Stubaier Gletscher im Sommerschlaf

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lanschi
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Stubaier Gletscher im Sommerschlaf

Beitrag von lanschi »

Interessanter Artikel aus der Berliner Zeitung:
Gletscher im Sommerschlaf
Riesige Planen sorgen in Tirol für den Schutz der Skigebiete von morgen

Jörg Niendorf

STUBAI. Für ein paar Unermüdliche geht der Skibetrieb weiter, so wie immer. Doch vier Tiroler Gletscher bieten in diesem Mai zusätzlich ein ungewöhnliches Schauspiel. Einzelne Flächen werden abgezäunt und mit einem Vlies zugedeckt. Unter Schutzfolien wird das Gletschereis in ein künstliches Sommer-Koma versetzt, damit es nicht abschmilzt. Versuche haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass es funktioniert. Nun wird mächtig geklotzt auf 3 000 Meter über Null. Am Stubaier Gletscher, dem größten Ganzjahres-Skigebiet in Österreich, werden insgesamt 100 000 Quadratmeter Vlies ausgerollt. Die Pistenraupen planieren fleißig, aber anders als sonst. Sie planieren die Planen. Und die Sommerskiläufer müssen ausweichen.

Verantwortung der Ökologen

"Wir schützen die Skigebiete von morgen", sagt Andrea Fischer, Ökosystem-Forscherin von der Universität Innsbruck. Man solle, sagt sie, keine Energie mehr für niedrig gelegene Skiarenen aufwenden, da sich das Klima derzeit ohnehin erwärme. Sinnvoll sei nur der Erhalt der Anlagen und Pisten in hohen Lagen. "Am Fremdenverkehr hängt schließlich das Auskommen der ganzen Umgebung." Andrea Fischer hat ihren persönlichen Kompromiss als Naturschützerin und Tirolerin gefunden. "Auch wir Ökologen haben eine Verantwortung für die soziale und ökonomische Lebensfähigkeit der Region. Nur so macht ökologisches Engagement überhaupt einen Sinn", sagt sie.

Die Uni Innsbruck betreibt das weltweit einmalige Projekt "Aktiver Gletscherschutz" gemeinsam mit den Tiroler Gletscherskigebieten Kaunertal, Pitztal, Ötztal und Stubaital. Energisch verteidigt es die Forscherin gegenüber all jenen, die den Tourismus in sensiblen Hochgebirgsregionen geißeln. Dazu zählen viele Umweltverbände. "Aber wir haben dennoch eine gute Gesprächsbasis", berichtet sie. Andrea Fischer ist Pragmatikerin durch und durch. Und genauso alt übrigens wie das Stubaier Gletscherskigebiet: 33 Jahre. 1973 wurde das Gebiet, das bis zur Jochdohle auf 3 200 Meter hinauf reicht, eröffnet. Seither hat sich viel verändert. Abgesehen von wenigen Ausnahmejahren in den frühen Achtzigern sind die Gletscher der Alpen kontinuierlich geschrumpft. Deutlichstes Anzeichen dafür: Die Gletscherzungen ziehen sich zurück. Man kann das im Vergleich von alten und neuen Fotos gut erkennen. Auf alten Fotos sind bläuliche Eisplatten zu sehen, die talwärts fließen, auf neueren Aufnahmen dann nur noch Geröll-Lawinen. Außerdem werden die Gletscher dünner.

"Einige Auswirkungen der klimatischen Veränderungen können wir immerhin wesentlich verzögern", sagt Andrea Fischer. Mit ihren Skiern steht sie an einem Grat ganz oben im Skigebiet, da, wo man bis ins italienische Südtirol sehen kann. "Top of Tyrol" heißt das in der Marketingsprache der Seilbahner. Nebenan ist das höchst gelegene Restaurant Österreichs. Und auch hier liegen Planen im Schnee bereit.

