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Pistenraupen
Im Reich der stählernen Yetis
Angetrieben von 300 PS fressen sich Pistenbullys durch meterhohen Schnee - Protokoll einer Dienstfahrt.
Von Johannes Riegsinger
Pistenbully im Einsatz.
Foto: Kässbohrer
Das schummrige Gefühl zwischen den Ohren dehnt sich in einer Zeitlupen-Explosion aus, lässt eine Gänsehaut über den Rücken wandern und beginnt dann ebenso langsam wie unbarmherzig den Magen umzustülpen.
Kein Fixpunkt in Sicht, um ein wenig Ordnung in das völlig perplexe Gleichgewichtsgefühl zu bringen. Ein halber Meter bis zur Windschutzscheibe, dahinter nichts als weiße Suppe.
Oben ist unten und unten oben, links und rechts nur noch theoretische Größen. Auf beiden Seiten der Glaskanzel fressen sich die Ketten, jeweils zweieinhalb Meter breit, durch mannshohen Pulverschnee; das Licht der grellen Xenon-Scheinwerfer versackt bereits nach wenigen Metern kraftlos im Staub aus Eiskristallen.
In stetigem Rhythmus flackert der orangefarbene Blitz der Warnleuchte durch das kleine, stürmische Universum wenige hundert Meter unterhalb des Zugspitzgipfels.
„Ziemlich derbe, dieser Schneesturm...“ Sven, der Fahrer, schaut erstaunt: „Ist doch ganz okay; oft kommt es schlimmer.“ –
„Schlimmer?“ Mit dem Kinn deutet Sven in die weiße Wand: Aus dem Nichts taucht im Schnee-Luft-Gemisch eine blinkende Lampe über einer bulligen, roten Silhouette auf. „Gelegentlich sieht man nicht mal den nächsten Kollegen.“
Detailansicht der Kette eines Pistenbully.
Foto: Kässbohrer
Und die Erklärung, wie er sich dann zurechtfindet, ist nur im ersten Moment simpel: „Ich kenne halt das Gelände, ganz einfach.“
Zwei Jahre braucht man, bis man die Arbeit mit dem Pistenbully zuverlässig im Griff hat. Allein die Bedienung von Räumschild und Heckfräse ist eine Kunst.
Ein mit Knöpfen übersäter Joystick regelt Anstellwinkel und Schubtiefe des Schildes sowie die Frästiefe des ausladenden Geräts hinten. Das verlangt angesichts der Buckel, Senken, Schrägen oder Eisplatten nach Fingerspitzengefühl.
Eine kleine Nachlässigkeit, ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit und die Piste ist versaut. Konzentration ist angesagt, und das im Akkord. „Die Skifahrer liegen noch im warmen Bett, wenn wir hier loslegen.“
Während der Skisaison wird hier oben um fünf Uhr morgens angefangen, bei Neuschnee noch früher; am Abend, wenn die Lifte geschlossen haben, geht es weiter. 18 Stunden im Führerhaus der Pistenraupe sind keine Seltenheit.
Gelegentlich hat auch Sven Bereitschaftsdienst, dann wird auf der Bergstation übernachtet und noch tief in der Nacht aufgestanden, um die Piste erneut zu präparieren und drohende Lawinen in die kalte Luft zu jagen.
Von wegen Bergromantik
Sven ist wie alle seine Kollegen ausgebildet im Umgang mit Sprengstoffen. Und Mechaniker, denn niemand fährt einen Pistenbully, der ihn nicht auch selbst reparieren und warten kann.
Von wegen Bergromantik. Das Geld am Berg ist hart verdient. Erst im Sommer werden die Überstunden abgefeiert.
Dann stehen die skurrilen Maschinen wie versteinerte Urzeitriesen in den geräumigen Werkstätten, es ist Reparatur- und Pflegezeit. Den monatelangen Non-Stop-Einsatz im Winter überstehen die stählernen Yetis recht gut, einen Ausfall kann sich niemand leisten. Robustheit ist Trumpf.
