Hotelpläne spalten Arosa

Medienberichte rund um den Wintersport: Aktuelle TV-Tipps, Presseartikel, Unfallmeldungen und Diskussionen zu Nachrichten aus der Alpinwelt.
Antworten
Jay
Moderator a.D.
Beiträge: 5019
Registriert: 11.07.2002 - 01:06
Skitage 25/26: 0
Ski: ja
Snowboard: nein
Hat sich bedankt: 1042 Mal
Danksagung erhalten: 460 Mal

Hotelpläne spalten Arosa

Beitrag von Jay »

Aus der Heidenheimer Zeitung:
Hotelpläne spalten das Bergdorf
Um mit Davos und St. Moritz mithalten zu können, will die Mehrheit nun doch wieder Freiflächen opfern



Tourismusdirektor gegen Milchbauer, Neubau gegen Natur - in Graubünden in der Schweiz spaltet ein Wellness-Projekt den Ferienort Arosa. Der Plan, sich mit einem 450-Betten-Hotel im Wettlauf mit Davos und St. Moritz zu behaupten, bedroht ein Naherholungsgebiet.
Die Leute fliegen der Hotels wegen nach Dubai in die Wüste. Da ist sich Hans-Kaspar Schwarzenbach sicher. Deshalb macht sich der Tourismusdirektor von Arosa jetzt für ein Projekt stark, das im Namen der Wellness dem Feriendorf in der Schweiz neuen Schwung verpassen soll. Mit 160 Metern Länge und 23 Metern Höhe nähme das geplante Hotel eines Hamburger Unternehmens weithin sichtbar das Naherholungsgebiet Prätschli mit seinen Alm- und Moorflächen in Beschlag - 2,1 Hektar versiegelte Fläche für 450 Betten. Gab es Mitte der 90er Jahre in Arosa noch mehr als eine Million Übernachtungen im Jahr, sind es heute nur noch knapp 900 000 - touristisch ist das zweite Liga. Fachleute wie Schwarzenbach glauben fest daran, dass das neue Resort-Hotel 100 000 zusätzliche Nächte bringen wird. Das Projekt spaltet das Dorf im Graubündner Schanfigg-Tal. "Wir kaufen die Katze im Sack", knurrt bei der Bürgerversammlung im urigen "Burestübli" am Rande der Prätschli-Alm der Landwirt Markus Lütscher. "Wenn die Natur erst weg ist und das Hotel nicht läuft, haben wir doppelt verloren", sagt der Anführer der Hotel-Gegner. Naturschützer und die Vermieter von Ferienwohnungen setzen deshalb auf Modernisierung und vorsichtige Erweiterung. Arosa hat ein Problem, da ist man sich im "Burestübli" einig. Im Frühling, Sommer und im Herbst versinkt Arosa in einen Märchenschlaf. Die meisten Hotels und Restaurants öffnen nur von Dezember bis März. Viele Häuser sind veraltet, immer mehr geben auf oder werden in Appartements umgewandelt. Die machen keine Arbeit und werfen beim Verkauf viel Gewinn ab. Deshalb hat Arosa inzwischen mehr Ferienwohnungen als Hotelbetten. Doch für die Gemeinde ist eine "warme" Schlafstätte im Hotel zehn Mal mehr wert als ein "kaltes" Appartementbett. Im Kampf um Gäste präparierte Arosa Wanderwege im Winter, verlangte kein Geld für die Bergbahnen im Sommer, lockte Snowboarder mit Halfpipes und Kinder mit Mickey Mouse. Es half alles nichts. Schweigen ist Gold Dann kam 2001 "der Konsul", wie man Horst Rahe in Arosa nennt. Der Hamburger Unternehmer wirbt für "Medical Wellness", wie er seine Idee nennt - Kur-Urlaub, den die Gäste aus eigener Tasche bezahlen. Dem Gemeinderat hat er ein neues Viersterne-Hotel versprochen, ganzjährig betrieben. Der vertraut ihm, schließlich haben die "Aida"-Clubschiffe des Hamburgers den angestaubten Kreuzfahrtmarkt neu belebt. Mit nach Hause nahm der finnische Honorarkonsul für Mecklenburg-Vorpommern die Erlaubnis, seine Donau-Schiffe und Wellness-Resorts auf den Namen "A-Rosa" taufen zu dürfen. Und weil auch unter Eidgenossen Reden Silber und Schweigen Gold ist, trieb der Gemeinderat die Planungen fürs Hotel im stillen Kämmerlein voran. Am anderen Dorfende, im alten Innerarosa, steht am Fuße des Hörnli-Bergs das winzige schindelgedeckte Bergkirchli. In seinem Schatten drängen sich hölzerne Walser-Häuser. Kleine Stallungen, ein dampfender Haufen Mist. Aus