Chamois/Aostatal: Parken bitte im Tal!

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snowflat
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Chamois/Aostatal: Parken bitte im Tal!

Beitrag von snowflat »

Parken bitte im Tal!

Das italienische Alpendörfchen Chamois ist ideal für Automuffel. Hier hört man noch die Grillen zirpen. Von Monika Putschögl

Chamois ist eine Perle. Eine klitzekleine, grüne Perle. Gut versteckt hoch oben in den Bergen. Im Winter liegt sie auf einem dicken weißen Kissen, im Sommer auf einer wiesenblumenbunt gesteppten Decke. Auch Berchtesgaden ist eine Perle und Interlaken. Arosa, Bad Reichenhall, Ratschings, Sauris, Werfenweng sind es ebenfalls. Alle aufgefädelt ergeben eine Kette, die Alpine Pearls heißt und eine Marketinggemeinschaft bildet, die sich im Zeichen der sanften Mobilität durch die Alpen zieht. Außergewöhnlich schön sollen die Orte sein und außergewöhnlich auch ihre sanft mobilen Ideen.

Chamois ist außergewöhnlich. Zuerst einmal liegt es auf einem sonnenbestrahlten Südbalkon mehr als 1800 Meter über dem Valtournenche, wo Italiens, Frankreichs und die Schweizer Alpen mit ihren Viertausendern aneinander stoßen. Außerdem ist Chamois winzig: 98 Bewohner, 5 Jahre der jüngste, 84 der älteste, 50 der Durchschnitt. Halbe-halbe Männer und Frauen. »Lassen Sie sich von Emotionen forttragen und nicht von Autos«, wirbt Chamois. In Sachen sanfter Mobilität verhält sich der Ort musterknabenhaft: Er ist autofrei und damit einzigartig in Italien. Vor einem halben Jahrhundert hatten die Einwohner die Wahl – Autostraße oder Seilbahn. Jetzt gondelt jeden Morgen ab sieben Uhr die teleferica steil über Wald, Wiesen und Wasserfall. Oben angekommen, macht sich als erste Emotion Verwunderung breit. Ist man in die Sechziger geraten, in die Siebziger?

Damals boomte kurz und heftig der Fremdenverkehr in der gerade erschlossenen Bergeinsamkeit. Künstler kamen und die ersten Sommerfrischler und Skiwanderer. Aus ausgehöhlten Holzstämmen strotzt satter Blumenschmuck, ein Brünnlein plätschert, Edelweiß heißt die mächtigste Herberge am Platze. In einem Tante-Emma-Supermarkt gibt es vom Wanderschuh bis zur Wurst alles zu kaufen. Allein die Hüpfburg neben der Seilbahnstation erinnert an die Gegenwart.

Und der neue VW-Bus. Der stammt aus dem EU-Geldtopf. Die Europäische Union war es nämlich, die das Projekt des Alpenurlaubs ohne Auto mit insgesamt 3216960 Euro auf den Weg gebracht hat. Der Bus ist elektrogetrieben. Er nimmt zum Beispiel das Gepäck der Urlauber auf. Oder die Vorräte der Einheimischen. Eine Fahrt kostet die Leute von Chamois nur ein paar Cent. Damit sie ihre Traktoren stehen lassen, sagt Valerio dell’Amico, der ehrenamtlich für Tourismus und EU-Projekte zuständig ist. Denn Traktoren tuckern hier schon frühmorgens über das Kopfsteinpflaster – nicht nur für die Landarbeit, sondern auch zur Beförderung von Frau und Kind.

Die wenigen Einwohner von Chamois scharen sich mit ihren Höfen und Häusern nicht alle um die sandgelbe Kirche im Hauptort Corgnolaz, sondern verteilen sich auf gut ein halbes Dutzend Ortsteile im Umkreis von einigen Kilometern. Emilio zum Beispiel, weit über 70, ist der einzige ständige Bewohner von Suisse, dem Ortsteil zehn Spazierminuten hinter dem Flugplatz. Im Ortsteil Crepin wohnt Estrina, heute hält sie nur noch Hühner und Hasen in dem niedrigen, dunklen Gewölbe, in dem früher die mucche, die Kühe, überwinterten. Die alten Bauernhäuser von Chamois sind aus groben Granitsteinen gemauert, darüber schichten sich lange, dunkle Holzbalken zur Scheune. Die Dächer sind mit Platten gedeckt. Rascards heißen solche Häuser. Wenn sie einsturzgefährdet sind, warnt ein gelbes Schild an der Hauswand. Im Ortsteil Ville sieht man ein paar solcher Schilder zwischen vorbildlich sanierten Häusern. Die Grillen zirpen so laut, dass sie locker das Sirren der Seilbahn übertönen, ein alter Mann harkt in seinem Gärtchen, nebendran wuchern hüfthoch die Brennnesseln, dürre Äste sind an einer Mauer aufgeschichtet. Auf ein paar Quadratmetern bedrängen sich Wachstum und Verfall, Ordnung und Chaos, hinter einem eingestürzten Dach steht wie zur Wache der Pylon der Seilbahn.

