Quelle: Süddeutsche ZeitungSo war der Winter: Der Schnee von gestern
Vom Skihersteller über den Hüttenwirt bis zum Klinikarzt - acht Wintersportakteure lassen die vergangenen Monate Revue passieren. Allmählich geht die in diesem Jahr außergewöhnlich lange Wintersportsaison zu Ende. Es ist nun an der Zeit, einige Menschen zwischen Tal und Gipfel zu Wort kommen zu lassen, die eine ganz spezielle Beziehung zu Ski, Schnee und Bergen haben.
Sigfried Gaugg, Wirt der am Wochenende ganzjährig bewirtschafteten Pleisenhütte (1757 Meter) im Karwendel:
Der Winter am Berg war heuer eigentlich wie alle anderen Winter auch, aber im Tal war es anders: Es war auch ganz unten immer so kalt, dass der Schnee gar nicht mehr geschmolzen ist. Dadurch war die Versorgung der Hütte ein bisschen beschwerlicher als sonst. Für Tourengeher am Wochenende biete ich ja auch Essen an, diverse Knödel, Brotzeiten, Fleischgerichte. Wenn die Hütte mit dem Auto nicht mehr erreichbar ist, trage ich das alles selbst hoch, ungefähr eine Stunde lang . Drei- bis fünfmal in der Woche gehe ich runter und mit 25 Kilo auf dem Rücken wieder hoch. Im November hat es zum ersten Mal geschneit, und ab Mitte Dezember konnte man nur noch mit Tourenskiern hoch. Dieser Zeitraum ist sonst wesentlich kürzer, und sonst gibt's auch immer mal eine Tauphase. Im Winter 2000/ 2001 zum Beispiel konnte man bis Mitte Februar mit dem Auto zur Hütte. Da war das heuer schon anders. Hinzu kam noch, dass es keine Woche gab, in der es nicht geschneit hätte - wir mussten also durchgehend die Hütte freischaufeln, einmal auch das Dach. Aber im Winter 1999/2000 lag noch mehr Schnee. Spektakuläres hat sich nichts getan, aber das ist am Berg auch gut so. Spektakuläres ist hier meistens mit etwas Negativem verbunden.
**************************************************************************************************************************
Univ.-Prof. Thomas Klestil, stellvertretender Vorstand der Unfallklinik Innsbruck:
Bei uns gibt es jeden Winter eine Leistungsspitze aufgrund von Wintersportunfällen. In diesem Jahr lag die Zahl der ambulant behandelten Patienten um sieben Prozent höher als im Vorjahr, stationär waren es vier Prozent mehr. Das lässt zwar nicht direkt einen Rückschluss auf den langen Winter zu, aber die Vermutung liegt nahe, dass vermehrt Ski- und Snowboardunfälle behandelt wurden. Lohnend sind mehr Patienten für uns als Klinik mit öffentlich-rechtlichem Träger nicht, insofern wünschen wir uns auch keine Zuwächse. Vor allem wenn man weiß, dass viele Verletzungen vermeidbar gewesen wären, blutet einem als Arzt schon das Herz. Es gibt allerdings einen eindeutigen Trend zu mehr Sicherheitsmaßnahmen, also zum Beispiel zum Handgelenkschützer und vor allem auch zum Helm. Welche Auswirkungen das hat, müssen Langzeitstudien zeigen.
**************************************************************************************************************************
Martina Spieler, Unternehmenssprecherin des Skiherstellers Fischer:
Der vergangene Winter war das Beste, was uns passieren konnte. Wir konnten gar nicht so viele Skier produzieren, wie wir hätten verkaufen können. Dass es im Winter so durchgängig wunderbare Bedingungen gab, vor allem auch zum Langlauf in den Tälern, ist wirklich selten. Wir sprechen deshalb jetzt schon von einem Jahrhundertwinter. Das merkt man natürlich an den Absatzzahlen. Insgesamt haben wir knapp 20 Prozent mehr verkauft als im Vorjahr, rund 1,8 Millionen Paar Alpin- und Langlaufski. Der Trend geht dabei ganz klar zum Langlauf. Grund dafür sind vielleicht auch die neuen, etwas breiteren, kürzeren Cruiser-Ski, mit denen auch Einsteiger Spaß an diesem Sport haben. Jeder zweite Langlaufski, der in Österreich verkauft wurde, ist bereits ein Cruiser.
**************************************************************************************************************************
Josef Ertl, Räumfahrzeugfahrer in Bad Tölz:
Dieser Winter war für uns deshalb außergewöhnlich, weil er so lange gedauert hat. Ab dem 19. November hatten wir durchgehend Schnee, von einer kurzen Tauperiode im Januar mal abgesehen. Ich bin seit 30 Jahren im Winterdienst, ähnlich brutale Verhältnisse hatten wir nur 1980/81, 99/2000 und 2000/2001. Je mehr Schnee liegt, desto mehr stehen die Autos auf der Straße. Dann wird alles enger, das ist das große Problem. Viele Autofahrer sind außerdem sehr uneinsichtig und parken ohne Rücksicht, so dass ein Durchkommen kaum mehr möglich ist. Im Februar mussten wir in Bad Tölz mal zwei Schichten fahren, frühmorgens von halb eins bis neun, von neun bis fünf und dann wieder von vorn. Wir haben den Schnee weggefahren, um ihn auf großen Flächen zu deponieren. Da alles so eng ist, muss man den ganzen Tag hoch konzentriert sein.
