Hans Schwanda, Skiglück vom Wienerwald bis zum Dachstein, Schrollverlag, 1965Die Gemendealpe an der Mariazellerbahn
• Rassiger, fast 400 Meter hoher Gipfelhang
• Ausweichziel bei schlechtem Wetter: Mariazell und Umgebung
Nur durch den Lift wird eine Gegend für den Wintersport erschlossen. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Gemeindealpe. Einst war sie im Winter ein verlassener, einsamer Berg und das etwas unterhalb des Gipfels befindliche Haus nur eine einfache Schutzhütte. Heute: ein moderner Sessellift mit Mittelstation, lebhafter Betrieb am Berg, auf dem Gipfel ein Haus mit allem Komfort, Wohlstand im Ort am Fuß des Berges. Der Gipfelhang ohne Baum und Strauch kann sich aber auch sehen lassen. Bei idealen Schneeverhältnissen bietet er alle Wonnen des Skilaufs.
Obwohl die Bundesstraße 20 fast immer mit Schneepflügen geräumt wird, sind bei viel Schnee ab Türnitz oft Schneeketten notwendig, jedenfalls sind zumeist M&S-Reifen empfehlenswert. Für die Heimfahrt ist die Bundesstraße 23 über Mariazell – Halltal – St. Ägyd – Freiland etwas günstiger, da auf ihr weniger Verkehr herrscht.
Ausgangspunkt ist Mitterbach (793m, Bahnstation). Die Talstation des Lifts, 804m, der bis zum Bodenbauereck, 1210m, führt, liegt nahe der Straße. Beim Bodenbauereck heißt es umsteigen, und diesmal führt uns der Sessellift bis nahe an das Terzerhaus (ganzjährig bewirtschaftetes großes Alpenvereinshaus), auf eine Höhe von 1612m. Der lange Osthang (II – III) der Gemeindealpe ist eine steile Abfahrtsstrecke. Nicht umsonst wird hier jedes Jahr das „Internationale Burschikpokalrennen“ abgehalten. Doch der Hang ist so groß und breit, daß jeder nach seiner Facon schwingen und wedeln kann; selbst für den Tiefschneefahrer gibt es noch Möglichkeiten. Die Standardpiste (II – III) ist meist eine Buckelpiste, die ziemliches Stehvermögen erfordert. „Tollkühne“ stürzen sich gleich von der Bergstation in den steilen Hang und drehen erst weiter unten nach links in die ausgehauene, etwas flacher werdende Waldtrasse ab. Von der Mittelstation gibt es zwei Abfahrtsmöglichkeiten: entweder links, nach Norden über einen steilen Waldschlag, ausgehauene Schneisen und durch einen Holweg, oder bei viel Schnee nach rechts, also südlich, über einen mit Baumstrünken versehenen Schlag, zuletzt über Wiesen zur Talstation.
Nichtmotorisierte können von der Bergstation des Lifts aus eine alpine Abfahrt genießen: Vom Gipfel der Gemeindealpe, 1626m, nach Westen über den Kamm, dann steil hinunter zum Eisernen Hergott, 1477m, und von hier südwestlich, bis man auf die blaue Markierung stößt. Nun in flüssiger Fahrt (II-III) weiter bis zum Erlaufsee und von diesem in 1 Stunde nach Mariazell.
In den 60-er Jahren war die Gemeindealpe ein modern erschlossener klassischer Skiberg Niederösterreichs, knapp vor der steirischen Grenze in unmittelbarer Nachbarschaft mit dem Wallfahrtsort Mariazell, in den 70-er Jahren noch traditionelles Ziel für Tagesausflüge und verlängerte Wochenenden, jedoch kam es ab den 80-er Jahren zu Gästeverlust und in den 90-er Jahren nach Ablauf der Konzessionen zur Einstellung des Skibetriebs.
Tourenskifahrer nahmen im Winter den Berg wieder in Besitz, Pläne für den Neubau der Liftanlagen bestanden zwar, jedoch die finanziellen Mittel fehlten. Erst nach der Jahrtausendwende, als viele schon nicht mehr daran glaubten, wurden plötzlich - auf im Vergleich mit den ursprünglichen Liften auf etwas geänderter Trassenführung – ein kuppelbarer Vierersessellift bis zur neuen Mittelstation und eine Doppelsesselbahn für den steilen Gipfelhang errichtet.
