Die Neuheiten des Winters in den Alpen
Jetzt wird's gemütlich, ab sofort wird gekuschelt. Denn die Wintersportorte in den Alpen haben die gute alte Zeit entdeckt. Sie beschwören die Wärme der Heimat als lauschigen Gegenentwurf zur hartherzigen Welt der Globalisierung und zum verstandsfreien Halligalli früherer Jahre. Das Pitztal ist stolz darauf, seine Saison nicht mit Robbie Williams eröffnet zu haben, sondern ganz ruhig und traditionell mit Glühwein und Maronen - das Motto laute ja jetzt "zurück zu den Wurzeln". Im Kleinwalsertal heißt das Schlagwort der Saison "Skifahren wie einst", im Bregenzer Wald kann man "Kuscheltraumtage" zu zweit einschließlich Pferdekutschenfahrt und Diner auf dem Zimmer buchen. Sogar der französische Retortenort Les Menuires in den Trois Vallees macht es sich heimelig und hat sich zum vierzigsten Geburtstag ein neues Gewand aus Holz statt Beton spendiert, getreu dem neuen Leitmotiv "gemütlich statt gigantisch".
Das wiederentdeckte Ruhebedürfnis der Winterurlauber schlägt sich auch auf der Piste nieder. Nicht nur in Grindelwald gibt es jetzt Tempo-Dreißig-Zonen für Langsamfahrer, der Zutritt für Pistensäue ist hier verboten. Dazu passend bieten die Skihersteller immer mehr gutmütige Bretter für Schneeflaneure an, sogenannte Allmountainski, die in Körperlänge gefahren werden, nicht mehr so stark tailliert sind und deutlich an Gewicht verloren haben, damit das Tragen nicht zur Last wird.
Schmuserocker auf der Piste
Das wird viele Skifahrer freuen und manche gleichgültig lassen - etwa in Zauchensee, das sich guter alter Sitten erinnert: Dort tragen in diesem Winter von der Gemeinde bestellte Kavaliere den Damen das Skigerät vom Parkplatz zur Liftstation. Rückwärtsgewandt geht es auch in Wagrain zu, das Nostalgie-Skirennen mit allem Drum und Dran vom Bienenwachs über Schnürschuhe bis zur Loden-Keilhose in den beiden Kategorien "Holzski mit Kanten" und "Holzski ohne Kanten" veranstaltet. Gleich eine ganze "Nostalgie-Weltmeisterschaft" findet in Saalbach statt, während in Tux im Zillertal "Weihnacht, wie sie früher war", gefeiert wird. Ganz auf Nostalgie wollen sogar die notorischen Krawallbrüder unter den Alpenorten nicht verzichten: Die Spaßhochburg Ischgl verpflichtete den Schmusepop-Opa Lionel Ritchie für ihren Saisonauftakt; das benachbarte Samnaun zerrte die in Ehren ergrauten Pensionistenrocker von "Status Quo" zum Konzert auf die Piste - da denkt jeder wehmütig an seine Jugend.
Moderner Komfort darf bei aller Retro-Sentimentalität allerdings nicht zu kurz kommen. Deswegen haben die Seilbahngesellschaften wieder viel Geld in die Verbesserung ihrer Infrastruktur investiert, allein in Österreich wurde mehr als eine halbe Milliarde Euro ausgegeben. Der letzte Schrei sind Sessellifte mit beheizten Polstern. Den Popo kann man sich jetzt in St. Anton, Zürs und Oberlech, in Schröcken-Warth, der Silvretta-Skiregion und im Pillerseetal wärmen lassen. Immerhin noch eine Achter-Gondel mit Ledersitzen und gepolsterten Armlehnen hat sich die Dachstein-Tauern-Region spendiert, während in Nauders, Mayrhofen, Bad Kleinkirchheim, Hintertux, Kitzbühel, Saalbach alte durch neue, wenngleich weniger spektakuläre Liftanlagen ersetzt wurden. Das gilt auch für Les Menuires, die Gebiete an Eiger, Mönch und Jungfrau, für Adelboden, Hasliberg und den Kronplatz. Im Tauferer Ahrntal ist dank einer neuen Kabinenbahn auf den Speikboden sogar die Piste mit der größten Höhendifferenz in Südtirol entstanden.
Geld zurück bei Mangel an Talent
Die elektronische Liftkarte, die Schranken mit einem Impuls öffnet und das lästige Nesteln überflüssig macht, haben endlich auch die sonst so innovativen französischen Liftgesellschaften eingeführt. Und das Prinzip des Kundenkönigs wird in Oberstdorf neu interpretiert: Hier sollten Gäste als verdeckte Ermittler die Qualität des aufgerüsteten Skigebiets testen. Auf die Güte der Natur kann man sich bei solchen Investitionen natürlich nicht verlassen. Deswegen sind abermals Hunderte von Schneekanonen installiert worden. In Österreich und Südtirol läßt sich inzwischen die Hälfte aller Pisten künstlich beschneien, in den Bayerischen Alpen sind es immerhin zehn Prozent, zehnmal mehr als noch vor fünfzehn Jahren. Umweltschützer beklagen zwar, daß es immer leichter werde, Schneekanonen aufzustellen, daß ihr Betrieb nun rund um die Uhr erlaubt sei und sogar oberhalb der Baumgrenze, also dort, wo Pflanzen besonders empfindlich auf Eingriffe von außen reagierten. Alle anderen aber freut es. Auch die Schweiz zeigt sich gegenüber den Kanonen zunehmend tolerant. Der Gesetzgeber verlangt inzwischen wenig mehr, als die Pisten chemiefrei zu beschneien.
