Kaunertal: Wir bereuen nichts
Vor 25 Jahren wurde das Gletscherskigebiet im Tiroler Kaunertal erschlossen. Das befürchtete Remmidemmi blieb aus
Von Peter Hays
Pfarrer Hubert Rietzler wirkt nicht so, als ob er etwas zu beichten hat. Die Frage, ob der fast ganzjährige Wintersportbetrieb in seiner Gemeinde auch kritische Geister, um nicht zu sagen Widerständler auf den Plan gerufen habe, quittiert er mit mildem Lächeln und einem Kopfschütteln. Eher wittert er einen Zweifler in dem Mann, der nach 25 Jahren wieder ins Kaunertal kommt, um zu schauen, was geworden ist seit damals. Damals hatten die Kaunertaler ihren Weißseegletscher skitouristisch erschlossen und dafür viel verbale Prügel bezogen. »Weißgoldgräber« wurden ausgemacht, »profitgierige Spekulanten und kurzsichtige Dorfpotentaten« ebenso wie »Geschäftemacher, die das Kaunertal verkrüppeln«. Mit »Flachland-Industriellen, die etwa Chemikalien in den Rhein schütten«, wurden die Kaunertaler verglichen. Der Mann hatte sie gegen die polemischsten Kritiker verteidigt und in der ZEIT geschrieben: »Für Fremde sind die Kraxelberge nur schöne Staffage, ein Einheimischer muß von ihnen leben wie der Fischer vom Meer.« Jetzt ist er wiedergekommen, um zu sehen, ob das Urteil damals einen Tick zu blauäugig war.
Ortspfarrer Rietzler, im 1275 Meter hoch gelegenen verschneiten Feichten, kann wohl keiner verdächtigen, der »allmächtigen Seilbahnlobby« anzugehören, die der Volkskundler und Schriftsteller Hans Haid überall in Tirol ortet. Auf einer Skala, die von Unmut bis Groll reicht, prangert Haid seit Jahrzehnten die skizirzensische Entwicklung im Tiroler Oberland an. Aber als Kaunertaler Gewissenshüter, noch dichter dran am Geschehen als Haid, konnte Hubert Rietzler bislang unter den Einheimischen keine Reumütigen entdecken, die bedauern, dass oben auf dem Gletscher nun die Snowboarder und Carver unterwegs sind. Er entbietet ein wie aus Alpenfels gehauenes Statement: »Die Kaunertaler schuften fast allesamt im Fremdenverkehr. Das ist ein Imperativ für sie. Die unnachgiebige Härte der alpinen Natur legt ihnen nach wie vor den Existenzkampf mit in die Wiege.«
Der Pfarrer freut sich über die bunten Schmetterlinge im Schnee
Der Geistliche verweist auf die Talchronik. Die wird, fährt man von Feichten aus die 29 Kehren der 26 Kilometer langen Mautstraße ins Gletschergebiet hoch, siedlungsmäßig veranschaulicht. Links, auf etwa 1400 Meter, ist der letzte bergbäuerliche Hof, bewirtschaftet von der Familie Stadlwieser, zu sehen. Rund 200 Höhenmeter weiter oben liegen verwitterte Grundmauerreste verstreut auf einer Hochwiese. Hier lebten einmal alteingesessene Almbauerndynastien – bis sie Mitte des 19. Jahrhunderts, als man die Bäche noch nicht regulierte, von ständigen Muren und Lawinenabgängen vertrieben wurden. Ganze Familien wanderten bis ins Elsass aus, wo sie sich etwa als Zimmerleute verdingten. Damals zählte das ganze Kaunertal nur noch 330 Einwohner. »Aber heute«, resümiert Pfarrer Rietzler, »dank Tourismus, der fast alle hier ernährt, ist die Bevölkerungszahl wieder auf 600 gestiegen. Und unser Vereinsleben floriert wieder. Rund sechzig Leut’, also etwa jeder Zehnte, spielen zum Beispiel bei der Kaunertaler Musi’ mit.«
Zäh wie die Zirbelkiefer, die hierzulande bis auf 2500 Meter gedeiht und selbst 40 Grad minus überlebt, wirkt Hubert Rietzler. Längst habe er die siebziger Marke im Lebensslalom umwedelt und genieße, als Brettlrutscher der alten Tiroler Schule, auch mal selbst den Ferner, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Er erinnert sich noch gut, aber nicht wehmütig an die sanft geschwungenen, jungfräulichen Schneepolster der Gletscherregion, bevor diese von 1980 an mit einem Geflecht von Sessel- und Schlepplifts überzogen wurde. Heute gibt es dort oben einen Funpark mit Halfpipe und Obstacles für die Snowboarder, die etwa ein Drittel aller Wintersportler