Im Ortsteil Lieussel, der hinter Kirche und Skiverleih, Kartoffelgarten und Gottesacker den Hang hochsteigt, säumen die seconde case den Weg, herausgeputzte Häuschen mit akkurat gestutzten Rasenstücken, sauber ausgezupften Blumentöpfen – und geschlossenen Fensterläden. Die Ferienhausbesitzer kommen nur für kurze Zeit her.

Chamois lebt und stirbt. Die Zeit von Ackerbau und Viehzucht ist vorbei, die Tagestouristen bringen heute das Geld. An einem Sonntag, an dem unten im Tal die Hitze brütet, zieht eine Karawane Kurzbehoster über den morgenfrischen Hauptplatz in Richtung Sessellift. Am späten Nachmittag werden sie unten wieder in ihre Autos steigen und nach Mailand und Turin zurückfahren. Das Perlenprädikat verheißt Zukunft, soll es doch mehr umweltbewegte Urlauber in die Alpen locken. »Wir sind so klein«, sagt Valerio dell’Amico, »200 Betten und zwölf Wochen Saison würden uns genügen.«

Im Winter wird das Heu eingefahren, da wird das Geld verdient, dann feuern die Schneekanonen die Pisten in perfekten Zustand, lediglich 16 Kilometer sind es, nicht zu steil und nicht zu schwer. Wer es etwas aufregender mag, kann sich in Chamois jüngster Wintersportdisziplin versuchen: Skifahren und Bogenschießen. Im Sommer starten auf über 2000 Metern, wo noch die Fangnetze für die Abfahrer stehen, die Gleitschirmflieger. Gleich wird wieder losgerannt. Im Doppelpack, Beine hoch und ciao. Man kann übrigens auch im Motorflugzeug nach Chamois kommen. Die kurzgemähte Wiese mit der Holzhütte (»Eingang verboten«) ist der Altiporto, eine 210 Meter lange Piste, die aussieht wie ein Fairway auf dem Golfplatz. Aber das ist vermutlich nicht die gewünschte alpine Mobilität.

Nach oben bringt einen vergleichsweise sanft auch im Sommer der Sessellift. Kurz vor dem Ziel haut es einen fast vom Sitz. Dieser Blick: eine linealglatte Kante und drüber nichts als ein kahler Toblerone-Zacken wie in den Himmel gemeißelt. Das ist er. Der Weltbekannte. Der Nationalberg der Schweizer von seiner Seite als Monte Cervino. Am Ende des Lifts – nur noch Alpen pur: Zähne, Zacken, Gletscher, Hörner und Hänge mit grünen Matten, von Wanderwegadern durchzogen.

Das gebräuchlichste sanft mobile Fortbewegungsmittel jedoch sind die eigenen Beine. Man läuft, denn nichts anderes, als durch die Gegend zu laufen, ist der Grund, hierher zu kommen. Ein Ziel ist zum Beispiel der Weiler La Magdeleine, und nach noch nicht einmal einer halben Stunde hält man an, um sich umzuschauen. Und da ist er wieder. Der Monte Cervino, das Matterhorn. Chamois davor. Das hat was.

Der Weg nach La Magdeleine ist der sanfteste aller Wege. Einer der anstrengenderen verbindet die Seilbahnstation im Tal mit der oben in Chamois. Dazwischen spannen sich mehr als 700 Höhenmeter. Spannende Meter. Weicher, wurzeliger Boden im Lärchenwald wechselt mit Metern ganz eng am Fels entlang, zur anderen Seite jäh abfallend, nur durch ein Holzgeländer gesichert. Nie geht es auf ebener Strecke. Es gibt nur den Blick nach oben in die Unendlichkeit, keine Spur zu sehen von den weiten Weiden, auf denen hoch die Weideröschen stehen, von den Almen, auf denen die Kühe grasen. Oder nach tief unten auf den großen Parkplatz, wo jeder sein Auto lässt, der nach Chamois will.