Das alles muß bezahlt werden. Billiger wird das Skifahren in dieser Saison nicht. Laut ADAC, der die Preise in siebenhundert Wintersportorten verglichen hat, sind Liftkarten um ein bis drei Prozent teurer geworden - eine Anstieg, der kompensiert werden kann, denn allerorten gibt es Sonderangebote und Schnäppchenwochen. Mal fährt das Geschwisterkind umsonst Ski, mal die Großmutter, hier ist es am Saisonanfang besonders günstig, dort am Saisonende, und in Osttirol bekommt man bei der Buchung besonderer Pauschalarrangements sogar ein Paar Skier samt Bindung geschenkt. Wie sehr die Wintersportorte um Gäste kämpfen müssen, zeigen auch die vielen Angebote der Skischulen für Neu-, Spät- und Wiedereinsteiger, etwa in Bludenz, Meribel, Kramsach oder im Alpachtal. Im Salzburger Land bekommen erwachsene Skischüler sogar ihr Geld erstattet, sollten sie sich als zu unbegabt für die Piste erweisen.
Wellness für Minderjährige
Das demographische Desaster der europäischen Gesellschaften spiegelt sich schon jetzt auf den Pisten wider. Immer mehr Alte fahren Ski - in Klostertal findet in dieser Saison ein "Achtzig-Plus-Skitag" für besonders rüstige Greise statt -, und immer weniger Junge wollen in den Schnee. Deswegen gilt weiterhin dem skifahrerischen Nachwuchs die besondere Aufmerksamkeit der Wintersportorte. Kinderclubs, Windelskischulen und allerhand Maskottchen gehören längst zum Standard. So weit wie Arosa, das sich mit Haut und Haaren in die Arme der Disney Corporation geworfen hat und jedem kleinen Gast zur Begrüßung eine "Walt Disney Willkommens-Wundertüte" in die Hand drückt, gehen indes die wenigsten Schneedörfer. Die Beanspruchung der Kleinen ist trotzdem so stark, daß sie offenbar schon Erholung vom Urlaub brauchen. Deswegen werden immer mehr Kinderwellness-Angebote aufgelegt; ein Hotel im Dolomiten-Ort Sillian zum Beispiel lockt gestresste Jungskifahrer mit einem "Sprudel-Dufti-Bad" und allerlei anderen Entspannungsverlockungen für Minderjährige.
Das Generalmotto Gesundheit schwebt stärker denn je über den Alpen. In seiner neuesten Variante, der Nordic Fitness, ist es inzwischen bis in die finstersten Bergtäler vorgedrungen. Hinter diesem Sammelbegriff verbergen sich alle stockunterstützten Leibesübungen im Schnee vom klassischen Langlauf bis zum modischen Nordic Winter Walking. Das Netz an Winterwanderwegen ist dank der Popularität dieser Sportarten abermals ausgebaut worden, führend ist hier die Schweiz. Und daß Wellness weiterhin ein Mantra der Berge ist, versteht sich von selbst. Heiße Steine und kalte Wickel, Chi Yang und Chakra, Anti Aging und Body Wrapping gehören inzwischen zu den Alpen wie Kuh und Stall.
Renaissance des Rodelns
Trendsportarten hingegen spielen in diesem Winter kaum noch eine Rolle. Etwas lustlos wird im Eisacktal eine "Europameisterschaft im Luftmatratzen-Bordercross" angekündigt, ohne rechten Schwung heißt es hier und dort, daß man auch mit Snowbikes oder Airboards die Pisten bezwingen könne. Viel häufiger ist dafür - wie in der Zugspitzregion - von der "Renaissance des Rodelns" die Rede und von der wachsenden Beliebtheit traditioneller Fortbewegungsarten im Schnee wie Telemark oder Freeride. Die Tiefschneefreunde geben übrigens den augenfälligsten modischen Trend der Saison vor: Man trägt Sturzhelm als Accessoire für die eigene Sicherheit. Der Sportartikelhersteller Rossignol hat schon ein Modell mit integrierter Freisprechanlage entwickelt.
Überaus erfreulich ist, daß sich die Tendenz zum guten Essen und Trinken im Winterurlaub nicht als Episode, sondern mehr und mehr als Stützpfeiler erweist. Champagner-Verkostungen mit Kaviar und klassischer Musik im Hochzillertal, Degustationen steierischer Weine in Schladming, ein neues Bergrestaurant mit Lounge-Charakter und Schauküche in Serfaus, Blindverkostungen in Val Thorens, ein Käsefestival in Taufers und die Präsentation von Kunstwerken aus Schokolade in Madonna di Campiglio sind nur einige der vielen Verführungen für den Pistengourmet. Besonders verlockend ist die Möglichkeit, in den Trois Vallees eine Rebhuhnzuchtfarm zu besuchen und sich dort verköstigen zu lassen.
Liebesnest im Iglu
Weniger Bestand wird wohl ein Trend haben, der sich geradezu epidemisch in den Alpen ausgebreitet hat: Überall schießen Iglus wie Pilze aus dem Boden, im Bregenzer Wald, auf der Zugspitze, in Grindelwald, Flims, Scuol, Zermatt, Gstaad, Adelboden, Engelberg, Disentis oder in Sölden. Dort kann man im "Schneedorf" am Rettenbachferner auch einen Zweier-Iglu als "Liebesnest" buchen, inklusive Candlelight Night und Übernachtung im Doppelschlafsack. Dort drinnen wird es dann richtig gemütlich.
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Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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