Olympia 2010: Neue Skigebiete in Canada

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pistenraupe
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Olympia 2010: Neue Skigebiete in Canada

Beitrag von pistenraupe »

Aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 26.02.2006 ein Bericht über das Entstehen neuer Skigebiete in Canada im Zusammehang mit den XXI. Olympischen Winterspielen

Olympia 2010
Nach den Spielen ist vor den Spielen
Von Andreas Lesti

27. Februar 2006 Nur zum Vergleich: Wenn ein Kanadier einen Christbaum braucht, dann geht er einfach in den nächsten Wald. Er marschiert eine Weile durch den Schnee, hebt den Kopf und blickt in die Kronen riesiger Nadelbäume. Murmelt so etwas wie „Der ist gut”, legt die Motorsäge an und bringt eine 20-Meter-Tanne zu Fall. Dann sägt er die Spitze ab und geht mit dem Christbaum nach Hause.

In entlegenen Winkeln British Columbias, wo die Orte Revelstoke, Silverstar oder Big White heißen, erzählt man den Gästen gerne solche Geschichten. Und ob sie nun stimmen oder nicht, so sagen sie doch einiges aus über das Verhältnis der Kanadier zu ihrer unerschöpflichen Natur. Wälder voller Christbäume, die sich an die Bergrücken schmiegen, und Bergrücken, die sich bis zum Horizont übers Land krümmen. Und vielleicht erzählen Kanadier solche Geschichten auch deshalb, weil sie Europäern verständlich machen, was in Orten wie Revelstoke, Silverstar und Big White gerade passiert.

Ein neues Skigebiet für 600 Millionen Euro
Das Logo der Winterspiele 2010

Im letzten Sommer gingen am Mount MacKenzie, dem Hausberg von Revelstoke, auch Männer mit Motorsägen in den Wald. Jedoch nicht, um Christbäume zu fällen, sondern um eines der größten Freizeitprojekte Kanadas vorzubereiten - das Mount MacKenzie Resort, von dem sich die Regierung einen Aufschwung für die ganze Region erhofft. Knapp 600 Millionen Euro geben Privatinvestoren bis 2010 aus, um an den Bergflanken ein Skigebiet und ein Feriendorf mit 16 000 Hotelbetten zu errichten. Das Skigebiet bekommt 25 Lifte und 100 Abfahrten mit rund 140 Pistenkilometern. Nur zum Vergleich: Das ist etwa so groß wie Kitzbühel und immerhin halb so groß wie Whistler, das nordamerikanische Maß des Alpinskifahrens. Und mit der Abfahrt vom Gipfel hinunter ins Tal des Columbia Rivers wird man Whistler mit 1945 Metern in Sachen „größte Höhendifferenz Nordamerikas” sogar schlagen. Diese Whistler-Vergleiche sind genausowenig zufällig wie der Zeitplan: 2010 soll sich das Resort als ein „internationaler Starwintersportort” präsentieren. 2010, wenn Whistler und Vancouver die Olympischen Winterspiele austragen und die Welt drei Wochen auf British Columbia blickt.

Noch geht es in Revelstoke allerdings gemächlich zu. Mit Motorschlitten beladene Pick-ups fahren über die First Street, am 1-Dollar-Shop, dem China-Restaurant und dem Antiquitätenladen vorbei, und beim Supermarkt, der Tankstelle und dem Eisenbahnmuseum haben sie das kleine Zentrum schon wieder verlassen. Der Ort verdankt seine Existenz der Canadian trans-continental transportation route, der Eisenbahnverbindung quer durch Kanada, die Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Im Railway Museum zeugen Schwarzweißbilder von Loks mit riesigen Schneepflügen von der Hölle des Eisenbahnbaus und der Vergangenheit des Ortes. Denn die 18 Meter Neuschnee pro Winter, der Wert, der für den Ort heute so wichtig ist, gab es natürlich damals auch, und diese Massen mußten mühevoll beiseite geschafft werden. 18 Meter trockener, pulvriger Schnee brachten den Selkirk und Monashee Mountains siebzig Jahre später den Namen powder triangle ein - ein geographisches Dreieck, dessen Eckpunkte Golden, Rossland und Revelstoke markieren. Und 18 Meter Schnee ist, wie Einheimische gerne bemerken, genau die doppelte Menge, die Whistler durchschnittlich bekommt. Nur zum Vergleich.