Ich selbst habe diesen Skiberg bis jetzt (außer einigen Wanderungen im Sommer) noch nie besucht, obwohl er eigentlich in meinem klassischen Tagesausflugsbereich liegt, doch der fulminante Wintereinbruch in der zweiten Novemberhälfte verbunden mit der Meldung der Inbetriebnahme beider Sesselbahnen am 26.11.05 OHNE Pistenpräparierung im oberen Bereich führte rasch zu einer Umplanung des Wochenendprogramms, und so läutete am Samstag um 6:15 wie auch an den meisten Tagen unter der Woche der Wecker. Der Vorabend war etwas länger geworden, und so half uns der Umstand, daß wir uns für 7 Uhr vor unserem Haus mit Freunden zum gemeinsamen Ausflug nach Mitterbach verabredet hatten, den inneren Schweinehund zu überwinden und aus dem Bett zu klettern. Die Ausrüstung war bereits am vergangenen Tag ins Auto verladen worden, um 10 nach 7 waren auch Karin und Wolfgang mit ihren Utensilien in unser Auto verpackt und los ging es auf der traditionellen Route, die Tagesausflügler aus unserer Region schon seit Jahrzehnten befahren.
Über die Bundesstraße bis St. Christophen, dann auf der Westautobahn bis St. Pölten Süd, durchs Flachland südlich dieser Stadt, das (ausgenommen von den Leuten, die dort wohnen) eigentlich keiner braucht, bis endlich rechts und links der Straße Hügel zu kleinen Bergen werden und durch die Windschutzscheibe die Lift- und Abfahrtsschneisen des Muckenkogels bei Lilienfeld ihr einladendes Weiß präsentieren. Doch vorbei geht´s am liftmäßig gegenüber den 70-er Jahren schon stark ausgehungerten ersten Niederösterreichischen Skiklassiker über Türnitz, das immer noch seinen alten und langsamen Doppelsessellift zum Eibl betreibt, nach Annaberg, wo man nach Erreichen der Paßhöhe an nebeligen Tagen oft erstmals die Sonne erblickt, die den Ötscher vor blauem Himmel postkartenmäßig inszeniert, von dort über Josefsberg, dessen Schischullifte heuer wieder mit Bügeln versehen sind und auf den Saisonbeginn warten.
Sonne gab es am heutigen Vormittag keine, aber schon von weitem konnte man das gewählte Ziel erkennen, vom bedecktem Himmel hob sich der Gipfel der Gemeindealpe mit dem weithin gut sichtbaren oberen Doppelsessellift gut ab.
Hier ein Panorama des Gebiets, dzt. gibt´s im Tal einen Tellerlift, von unten her den kuppelbaren 4-er und oben die DSB. Geplant ist ein weiterer Lift im Bereich der Mittelstation für nächstes Jahr.
Panorama (von Bergfex)
http://www.bergfex.at/gemeindealpe/panorama/xl/
Wie man sieht, ist es 9 Uhr 25, als wir uns die heute ermäßigten Tageskarten (€ 20,5) kaufen, zumindestens Sabine, Karin und ich, weil Wolfgang zieht es vor, den Berg mit Tourenskiern zu bezwingen. Zu diesem Zeitpunkt hat Jul, der früher aufgestanden ist und auch einen etwas kürzeren Anreiseweg hat, schon die ersten Abfahrten in den Beinen, wie er mir telefonisch mitteilt.
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Von der 4-KSB aus erkennt man schon den steilen Gipfelhang mit der DSB.
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Ganz oben angekommen streift unser Blick die alte Bergstation.
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Doch dann kommt der Augenblick! Ich stehe an der Kante und blicke in den anfangs doch ziemlich steilen Hang.
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Ein leichtes Kribbeln ist zu spüren, wie jedes Jahr vor der ersten Abfahrt. Normalerweise findet diese jedoch auf einem leichten Gletscherhang statt, hier sehe ich direkt vor mir einen unpräparierten Hang mit schon ziemlich verspurtem Tiefschnee, eine völlig neue Erfahrung für die erste Fahrt der Saison. Vorsichtig gleite ich über die Kante, noch ziemlich unbeholfen fallen die ersten Richtungswechsel aus. Ich fühle mich noch ziemlich unsicher und mache den üblichen Fehler, setze mich aus falschem Sicherheitsdenken zu weit zurück, die Ski fangen sich in den zusammengeschobenen Schneehaufen und wenig elegant kurve ich die ersten Meter hinunter.
