Wetter: stark bewölkt mit einigen Wolkenfenstern und ganz wenig Sonne. Gipfelbereich des Schneebergs oberhalb der Wolkenuntergrenze, starker Wind, Sturm im Gipfelbereich
Temperatur: morgens frostig auch im Tal, tagsüber Tauwetter im Tal und unter -10 Grad am Berg
Schneehöhe: im Skigebiet Losenheim 20 - 120 cm (offiziell). Im Gelände oberhalb ca. 1400 m 2m und mehr
Schneezustand: Pisten Losenheim: hart/griffig, Gelände: unterhalb 1400m: Schmelzharschdeckel, oberhalb 1400m: trockener, stark gebundener (Neu-)Schnee (windgepackt), oben das ganze Programm windbeeinflussten Schneees
Geöffnete Anlagen: alle
Offene Pisten: alle, Teilbereich der Piste Lahning aufgrund eines Skiclubrennens abgesperrt und dadurch etwas schmäler als sonst
Wartezeiten: zumindest in der Früh und am Nachmittag keine
Gefallen: Trainingstour unter realen Hochgebirgsbedingungen, ich merk, dass meine Kondition (von niedrigem Niveau ausgehend) besser wird, traumhafter Wintermärchenwald (Jännerbedingungen !)
Nicht gefallen: Schneeverhältnisse im Wurzengraben wie üblich schlecht (hart und windverblasen); schlechte bis keine Sicht, Sturm und dadurch arger Wind Chill, fast komplettes White Out im Gipfelbereich
Fazit Der Schneeberg als letzter Vorposten des Hochgebirges vor der Tiefebene ist immer etwas besonderes
Die Standortauswahl für meinen heutigen Skiausflug war reichlich schwierig. Der steirische, oberösterr. und niederösterreichische Lawinenlagebericht waren alle recht kritisch (Stufe 3, aber sehr prekäre Verhältnisse aufgrund eines eingeschneiten Harschdeckels etc.). Gleichzeitig schränkte der vergangene Warmlufteinbruch (mit Regen bis tw. gegen 1200-1400m) die Ziele zusätzlich ein, da ich wieder irgendwas abseits der Piste unternehmen wollte.
Letztlich fiel meine Wahl auf den Schneeberg mit 2076m (Klosterwappen) der höchste Berg Niederösterreichs und letzte hochalpine Bastion am Alpenostrand. Den stürmischen Wind (in der Früh wurden an der Raxseilbahnbergstation Spitzen bis 70 km/h gemeldet) nahm ich in Kauf mit dem Hintergedanken eine Trainingstour unter erschwerten Bedingungen durchzuführen. Schliesslich hab ich ja noch einiges für den Skifrühling vor, und das Wetter kann man sich nie aussuchen ...
Der Schneeberg ist ein traditionsreicher Skiberg, wahrscheinlich sogar einer der vielseitigsten und facettenreichsten Skiberge Österreichs. Die Aufstiege und Abfahrten reichen von relativ einfach bis extrem schwer. In Summe gibt es wohl ein paar Dutzend Abfahrtsrouten mit einem maximalen Höhenunterschied von 1500m.
Da ich eigentlich ziemlich faul und bequem bin wählte ich den Standardaufstieg von Losenheim (und natürlich nahm ich die 4KSB um den Aufstieg nochmals um ca. 400 Hm zu verkürzen).
Der Standardaufstieg führt von der Edelweisshütte (AV-Hütte) über den Fadenweg auf die Nordwestseite des Schneebergs, dann durch den "Märchenwald" zum Wurzengraben und durch diesen, tw. recht steil und schmal, zur Fischerhütte (und von dort optional weiter zum Klosterwappen mit einer Radarstation als "Gipfelmarkierung").