„2,5 Millionen potentielle Kunden”
Skifahren in British Columbia ist bisweilen abenteuerlich

Daß dies traumhafte Wintersportbedingungen sind, hat ein gewisser Clyde Newsome schon vor 30 Jahren erkannt. Newsome ist eine kleine und schrullige Erscheinung. Seine grauen Haare sind zerzaust, seine Klamotten abgewetzt, und seine viel zu große silberne Brille hängt ihm schief übers Gesicht. Doch dahinter blitzt die Schlauheit aus seinen Augen. Damals hat er das Catskiing-Unternehmen CAT Powder gegründet. Bei dieser Variation des Skifahrens fahren umgebaute Pistenraupen Skifahrer und Snowboarder hinauf auf den Gipfel des Mount MacKenzie, von wo sie dann durch unberührte Tiefschneehänge hinunterschweben. Als es nun um das neue Resort ging, mußten die Investoren erst zu Clyde Newsome, weil die Nutzungsrechte des Berges bei ihm lagen. Und? Newsome kneift die Augen zusammen und sagt: „Nein. Ich habe das Projekt von Anfang an unterstützt.” So wie jeder im Ort habe auch er die Chancen für Revelstoke gesehen. Er schiebt seine Brille zurecht: „Die Verbindungsstraße zwischen Whistler und Banff passieren im Jahr fast 2,5 Millionen Menschen. Und das sind alles potentielle Revelstoke-Kunden.”

Andy Freeland arbeitet seit 23 Jahren als Skiführer für Clyde Newsome und gehört zu den Menschen, die nun eine „Chance für sich selbst” sehen. Nach einem langen Tag am Mount MacKenzie sitzt er auf einem Barhocker in der Catpowder-Lodge, und sein Blick ist auf die Biergläser im Regal hinter dem Tresen gerichtet. Seine Kollegen sitzen nur wenige Meter entfernt und unterhalten sich über den Tag. Freeland beginnt zu flüstern: „Die anderen wissen das noch nicht, aber Sie sollten es wissen: Ich werde mir bald meinen Traum erfüllen und ein eigenes Heliski-Unternehmen eröffnen.” Er schaut wieder verstohlen zum Nachbartisch, seine Stimme wird noch leiser: „Na ja, Catskiing ist nicht schlecht, verstehen Sie mich da nicht falsch. Man kann es bei jedem Wetter machen, und es ist nicht so teuer wie Heliskiing. Aber wenn das Wetter gut ist, dann kann Heliskiing einfach nichts schlagen.”
"Wir sehen uns 2010 in Vancouver" - ein Gruß der kanadischen Athleten an die Turiner

Freeland war gerade 14 Jahre alt, als die ersten Helikopter mit zahlenden Kunden in die Monashee Mountains flogen. Als er den Hubschraubern hinterherblickte, da erkannte er sein Lebensziel, das er nun, nach 23 Jahren Catskiing, verwirklichen will: Mit zwei Partnern eröffnet er das Heliski-Unternehmen Eaglepass und will den beiden ansässigen Kompanien CMH und Selkirk-Tangiers Konkurrenz machen. Er weiß, daß sein Erfolg an der Entwicklung Revelstokes hängt: „Das schwierigste wird sein, ein internationales Publikum nach Revelstoke zu bekommen. Irgendwie muß es uns gelingen, eines der Star-Skiresorts Nordamerikas zu werden.” Es klingt, als wäre das ganz einfach. So einfach wie die Zukunft von CAT Powder. Da der Mount MacKenzie zum Skiresort wird, müssen die Pistenraupen einen anderen Berg hinauffahren. Und weil es so viele gibt, nimmt man einfach den Mount Cartier, den Berg neben dem Mount MacKenzie. In den Alpen wäre das undenkbar. Hier ist es noch dazu ein wunderschöner weißer Zacken, der auch Clyde Newsome zufrieden stimmt.

Regen statt Schnee

Auf dem Weg von Revelstoke nach Whistler liegt ein Ort namens Silverstar. Und auch dort gibt es Menschen, die über Olympia und das Jahr 2010 nachdenken. Norman Kreutz hat sich vor allem im letzten Winter seine Gedanken gemacht. Der letzte Winter, so muß man wissen, war in Whistler nicht unbedingt der beste, und das ist natürlich ein wunderbarer Ansatzpunkt. Denn genaugenommen war es sogar der schlechteste seit 1977. Mitten im Januar fiel bis auf 2000 Meter Höhe Regen, und das ist so ziemlich das Schlimmste, was einem Skigebiet passieren kann. Schließen mußte Whistler zwar keinen einzigen Tag, aber trotzdem spricht sich so etwas herum. Kreutz ist seit einigen Jahren „Director of Snowsports” in Silverstar und sagt: „Wir hängen von der Whistler-Publicity ab, und letzte Saison dachten die Leute, bei uns sei auch kein Schnee. Dabei hatten wir zwei Meter.” Und dann hat sich Kreutz gefragt, was Whistler eigentlich machen wird, wenn der Winter 2010 auch so schlecht werden sollte? „Warum sollten die Alpindisziplinen bei Schneemangel nicht zu uns ausweichen?”
Vorfreude in Vancouver

Noch vor einem Jahr war das Silver Star Mountain Resort ein kleines Skigebiet mit gerade mal sieben Liften, 3500 Betten, etwa 330.000 Besuchern pro Wintersaison und dem Charme eines Silberminendorfes aus dem 19. Jahrhundert: eine schneebedeckte, autofreie Hauptstraße, viktorianische Architektur mit bunten Fassaden und ein Saloon mit einem Pferdegespann vor den Schwingtüren. Ein aus der Zeit gefallener Ort, der seine Modernität dem zweiten Blick vorbehält.