Manche Teilflächen, die jetzt zugedeckt werden, sind nur so groß wie eine Gartenlaube, andere wie ein Fußballfeld. Das mattweiße Vlies wird an den Kanten mit Sandsäcken beschwert, damit es Hochgebirgswinden standhält. Im Herbst wird alles wieder abmontiert. Dann wird die Gletscheroberfläche wie ein Flickenteppich aussehen. Wo die Schutzfolie lag, tritt weißer Schnee zu Tage, hoch aufgetürmt. Daneben, wo kein Vlies war, liegen schmutzig graue Eisflächen, abgenagt durch mehrere Etagen des Gletschers hindurch. Durch seine gesamte, lockere Schmelzschicht und sogar bis hinunter auf den Grund des ewigen Eises. Dorthin also, wo es an die Substanz geht.

Durch die Abdeckung auf den Testfeldern hatten die Wissenschaftler stellenweise eine 1,60 Meter starke Schnee- und Eisschicht konservieren können. Nach diesen Erfolgen wurde der Masseneinsatz der Planen beschlossen. Jetzt legen Bergbahnmitarbeiter viele Vliese gleich neben Lift- und Seilbahnstützen aus, teils direkt um sie herum. Schließlich sind die Pfeiler auch nur in den Tiefen des Eises verankert. Gerät der Gletscher stärker als bisher in Bewegung oder ändert er gar seine Fließrichtung, steigen die ohnehin hohen Wartungskosten für die Anlagen noch mehr an. Also soll das Eis gerade dort im Zaum gehalten werden. Die Bergbahnbetreiber wollen vermeiden, ihre Lifte verlegen zu müssen.

Dabei erhalten sie zunehmend Unterstützung - die öffentliche Meinung hat sich in den vergangenen Jahren allmählich geändert. Gletscherskigebiete gelten vielen nicht mehr vorrangig als Spielwiesen für spleenige Sommerskifahrer, sondern als die noch am ehesten ökologisch-korrekten Tummelplätze im Skizirkus der Alpen. Je höher gelegen und je fester die Schneedecke, desto weniger Schaden richten Skifahrer in der Natur an.
http://www.berlinonline.de/berliner-zei ... 48836.html

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starli
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Beitrag von starli »

ist ja mal was ganz was neues: Das Abdecken soll die Gletscherfließgeschwindigkeit verringern? Ist da echt was dran? Normalerweise fließt der Gletscher doch unten am Fels, da müßts doch wurscht sein, wenn man oben was drauf tut?

Oder liegt das dann daran, daß weniger Fließwasser ins Innere kommt, und der Gletscher aus diesem Grund weniger schnell fließt?

(Obwohl, der Gletscher fließt ja aufgrund seines Gewichts und nicht aufgrund von Schmelzwasser - dann würd er ja im Winter gar nicht fließen.. kann also alles nicht ganz stimmen, oder ?)
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Nuno
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Beitrag von Nuno »

Den Gletscher fliesst über ein sehr dünnen Wasserfilm, also in Theorie könnte das stimmen.
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Beitrag von Gletscherfloh »

Ähem, bin ich blind ? Wo steht etwas, von der Reduzierung der Gletscherfliessgeschwindigkeit ?

Die Passage mit dem Abdecken der Stützen hab ich gesehen, das ist wohl nur etwas unscharf formuliert. Da meinten die wahrscheinlich, dass ein starkes Abschmelzen des Eisen im Stützenbereich zu Bewegungen führt, die in Instabilität der Stütze resultiert.

Generell gilt: Ein "gesunder", vorstossender Gletscher hat eine höhrere Fliessgeschwindigkeit als ein "kranker", zurückschmelzender Gletscher.

Die Fliessgeschwindigkeit an der oberen Zunge der Pasterze z.B. hat sich von etwa 40m-50m/Jahr in den frühen 80er Jahren auf 20-30m in den frühen 2000er Jahren verringert.

Der Schmelzwasserfilm am Boden eines Alpengletschers wäre auch dann gegeben, wenn oben Matten drüberliegen. Die Alpengletscher sind nämlich sogenannte "warme" Gletscher, d.h. das Schmelzwasser auf der Gletscherunterseite entsteht durch den Druck ("Druckschmelzung") der Eismassen.

Die 100.000 qm klingen doch nur auf den ersten Blick nach so viel. In Wirklichkeit sind das doch nur ein Bruchteil des Gesamtgletschers (weiss jetzt nicht wieviele Quadratkilometer die jeweiligen Gletscher des Stubaier Skigebiets haben, da müsste man mal nachschauen oder notfalls selber ausrechnen ... auf alle Fälle sicher noch immer einige ...).

Die Auswirkungen sind letztlich nur für den Skibetrieb interessant. Aber dass diese Vermattungen Labsal für den Skibetrieb im Herbst sind, wissen wir mittlerweile aufgrund der diversen Vor-Ort-Berichte und Fotos von Starli und Co ohnehin schon.
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Beitrag von PB_300_Polar »

Zu den 100.000 qm möchte ich noch etwas sagen.

Ein Golfclub (ich weiß hört sich komisch an) hat eine durschnittliche Größe von 100 ha .
Jetzt schaut euch mal einen an und vergleicht dann, was ist größer?
Genau die 100 ha.

@ Fiescher bei dir in der Nähe ist doch einer, oder? Hat der nicht ca. 95 ha?
Der Schnee kommt.....
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starli
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Beitrag von starli »

hm:
Jetzt legen Bergbahnmitarbeiter viele Vliese gleich neben Lift- und Seilbahnstützen aus, teils direkt um sie herum. Schließlich sind die Pfeiler auch nur in den Tiefen des Eises verankert. Gerät der Gletscher stärker als bisher in Bewegung oder ändert er gar seine Fließrichtung, steigen die ohnehin hohen Wartungskosten für die Anlagen noch mehr an. Also soll das Eis gerade dort im Zaum gehalten werden. Die Bergbahnbetreiber wollen vermeiden, ihre Lifte verlegen zu müssen.
=> "Falls sich die Fließrichtung ändert oder verstärkt, wird durch das Auflegen der Matten um die Stützen das Verlegen der Lifte vermieden."

.. nur durch die Matten oder die größeren Schneehaufen wird aber die Stütze ja nicht weniger weit wandern.

Ich hätte eher gedacht, daß das den Sinn hat, daß die Stützen halt stabiler stehen und nicht so leicht umfallen..

Wobei jetzt die Frage ist, was mit "lifte verlegen" gemeint ist: Nur das ständige Nachsetzen der Gletscherstützen, oder die Notwendigkeit aufgrund der geringeren Eisdicke (und der damit resultierenden Vergrößerung der schrägen Länge) den Lift "ganz" verlegen zu müssen.

Wahrscheinlich letzteres, also stimmt die Formulierung wieder. Doch etwas unglücklich formuliert.

Wobei auch der 2. Satz ziemlicher Nonsens ist .. als ob Liftstützen "in den Tiefen des Eises verankert" sind ... :)
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Beitrag von Fiescher »

@ PB Polar,

welchen meinst Du denn??? Im Aletschgebiet und Goms gibts noch genügend Gletscher???
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Nuno
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Beitrag von Nuno »

Gletscherfloh hat geschrieben:Der Schmelzwasserfilm am Boden eines Alpengletschers wäre auch dann gegeben, wenn oben Matten drüberliegen. Die Alpengletscher sind nämlich sogenannte "warme" Gletscher, d.h. das Schmelzwasser auf der Gletscherunterseite entsteht durch den Druck ("Druckschmelzung") der Eismassen.
Eigentlich schon richtig was du sagst, aber nicht ganz. Nur wenige Gletscher fliessen wirklich im Winter. Meistens nur steileren Gletscher bilden sogenanten Wintermoränen. Also könnte ein Temperaturabnahme (durch Plänen) sicherlich die Fliessgeschwindigkeit negativ beeinflüssen. Nur wird dass bei vorstossender Gletscher durch die Massennachschub vom Nährgebiet wieder aufgehoben.
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