**************************************************************************************************************************
Robert Jasper, Extrembergsteiger aus dem Südschwarzwald, derzeit wohnhaft in der Schweiz, mit Vorliebe fürs Eis:
Vom Winteranfang habe ich hier wegen einer Expedition nach Patagonien wenig mitbekommen. Nach meiner Rückkehr kurz vor Weihnachten hatten wir es richtig kalt hier, eigentlich perfekt zum Eisklettern. Doch da bestand wiederum das Problem, dass es zu trocken war. Bis ich etwas entdeckte, was mir als Projekt schon länger durch den Kopf ging: den Staubbach-Wasserfall, der im Sommer über eine Klippe 300 Meter in die Tiefe stürzt. Es herrschten wirklich ideale Bedingungen, weil es dort nicht zu viel Wasser haben darf und der Wasserfall nur bei ordentlicher Kälte friert und das Klettern ermöglicht. Mit einem Kollegen habe ich die Erstbegehung geschafft. Obwohl es damit letzlich ein wahnsinnig toller Winter war, freu' ich mich jetzt schon auf den Sommer. An der Eiger-Nordwand wollen wir für einen Imax-Film drehen. Dafür wäre es natürlich besser gewesen, wenn es am Ende der Saison nicht so viel Niederschlag gegeben hätte. Aber als Bergsportler muss man eh' aus den Bedingungen immer das Beste machen.
**************************************************************************************************************************
Caroline Suitner, Pressesprecherin der Stubaier Gletscherbahnen KG:
Aus Sicht des Stubaier Gletscherskigebietes war der harte Winter nicht zufriedenstellend. Das hat zwei Gründe: Einerseits zog die gute Schneelage die Skifahrer ohnehin in die Talskigebiete und andererseits kam dann auch noch die schlechte Witterung an den Wochenenden hinzu. Speziell die Gletschergebiete hatten mit extremer Kälte bis zu minus 25 Grad, schlechter Sicht und instabiler Wetterlage zu kämpfen. Da fährt es sich in den Tallagen trotz Schlechtwetter wesentlich angenehmer. Für den Wintersport war der schneereiche Winter aber natürlich sehr wichtig, da auch die gesamte Branche davon profitierte. Wir rechnen jetzt damit, dass die Skibegeisterten in den nächsten Wochen noch in die Gletscherskigebiete fahren. Immerhin sind am Stubaier Gletscher vergangene Woche 50 Zentimeter Neuschnee gefallen. Die beste Zeit für Skilauf am Gletscher kommt erst jetzt, noch dazu wenn die niedriger gelegenen Skigebiete den Betrieb einstellen.
**************************************************************************************************************************
Erika Wiltschko vom Skilift Wiltschko am Geiersberg bei Hauzenberg im Bayerischen Wald:
Wir betreiben unseren Skilift seit 30 Jahren. So viel wie heuer schneit es selten. Unsere Talstation liegt auf 780, die Bergstation auf 825 Metern Höhe. Heuer konnten wir unsere vier Bügellifte durchgehend offen lassen, von 26. November bis 22. März, das ist sehr ungewöhnlich. Normalerweise gibt es immer Regentage dazwischen, und bis dann wieder alles anläuft, vergeht schnell eine Woche. Diese Unsicherheit gab es in diesem Jahr nicht, das hat alles wunderbar planbar gemacht, auch in unserer Skihütte. Zu viel Schnee ist aber auch nichts: Normalerweise schneit es anfangs wenig, und weil wir schon bei einer Höhe von 30 Zentimetern öffnen, fahren dann alle Skifahrer bei uns. Wenn es gleich am Anfang so viel schneit wie heuer, öffnen auch die großen Gebiete, und die Leute verteilen sich. Außerdem muss der viele Schnee ja auch verarbeitet werden. Wir mussten zwei Mal wegen zu viel Schnee schließen! Das Liftseil muss ja immer auf Hüfthöhe sein. Da muss viel Schnee bewegt werden - und das kostet viel Geld. Es lagen fast zwei Meter Schnee, ideal für uns wäre aber ein halber Meter. Dennoch sind wir zufrieden.
**************************************************************************************************************************
Franz Kermer, Bereitschaftsleiter der Bergwacht Berchtesgaden:
Für uns war der Winter relativ normal. Es waren vielleicht ein paar Unfälle mehr auf der Piste, was darauf zurückzuführen ist, dass der Winter länger gedauert hat. Im Tourenbereich ist aber eher weniger passiert. Woran das liegt, können wir nicht genau sagen. Wir vermuten, dass die Tourengeher jetzt eine bessere Kondition und eine bessere Ausrüstung haben. Den typischen Unfall, der vom vielen Schnee verursacht wird, gibt es jedenfalls nicht. Aus Sicht der Berchtesgadener Bergwacht war dieser Winter nicht anders als vorangegangene Winter.
So war der Winter - 8 Kommentare aus der Wintersportbranche
- snowflat
- Moderator
- Beiträge: 16013
- Registriert: 12.10.2005 - 22:27
- Skitage 25/26: 3
- Ski: ja
- Snowboard: nein
- Hat sich bedankt: 249 Mal
- Danksagung erhalten: 3460 Mal
- Kontaktdaten:
So war der Winter - 8 Kommentare aus der Wintersportbranche
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!