erschienen am 14. Januar 2006 im Hamburger AbendlattAbfahren am Großen Arber
Bayerischer Wald: Wandel eines Winterziels. Millionen wurden in die Lifte investiert, um neue Skiurlauber anzulocken. Der Einsatz hat sich gelohnt.
Von Stefan Gruber
Vor gut sechs Jahren hat am Großen Arber die Zeitenwende begonnen. Inzwischen ist das letzte Großprojekt vollendet. 25 Millionen Euro wurden seit 1999 in die Seilbahnen gesteckt, heute ist das Wintersportzentrum am "König des Bayerischen Waldes" das modernste in einem deutschen Mittelgebirge.
Wie von Geisterhand öffnet sich der Bügel. Philipp hat seine Skistöcke fest in Händen, kauert in den weichen Liftpolstern schon in Startposition. Und los! Zwei kräftige Schübe - hinein geht's in die Familienabfahrt. Etliche rasante Minuten später zieht der Zehnjährige vor der Talstation der Sechsersesselbahn eine schneestiebende Bremsspur, fast wie Hermann Meier im Zieleinlauf der Lauberhorn-Abfahrt. Philipp ringt nach Luft und japst: "Suuuper! Gleich noch mal rauf!" Seine Mutter lacht: "Jetzt fährt er schon den zweiten Tag nur diese Bahn. Und wenn sein kleiner Bruder Florian den Skikurs beendet hat, wird es ihn wohl auch an den Sonnenhang ziehen."
Die Familie aus Karlsruhe, die zum ersten Mal ihren Winterurlaub im Osten Bayerns verbringt, erlebt hier ein Phänomen, wie derzeit viele andere Eltern mit Kindern auch: "Am Arber steigert sich der skifahrerische Fortschritt jetzt von rechts nach links", sagt Thomas Liebl - und liefert auch gleich die Auflösung der ungewöhnlichen Formel nach. "Rechts, am flachen Thurnhofhang, tummeln sich Skikurse und Anfänger. Links folgen Damen- und Familienabfahrt für die Aufsteiger, dann die Bayerwald- und Böhmerwaldstrecke für die Genießer und Carvingcracks, ganz links schließlich die schwarze Weltcupstrecke und der Osthang für die Könner."
Für den Chef der Arber-Bergbahn hat der neue Lift nicht nur eine logistische Lücke im Pistenverbund geschlossen, sondern diese erst möglich gemacht. Dazu kommt High Tech: Erstmals in Deutschland wurde eine Bahn realisiert, die speziell den Bedürfnissen der Kinder gerecht wird. Der extra-niedrige Einstieg nimmt den Pistenflöhen die Angst vor dem Lift, der doppelte und gepolsterte Bügel, der sich automatisch schließt und öffnet, ist während der Fahrt verriegelt und garantiert die nötige Sicherheit.
Derart hochmoderne Seilbahntechnik ist in keinem anderen Mittelgebirge zu finden, und selbst die bekannten deutschen Wintersportareale in den Alpen hinken meist hinterher. Als Thomas Liebl vor acht Jahren als Betriebsleiter an den Arber kam, war das noch anders. Da surrten ein betagter Sessellift und sechs nicht minder antiquierte Schlepper in Richtung Gipfel, die Skifahrer kamen meist aus der Region. Doch Liebl hat den höchsten Berg des Bayerischen Waldes aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküßt. Erbprinz Karl Friedrich von Hohenzollern hat ihm dazu den fürstlichen Auftrag erteilt.
Seit mehr als 130 Jahren besitzen die Hohenzollern aus dem fernen Sigmaringen weite Teile des Waldlandes nahe Böhmen. 44 Jahre lang fristete die Region das Schattendasein am Eisernen Vorhang. Zwar war nach dem Krieg in zaghaften Schritten ein Skigebiet am Großen Arber entstanden - Flugzeugsitze aus dem ehemaligen Messerschmitt-Werk in Regensburg bildeten den Grundstock -, ein nennenswerter Tourismus blieb aber aus. Selbst die Weltcup-Rennen, in deren Siegerlisten sich nach 1976 so namhafte Größen wie Ingemar Stenmark, Maria Epple oder Anita Wachter eintrugen, haben daran wenig geändert.
Erst 1999 begann eine neue Zeit. Eine Sechsergondel machte den Anfang, dann folgten der erste Sechsersessel, eine hochmoderne Anlage zur Beschneiung, schließlich der größte Fun- und Railpark für Snowboarder in Deutschland, jetzt der zweite Sechsersessellift und eine Schirmbar am Sonnenhang, der nun sogar nachts vom neuen Flutlicht erhellt wird. Die alten Lifte wurden demontiert, plötzlich war Platz für weitere Pisten. Die anspruchsvollste kreierte kein Geringerer als Bernhard Russi. Der Olympiasieger aus der Schweiz schuf die neue Weltcupstrecke, auf der sich 2004 Anja Paerson den ersten Sieg holte - vor Lokalmatadorin Monika Bergmann-Schmuderer aus dem nahen Lam.
"Am Arber haben sich ganze Welten verändert", sagt Ignaz Fischer. Er muß es wissen. 2006 werden es 25 Jahre, die der Passauer als Wirt die Arber-Schutzhütte betreibt. Gut 120 Jahre hat das knapp unterhalb dem 1456 Meter hohen Gipfel gelegene Haus, dessen markante Wand aus windgegerbten Lärchenschindeln viele Postkarten ziert, mittlerweile auf seinem Dach.
Früher begnügten sich die Gäste mit Linsensuppe und Eintopf, "heute sind die Ansprüche hoch", weiß Fischer. Seine thailändische Frau Somradee und Sohn Samuel sorgen in der Küche dafür, daß sie erfüllt werden. "Thai-Bay" heißt das Zauberwort im Schutzhaus. Die kulinarischen Kreationen aus fernöstlichen Genüssen und bayerischer Hausmannskost sind einmalig. Wie wär's zum Beispiel mal mit "Pichelsteiner mit Zitronengras"? Die Preise halten sich im Rahmen. Am Arber ist der Wintersport ein erschwingliches Vergnügen.
Nicht nur die Pistenfeger zieht es an Fischers Tisch, auch Wanderer haben den winterlichen Arber entdeckt. Ob zu Fuß auf dem präparierten Höhenweg oder mit Schneeschuhen querfeldein erobern sie sich das Plateau zwischen den beiden Nebengipfeln Seeriegel und Richard-Wagner-Kopf. Ein Winterwunderland wartet auf sie. "Die Arbermandl gibt es schließlich nur bei uns", weiß Ignaz Fischer und erklärt die Entstehung der skurrilen Figuren. "Wenn der Rauhreif an den Latschen gefriert, der böhmische Wind den Schnee an die Äste preßt, dann bildet sich daraus die schneeige Mandl-Form."
Die will sich auch Philipp nicht entgehen lassen. Den Abstecher von seinem geliebten Sonnenhang hinauf zum Gipfel hat er nicht bereut. "Echt cool", meint er staunend. "So was habe ich noch nie gesehen!"
Großer Arber: Wandel eines Winterziels
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Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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