen die Selbständigkeit und sogar das Überleben auf dem Spiel – zumindest bei einer Beurteilung der ökonomischen Resultate. Diese zeichnen ein eher tristes Bild, stellt man auf die am Institut für öffentliche Dienstleistungen und Tourismus der Universität St. Gallen (IDT-HSG) jüngst erarbeiteten Analysen ab. Die Forscher kommen in einer Studie zum Schluss, dass bei gesunden Bergbahnunternehmen der Cash-Flow mindestens 20% des Umsatzes oder 3% des investierten Kapitals ausmachen muss. Ferner sollte die Eigenkapitalquote bei wenigstens 40% liegen, die Personalkosten maximal 35% des Umsatzes betragen und jährlich 20% bis 25% des erarbeiteten Umsatzes reinvestiert werden. Diese Werte bleiben für die meisten Schweizer Seilbahnen allerdings in unerreichbarer Ferne. Gemäss dem IDT-HSG ergibt sich das höchste Gefährdungspotenzial vor allem auf Grund einer mangelnden Cash-Flow-Marge, die in 70% aller untersuchten Fälle weniger als die gewünschten 5% des investierten Anlagevermögens beträgt. Und die Verschuldung ist nicht minder besorgniserregend: Mehr als 30% aller Unternehmen weisen eine Verschuldungsquote von über 60% aus. Angesichts solcher Strukturdaten sind rund die Hälfte aller Bergbahnen gefährdet. Auf dem Spiel stehen demnach in der Schweiz insgesamt mindestens 3500 Arbeitsplätze sowie Anlagen im Gegenwert von etwa 3,5 Mrd. Fr.

Teures alpines Wettrüsten
Zu den ungenügenden Ertragszahlen kommt ein weiteres Ungemach: Gemäss dem Schweizerischen Seilbahnverband wächst der Kapitalbedarf der rund 650 Seilbahnunternehmen in der Schweiz mit ihren rund 2400 Seilbahn- und Skiliftanlagen von Jahr zu Jahr. So summiert sich der Aufwand für die Herstellung von Kunstschnee auf schätzungsweise 60 Mio. Fr. pro Jahr. Zusätzlich erzwingt der übliche Abschreibungszeitraum von 30 Jahren jährliche Anlageinvestitionen in neue Technik, die einem Betrag von 160 Mio. Fr. entsprechen. Solche Investitionsschübe kann die kapitalintensiv operierende Branche, die jährlich in der Schweiz etwa 800 Mio. Fr. umsetzt, nicht leicht verdauen. Dazu kommt, dass neben der Überalterung zahlreicher Anlagen und dem hohen Fixkostenanteil von 70% bis 80% auch die Auslastung stark fluktuiert. Die Schweizer Bahnen befördern nämlich im Durchschnitt rund 84% der Personen im Winterhalbjahr, was zu extremen saisonalen Nachfrageschwankungen führt.

Dass angesichts solcher struktureller Defizite Marktbereinigungen in der Schweiz, aber auch in Österreich und anderen alpinen Ländern nicht im gleichen Tempo ablaufen, hat mehrere Gründe. Anders als in den Vereinigten Staaten, wo wesentliche Teile der touristischen Leistungskette im Besitz einzelner Resort-Holdings sind, werden in Europa die touristischen Serviceleistungen gemeinhin durch verschiedenste regionale Unternehmen bereitgestellt, deren Produkte kaum aufeinander abgestimmt sind. Solch ein fragmentiertes Angebot und die fehlende Verfügbarkeit von Bauland errichten Eintrittsbarrieren für grosse Unternehmen. Ausserdem bestehen auf dem Skimarkt schlechtere Wachstumsaussichten als in anderen Branchen. Weil der Anteil älterer Personen in allen westlichen Gesellschaften zunimmt, dürfte vorwiegend aus demographischen Gründen der Markt der Skifahrer jährlich nur noch um 2% bis 3% wachsen.

Gerechtfertigte Einmischung der Politik?
Wohl das wichtigste Hindernis für einen Schulterschluss der Seilbahnen stellen jedoch die verpolitisierten Strukturen dar. In Europa befinden sich die durch Seilbahnen erschlossenen Gebiete zumeist in traditionsreichen Berggemeinden. Dort werden die Seilbahnunternehmen als Herz und Motor der auf den Tourismus ausgerichteten Entwicklung wahrgenommen. Entsprechend zählen bei der Besetzung der Führungsgremien in den Seilbahnunternehmen die lokalen Kompetenzen im Politmanagement oftmals mehr als die unternehmerischen Qualifikationen. Dank dem Hinweis auf die regionalpolitische Bedeutung ist es den Betreibern von Seilbahnen zudem auch immer wieder gelungen, notfalls die Öffentlichkeit zur Kasse zu bitten.