im Kaunertal ausmachen. Das übrige Brettlvolk findet ein Tummelrevier in der Größe eines Weilers mit den Fichtenholzhütten der Skiverleiher, den Aufwärm-Iglus der Skischule und einem Panoramarestaurant mit Freeflow, sprich Selbstbedienung. Zurzeit schreibt der Dorfpfarrer an einer Version des göttlichen Schöpfungsakts, die im Kaunertal spielt: »…und ziemlich bald nach dem Licht schuf Er die Bewegung…« Das könne man auch auf jene Skifahrer, Snowboarder und Freerider münzen, die selbst im Sommer zum hochalpinen Carven und Powdern kommen: »Ein herrlicher Anblick droben auf dem Firn und Bruchharsch. Die kommen mir vor wie ein Schwarm bunter Schmetterlinge.«
Vor dem Hotel Kirchenwirt dampfen die Misthaufen
Freilich muss auf derlei unerwarteten Enthusiasmus, wenn auch aus glaubwürdigem Munde, der eigene Lokalaugenschein in Feichten folgen. Investigativer Eifer ist in diesem recht kompakten Dorf auch heute nicht vonnöten. Vom Ortsbild geht für jedermann sofort die Botschaft aus: Die von Hans Haid etwa im Ötztal gesichtete »Beleidigungs-Architektur« hat bislang nicht Einzug gehalten. Keine paar Dutzend Meter vom vornehm, aber altbewährt mit Zirbenholz getäfelten Hotel Kirchenwirt dampfen die Misthaufen. Almbauer Edi Lentsch schaufelt den Schnee vorm Stall, in dem sein Grauvieh überwintert. Kleine Zeichen neuen Wohlstands gibt’s zwar schon, wie die prächtig geschnitzten Balkone an einem Chalet, die sein Besitzer morgens penibel schneefrei bürstet. Doch insgesamt ist die Skyline der Hotelfirste so niedrig und dem Lokalkolorit angepasst, dass selbst ein zurückgekehrter Auswanderer nicht übermäßig staunen würde. Auch die paar Après-Schuppen wie Zappa Dello oder die niedliche kleine Pfiffalm deuten an, dass die unter dem Dachbegriff »Porno alpin« etwa von Hans Haid in Sölden gesichtete »Dreiheit Ski, ZENSIERT und Suff« sich hier nur schwerlich entfalten könnte.
Eher typisch für Feichten sind (im Sommer) die »Fledermausnächte«, bei denen Gäste das Nachtleben der Fauna im Naturpark kennen lernen. Und Triebhaftigkeit ohne Hüllen bieten allenfalls die einheimischen Steinböcke während ihrer Brunstzeit – falls man ein gutes Fernglas dabei hat. Nachdem die Steinböcke schonungslos dezimiert worden waren, auch durch die Kaunertaler selbst, die von der Armut zum Wildern getrieben wurden, ließ man ab Mitte des 20.Jahrhunderts via Pitztal neues Wild einwandern. Heute hat sich die Steinbockbevölkerung auf etwa 500 vermehrt.
Sollten die Kaunertaler also, anders als in manchem Tiroler Remmidemmi-Tal eine geschickte Balance zwischen Naturschutz und skiwirtschaftlichen Interessen gefunden haben?
Eugen Larcher ist Feichtener Altbürgermeister, Kirchenwirt, Geschäftsführer der Gletscherbahngesellschaft und nicht zuletzt seit seiner Jugend leidenschaftlicher Bergsteiger. Als »Niederschlagsbeobachter« der Tiroler Wasserwerke war er früher bis auf einer Höhe von 3300 Metern unterwegs und kennt sich aus mit Bergen und Lawinen. Bei denjenigen, die ihm skilifttechnischen Overkill vorwerfen, gilt er als einer der besagten »Weißgoldgräber«. Steigt er, um sein Weißgoldvermögen nicht zu deutlich zu zeigen, erst unten im Inntal in eine standesgemäße Limousine? Der Larcher Eugen lächelt: »Na, mehr als diesen gebrauchten BMW, günstig gekauft, hob i’ net.« Bislang wurden »zirka vierzig Millionen Euro« in die Gletscherbahnen investiert, und noch seien die Eigentümer, Talgemeinden und deren Agrargemeinschaften, von keinem Tröpfchen jener Profitniederschläge berieselt worden, von denen immer wieder gemunkelt wird. »Vor sechs Jahren, nach dem Lawinenunglück in Galtür, gab’s auch im Kaunertal einen Imageverlust. Wir haben damals eine Durststrecke durchgemacht. Die Pitztaler Liftkollegen haben uns aus der Klemme geholfen durch den Kauf von Anteilen bei uns. Inzwischen schreiben wir, bei optimistischer Bilanzierung, eine schwarze Null.«
