Extrem-Alpinisten: 8035 Meter auf Speed

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snowflat
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Extrem-Alpinisten: 8035 Meter auf Speed

Beitrag von snowflat »

Extrem-Alpinisten: 8035 Meter auf Speed

50 Jahre nach der Erstbesteigung des Gasherbrum II versuchen zwei Münchner, den Geschwindigkeitsrekord zu brechen - auf Skiern.

Von Tanja Rest

Im Januar hatten sie Hans Kammerlander getroffen und ihn um seine Meinung gebeten zur Ski-Abfahrt vom Gasherbrum II. Der Mann aus Südtirol ist zwei Mal an diesem Berg gewesen, 1984 ist ihm mit Reinhold Messner die erste Überschreitung von Gasherbrum II und Hidden Peak geglückt. 1996 fuhr Kammerlander als erster Mensch auf Skiern vom Everest. Wenn es einen Alpinisten gab, auf dessen Urteil man vertrauen konnte, dann ihn.


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^^ In diesem Gelände bedeutet jeder Sturz den Tod.
Foto: Dynafit


Sechs Monate später standen Benedikt Böhm und Sebastian Haag auf dem 8035 Meter hohen Gipfel. Sonne, minus 10 Grad. Um sie herum die gleißenden Eisgiganten des Karakorum-Gebirges, der Broad Peak, der Hidden Peak, der K2. . . Das Glück war greifbar an diesem 29. Juli um acht Uhr morgens. Blieb die Abfahrt. Sie hatten die Bretter angeschnallt, blickten eine 60 Grad steile, ins Nichts abbrechende Eisflanke hinab. Und machten sich so ihre Gedanken.

Kammerlander hatte gesagt: Wer vom Gasherbrum II herunter will, soll die Skier zu Hause lassen.

"Wir waren motiviert und gut drauf. Aber wir haben auch beim Aufstieg gesehen, was auf uns zukommt. Ich hab' riesigen Respekt gehabt vor dieser Abfahrt. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie man da runterkommt." Benedikt Böhm, Internationaler Vertriebsleiter bei einem Skitouren-Ausrüster, 29 Jahre alt, sitzt in einem Münchner Café, in das Foto auf seinem Laptop versunken: ein Skifahrer beim Ritt über eine absurd steile Schneeflanke, die auf 8000 Metern direkt in den Abgrund führt. Böhm hat strahlend blaue Augen, ein übermütiges Gesicht und nichts Verbissenes. Man kann sich gut vorstellen, dass er das, was er tut, vor allem aus Begeisterung tut an seinen Sport. "Ich hab' mir immer wieder gesagt: Du wärst nicht hier, wenn du der Sache nicht gewachsen wärst."

Montblanc in zehn Stunden
Skitourengehen ist so etwas wie der leise Gegenentwurf zum Pistenzirkus. Wer den Fun-Parks aus Almdudler, Achter-Sessellift und Anton aus Tirol entrinnen will, schnallt sich Felle an die Bretter, läuft aus eigener Kraft nach oben und fährt durch unberührtes Gelände ab. Benedikt Böhm ist Mitglied im Nationalteam der Skibergsteiger, sein Jahr hat 200 000 Höhenmeter. Er hat innerhalb eines Tages auf den Gipfeln von Großglockner und Großvenediger gestanden. Er hat den Montblanc von Chamonix aus binnen zehn Stunden abgehakt. Er hat den 210 Kilometer langen Weg über die Alpen in drei Tagen zurückgelegt, immer mit Blick auf die Uhr, tick-tack. Speed-Bergsteigen nennt man das.

Im August 2005 ist Böhm mit Skiern auf den 7546 Meter hohen Mustagh Ata im chinesischen Pamir-Gebirge gestiegen und abgefahren. Klassische Expeditionen benötigen für diesen Weg vier Tage. Er brauchte elf Stunden. Mit dabei war schon damals sein Freund Sebastian Haag, Tierarzt und Abfahrtsspezialist. Ein Duo auf Speed. Als Monate später der Summit Club anrief und ihnen anbot, sich einer Expedition zum Gasherbrum II anzuschließen, sagten sie zu.

Fünfmal schneller als der Rest
"Der leuchtende Berg" (in der Sprache der einheimischen Balti) liegt im Grenzgebiet von China und Pakistan und ist der kleinste Achttausender oder: der vierzehnthöchste Berg der Erde. Ein gewaltiger Brocken mit zerklüfteten Gletschern, hoch oben die markante Gipfelpyramide. Am 7. Juli 1956 ist er über den Südwestgrat durch drei Teilnehmer einer österreichischen Expedition unter Leitung von Fritz Moravec erstmals bestiegen worden. Fast auf den Tag genau fünfzig Jahre später kam die Summit-Club-Gruppe mit Böhm und Haag im Basislager an - und dort, auf der Gletschermoräne, stand bereits die Jubiläums-Zeltstadt. "Ich hab' gedacht, ich seh' nicht recht", sagt Böhm. "Da waren bestimmt zweihundert Leute!" Viele waren bei bestem Wetter bereits oben gewesen und hatten für den mühsamen Weg über die Hochlager 1 bis 4 auf den Gipfel und zurück im Schnitt fünf Tage gebraucht. Die beiden Münchner wollten es innerhalb eines Tages schaffen.

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^^ Sebastian Haag
Foto: Dynafit


n 50 Jahren waren überhaupt erst vier Menschen mit Skiern am Gasherbrum II gewesen; ein Franzose war bei dem Versuch ums Leben gekommen. Den Speed-Rekord hielt der (1997 an der Annapurna verunglückte) russische Extrembergsteiger Anatoli Bukrejev: Er hatte vom Lager 1 bis zum Gipfel nicht mehr als 9,5 Stunden gebraucht. Böhm und Haag planten, erst in gemächlicherem Tempo aufzusteigen und abzufahren und einige Tage später den Speed-Versuch zu wagen. "Natürlich haben wir auch an die neuneinhalb Stunden gedacht. . ."