Ausser den Lokalpolitikern spricht in der Seilbahnbranche auch der Staat ein gewichtiges Wort mit. Nachdem in den sechziger und siebziger Jahren ein starker Boom beim Bau von Bergbahnen eingesetzt hatte, griff der Bund 1978 mit der Bundesverordnung über die Konzessionierung von Luftseilbahnen ein, um die schädlichen Auswirkungen eines übermässigen Wachstums einzudämmen. Seit 1985 ist indessen die Zahl der Konzessionen deutlich rückläufig und betrifft vorwiegend Ersatz- und Umbauten. Der Bund regelt den Marktzutritt aber auch, weil er darin eine Infrastrukturaufgabe sieht. An einem Forum der Sisag in Altdorf meinte dazu Karl Koch vom Ressort Tourismus des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) unlängst, dass es ebenso wenig sinnvoll sei, zwei parallele Schienennetze zu schaffen, wie zwei Infrastrukturen aufzubauen, um den gleichen Berg mit einer Seilbahn zu erschliessen. Dass diese natürlichen Monopole keine Monopolrenten abzuschöpfen in der Lage sind und mithin als volkswirtschaftlich unschädlich gelten, belegt im Urteil von Koch die unzureichende Gewinnsituation der Branche. Er rechtfertigte die ordnungspolitische Sonderstellung der Seilbahnen ferner mit dem Hinweis, dass die Bergbahnunternehmen die Kosten der Infrastruktur selber tragen, derweil etwa die Eisenbahnen sich ihre Infrastruktur vollumfänglich vom Staat abgelten lassen. Wachsendes Gefälle von Gross zu Klein

Wohin schweben also die Seilbahnen in den nächsten Jahren mit der Last eines angehäuften Investitionsstaus einerseits und einem politischen Bremsklotz anderseits? Experten erwarten, dass die Internationalisierung der Branche letztlich nicht aufgehalten werden kann. So dürfte Europa etwa für 80 Skiarenen Platz bieten, die den hohen Standards des internationalen Wettbewerbs genügen werden. Die restlichen Destinationen werden sich auf nationale und regionale Märkte ausrichten. In einer solchen Marktlandschaft müssen sich die erheblich vom Wintertourismus abhängigen Seilbahnen neu aufstellen. Absehbar ist eine Zweiteilung in einen grossen binnenorientierten Bereich von Klein- und Mittelbetrieben und in einen eher kleinen Bereich internationalisierter Unternehmen, wie das IDT-HSG unlängst festgehalten hat. Sollte der jetzige ungemütliche Zustand anhalten, erwartet das Forschungsinstitut in einem ersten Szenario Status quo, dass die Seilbahnbranche in eine Subventionsspirale gerät, an deren Ende die Verstaatlichung stehen könnte. Weil die Mehrzahl der Bergbahnunternehmen als Publikumsgesellschaften eine breite Streuung des Aktienkapitals aufweisen, besteht nämlich keine ausgeprägte Unternehmenskontrolle. Stattdessen werden sich die einzelnen Interessengruppen notwendigen Sanierungsmassnahmen so lange widersetzen können, bis im Zweifelsfall die öffentliche Hand aus regional- oder gesellschaftspolitischen Gründen als Retter in der Not einspringt.

Selbst wenn einige kleine Betriebe sich auf Grund einer soliden Finanzierungsbasis, einem unverwechselbaren Produkt und einem starken und unabhängigen Management erfolgreich behaupten können, wird die grösste wirtschaftliche Bedeutung künftig zwei Typen von Grossunternehmen zufallen. Die Forscher des IDT-HSG sprechen einerseits von «Integrators», die regional verankert sind und wie in den USA neben der Betreibung einer Seilbahn die gesamte Wertschöpfungskette einer Destination auf sich vereinigen. Anderseits dürften gemäss den Auguren etwa drei international ausgerichtete, spezialisierte «Multiplicators» entstehen, die ähnlich der technikorientierten CDA im gesamten Alpenraum auf den wichtigsten Skistationen mit ihrem Angebot präsent sein werden.

Ob die Schweizer in einem solchen Marktmodell eine dominante Rolle spielen werden, ist noch offen. Immerhin erachtet das IDT-HSG in seiner Studie in einem zweiten Szenario den Markteintritt ausländischer Unternehmen als durchaus realistisch. Um im internationalen Konkurrenzkampf nicht in den Seilen zu hängen, empfehlen deshalb die HSG-Experten in einem dritten Szenario unter anderem, nach dem Vorbild der CDA eine Schweizerische Holdinggesellschaft zu gründen. Damit würden inländische Allianzen über finanzielle Verflechtungen gebunden, die zunächst auf einer Holdingebene initiiert und später durch Fusionen abgeschlossen werden könnten. An einem solchen Geschäftsmodell könnte sich im Sinn einer strategischen Handelspolitik auch die öffentliche Hand beteiligen – aber nicht als Verteiler von Subventionen, sondern um die Internationalisierung der Branche voranzutreiben.
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Beitrag von Emilius3557 »

Also die Leute, die diese Studie gemacht haben, das Team von der Uni St.Gallen ist absolut vertrauenswürdig. Thomas Bieger & Co sind führend im deutschsprachigen Raum was Tourismusforschung angeht und vor allem beim Thema Bergbahnen ziemlich fit.
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Beitrag von Mad Banana »

Auch wenn ich von der HSG wenig halte, so sind deren Studien doch meist sehr fundiert. Erfreulich ist natürlich, dass sich die Situation in den letzten 5 Jahren verbessert hat - dennoch gibt es noch viel zu tun.

Die Probleme in der Schweiz sind ja wohl bekannt: 26 Kantone = 26 Rechtssysteme, Verbandsbeschwerderecht und eines der strengsten Raumplanungsgesetze Europas. Kommt das hohe Preisniveau dazu und schwups muss man sich wahrhaftig was einfallen lassen um gegen die ausländische Konkurrenz anzutreten.
Trotzdem verstehe ich als Ökonom nicht, dass es möglich ist, dass an einem Hang zwei Bergbahngesellschaften mit getrennten Bilanzen operieren. Beispiel Les 4 Vallées: Das Gebiet ist seit ca. 20 Jahren ein Tarifverbund und dennoch hat man es bisher nicht geschafft, die Gesellschaften zusammenzulegen. In Thyon operieren die Téléthyon und die Téléveysonnaz quasi am gleichen Hang - das geht bei mir in Richtung Brechreiz.
Ähnliche Beispiele gibt es in Adelboden, Bettmeralp, Flumserberg, Davos, Lenzerheide... wo eigentlich nicht? Fusion ausgeschlossen, weil sich die Dorfväter vor 100 Jahren mal wegen einem Grundstück gestritten haben und sich die Einwohner zweier 100m auseinanderliegender Weiler nicht mehr riechen können. Es lebe die Globalisierung! :?

An was es in der Schweiz allerdings am meisten hapert ist Innovation. Dies betrifft IMHO nicht nur die Tourismusbranche sondern irgendwie das ganze Land. Lieber geht man gemeinsam zu Grunde, als dass man sich aufrappelt und seine vermeintlich idiotische Idee zum Business macht. Lieber schliesst man seine Lifte, als dass man der verhassten Nachbargemeinde Zugeständnisse macht und somit selber noch davon profitieren könnte...
Von daher kann ich die Alpenarena doch sehr gut verstehen, wenn sie in den kommenden Jahren dutzende von Millionen in den Bau eines Themen-Ressorts investiert. Wintertainment sozusagen. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass die Alpenarena im gesamten Alpenraum mit Abstand das beste Marketing hat, da können leider nur wenige mithalten. Hoffen wir, dass das Beispiel in der Schweiz Schule macht und sich gewisse Geschäftsführer am Riemen reissen um die Zukunft ihrer Bergbahn sicherzustellen.

Andererseits ist es ja bekannt, dass gerade in Phasen der Markträumung viele neue Ideen & Konzepte entstehen und vermeintlich schwache Unternehmen deutlich gestärkt aus der Baisse hervorgehen. Ma kuckn...
Ach ich könnte mich stundenlang aufregen!
Das Leben ist eine sexuell übertragbare Krankheit mit hundertprozentiger Mortalität.
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