„Im Jahr 2010 wird es nur noch eine Aletsch Bergbahn geben“

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Jay
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„Im Jahr 2010 wird es nur noch eine Aletsch Bergbahn geben“

Beitrag von Jay »

Aus der RZ Oberwallis:
Herbert Volken, „Dorfmeister“ im Feriendorf Fiesch und Bergbahnpräsident
„Im Jahr 2010 wird es nur noch eine Aletsch Bergbahn geben“

Fiesch / Er bezeichnet sich bescheiden als „Dorfmeister“ im Feriendorf Fiesch. Er präsidiert aber unter anderem die Bergbahn Fiesch-Eggishorn und prägt als Vizepräsident von Wallis Tourismus die künftige Tourismuspolitik wesentlich mit. Im RZ-Interview spricht er über die laufende Saison, über dringende Strukturanpassungen und seine Begegnung mit dem neuen Papst.

Von German Escher
Rahel Escher

Die erste Gästewelle ist vorbei: Wie war der Start in die neue Wintersaison?
Der Start in die neue Wintersaison war spät, aber gut. Wir hatten gute Pistenverhältnisse und schönes Wetter, aber die meisten Gäste sind aufgrund der ungünstigen Feiertags-Konstellation spät an- und nach zwei intensiven Wochen schon wieder abgereist. Ich muss sagen, im Dezember haben wir bei den Bergbahnen einen höheren Umsatz erwartet.

Spürt das Sport- und Feriencenter das Januarloch?
Für uns ist das Januarloch weniger gravierend als für die Hotellerie und die Parahotellerie. Der Jugendgruppentourismus ist nicht so anfällig. Ein grosser Teil unserer Gäste wird von Gemeinden, Städten und Kantonen zu uns ins Schul- oder Skilager geschickt – und eben mehrheitlich während der Schulzeit. Trotzdem ist aber die zweite Januarwoche auch für uns die schwächste Woche des Winters. Wir haben derzeit ca. 200 Gäste im Haus. Im Jahresdurchschnitt übernachten bei uns täglich etwa 400 Personen. Das sind nahezu 150'000 Übernachtungen pro Jahr. Fast die Hälfte der Logiernächte in Fiesch.

Entscheidend ist die Bettenbelegung?
Richtig. Diese liegt bei nur gerade 40 Prozent. Aber es gibt in Fiesch nur einen Betrieb mit einer besseren Bettenauslastung. Das Altersheim! Das ist allerdings ein schwacher Trost.

Fiesch hat Probleme, warum?
Unser Feriencenter konnte die Übernachtungszahlen in den letzten zehn Jahren kontinuierlich steigern. Gründe dafür sind das einmalige Sport- und Freizeitangebot und das hervorragende Preis-/Leistungsverhältnis. Aber insgesamt hat Fiesch doch einiges an Logiernächten verloren. Im Winter hat es vielleicht mit der Höhenlage zu tun. 1'050 Meter über Meer ist zwar gut für Herz- und Kreislaufpatienten, weniger geeignet aber für den Wintersport. Wir brauchen schneereiche Winter. Interessanterweise präsentiert sich die Situation in Österreich anders. Das Ziel der Abfahrt in Kitzbühel liegt beispielsweise bloss auf 600 Metern über Meer. Unser Klima ist einfach anders. Kommt hinzu, dass das Angebot unserer Mitbewerber nicht schlechter und nicht teurer ist. Die nicht gerade besonders gute Wirtschaftslage, der Spardruck und die ständige Angstmacherei tragen sicher auch dazu bei. Und meines Erachtens auch die zu vielen Tourismusorganisationen mit ihren schwerfälligen Gremien und langen, komplizierten Entscheidungsprozessen. Und schliesslich wird der Bergtourismus zunehmend durch billige Auslandangebote konkurrenziert. Die Jugend macht von diesen rege Gebrauch, sie ist halt selbständiger, beweglicher und mutiger als wir es damals waren – und hat auch mehr Sackgeld.

Sie haben in den letzten Jahren kräftig investiert. Sind die Jugendlichen anspruchsvoller geworden?
Ich bin nicht sicher, ob die Jugend­lichen oder ihre erwachsenen Begleiter wie Lehrer und Vereinsvorstände anspruchsvoller wurden. Aber wir haben in den letzten zehn Jahren tatsächlich 25 Millionen in die
Behindertentauglichkeit und Komfortsteigerung, in den Ausbau unseres Sport- und Freizeitangebotes und in die Sanierung der Unterkunfts- und Verpflegungsgebäude investiert. Das Gästeverhalten hat sich stark verändert. Die Ansprüche steigen. Aber es darf nicht mehr kosten.

Was fehlt dem Sport- und Feriencenter heute noch?
Uns fehlt ein Eisfeld, am liebsten eine Eishalle. Alles andere haben wir im Angebot.