Immerhin kostet eine solche Maschine bis zu 330.000 Euro, das will erwirtschaftet werden. Und trotz aller Belastung: Die Bullys wechseln im Laufe ihres Lebens drei Mal den Besitzer; die letzte Station ist meist in den finanzschwachen Skigebieten in Rumänien, Tschechien oder in Russland.
Und auch dort baut man auf die Zuverlässigkeit eines solchen Raupen-Rentners.
Marktführer im Pistenraupen-Business ist die Firma Kässbohrer in Laupheim; dort stellte man bereits in den 60er Jahren die erste Schneeraupe auf die Ketten.
"Ich zeig dir wie’s geht"
Seitdem hat sich aber eine Menge getan, zwischen den archaischen Urkettenschleppern von damals und den modernen Geräten heute liegt eine lange Entwicklung – von der zugigen und lauten Arbeitskabine bis zur klimatisierten Panoramakanzel samt Funk und Radio.
Ob ich den Bully wohl auch einmal fahren darf? „Klar. Ich zeig dir wie’s geht.“ Raus ins Schneetreiben, vorsichtig über die scharfen Kettenstege geklettert, um die im Leerlauf grummelnde Maschine herum und auf der Fahrerseite wieder hinein.
Ein kleines Fußpedal entriegelt die Lenksäule, so lässt sich das eigenwillige Steuer in der Höhe verstellen. Ein Hebel öffnet die Feststellbremse, ein anderer schaltet den Antrieb aktiv und schon kann es losgehen.
Rumpelnde Vibrationen
Hoch mit dem Räumschild, mit einem Ruck wird das tonnenschwere Schild aus dem Schnee gerissen. Nach dem ersten mutigen Druck aufs Gaspedal macht sich fast Enttäuschung breit: Statt spektakulär zu starten, setzt sich die gut sieben Tonnen schwere Raupe einfach nur in Bewegung.
Von rumpelnden Vibrationen begleitet, schnellt der Zeiger des Drehzahlmessers empor. Schon nach wenigen Metern kommt Ruhe auf – jetzt haben sich die Hydraulikpumpen, die die Kraft des 330PS starken Mercedes-Dieselaggregats an die Ketten weitergeben, an die Drehzahl des Motors angeglichen.
So immer weiter und der Gigant würde pro Stunde im Schnitt 16 Liter Diesel durch die chromblitzenden Auspuffrohre jagen. Bei einer möglichen Höchstgeschwindigkeit von 20 Kilometer pro Stunde macht das 80 Liter auf 100 Kilometer. Theoretisch.
Und bremsen? Immerhin ist das Gelände so steil, das selbst trainierte Fußgänger nach wenigen Metern aufgeben müssten. „Einfach Gas wegnehmen!“ – die stillgelegten Hydraulikpumpen lassen den Bully nahezu unmittelbar zum Stehen kommen.
Unglaublicher Grip
Überhaupt ist der Grip der Ketten unglaublich; dank des brutalen Drehmoments des 7,2-Liter-Sechszylinders schlenzen die metallbewehrten Bänder dieses Ungetüm selbst die steilsten Hänge hinauf. Und Sven hat in jedem Gelände seinen Spaß: „Hinunter brauchst du den Hosenträgergurt, damit du nicht aus dem Sitz fällst. Und wenn es wirklich richtig steil wird, kommt die Seilwinde zum Einsatz.“
Diese Entwicklung ermöglicht die sichere Bearbeitung selbst der steilsten Hänge: An massiven Metallpfosten im Gelände wird das über einen Kilometer lange Drahtseil eingehängt, die auf der Raupe montierte Winde hält das Seil stets unter Spannung und sichert so vor dem Abrutschen; selbst Traversieren und Wenden ist ohne Gefahr für Mensch und Material möglich.
Die Bullys steigen aber auch ohne Winde so gut, dass selbst 100 Prozent Gefälle und mehr kein ernsthaftes Problem darstellen. Und die breiten Ketten verteilen das immense Gewicht so großflächig, dass die schweren Raupen weniger Schaden anrichten als ein Fußgänger.
„Wären nicht die messerscharfen Kettenstege, man könnte sich den Sieben-Tonner glatt über den Fuß fahren lassen.“ Wer’s glaubt.
(SZ vom 31.1.2004)