Ich reiße mich zusammen, bemühe mich, mittig über dem Ski zu stehen, und die Sicherheit kommt langsam zurück. Auch wird der Hang etwas flacher und vor mir findet sich unberührter Tiefschnee zwischen den vorhandenen Spuren. Die Schwünge werden runder und leichter, das Gefühl des Schwebens, nach dem man süchtig geworden ist und auf das man sich den ganzen Sommer gefreut hat, ist wieder da.
DIE SKISAISON 2005/2006 IST ERÖFFNET.
Die Schneelage ist sensationell, die 2m an der Bergstation lt. Homepage der Gemeindealpe-Bahnen sind zwar vielleicht etwas übertrieben, aber es ist bemerkenswert, daß man nach dem ersten Schneefall der Saison einen völlig unpräparierten Hang praktisch ohne Erd- oder Steinkontakt hinunterschweben kann. Der Schnee am Vormittag ist flaumig und immens tief, einmal verabschiede ich mich von einem Schi und stehe sofort bis zur Hüfte im Schnee, ein unglücklicherer Skifahrer sucht etwa eine halbe Stunde vergeblich nach seinem verlorenen Ski, bis ihm jemand von der Liftstation mit Schaufeln zu Hilfe kommt.
Auch wenn schon viele ihre Spuren in den Hang gezeichnet haben finden sich immer noch unverspurte Stellen, vor allem an der rechten Flanke des Hanges entdecken wir zwischen niedrigem Buschwerk und in schütterem Nadelwald noch völlig unberührte Abschnitte.
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Wir machen einige Abfahrten, treffen dabei jul und bletschntanlda, bis auch Wolfgang im Eiltempo – so wie übrigens einige anderer Tourengeher – den steilen Aufstieg durch den Gipfelhang geschafft hat, dann geht es auf gut präparierter Trasse hinunter ins Tal, wo er sich auch eine Liftkarte kauft.
Hier sieht man den Tellerlift.
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Und den untersten Bereich der KSB.
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Doch uns zieht es sofort wieder hinauf zur DSB.
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Der Hang ist aber schon ziemlich zerpflügt.
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Nach einer weiteren Abfahrt besuchen wir das Terzerhaus, vorher mache ich noch das klassische Mitterbachfoto mit der Gipfelbahn und dem Erlaufsee, im Hintergrund kann man die Bürgeralpe erkennen.
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Dann genießen wir ein köstliches Mittagessen. (Fritattensuppe, 2 x Bauerntoast, ein Apfelstrudel, Schiwasser und Almdudler zusammen € 18,1, Tee gibt es heute zur Eröffnung gratis).
Nach der Stärkung sehen wird, daß sich eine Nebelbank in den Hang gelegt hat.
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Aber ganz an der rechten Kante reißt es auf, und plötzlich wird die Landschaft durch einige Sonnenstrahlen verziert.
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Da macht das Tiefschneefahren gleich noch mehr Spaß.
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Bis 15 Uhr zerpflügen wir die rechte Flanke des Gipfelhangs, bis wir – erschöpft aber hochzufrieden – zum zweiten und letzten Mal ins Tal fahren und so am Gasthof Bäreneck vorbeikommen, der von der Nachmittagssonne beleuchtet wird.
Im Hintergrund kann man die Mariazeller Bürgeralpe mit ihren Lift- und Abfahrtssschneisen erkennen, hier ist heute noch kein Publikumsbetrieb, wie wir beim Nachhausefahren (wir halten uns an die Empfehlung von Schwanda und wählen die Route über Terz und das Kernhofer Gscheid) erkennen können, wird die Sesselbahn von St. Sebastian offenbar zur Probe bewegt.
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Fazit: eine furiose Saisoneröffnung mit absolut traumhaftem Tiefschnee, wie wir sie eigentlich noch nie erlebt haben, die gefühlte Anstrengung im nachmittags durch den Temperaturanstieg etwas schwereren Schnee wird jedenfalls die Verwendung des Fahrradergometers im Keller in den nächsten Wochen etwas intensivieren.