XX. Olymp. Winterspiele: Statt Heidi-Idylle kühle Effizienz

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snowflat
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XX. Olymp. Winterspiele: Statt Heidi-Idylle kühle Effizienz

Beitrag von snowflat »

Turin und Sestriere: Statt Heidi-Idylle kühle Effizienz

Wenige Wochen vor den Olympischen Winterspielen fragt sich die Fiat-Stadt, ob sie mit ihrer pragmatischen Haltung wirklich Begeisterung für das Ereignis auslösen kann.

Der schönste Platz Turins ist die Piazza Castello: strenge barocke Pracht, im Hintergrund der Königspalast. Tagsüber brandet der Verkehr, während der Olympischen Winterspiele (10.-26. Februar) wird er abends verbannt. Ein Kultur- und Musikprogramm mit internationalen Künstlern soll das Publikum einstimmen. Punkt acht Uhr werden die TV-Kameras an- und alle Welt zugeschaltet. Fanfaren erklingen, Nationalhymnen werden gespielt, Hände geschüttelt: Medaillenvergabe.

Kein Zweifel, der weite Platz gibt einen würdevollen, einen prächtigen Rahmen ab. Doch nach Schnee riecht es hier nicht, die Berge sind nur am Horizont zu sehen. Die bange Frage lautet: Wird in der Metropole Turin das rechte Flair für Winterspiele aufkommen?

Das „Preußen Italiens“

Turin – das ist die Industriestadt Italiens, 900 000 Einwohner, Hauptstadt des Piemont, Stammsitz des Königshauses der Savoyer und des krisengeschüttelten Autobauers Fiat. Turin, das ist die nördlichste, die kühlste Metropole Italiens: Die Passanten auf der Via Roma, der schicken Einkaufstraße einen Steinwurf vom Bahnhof und der Piazza Castello entfernt, gehen schneller, entschlossener als die Menschen in Rom oder Florenz, ihr Gang ist zügig und zielstrebig. Von südlicher Leichtlebigkeit ist hier wenig zu spüren. Turin, das ist die Stadt der Effizienz und der Industrie. „Sogar die Straßenbahnen fahren hier pünktlich“, spottet das übrige Italien. Kein Wunder, dass die Piemontesen als die „Preußen Italiens“ gelten.

Effizienz bringt Vorteile. Keiner der 5000 anreisenden Sportler und Funktionäre braucht sich ernsthaft um das reibungslose Funktionieren zu sorgen: Die Wettkampfstätten sind längst getestet, die Eröffnungsfeier im renovierten Stadio Comunale eingeübt. Die meisten Wettkampfstätten liegen um das riesige Fiat-Gelände und sind keine Neubauten, sondern runderneuert. Auch in Turin und in Italien herrscht Ebbe in den Kassen, aber der Verzicht auf aufwändige Neubauten, spektakuläre Architektur und „Gigantismus“ passt auch gut zum Turiner Understatement.

Sestriere ist 100 Kilometer entfernt

Bei gutem Wetter, bei klarer Sicht, wenn nicht winterlicher Nebel über der Stadt und der Poebene liegt, schweift der Blick weit – dann strahlt der Kranz schneebedeckter Berge am Horizont. Fast 100 Kilometer entfernt sind Sestriere, Pragelato, Cesana, San Sicario und Bardonecchia, die Austragungsorte der alpinen und nordischen Skirennen sowie der Bob- und Rodelwettbewerbe.

Auch in Sestriere kommt man an Fiat nicht vorbei. Die Autofamilie Agnelli hat den Ort noch vor dem Zweiten Weltkrieg aus dem Boden gestampft. Aus dieser Zeit stammen auch die drei runden Hoteltürme. Sie waren damals ultramodern, heute muten sie eher wie Bausünden an – und gehören zum Athletendorf. Auch ansonsten dominiert die Architektur einer Retorten-Skistadt, ein Idyll ist Sestriere sicher nicht.

Zurück nach Turin, der schönen, strengen Metropole mit den breiten Straßen, die in der Innenstadt alle parallel laufen. Gänzlich „un- italienisch“, wie das Muster eines Schachbretts, ist Turin angelegt. Besonderes Merkmal sind die Arkaden der Innenstadt, die zum Flanieren einladen – und das auf einer Gesamtlänge von sage und schreibe 18 Kilometer.