Einem Bergkenner wie dem Eugen Larcher entlockt man auch ohne Tarn-Skimütze eines Schnee- und Eis-Wallraffs durchaus Selbstkritisches. Er macht keinen Hehl aus den Fauxpas der ersten Gletscherski-Jahre: »Da haben wir zum Beispiel die Continental-Leute ihre Reifentests direkt auf dem Ferner machen lassen. So was ist mittlerweile tabu. Frostschutz- und Schneekettentests machen die Hersteller jetzt nur noch auf der Straße.« Er zeigt zur linken Hand auf den Gepatschfener: »In etwa hundert Jahren ist der um rund zwei Kilometer zurückgewichen.« Ist das nicht Schmelzwasser auf die Mühlen des Hans Haid, der »die touristische Nutzung« des nur bedingt ewigen Eises, »um die Skilaufhorden zufrieden zu stellen«, scharf kritisiert? »Wir haben bewusst nur ein eng begrenztes Gebiet erschlossen«, kontert Geschäftsführer Larcher, »lediglich etwa fünf von unseren insgesamt zweihundert Quadratkilometern.« Und der Einsatz von 17 Schneekanonen auf dem Ferner, trägt der nicht zum Treibhausklima bei? »In den letzten grünen Wintern«, erklärt der Lawinenexperte, »waren die ein wichtiger Sicherheitsfaktor. Mit ihnen konnten wir den ersten spärlichen und damit lawinenträchtigen Schwimmschnee festigen. Gletscherschmelzende Wärmeperioden sind global, nicht lokal bedingt. Die hat’s immer wieder gegeben. Beim Bau der Mautstraße vor fünfundzwanzig Jahren haben wir fünftausend Jahre alte Zirbelbaumreste unterm Eis ausgegraben.«
Auf dem Dach des Kaunertals haben vor dem Gletscherrestaurant Weißsee, auf 2750 Meter Höhe, Pfarrer Rietzlers bunte Schmetterlinge hundertfach ihre Geräte im Tiefschnee aufgepflanzt. Zusammengerechnet landen pro Jahr etwa 300000 auf dem Ferner. 32 Kilometer an Pisten sind auf einer Höhe zwischen 2150 und 3160 Metern trassiert. Das klingt doch nach Sättigungszahlen. Warum also plant die Gletscherbahnen GmbH eine »Zu- und Rückbringerbahn« auf die 3535 Meter hohe Weißseespitze? »Wir brauchen so einen hohen Lift für den Herbst, wenn die vielen Mannschaften bei uns trainieren, und für den sonnigen Firnschnee-Frühling. Ohne die beiden Jahreszeiten geht die Rechnung nicht auf – bei unserer niedrigen Gästebettenzahl.« Denn in der Bettenliga der Tiroler Gletschergebiete sei man absolutes Schlusslicht: mit 1700 weit hinter dem Stubaital (8000), dem Ötztal (10000) oder dem Zillertal (30000).
Zur Beruhigung gibt der Umweltschützer Larcher ein paar Neuigkeiten mit auf den Weg ins Flachland. Unlängst wurde der Betrieb der Bergstation von Diesel auf Hydrostrom vom Stausee umgestellt. Und: »Demnächst kommen Solarzellen aufs Dach des Gletscherrestaurants.«
Was erneuerbare Energie angeht, da ist das Kaunertal ganz vorn mit dabei.
INFORMATION
Anreise: Mit dem Auto über Füssen und Reutte oder München–Garmisch- Partenkirchen zum Fernpass und dann via Landeck und Prutz zum Kaunertal. Mit der Bahn bis Landeck und weiter mit dem Postbus über Prutz nach Feichten
Gletscher: Die 26 Kilometer lange Mautstraße von Feichten (von 7 bis 17 Uhr offen) zum Gletscher wird regelmäßig geräumt, Winterreifen sind ein Muss. Wer einen Skipass hat, zahlt keine Mautgebühr. Die Tageskarte kostet 33 Euro in der Hauptsaison, der Skipass für vier Tage 111,50 Euro, für sieben Tage 164 Euro
Unterkunft: Doppelzimmer mit Frühstück im Privatquartier pro Person zwischen 17 und 30 Euro, im Hotel mit Halbpension zwischen 29 und 105 Euro. Ferienwohnungen zwischen 26 und 95 Euro pro Tag
Pauschalen: Zahlreiche Angebote, etwa vom 4. 2. bis 7. 4. donnerstags bis sonntags drei Übernachtungen, Drei-Tage-Skipass, Skibus, Mautgebühr ab 165 Euro
Auskunft: Tourismusverband, Tel. 0043-5475/2920, www.kaunertal.com
25 Jahre Kaunertaler Gletscher
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25 Jahre Kaunertaler Gletscher
In "Die Zeit" wurde vom 25jährigem des Kaunertaler berichtet:
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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