Bald werden sie für die Wanderer im Wald stehen, die robusten Tafeln mit dem weinroten Farbzug, die Valerio dell’Amico gerade bekommen hat und die viersprachig erklären, wo es langgeht, die im Panorama zeigen, wie die Berge heißen, die erläutern, was es am Wegesrand zu sehen gibt. Der Entwurf der Tafeln ist der Beitrag von Chamois zum Erfolg der alpinen Gemeinschaft.

Die Schilder werden sich gleichen, doch wie bei den echten Perlen ist kein Ort der alpinen Perlenkette dem anderen gleich. Klipp und klar: Die Unterschiede sind gewaltig. Zum Beispiel, was die Betten für die Sanftbewegten betrifft. Das macht Valerio dell’Amico ein bisschen Angst. Denn Chamois kann gerade einmal den genügsamen Wandersmann zufrieden stellen. Es gibt nur ein einziges, schlichtes Hotel. Die Kammern in den alberghi führen zurück in die Sechziger. Die Preise der Restaurants aber liegen in der Gegenwart.

Doch an der Perle Chamois wird emsig poliert. Kabelloser Breitband-Internet-Zugang – Chamois ist Modellort; Energiegewinnung mit Wasserstoff – Chamois ist Modellort; sämtliche Häuser sind ausgemessen, fotografiert, kartiert, die Eigentümer festgehalten, die Renovierungskosten hochgerechnet – ein Pilotprojekt der EU. Man könne doch eine Gesellschaft gründen, sagt Valerio dell’Amico, nach und nach leerstehende Liegenschaften sanieren und dann vermieten, ein Feriendorfhotel im Dorf…

Aber jetzt werden erst einmal die Straßen aufgerissen: Gas, Strom, Telefon, alles kommt unter die Erde. Und dann bekommen alle Wege, ob in Suisse oder in Ville, neues Pflaster und die Verbindungsstrecken dazwischen einen wetterfesten Belag. Das kostet mehr als zwei Millionen Euro. Das meiste wird von der Region bezahlt. Die hat Chamois auch, ohne dass sich die Kommune darum drängte, als alpine Perle benannt. So war es in allen Gebieten, die an dem EU-Projekt beteiligt sind. Vorab hatte man einen nicht sehr strengen Kriterienkatalog angelegt. Ferien ohne Auto eben, als Hauptmarkt im Blick: Deutschland.

Chamois, die versteckte Perle, liegt hoch im Norden Italiens. In der autonomen Region Aostatal. Die pflegt Französisch als zweite Landessprache und ist mit dem Auto mühelos zu erreichen. Nur sanft mobil von Deutschland aus ein bisschen schwerer: Umsteigen in Mailand, Chivasso, Châtillon, Buisson…

INFORMATION

Bild
© ZEIT-Grafik

Anreise: Zum Beispiel mit Lufthansa oder Swiss nach Mailand/Malpensa oder mit Air Berlin nach Bergamo, mit dem Bus zum Mailänder Hauptbahnhof, mit dem Zug über Chivasso nach Châtillon, mit dem Bus nach Buisson, mit der Seilbahn weiter. Mit dem Auto über die Schweiz und den Großen Sankt Bernhard oder über Mailand und dann auf der A5 bis Ausfahrt Châtillon, weiter in Richtung Valtournenche/Cervinia
Quelle: © DIE ZEIT, 21.09.2006 Nr. 39


Links:
www.comune.chamois.ao.it
www.alpine-pearls.com
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!

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Rajiv
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Beitrag von Rajiv »

