Quelle NZZDer Winter steht vor der Tür
Laax hat eine der grössten Halfpipes der Welt - von Könnern gebaut und von Künstlern befahren
Dunkler Rauch zieht durch die Morgenluft, 2228 Meter hoch über den Bündner Skidörfern Laax, Flims und Falera. Auf dem Crap Sogn Gion kreuzt einsam eine Pistenraupe in den ersten Sonnenstrahlen des Tages. Schnaubt. Ächzt. Rasselt. 300 PS am Limit. Es ist 7 Uhr 50. Der Schnee wirbelt im Gegenlicht. Das Seil knarzt durch die Winde. Die Fräse kratzt durch die Eisröhre. Wie ein riesiger Fingernagel an einer noch riesigeren Porzellanschale. Rolf Panzer sitzt hinter der grossen Frontscheibe eines Pistenbullys Kässbohrer PB 300 und lässt den kleinen Winkelmesser nicht aus den Augen. Dieser zeigt nämlich die Neigung der Fräse an. «Sechs Grad. Das ist das Wichtigste», schreit er in den Lärm des Dieselmotors hinein. Sechs Grad, das ist das ganze Geheimnis dieser Halfpipe. «Wenn ich auf acht gehe, dann fliegen sie hinaus und knallen auf den Damm. Wenn ich auf vier gehe, dann fliegen sie hinein in die Pipe.» Sechs Grad, dann sind sie zufrieden, die Snowboarder, derentwegen dieser ganze Zirkus hier oben veranstaltet wird.
Sprung in den Himmel
Seit 30 Tagen arbeitet das Team 10 Stunden täglich für diese Röhre. 300 Stunden in ölverschmierten Jeans, löchrigen Fleecepullis, im Lärm der Pistenbullys. Immer wieder Schnee auf den Damm der Halfpipe hinaufbaggern, über den Damm einstossen, dann windelen und fräsen. «Hier muss man mit Gefühl fahren», sagt Panzer. Ganz exakt, ganz langsam, bis dieses Ding steht: 6,50 Meter tief. Gebaut mit 30 000 Kubikmetern Kunstschnee. 18 Meter breit und 140 Meter lang. Gebildet mit dreimal 300 Pistenraupen-PS. Geformt mit einer monströsen Fräse: eine der grössten Halfpipes der Welt.
An dieser Pipe sind sechs Meter hohe Sprünge möglich. Die Boarder sind so lange in der Luft, dass sogar Zwei- und Dreifachdrehungen für die Zuschauer nachvollziehbar sind. Zeitlupenformat in Wirklichkeit. Ganz einfach: «style». Im Januar 2006 wird das Burton European Open, das Ereignis der Freestyle-Szene schlechthin, an dieser Halfpipe stattfinden. 20 000 Zuschauer werden erwartet - ein weiterer Höhepunkt der Snowboard-Inszenierung von Flims Laax Falera. Der «freie Stil» bedeutete beim Snowboarden ursprünglich, dass jeder so fahren und springen kann, wie er gerade will. Eigentlich bedeutet es aber auch, dass Freestyler ihre eigene Lebensphilosophie haben und immer eine Spur gelassener und souveräner mit der Welt umgehen als gewöhnliche Menschen. Es ist wie ein ungeschriebenes Gesetz der Szene, deren Überflieger die Halfpipe zu ihrem Lieblingsort erkoren haben. Diese Aura der Souveränität scheint auch bei ihren Sprüngen um sie zu flattern.
Schweizer Präzisionsarbeit
Reto Poltera, ein 36-jähriger Ex-Snowboardprofi, kennt hier jeden. Er betreibt die Boarderschule in Laax, ist Geschäftsführer der Weissen Arena Leisure AG und hat die Halfpipe mitentworfen. Poltera ist die Schnittstelle zwischen Snowboardszene und Pistenpersonal und vermutlich der Einzige, der die Leistung der Beschneier und Pistenraupenfahrer wirklich einschätzen kann. «Wir könnten alles zeichnen, die würden es bauen.» Poltera spricht von «Vert» und «Transition», skizziert ein paar Linien und Ellipsen auf einen Zettel. Dann zieht er eine Linie von oben quer durch die Skizze und einen Pfeil hin zur oberen Kante der Halfpipe. Er notiert dazwischen eine kleine Ziffer, tippt mit dem Kugelschreiber drauf: «Sechs Grad», erklärt auch er. Also habe die Halfpipe dort, wo die Boarder sie zum Sprung verlassen, eine Steigung von 84 Grad. Eine beinahe senkrechte Kante, die die Fahrer in den Bündner Himmel katapultiert. Poltera spricht jetzt nicht mehr von einer Halfpipe. Jetzt geht es um die «Monsterpipe Next Dimension», wie man diesen Bau hier oben nennt. Es geht auch um Schweizer Präzisionsarbeit und um den Stolz und das Aushängeschild der Weissen Arena.