Sie sind auch Bergbahnpräsident. Fiesch braucht das Eggishorn, von Peter Bodenmann auch als die „schönere Jungfrau“ bezeichnet. Zumindest in diesem Punkt sind Sie mit Bodenmann wohl einig?
Wir sind uns in vielen Punkten einig. Peter Bodenmann hat manchmal auch gute Ideen, kann diese aber den anderen Leuten oft nicht schmackhaft machen. So richtig gestritten haben wir uns eigentlich nie. Wir haben nur ein anderes politisches Gedankengut: Er ein gutes, ich ein besseres.

Aber die „schönere Jungfrau“ benötigt ein Facelifting?
Diese Ansicht teile ich. Heute fährt lediglich ein Fünftel aller Gäste bis aufs Eggishorn und diese Zahl ist noch eher abnehmend. Bei einem Fahrpreis von fast 40 Franken will der Gast mehr als nur den grössten Gletscher und die schönsten Berge sehen. Er sucht ein Erlebnis, ein Abenteuer, etwas Besonderes. Die Luftseilbahn Fiesch-Egggishorn hat deshalb ein Fachbüro beauftragt, Ideen zur besseren Positionierung unseres Hausberges zu erarbeiten. Im Verlauf des Jahres wird sich der Verwaltungsrat für eine der vier bereits vorliegenden, verrückten Ideen entscheiden. Dies obwohl Ideen und Visionen auch in Fiesch nicht in allen Kreisen willkommen sind. Mehr will ich heute nicht verraten. Bei jeder Idee handelt es sich um Projekte, die landesweit einmalig sind und es noch nirgends gibt. Wenn wir eines dieser Projekte umsetzen, bin ich überzeugt, dass künftig die Hälfte der Fahrgäste – und zwar Sommer wie Winter und bei jedem Wetter – bis aufs Eggishorn fahren werden.

Genügt dann die Bahnkapazität noch?
(schmunzelt) Sonst bauen wir die Bahn aufs Eggishorn aus oder weitere neue Anlagen dazu.

Hat die Luftseilbahn genügend Geld für solche Projekte?
Wenn man gute Ideen hat, lassen sich diese auch finanzieren. Davon bin ich überzeugt. Das haben erste Vorgespräche über einen möglichen Ausbau unserer Bahnen bereits gezeigt. Ich habe Zusagen für eine allfällige Mitfinanzierung und Ak­tienzeichnung.

Steigt die CDA am Eggishorn ein?
Die Compagnie des Alpes hat tatsächlich mit uns Gespräche geführt. Die CDA ist über die Riederalp ins Aletschgebiet eingestiegen mit dem klaren Ziel, das gesamte Aletschplateau an sich zu reissen. Ich denke, nur die Riederalpbahn allein wird die CDA auf Dauer kaum interessieren.

Wie sehen Sie die Zukunft der Bahnen auf dem Aletschplateau?
Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Die drei Aletsch Bergbahnen müssen schnellstmöglich enger zusammenrücken. Die Kooperation kann sich vorerst auf Marketing, Fahrzeugpark, Pisten- und Rettungsdienst etc. konzentrieren. Denkbar aber wäre auch eine Art Betriebsgemeinschaft mit nur einer Direktion und einem Verwaltungsrat. Das Richtige wäre wahrscheinlich eine Fusion.

Damit wäre auch die Grundlage für eine gemeinsame Strategie geschaffen?
So ist es. Heute will ein Unternehmen in Richtung Belalp expandieren, das andere den Grat zwischen der Moosfluh und dem Bettmerhorn durchbohren. Und wir sehen unsere Gebietserweiterung in Richtung Obertälli, Märjelen, Jungfraujoch. Wenn es nur eine Firma gäbe, wäre es einfacher, Ausbauprioritäten festzulegen.

Das tönt nach Zukunftsmusik?
Ich bin überzeugt: Im Jahr 2010 wird es nur noch eine Aletsch Bergbahn geben. Die heutige Doppel- und Dreispurigkeit kostet zuviel Geld, Kraft und Zeit. Hoffentlich haben wir den Mut, diesen Schritt zu wagen, bevor wir dazu gezwungen werden. Alle Beispiele der Schweizer Bergbahnen belegen: Jedem Unternehmen ging es nach der Fusion besser. Ich glaube, dass mein Nachfolger Präsident aller drei Bahnen, d.h. Präsident der neuen, grossen und einzigen Aletsch Bergbahngesellschaft sein wird.

Wie schlimm ist es für die Bergbahnen auf dem Aletschplateau, dass Brig-Belalp Tourismus nun doch die Aktiven von Aletsch Marketing erworben hat?
Die Bahnen überleben ohne die Überbleibsel von Aletsch Marketing. Die Bergbahnen auf dem Aletschplateau, die auch eine gewisse Brückenfunktion zwischen Brig und dem Goms wahrnehmen, wollten der Region einen guten Dienst erweisen. Alle hätten die Rechte kostenlos nutzen können. Ich war aber immer der Meinung, dass die Überbleibsel von Aletsch Marketing nicht 80'000 Franken wert sind. Jetzt hat Brig-Belalp Tourismus 81'000 geboten. Ich bin froh, dass Aletsch Marketing nun endlich endgültig liquidiert werden kann.