„Spiele in einer von Bergen umgebenen Großstadt als Alternative zum traditionellen Postkarten-Idyll vom Typ Heidi“ – so vollmundig hatten sich seinerzeit die Olympia-Bewerber vernehmen lassen. Wenn abends auf der Piazza Castello die Medaillen vergeben werden, wird es sich zeigen: Kann Turin auch die Herzen erwärmen?


Die alpinen Austragungsorte der XX. Olympischen Winterspiele rund um Turin (10. bis 26. Februar) sind ein Paradies für sportliche Skifahrer ebenso wie für Gourmets. Wer aber Schweizer Gemütlichkeit oder österreichischen Hüttenzauber sucht, für den lohnt sich der weite Weg in die westlichen Alpen nach Sestriere nicht.

Im Alpinzentrum der Winterspiele ist die Nähe zu Frankreich unübersehbar. Die Fiat-Dynastie der Agnellis hat den Retortenort in den 30er-Jahren auf eine Passhöhe betoniert, über die einst Hannibal mit seinen Elefanten gegen Rom zog. Die Agnellis machten Sestriere bald zum Wintersport-Mekka der Turiner Gesellschaft. Wer in der piemontesischen Metropole etwas auf sich hält, besitzt hier ein Wochenend-Domizil.

Die Skiregion für Agnelli & co.

Freitagabends wälzt sich die Blechlawine rund 100 Kilometer die Täler hinauf. Am Sonntag trifft man sich wieder im Stau bergab. Die Woche über fällt Sestriere in einen Dornröschenschlaf. Die mächtigen Hoteltürme am Ortseingang sind Geschmacksache. Seit Jahren sind sie das Wahrzeichen Sestrieres und dienen nun bald den 1700 Athleten und Betreuern als Olympisches Dorf.

Architektonisch erinnert Sestriere an französische Ski-Orte. Die Ski-Arena aber ist typisch italienisch: Eine lange Promenade, auf der die Damen schon am frühen Nachmittag ihre Pelzmäntel ausführen, grenzt direkt an eine sanft auslaufende Skiwiese. Hier lernen die Bambini die ersten Schwünge, während ihre Eltern an einer der langen Bar-Theken den Ski-Tag mit einem Cappuccino und einem Cornetto gemächlich beginnen.

„Settimana Bianca“ mit ein bisschen Skifahren

Skiurlaub heißt in Italien nicht umsonst „Settimana Bianca“ (Weiße Woche) – von Ski fahren ist gar nicht die Rede. Denn für die Italiener heißt Skiurlaub nicht Kilometerfressen von früh bis spät, sondern gemütliches Starten, ausgiebiges Mittagessen auf einer der 30 Hütten und den Tag mit den letzten kräftigen Sonnenstrahlen am frühen Nachmittag bei einem Bummel durch den Ort ausklingen lassen.

Für sportlich ambitioniertere Naturen hat das einen Riesenvorteil: Die Pisten und Lifte sind meist angenehm leer. Vor allem Frühaufsteher und ausdauernde Skifahrer werden in Sestriere so belohnt. Und die rund 400 Pistenkilometer des „Via Lattea“-Verbundes haben es in sich. Nicht umsonst ist das auf 2035 Meter Höhe liegende und damit schneesichere Sestriere seit Jahren ein fester Bestandteil im Ski-Weltcup.

1997 fand hier die Ski-WM statt, und nun erhält Sestriere dank des Einsatzes des verstorbenen Fiat-Bosses Gianni Agnelli auch höchste olympische Weihen. Die schon gut ausgebauten Pisten und 88 Lifte wurden modernisiert. Für die Spiele wurden gleich drei neue Pisten geschaffen: Die spektakuläre „Kandahar Banchetta – Giovanni Nasi“ für Super G und Abfahrt, die „Sisses“ für den Riesenslalom und die „Kandahar Giovanni Agnelli“ für den Slalom. Den nach dem Fiat-Boss benannten Hang können Touristen unter Flutlicht auch noch am späten Abend hinunterwedeln.