Die Generalprobe lief so, dass sie hinterher nicht wussten, ob sie ermutigt sein sollten - oder einfach die Hosen voll hatten vor Angst. Sie starteten um Mitternacht in Lager 3 auf 7000 Metern, leichtes Gepäck und die Ski auf dem Rücken; sternenklarer Himmel. Sie liefen in einer guten Spur durch hüfttiefen Schnee und standen acht Stunden später auf dem Gipfel; China im Norden, Pakistan im Süden. Böhm sagt, er habe es erst enorm genießen können. Und dann "extreme Bauchschmerzen" gekriegt.

"Das war unheimlich knapp"
Über eine Abfahrt vom Gasherbrum II muss man vor allem eines wissen: Man darf nicht stürzen. Ein Sturz bedeutet mit großer Wahrscheinlichkeit den Sturz in den Tod. Die Hänge sind zwischen 45 und 60 Grad steil und mit Eisplatten durchsetzt, die von verblasenem Schnee überzuckert sind. Man erkennt sie ganz schlecht. Böhm erzählt, wie sein Freund auf einen solchen Eispanzer zugerast sei und die Ski erst im allerletzten Moment herumgerissen habe. "Das war unheimlich knapp." Sie fuhren, die Tiefe im Blick; und bei jedem Schwung, bei jedem Mal Umspringen war es wie eine Lossprechung: zu spüren, dass die Skier greifen.

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^^ Benedikt Böhm
Foto: Dynafit


An diesem 29. Juli gelang ihnen eine "cleane" Abfahrt, das heißt: Sie schnallten die Ski erst ganz unten, am berüchtigten Eisbruch über dem Basislager, wieder ab. Trotz des Erfolges saß ihnen der Schreck in den Knochen. Die Motivation war weg. "Du fragst dich natürlich schon, ob du das Schicksal nochmal herausfordern sollst, nachdem dieses eine Mal alles gut gegangen ist", sagt Böhm.

Eine Speed-Begehung ist die gewissermaßen sauberste Form des Höhenbergsteigens. Voraussetzung für die Geschwindigkeit sind maximale Fitness bei minimalem Gepäck. "Wir haben all die anderen Leute gesehen, wie sie sich da hochgeschleppt haben mit fünf Trägern, Zelten und Tonnen von Gepäck. Wir haben auch den Müll gesehen: Gaskartuschen, Verpackungen, Ausrüstungsteile, einfach alles. Einfach weggeworfen." Bei ihrem Speedversuch am 3. August hatten Böhm und Haag jeweils zwei Liter Wasser und 15 Tuben Powergel dabei, Goretex-Jacke, Klettergurt, Seil. Einen Karabiner. Und sonst nichts. Sie starteten diesmal von Lager 1 auf einer Höhe von 5900 Metern. Eine Viertelstunde vor Mitternacht begann die Uhr zu ticken.

Geschwindigkeit in Höhen ab 6000 Metern kann überlebenswichtig sein: Je schneller sich einer am Berg bewegt, desto kürzer ist er der Gefahr von Lawinen, Steinschlag, Wetterumschwung und Höhenkrankheit ausgesetzt. Die schnellste je dagewesene Begehung eines Achttausenders ist aber natürlich auch ein griffiger Superlativ in einer Zeit, in der die logischste Bestleistung - die Erstbesteigung - längst erbracht ist. Ein Speed-Rekord garantiert weltweite Aufmerksamkeit. Für die Beurteilung einer bergsteigerischen Leistung ist er aber ein eher ungenaues Instrument, die Leistung bemisst sich immer auch an den äußeren Bedingungen. Das mussten Böhm und Haag erfahren, als sie in dieser Nacht abermals die Eisflanke des Gasherbrum II hinaufstiegen, den neun Jahre alten Rekord von Anatoli Bukrejew im Kopf.

"Irres Verlangen" trotz fehlender Orientierung
Nach sechs Stunden wurden sie von Neuschnee überrascht. Die Sicht war weg, die Spur auch, im tiefen, windgepressten Schnee wurde jeder Schritt zur Willensleistung. Böhms Laptop zeigt an dieser Stelle eine Wand aus Grau, darin schemenhaft den Umriss eines Menschen. Er sagt, trotz allem habe er "ein irres Verlangen" gehabt, "das durchzuziehen". Sie kehrten nicht um. Sie verloren die Orientierung und verliefen sich. Sie machten drei Schritte, beugten sich schnaufend über ihre Stöcke, rappelten sich wieder auf, holten Luft, machten noch drei Schritte.

Sie brauchten zwölfeinhalb Stunden bis zum Gipfel.

Im Café in München klappt Benedikt Böhm den Laptop zu und sieht kein bisschen traurig aus, als er das erzählt. Knapp 17 Stunden, nachdem sie aufgebrochen waren, kamen sie wieder in Lager 1 an. Eine große Leistung. "Da kann ich ja nicht sauer sein, noch dazu bei den Bedingungen. Wir waren auch einfach glücklich, dass wir heil runtergekommen sind." Im Rahmen der "European Outdoor Film Tour" geht eine Dokumentation ihres doppelten Gipfelerfolges am 9. Oktober auf Tour durch deutsche Kinos.

Über den verpassten Speed-Rekord, sagt Böhm, hätten sie kein Wort mehr verloren.


Quelle: Süddeutsche
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!

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