Sie sitzen in der ausserparlamentarischen Kommission zum neuen Tourismusgesetz. Wie sehen Sie die Finanzierung der Tourismusorganisationen in der Zukunft?
Seit Oktober 2004 arbeiten 21 Leute an der Revision. Obwohl wir bereits den elften Entwurf auf dem Tisch haben, ist noch nicht absehbar, was daraus schlussendlich wird. Die Sache ist sehr komplex. Zur Finanzierung nur soviel: Heute werden die Beiträge vor Ort einkassiert und ein grosser Teil davon dann an die Destinationen und an Wallis Tourismus weitergeleitet. Neu soll der Staat einkassieren und das Geld auf den Dachverband, die touristischen Regionen und die Gemeinden aufteilen. Die Hauptziele der Gesetzesrevision sind klar: Nebst der Mittelbeschaffung und deren Verwendung müssen die touristischen Regionen definiert und die Probleme der Zweitwohnungen mit ihren teilweise „kalten Betten“ geregelt werden. Alle Tourismusinteressierten sollen ihren Beitrag leisten und die Handhabung muss einfacher, die Vermarktung effizienter und schlagkräftiger werden. Zudem sollte es nachher nicht mehr möglich sein, unkorrekt abzurechnen. Wenn ich heute die Zahlen gewisser Stationen und Betriebe sehe, zweifle ich schon an deren Ehrlichkeit.

Bleiben die Destinationen und die vielen Verkehrsvereine bestehen?
Vorgesehen ist, dass es in Zukunft eine noch zu bestimmende Anzahl touristischer Regionen gibt, die aufgrund verschiedener Kriterien gebildet werden. Ob die Verkehrsvereine bestehen bleiben, ist noch ungewiss. Über die Notwendigkeit dieser Institutionen müssten meines Erachtens die jeweiligen Standortgemeinden entscheiden. Ich persönlich bin überzeugt, dass einige überflüssig sind. Vielleicht wären weniger mehr!

Wann wird das neue Gesetz in Kraft treten?
Noch ist die Kommission an der Arbeit. 2006 soll das Jahr des Tourismusgesetzes sein. Die Kommission will im März den Entwurf mit einem begleitenden Bericht abgeben. Ich nehme an, dass das zuständige Departement und der Staatsrat dieses Dossier zügig vorantreiben und das Gesetz in eine breite Vernehmlassung geben werden, um dann schliesslich dem Grossen Rat zur Beratung und Genehmigung vorzulegen. Ich hoffe, dass das neue Tourismusgesetz allerspätestens anfangs 2008 in Kraft gesetzt wird.

Geld ist das eine, Glaube und Gottver­trauen das andere. Daraus machen Sie keinen Hehl. Erst kürzlich haben Sie in einer TV-Reportage ihre religiöse Überzeugung betont. Warum diese Zurschaustellung?
Das ist keine Zurschaustellung. Ich habe von meinen Eltern gelernt, wenn man zu einem Weg- oder Gipfelkreuz kommt oder an einem Bildstock vorbeigeht, einen guten Gedanken zu machen und nach Möglichkeit eine Kerze anzuzünden. Das ist ein schöner Brauch, den ich auch weiterhin pflegen werde.

Sie gehen auch regelmässig nach Rom.
Ja, das stimmt. In Rom durfte ich schon manch schönes Ereignis erleben. Einmal war ich im Petersdom, als sich deutschsprachige Priester und Nonnen zur Beichte versammelt hatten. Weil ich genügend Zeit hatte und eine Beichte längst fällig war, habe ich mich diesen „eventuellen Mitsündern“ angeschlossen. Dass es sich beim Beichtvater um Kardinal Ratzinger, also den heutigen Papst, gehandelt hat, habe ich erst im Beichtstuhl erfahren. Übrigens: Die Busse, die er mir auferlegt hat, war sehr erträglich, er war gnädig mit mir!

Sie haben den Papst dann nach der Wahl noch einmal getroffen. Wie kam es dazu?
Papst Benedikt XVI. war wie sein Vorgänger im Aostatal in den Wanderferien. Dank den guten Beziehungen meines Jagdfreundes, alt Staatsrat Bernard Bornet, zur Regierung im Aostatal, war es uns möglich, dem Heiligen Vater auf einer seiner Wanderungen zu begegnen. Es war ein besonderer Moment für mich. Die Begegnung war einmalig und faszinierend. Sein Händedruck fühlte sich wie ein Stromschlag aus dem „elektrischen Viehhüter“ an. Ich habe dem Papst dann mein Bergführerabzeichen geschenkt. Er hat es aufmerksam angeschaut, sich dafür bedankt und es in seine weisse Soutane gesteckt. Ob der Heilige Vater das Walliser Führerabzeichen bei seiner nächsten Bergtour anstecken wird, weiss ich allerdings nicht.

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