Pink = Aufstieg / Rot = Abfahrt
Von der Bergstation weg gehts ziemlich gemächlich durch Wald und später dann auf einer Forststrasse. In dieser Höhenlage (1200-1300m) hats offensichtlich unlängst geregnet. Die Bäume waren schneefrei, während knapp oberhalb - ziemlich scharf getrennt - der Wald tief angezuckert war. Tatsächlich betrat man ab ca. 1400 eine Wintermärchenwelt.
Durch diesen immer lichter werdenden Wald gehts - noch immer recht gemächlich - aufwärts.
Hier der Rückblick nach Norden in Richtung niederösterreichisches Alpenvorland
Von dem welligen - mehr und mehr baumfreien Gelände - gehts dann steiler werdend hinein in den sogenannten Wurzengraben, ein Steilgraben, der tw. "schluchtartig" von Felsen begrenzt ist.
Trotzdem ich immer relativ langsam gehe, kam ich zügig voran. Mit Ausnahme kurzer Fotopausen und eines Schluckes Preiselbeer-Mineralwasser hielt ich mich nicht lange durch Pausen auf. Durch die Aktivität des Aufsteigens verzichtete ich auch auf das Anziehen meiner Goretex-Überhose. Es war zwar kalt und windig, aber Bewegung hält bekanntlich warm.
Langsam kam ich an das Ende des Grabens. Aus dem dichter werdenden Nebel (Wolkenuntergrenze) kamen mir ab und an Gestalten entgegen, die sich - wie ich zunächst annahm - mit ziemlich inferiorer Skitechnik den Graben runterkämpften. Weiter ansteigend (den stärker werdenden Wind hatte ich im Rücken, das schob tatsächlich recht angenehm an ...) freute ich mich mehr und mehr auf die Bequemlichkeit der Fischerhütte, die fast direkt auf einem Nebengipfel des Schneebergs rumsteht. Die ist zwar im Winter nicht bewirtschaftet, doch im Vergleich zu den üblichen Verhältnissen draussen immer ein wahres Refugium.
Knapp unterhalb des Gipfelkamms endet der Graben und man steigt über einen breiten, nicht besonders steilen Hang weiter. Hier wurde mir das erste mal das zentrale Problem der heutigen Tour bewusst: Wie um alles in der Welt soll ich die Hütte und/oder den Gipfel finden ? Der Wind trieb nämlich die Wolkenschwaden gnadenlos um den Gipfelkamm und zusätzlich verstärkt durch die aufgewirbelten Schnee- und Eiskristalle reduzierte sich die Sicht auf ein Minimum.
Tatsächlich erreichte ich zwar nach kurzer Zeit die Stangenmarkierungen eines Weges (führt entlang des Kammes bis zum Klosterwappengipfel), doch ich hatte keine Ahnung ob die Hütte nun links oder rechts ist. Da ich bei Rechtsdrehung den (nun mehr als unangenehmen) Sturm von seitlich/hinten hatte, wählte ich rechts
Ich entschloss mich also zum Umkehren mit der Option beim Retourweg bischen weiter Richtung Hütte zu schauen. Einfacher gesagt als getan. Zurück hatte ich den Sturm fast in der totalen. Nach paar Markierungsstangen (blöderweise hatte ich die nicht mitgezählt, letztlich hatte ich nun keine Ahnung mehr über meinen exakten Standort).
Also Verzicht auf die Hütte und so schnell wie möglich runter. Raus aus dem Gipfelsturm. Ich merkte nämlich, dass ich zusehends wie ein alpiner Wurzelsepp aussah. Meine Jacke (ebenso die Skistöcke) war bereits von Anraum gezeichnet. Die blöden Kordeln der Kapuze wurden mir dauernd ins Gesicht geschleudert und meine Finger meinten, sie würden etwas mehr Wärme benötigen. Zudem rächte sich nun das Nicht-Anziehen der Goretex-Überhose. Der Sturm fuhr durch die nicht vorhandene "Hosenabdeckung" der Skischuhe regelrecht unter die Hose
Trotzdem war an ein Anziehen nicht zu denken. Ein Verlust der Handschuhe wäre für die Finger wohl in kürzester Zeit fatal geworden. Ich wagte nicht einmal die Felle abzunehmen und begann die Abfahrt mit Fellen.