Im hölzernen Skikartenschalter stehen modernste Computer, das Skizentrum verleiht die neusten Carving- und Snowboard-Modelle, der Saloon serviert Caramel-Macchiatos, und an der Townhall hängt ein kleines Wireless-Lan-Schild. Der Aufschwung Silverstars liegt an australischen Investoren, die das Resort zusammen mit dem benachbarten Big White vor fünf Jahren übernommen haben. Zehn Millionen Euro wurden seither investiert. Und in dieser Saison hat man das Skigebiet um einen Abschnitt namens Silver Woods erweitert. In Silverstar hat man das Skigebiet mal eben um 54 Prozent vergrößert. Nur zum Vergleich: In den Alpen erweitert man Skigebiete höchstens um zwei oder drei Abfahrten. Und auf die nächste Stufe des Gigantismus verweist die Baustelle an der Mainstreet. Nächste Saison soll die Snowbird Lodge eröffnen, eine riesige Wohnanlage mit Ski-in-Ski-out-Luxus-Apartments. Es geht Schlag auf Schlag in Silverstar, und deswegen träumt Norman Kreutz ein bißchen von den Spielen 2010.

„We're done!”
Paßt! Rogge rüstet sich schon für die nächsten Winterspiele

Doch der reale Olympia-Countdown läuft immer noch in Whistler: Wenn in vier Jahren die 21. Winterspiele beginnen, dann werden dort die Hälfte aller Wettbewerbe stattfinden. Und allen Kritikern zum Trotz präsentiert sich Whistler schon jetzt so ähnlich wie Sestriere. Tourismusmanagerin Catherine Adams sagt kurz und bestimmt: „We're done!” Und wenn man dann mit ihr durch den Ort geht und über die Pisten fährt, dann hat man eigentlich keine weiteren Fragen. Ein paar Um- und Ausbauten und einige wenige Neubauten werde es noch geben, sagt Adams - das wars dann. Olympia kann kommen. Und mit großem Publikum wisse man ohnehin umzugehen. Zwei Millionen Besucher kommen jährlich nach Whistler.

Auch am Skigebiet Whistler/Blackcomb perlt die Kritik so ab, wie der Regen im letzten Jahr an den Goretex-Skijacken. 37 Lifte, drei Gletscher und mit 280 Pistenkilometern das größte zusammenhängende Skigebiet Nordamerikas - das spricht für sich. Nur zum Vergleich: Ischgl hat 210, St. Moritz 160, Garmisch 60. Wenn also der Winter 2010 nicht der schlechteste seit 2005 oder 1977 wird, dann wird Whistler durch die Olympischen Winterspiele nur noch mehr glänzen - kein Vergleich.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.02.2006, Nr. 8 / Seite V1
Bildmaterial: AP, REUTERS

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thomasg
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Beitrag von thomasg »

Das Skigebiet bekommt 25 Lifte und 100 Abfahrten mit rund 140 Pistenkilometern
Bauen die da 20 Förderbänder und 5 richtige Lifte? Nur zum Vergleich: In Kicking Horse erschliessen 2 Lifte 107 Pisten. Es gibt zwar noch 2 weitere, aber die braucht man für die Abfahrten nicht. Das wäre aber sehr kanada-untypisch, wenn da so viele Lifte gebaut würden.
Die Funktionsweise eines Gesprächsfadens impliziert, dass man sich auf den vorherigen Beitrag bezieht. Eine seitenlanges Zitat der letzten 10 Posts ist daher unnötig.
Emilius3557
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Beitrag von Emilius3557 »

Würde mich auch überraschen, aber die Dimensionen, in denen dort gedacht und geplant wird, sind schon gigantisch.
Die Vergleiche hinken wie immer auf allen Beinen: schön, Whistler hat vielleicht 280 km Piste und Ischgl 210, aber in Whistler ist sicherlich die Hälfte ungewalzte Mörderbuckelwiese oder tierisch steil, so dass sie der breiten Masse nicht zuträglich sind. In Ischgl ist der Prozentsatz solcher Abfahrten sicherlich viel geringer, da kann fast jeder fast alles fahren - aus meiner Sicht. Ich finde ja persönlich die nordamerikanischen Konzepte auch attraktiv, aber skitouristisch gesehen hat Otto Normalskifahrer in Europa mehr davon. Ein Stichwort hierzu: Vail, die den nur zur Hälfte gewalzten Talabfahrten. Ich also verwöhnter Promi-Gast würde denen was pfeifen...
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