Im vergangenen Winter war die Halfpipe auf dem Crap Sogn Gion sogar vor derjenigen auf dem Gletscher fertig. Oben lag immer noch zu wenig Schnee. Ohne die Kunstschnee-Halfpipe auf dem Crap Sogn Gion hätte Laax seinen Snowboardern wohl wenig zu bieten gehabt. Und der Ruf, zu einem der besten Snowboardgebiete der Alpen zu zählen, wäre wie der Schnee bald verschwunden. Stattdessen schaut Poltera nun vom Café aus hinunter auf die Kunstschneepipe, wo gerade Typen in schlammfarbenen Daunenjacken und Zipfelmützen links eintauchen, in der Röhre verschwinden, rechts wieder hochkommen, springen, fliegen, verschwinden, springen, fliegen, links, rechts, links. Und einzig an der Dauer ihres Abtauchens lässt sich die Grösse dieser Endloswelle im Schnee ermessen.
Blick in die Rocky Mountains
Und das alles, weil das Pistenpersonal der Weissen Arena sich mit der Halfpipe so gut wie kaum einer in den anderen Skigebieten auskennt. Vor 20 Jahren, als noch keiner wusste, dass «goofy» (rechter Fuss vorne) und «regular» (linker Fuss vorne) einmal eine entscheidende Frage des Standpunktes würden, bauten ein paar einheimische Kerle etwas in den Schnee, was man heute als Halfpipe bezeichnen könnte. Kurz darauf begann der Snowboardboom, Laax schwang sich auf zum «Boarderparadies». Dann bauten die Amerikaner 1994 die erste Monster-Pipe in den Rocky Mountains. Und ein paar Bündner begannen zu forschen und zu tüfteln. Bald fanden sie heraus, dass Bagger und Planierraupen die Grundform der Pipe im Sommer in den Boden kratzen müssen. Dass man schon im November beschneien muss. Dass man doppelt so viel Schnee braucht wie angenommen. Dass der Kunstschnee eine ganz eigene Qualität benötigt. Dass man ihn neben und nicht in der Pipe produzieren muss. Dass man drei Pistenraupen und eine besondere Schneefräse braucht. Dass eine gewisse Firma Zaugg dieses «Pipe-Monster» bauen kann. Dass es um einen Winkel von sechs Grad geht. Kurzum: Sie fanden heraus, dass es hundert Wege gibt, wie man eine Halfpipe nicht baut. Und genau einen, wie man sie baut. Und so wurden aus ein paar grantigen Bündnern erstklassige Halfpipe-Spezialisten.
Panzers Hände sind dreckverschmiert. Er sitzt mit seinen Kollegen im Aufenthaltsraum der Pistenbullyfahrer. Sie trinken Kaffee aus Plasticbechern. Sie knallen Spielkarten auf eine rosafarbene Plastictischdecke. Blaumänner in halb geöffneten Spinden, Regale mit kantigen Schrauben, an der Wand das Bild einer schwarzhaarigen Schönheit. Panzer sagt nicht viel. Schon gar nicht sagt er «style», «jumps» oder «turns». Auch «Monster Pipe Next Dimension» würde der Mann, der sie gebaut hat, niemals sagen. Die meisten Pistenbullyfahrer sagen «Halfpeip» und sprechen das «l» mit. «Wir haben auf die Fräse ein neues Teil draufgesetzt. Jetzt ist sie oben ein bisschen höher als im letzten Jahr.» Das ist Panzers Version des Superlativs. Der Mann, der eine der grössten Pipes der Welt gebaut hat, schiebt den angekauten Zahnstocher vom rechten in den linken Mundwinkel und sagt nichts. Panzer ist auf seine Art ein Freestyler.
Artikel aus der NZZ über Laax
- vhaemmerli
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Artikel aus der NZZ über Laax
Saison 06/07: 32 Skitage