Alberto Tomba lobt die Olympia-Pisten

„Mir tut es wahnsinnig leid, dass ich hier nicht mehr selbst starten kann“, schwärmt Italiens Skilegende Alberto Tomba von dem Slalom-Berg. Mit den Herren-Pisten in Sestriere ist aber nicht nur Tomba zufrieden: Die Trainer der großen Skinationen finden die Rennstrecken „technisch anspruchsvoll und olympiawürdig“. Für Normalskifahrer sind sie eine echte Herausforderung. Gar nicht so begeistert waren dagegen die Damen von ihren Pisten im benachbarten Cesana, wo auch die Bob- und Rodel-Wettbewerbe und die Biathlon-Rennen stattfinden.

„Das ist ja eine Autobahn“, spotteten die mittlerweile zurückgetretene deutsche Abfahrerin Hilde Gerg und die Österreicherin Renate Götschel nach den ersten Testrennen. Mittlerweile sind die Speed-Pisten für die Damen mit einigen in den Hang gearbeiteten Steilstücken verschärft worden. Normal-Skifahrer wären hier allerdings auch ohne das Pistentuning auf ihre Kosten gekommen. Cesana ist – ebenso wie der für sein wildes Nachtleben bekannte Freestyler-Ort Sauze d´Oulx – ans Ski-Karussell „Via Lattea“ rund um Sestriere angebunden.

Geheimtipp Cesana

So schaukeln die Skifahrer ohne lange Wartezeiten bequem rund um den 2800 Meter hohen Motta-Gipfel von Sestriere. Und wem nach dem allmorgendlichen Cappuccino der Sinn nach einem Café au lait steht, der kann auf Skiern auch einen Abstecher ins französische Montgenèvre machen. Wer im Skiurlaub auch mal bummeln will, sollte sich in Cesana ein Quartier suchen. Das Alpenstädtchen hat im Gegensatz zu Sestriere ein gewachsenes Zentrum mit gemütlichem Flair.

Außerhalb des „Via Lattea“-Verbandes lockt das verschlafene Bardonecchia vor allem Genuss-Skifahrer an, die keine riesigen Skigebiete suchen. Während der Spiele wird es aber ausnahmsweise laut, denn hier werden die Snowboard-Wettbewerbe ausgetragen – und bei denen gehört laute Musik einfach dazu. Ganz anders ist das bei den Stille suchenden Langläufern. Die zieht es selten bis zur Passhöhe von Sestriere. Die nordischen Sportler sind vielmehr im Hochtal von Pragelato zu Hause, wo auch die Skispringer um Medaillen kämpfen.
Bilder von Sestriere:

Blick auf Sestriere: Bild

Die Bob-Bahn: Bild

Sestriere ist mehr ein Retorten-Skiort: Bild

Die Maskottchen der Winterolympiade „Neve und Gliz“: Bild

Blick auf Sestriere bei Nacht: Bild

Das Olympiadorf in Sestriere: Bild

Die Pisten von Sestriere werden von Profis gelobt: Bild


HIER gibts noch 20 Bilder von Turin. Bei Ansicht schon schwer vorstellbar, dass es sich dabei um die Stadt handelt, die olympische Winterspiele ausstattet.

Quelle Text- & Bildmaterial: Focus/DPA
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!

Jay
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Re: XX. Olymp. Winterspiele: Statt Heidi-Idylle kühle Effizi

Beitrag von Jay »

snowflat hat geschrieben:Bei Ansicht schon schwer vorstellbar, dass es sich dabei um die Stadt handelt, die olympische Winterspiele ausstattet.
Money rules. Drecks Verbände!

Jakob
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Fiescher
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Beitrag von Fiescher »

Richtig!!!!

Wie ich schon woanderst sagte, das Wallis wäre von der Kullisse und auch so besser für die Spiele gewesen und die Enfernungen kürzer als in Turin und das ganze Rhonetal in die Spiele eingebunden gewesen. Von Ulrichen den Nordischen Disziplinen bis nach Martinach wo u.a. Eishockey geplant war....

Ich war Ende September in Turin, es ist weiterhin eine stinknormale norditaliensiche Industriestadt, wo bischen gebaut wurde, u.a. noch am Stadio Communale, aber von Olympia usw. hat man überhaupt nix gespürt....
Und ich kenne Turin schon seit Ende der 90er und war auch öfters dort...
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b12
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Beitrag von b12 »

es ist schade das es nicht im Sion (schweiz) ist. war viele male besser gewesen. :(
10. /17 märz LAAX
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