der Senke wächst das "Haus Lütscher", auf den Hängen nebenan grasen im Sommer Lütschers zehn Kühe. Der 41-Jährige und sein Nachbar sind die letzten Milchbauern im Ort. Lütscher hat nichts gegen Hotels, schließlich sind die seine besten Kunden. Er vermietet sogar zwei Ferienwohnungen. Doch Lütscher hängt am Prätschli: "Es gibt genug freie Flächen, aber Rahe gibt sich nur mit dem Optimum zufrieden, wo die Skipiste vor der Tür liegt." Lütscher fühlt sich hintergangen: 1996 verabschiedeten die Aroser Stimmbürger feierlich ein neues Leitbild für die Entwicklung der Gemeinde und bestätigten es 2002. Keine Freiflächen mehr opfern, hieß es da, sondern dichter und höher im Dorf bauen. Zu diesem Zeitpunkt trieb der Gemeinderat das Prätschli-Projekt schon seit einem Jahr voran. Im Oktober 2003 fiel Lütscher fast die Kaffeetasse aus der Hand, als er beim Frühstück in der Zeitung von den Plänen las. Es war die Gründungsstunde des Komitees "Umzonung Prätschli Nein", denn nur wenn die Bürger Ja sagen, kann das Prätschli zur Bauzone werden. So wie Lütscher seither für das Nein steht, gilt Schwarzenbach als das personifizierte Ja. Vor sechs Jahren ist der Betriebswirt mit seiner Frau und seinen drei Kindern von Zürich nach Arosa gezogen. Als "Zugereister" war er "der Prophet" - ein 39-Jähriger mit gebräunter Haut und Gel im dunkelblonden Haar, am Hemdkragen den gestickten Arosa-Schriftzug mit Edelweiß. "Vielleicht wird Arosa wieder Kurort, dann heiße ich Kurdirektor", träumt Schwarzenbach laut. Horst Rahe soll ihm dabei helfen. Ein "A-Rosa" in Arosa ist für ihn "der Knaller", eine "Win-Win-Situation", von der alle profitierten. Aber Schwarzenbach weiß auch, dass Rahe Arosa nicht braucht - sein Konzept funktioniert im Prinzip überall. Deshalb müssten sich die Leute im Dorf halbwegs einig sein - doch Einigkeit ist nicht in Sicht. Das Leitbild verbrennen "Es sind die Leute, die ihre Schäfchen im Trockenen haben", sagt Schwarzenbach mürrisch über die Gegner. Das Leitbild für die Gemeindeentwicklung würde er am liebsten "öffentlich verbrennen". Wer sich so weit vorwagt, macht sich angreifbar: Schmierereien auf seinem Auto, anonyme Briefe mit Beleidigungen - alles schon da gewesen. Schwarzenbachs Tochter bekommt kaum Besuch von Freundinnen, weil deren Väter schlecht über den Tourismusdirektor reden. Um Dorffeste macht Schwarzenbach einen großen Bogen: "Mit Alkohol werden die Leute mutig." Doch er will "polarisieren". Zum Beispiel mit einem Arosa-Werbespot, gedreht an einem FKK-Strand auf Gran Canaria. "Alle Berge sehen gleich aus, man muss sich irgendwie abheben." Das haben sich auch die Davoser Bürger gesagt und im Gästewettlauf mit St. Moritz und Arosa ein Stück Natur geopfert: Das Schatzalp-Hotel darf zur Sanierung des Hotelbetriebs einen 105 Meter hohen Appartement-Turm bauen. Der Schritt der Konkurrenz blieb nicht ohne Wirkung. Auch Arosa soll touristisch wieder in die erste Liga aufsteigen, sagt die Mehrheit der Stimmbürger, die mit 579 Ja zu 364 Nein die "Vision Million" über die erste Hürde hieven. Schwarzenbach hat den Namen ersonnen, und für das Projekt organisiert der Tourismusdirektor auch mal Briefwahl-Partys mit Freibier. Ob die Vision Wirklichkeit werden kann, ist aber weiter ungewiss: Der Kanton hat die Umzonung noch nicht einmal genehmigt, da kündigen ausländische Besitzer von Ferienhäusern am Prätschli schon Klagen an. Naturschutzvereine drohen, bis vor das Bundesgericht zu ziehen, um das angrenzende Moor vor dem Hotel zu schützen. "Mit der Schaffung der neuen Hotelzone hat Arosa einen guten ersten Schritt gemacht. Aber so richtig vorwärts gekommen sind wir mit dem Hotelprojekt noch nicht", sagt auch Horst Rahe.
DIRK AVERESCH, DPA

Antworten

Zurück zu „Medienberichte“