Wenn man diesen Artikel der "Zeit" liest, dann könnte man denken, daß im Gebiet um Corgnolaz(bzw. etwas größer gefaßt: Chamois) alles heile Welt ist.
Die Realität sieht dann aber schon etwas anders aus.
Auf der Straße nach Corgnolaz(das ist die Straße die aus dem Val Tournenche abzweigt und über Antey-St. André hinauf nach Brengon{gehört zu La Magdeleine} führt und von dort weiter über die paar Häuser von Viùs{ab dort ist die Straße dann offiziell gesperrt} nach Corgnolaz führt) ist auch auf dem für "normale Touri's" gesperrten Abschnitt allerhand Verkehr; in der Realität ist man von der Traum-Oase für Alternative schon noch etwas weg.
Außerdem bin ich der Meinung, daß man unbedingt auf zwei "Quellen" hinweisen muß: Bezahlbar ist der "ganze Spaß" nur weil die Region Aostatal(übrigens die einzige Region in Italien die nur aus einer Provinz besteht) über außerordentliche Privilegien in Italien verfügt, genauer gesagt bedeutet dies, daß die Region Aostatal so gut wie keinen Cent der in der Aostatal-Region erhobenen Steuern(auch Steuern die italienweit erhoben werden, also nicht nur regionale Steuern) nach Rom überweist, aber aus Rom noch diverse Förderungen kassiert; dieser Sachverhalt ist nicht neu(beruht auf Abkommen aus den 60er Jahren wegen des Baus des Mt.-Blanc-Straßentunnels). Die zweite Quelle sind nennenswerte EU-Fördergelder, gegen die ja nix einzuwenden wäre, wenn sie denn nur einigermaßen sinnvoll verwendet werden würden, aber gerade die Region Aostatal ist im gesamten Alpenraum das Gebiet in dem der "meiste Blödsinn" angestellt wird; als Beispiele sollen hier nur die in den letzten Jahren neu erbauten Fahrwege dienen, diese Fahrstraßen(die übrigens niemand vorher gebraucht hat, sondern die erst durch ihre Existenz den landwirtschaftlichen{und auch anders verursachten} Verkehr hervorgerufen haben{weil man dadurch jetzt EU-Landwirtschatsfördermittel für Berglandwirtschaft abfassen kann, da man jetzt Flächen bewirtschaftet, die man vorher nicht bewirtschaften wollte, weil es da ja zu viel Arbeit gemacht hätte}) sind auch noch so schlecht angelegt worden, sie sind einfach in den Berg mit der Planierraupe gefräst worden, aber fast immer ohne ordentliche Wegebaumaßnahmen(in den Kehren nur geringe Steigungen, ordentliche Stützmauern etc.), daß sie nun jedes Jahr kostenintensiv unterhalten werden müssen(wofür man in Brüssel nun wieder Fördergelder einfordert, weil ja alles so schwierig in den Bergen ist); diese Probleme wären bedeutend geringer, wenn der Wegebau fachmännisch erfolgen würde(als Vorbilder sollten sich diese "Experten" die alten Militärstraßen im Alpenraum ansehen, die heute noch zum grßen Teil nutzbar sind, obwohl seit über 50 Jahren {fast} keine Unterhaltungsarbeiten mehr erfolgen) und wenn nur die Wege gebaut worden wären, die wirklich notwendig gewesen wären(wenn überhaupt einer dieser Wege notwendig gewesen ist).
Die positiven Beispiele(wie Dondenaz, wo der Wegebau wieder in alter Tradition, die zwar viele manuelle Tätigkeiten verlangt und entsprechend teuer ist, erfolgt und dementsprechend haltbar ist) sind in der Region Aostatal leider nur vereinzelte Erscheinungen, außerdem kann man sich nur sehr bedingt erfreuen, wenn man um die (teilweise) obskuren Finanzierungsmethoden der AO-Region weiß. Von den dort üblichen Diskriminierungen ganz zu schweigen, genauer gesagt: Touristen sollen bezahlen(und zwar für alles und dann auch noch reichlich) und werden mit Einschränkungen(ein Bsp.: Fahrverbote) belegt, aber Bewohner der AO-Region erhalten problemlos Ausnahmegenehmigungen, selbst wenn sie drei Täler weiter wohnen und in diesem Tal nix beruflich/landwirtschaftlich/... zu tun haben(außer ihren fetten Ar... am Sonntag mit dem Auto bis auf den hintersten Berg zu schaukeln); von der Geschäftstüchtigkeit(böse Zungen würden von Abzocke reden) der allermeisten Gewerbetreibenden im AO-Tal ganz zu schweigen, wenn ich da an etliche Hüttenwirte denke(nur als Bsp.).
In der Region Aostatal gibt es noch einige Fleckchen, wo man wirklich als Mensch(und nicht nur als Dukatenscheißer) willkommen ist, aber leider sind es nur sehr wenige Orte. Fast überall wird einem das Geld aus der Tasche gezogen und Chamois würde ich da auch dazu zählen wollen.

Keine Ahnung, warum die Region Aostatal gegenüber dem Piemont oder den frz. Alpen-Departements aus meiner Erfahrung so viel schlechter abschneidet; meine Vermutung ist, daß es schon mit dem Reichtum der Region Aostatal zusammenhängt.

Rajiv
Ich wünscht' ich wär ein Elefant,
dann wollt ich jubeln laut,
mir ist es nicht um's Elfenbein,
nur um die dicke Haut.
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