Ein Grundprinzip jeder Abfahrt sollte normalerweise sein, zu wissen, wo man hinfährt. Zum Teufel mit Grundprinzipien ... Ich merkte sofort, dass ich nie und nimmer so einfach die Einfahrt in den Wurzengraben finden würde. Also tastete ich mich vorsichtig den breiten Hang hinunter (mit Fellen nicht gerade ein skitechnisches Vergnügen). Allerdings war das mit der Gefahr verbunden über einige der Begrenzungsfelsen des Wurzengrabens zu purzeln, oder u.U. über verwächtete Teile der orographisch rechten Begrenzungsflanke des Schneegrabens, was mit einer möglichen Schneebrettauslösung verbunden sein könnte - die Tatsache, dass mein LVS uneingeschaltet (!?) im Rucksack ruhte brachte mich - angesichts der immer so unglaublichen einschlägigen Medienmeldungen - ins Schmunzeln.
Langsam verlor ich an Höhe und gewöhnte mich ans Fell-Fahren. Über meien genaue Position konnte ich immer nur noch mutmassen. Plötzlich hellte es sich etwas auf. Rechts konnte ich für mehrere Sekunden Felsen ausmachen. Kurz danach war wieder nur Weiss zu sehen, aber wie zum Hohn sah ich fast exakt über mir ein Wolkenloch, durch das die Sonne andeutungsweise zu erkennen war. Ich wartete etwas, in der Hoffnung auf ein neuerliches Aufklaren. Und tatsächlich hatte ich Glück. Der Sturm trieb die Wolken etwas nach oben und die Sonne schien für kurze Zeit genau in meine Umgebung. Nun konnte ich erkennen, dass ich direkt auf dem Rücken zwischen Schneegraben und Wurzengraben war, noch weit genug oben, um gefahrlos in den Wurzengraben reinqueren zu können.
Nun verlor ich keine Zeit und wagte es die Felle runterzunehmen und begann mit der "richtigen" Abfahrt. Als ich mich bereits über meine nicht vorhandene Skitechnik zu wundern begann, fiel mir ein, dass ich die Skischuhe noch abfahrtsmässig schliessen sollte. Dann gings weiter, bald auf der üblichen Route im Wurzengraben. Wie zum Hohn kamen mir jetzt auch wieder mehrere Gruppen Tourengeher entgegen ...
Die weitere Abfahrt verlief skifahrerisch unspektakulär. Einige wenige (kurze) Hänge waren - trotz des gepackten Triebschnees - recht hübsch zu fahren. Die im Frühjahr bei Firn so schön zu fahrende Strecke durch den Märchenwald (Natur-Riesenslalom) musste heute im Schuss genommen werden.
Nach kurzem Gegenanstieg und Querstücken durch den Wald erreichte ich die Edelweisshütte. Eine wirklich sehr nette, kleine AV-Hütte (wie sie im Osten ganz typisch sind - überhaupt nicht zu vergleichen mit den grossen Hüttenstützpunkten in Westösterreich). Dort gabs Gulaschsuppe und ein Clausthaler (zusammen ca. 6 Euro, was mir recht günstig erscheint).
Das letzte Stück der Abfahrt erfolgt dann auf der offiziellen Piste "Lahning" des Losenheim-Skigebiets.
Die Wartezeiten hielten sich dort - wie üblich - in Grenzen. Das Gebiet ist für wartezeitensensible Skifahrer nachgerade ideal. Und das in direkter Nähe zur Grosstadt Wien und Umgebung.
Um 16h15 ging dann der Bus von Losenheim. Schicksal des ÖV-Benutzers: