Schweizer Tourismusstrukturen

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benjamin
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Schweizer Tourismusstrukturen

Beitrag von benjamin »

Die Südostschweiz; 20.08.2006

Tagesthema

Südostschweiz Graubünden

«Es reden zu viele Leute mit»

Tourismusprofessor Thomas Bieger begrüsst die Schaffung von
Grossdestinationen und damit die Bereinigung der Tourismusstrukturen.
Er meint aber auch: «Der Skitourismus beansprucht mehr Fläche, als
notwendig wäre.»

Mit Thomas Bieger sprach David Sieber
Herr Bieger, der Schweizer Tourismuswirtschaft geht es derzeit so
gut wie lange nicht mehr. Ist diese Hausse hausgemacht?

Thomas Bieger: Auch, aber nicht nur. Wesentlich ist, dass sich
unsere wichtigsten Herkunftsländer endlich wieder einmal in einer
stabilen Wachstumsphase befinden. So in Europa und in den asiatischen
Staaten. Dazu kommt eine für den Schweizer Franken nicht ungünstige
Wechselkursentwicklung. Wir konnten in Sachen Preisgestaltung
gegenüber Österreich, unserem stärksten Konkurrenten im alpinen Raum,
Boden gutmachen.

Aber günstiger als Österreich ist die Schweiz wohl nicht gerade
geworden?

Bieger: Bei den Bergbahnen sind vergleichbare Angebote zum Teil
sogar günstiger. Ein Preisproblem hat die Schweiz tendenziell im 3-
und 4-Stern-Bereich. Und natürlich sind die Verpflegungskosten in der
Schweiz weiterhin höher.

Und was haben die einheimischen Touristiker zum Aufschwung
beigetragen?

Bieger: Sie haben erfolgreich auf Innovationen gesetzt. Zum
Beispiel wurden neue Beherbergungsformen entwickelt, wie etwa das
«Cube»-Hotel in Savognin, Low-Cost-Hotels und Lodge-ähnliche Angbote
wie die «Eiger Lodge» oder Designhotels wie in Lenk und Laax. Neue
witterungsunabhängige Wellnessangebote wie die verschiedenen Bäder
wurden geschaffen.

Wie lange wird der gegenwärtige Boom anhalten?

Bieger: Das hängt von den äusseren Faktoren ab. Wenn die
Weltkonjunktur abflacht, wird das Auswirkungen auf die
Übernachtungszahlen in der Schweiz haben. Zudem schläft die
internationale Konkurrenz in Sachen Innovation nicht.
Destinationsähnliche Produkte, wie Kreuzfahrtschiffe und Themenparks,
machen unseren historisch gewachsenen Destinationen zunehmend das
Leben schwer. Welche Vermarktungsmacht gerade hinter den Themenparks
steht, zeigt sich bei den Eintrittspreisen. Ein Kind zahlt für einen
Tag in einem Disney-Themenpark in Orlando in Florida bis zu rund 100
Franken - dreimal mehr, als in einem Schweizer Skigebiet eine
Tageskarte kostet.


«Der Klimawandel trifft auch unsere Konkurrenten.»


Was kann die Schweiz davon lernen?

Bieger: Der Kundenwunsch nach einer integrierten, lückenlos
abgestimmten Dienstleistungskette, wie sie in Themenparks üblich ist,
wird immer stärker. Zudem muss die Preisgestaltung flexibler werden.
Die Unterschiede zwischen Hoch- und Niedrigsaison sind in der Schweiz
zu gering. Die aktive Vermarktung über alle Kanäle, vom Internet bis
zum persönlichen Verkauf in Shopping-Centers, muss gestärkt werden.

Greift das All-inclusive-Denken um sich?

Bieger: Der Kunde möchte einfach ein Angebot aus einem Guss. Dazu
gehört zum Beispiel auch die Stimmung, die ein Ferienort verbreitet.
Der Gast möchte nicht durch ein unattraktives Dorfzentrum gehen
müssen. Davon gibt es vor allem im voralpinen Raum einige, weil viele
Ferienorte aus wirtschaftlichen Gründen zu Schlaforten wurden. Dies
ist teilweise in Weggis und Engelberg bereits geschehen. Auch
Regionen in Österreich sind auf diesem Weg. Im wirtschaftlich starken
Vorarlberg pendeln immer mehr Personen aus der klassischen
Tourismusregion Montafon zur Arbeit in die Industriegebiete
ausserhalb des Tales. Viele Familien boten Gästezimmer an. Darauf
sind sie heute nicht mehr angewiesen. Das führt nicht nur zu einer
Stimmungsarmut in den Gemeinden, sondern auch zu politischen
Problemen, wenn es um neue Tourismusprojekte geht.

Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Bieger: Sie ist aus einer rein wirtschaftlichen Perspektive
eigentlich positiv. Denn sie zeigt, dass es für die Bevölkerung
bessere Verdienstmöglichkeiten gibt. Der Tourismus ist ja nicht
beliebig rationalisierbar, deshalb sind die Einkommensmöglichkeiten
beschränkt. In solchen Gebieten braucht es neue touristische
Konzepte. Für mich steht dabei die Bildung von «Resort-Inseln» im
Vordergrund, beispielsweise einige Hotels, die direkt an ein
Skigebiet, einen Golfplatz oder einen Themenpark grenzen. Zumindest
für Kurzaufenthalter können so stimmige Ferienwelten geschaffen
werden.

So wie es der ägyptische Investor Samih Sawiris in Andermatt
plant?

Bieger: Dieses Projekt bietet eine solche geschlossene, intakte
Ferienwelt. Auch erreicht es eine kritische Grösse, sodass es für
Tour-Operators etc. interessant wird und eine ausreichende
Multioptionalität geboten werden kann.

Das Zauberwort für die klassischen Ferienregionen heisst
Destinationenmanagement.

Bieger: Es ist bezeichnend, dass Graubünden und das Wallis, die
beiden grössten Tourismuskantone, zur gleichen Zeit die Bereinigung
der Tourismusstrukturen in Angriff nehmen. Die Erkenntnis, dass die
nötige Marktmacht nur erreicht werden kann, wenn man auf die
zugkräftigen Ferienorte setzt und grosse Destinationen als
Vermarktungseinheiten definiert, setzt sich durch.


«Die Strukturerhaltung wird immer teurer.»


Und alle ziehen am gleichen Strick? Von aussen hat man eher den
Eindruck, die Tourismusbranche sei so ähnlich wie das
Gesundheitswesen: Jede Menge Interessengruppen wollen ihren Teil vom
Kuchen. Mit der Folge, dass wenig bis nichts passiert.

Bieger: Im Tourismus treffen sich sehr viele öffentliche
Interessen. Oft rücken dabei die wirtschaftlichen Interessen in den
Hintergrund. Es reden zu viele Leute mit, die bremsen, weil sie
nichts mehr zu verlieren haben. Ich denke dabei an Hoteliers und
Detailhändler, die teilweise so verschuldet sind, dass sie gar keine
Ausstiegsperspektiven mehr haben. Auch Zweitwohnungsbesitzer und
pensionierte Zuzüger haben oft kein wirtschaftliches Interesse mehr
am Tourismus und wollen nur ihre romantische Vorstellung vom Dorf
erhalten. Dazu kommen Regionalpolitiker, denen es nur um die
Schaffung von Arbeitsplätzen, aber nicht um die Wirtschaftlichkeit
der Unternehmen geht.

Auch wenn das Projekt mit den Grossdestinationen gelingen sollte,
bleiben doch noch immer Faktoren, die dem Tourismusland Schweiz
längerfristig schaden können. So ist es zum Beispiel billiger, auf
den Bahamas baden zu gehen als in St. Moritz Ski zu fahren.

Bieger: Ich glaube, wir haben den Tiefpunkt bei den Transportkosten
hinter uns. Die Preise im internationalen Flugverkehr steigen wieder.
Der durch die Deregulierung ausgelöste gnadenlose Wettbewerb weicht
einer Konsolidierung.

Damit wird auch das Reisen in die Schweiz teurer. Wird das die
Tourismusbranche zu spüren bekommen?

Bieger: Wir haben den Vorteil, dass unsere interkontinentalen
Kundengruppen vor allem in Asien aus Ländern und gesellschaftlichen
Schichten kommen, deren Einkommen wächst. Zudem dürfen wir auf eine
Zunahme der Nachfrage aus den Nahmärkten hoffen, von Kunden, die eben
nicht mehr weit reisen.

Welche Auswirkung haben die Beinahe-Attentate in London auf die
Reiselust?

Bieger: Die Erholungszeit bei Krisen im Tourismus wird immer
kürzer. Ich erinnere an das Attentat in Luxor. Damals war der
Schweizer Markt für Ägypten ein Jahr lang erledigt. Zum Vergleich:
Bei den Anschlägen in Scharm el Scheich vom letzten Jahr sind nicht
einmal mehr alle Touristen abgereist. Am Flughafen London-Heathrow
haben viele Leute die langen Wartezeiten weggesteckt, wie wenn sie am
Gotthard im Stau stehen würden. Wenn aber die Sicherheitsmassnahmen
von England längerfristig zum Branchenstandard würden, dann hätte das
sicher Folgen für den Flugverkehr.

Bedroht wird der klassische Wintertourismus vom Klimawandel.
Deshalb streben die Bergbahnen in die Höhe. Ist das eine
zukunftsträchtige Strategie?

Bieger: Der Klimawandel trifft natürlich nicht nur den alpinen
Tourismus, sondern die ganze Welt - und damit auch unsere
Konkurrenten. Denken Sie an die Häufung von Hurrikans in den USA und
in Asien. Höher zu bauen, kann nur eine Ausweichstrategie für ganz
starke Destinationen sein. Denn je höher ein Skigebiet reicht, desto
höher sind die Betriebskosten.

Haben Sie eine Lösung?

Bieger: Erstens Pistenplanierungen, zweitens Beschneiung. Da sind
unsere direkten Konkurrenten weiter. Sie haben auf die neuen,
schnelleren Sportgeräte wie Snowboard und Carvingski reagiert und die
Pisten verbreitert. Früher sagte man, zehn Prozent sollten in die
Pisten investiert werden, heute gilt international, dass es bis 50
Prozent der Gesamtinvestitionen sein sollten.

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