Von Joachim Hoelzgen
Wegen des milden Herbsts rumort es in den Schweizer Alpen immer noch. Nun kam es im Massiv der Dents-du-Midi zum bisher größten Bergsturz dieses Jahres. Das Gestein sei förmlich explodiert, berichten Augenzeugen.
Nebel hatte sich am Vormittag des heutigen Mittwochs über das Val d'Illies gelegt und verhüllte so, was sich am Paradeberg des Gebirgstals im Wallis gerade erst ereignet hatte: ein Bergsturz in der Nordwand der Dents-du-Midi, die hier wie eine Bastion im Himalaja emporragt. Deutschen Autofahrern, die vom Genfer See her über die nahe Autobahn ins Wallis und weiter etwa nach Zermatt fahren, ist die Kette mit ihren sieben Gipfeln wohlbekannt.
Unterhalb des Hauptgipfels, der sogenannten Haute Cime (3258 Meter), hatte sich am frühen Morgen des vergangenen Sonntags eine Million Kubikmeter Fels aus dem Massiv gelöst. Über die Nordwand hinweg stürzten die Gesteinsmassen krachend nach unten. Das Bombardement sei "unglaublich" gewesen, berichteten Augenzeugen dem Lokalblatt "Le Nouvelliste" in Sion, der Hauptstadt des Wallis. Manche der Felsbrocken seien so groß wie Lastwagen gewesen, ehe sie in der Tiefe zerbarsten.
Zum Glück waren zum Zeitpunkt des Bergsturzes noch keine Wanderer von Champéry heraufgekommen, dem rustikalen Chalet-Dorf des Val d'Illies. Dort waren am Wochenende noch viele Fans des Nordic Walking unterwegs, die sich an fast sommerlichen Temperaturen erfreuten. So warm war es Ende Oktober noch im Wallis, dass die Null-Grad-Grenze auf 4200 Meter angestiegen war - normal sind um diese Jahreszeit 2200 bis 2300 Meter.
Der Berg sei förmlich "explodiert", berichteten die Augen- und Ohrenzeugen des alpinen Spektakels. Es war das bisher größte, das sich in diesem Jahr in den Schweizer Bergen abspielte - und noch massiver als jenes am Eiger, an dessen Ostflanke im Juli gerade mal 460.000 Kubikmeter Felsgestein in den Kessel des Unteren Grindelwaldgletschers gestürzt waren. An den Dents-du-Midi betrug das Volumen mehr als das Doppelte, was einem Gewicht von 2,5 Millionen Tonnen entspricht.
Ein Teil der Felsmassen stürzte in die Schlucht eines Bergbachs, weshalb ein Kraftwerk vom Netz genommen werden musste. So sollte verhindert werden, dass Geröll und Gesteinsbrocken in die Turbinen gerieten. Auch eine Straße und Wanderwege in der Gegend mussten aus Sicherheitsgründen gesperrt werden, und nach einem Erkundungsflug am Montag blieb es vorerst dabei: Betreten verboten.
"Bergstürze dieses Kalibers haben eine lange Vorgeschichte", kommentiert der Eiger-Geologe Hans-Rudolf Keusen das jüngste Geschehen, "aber der Auslöser waren bestimmt die hohen Temperaturen." Sein Kollege Jean-Daniel Rouiller, Kantonsgeologe des Wallis, macht auch die natürliche Erosion verantwortlich, die wegen der langen Schönwetterperiode beschleunigt worden sei. Schon vor einem Jahr habe sich im Massiv der Dents-du-Midi ein Felssturz ereignet.
Mit dem Crash in der Nordwand der Gipfelkette bestätigt sich auch, was Zürcher Gletscherforscher mutmaßen: Ausgerechnet in den dunklen Nordwänden ist es zu lau geworden. Das Verschwinden des Dauerfrosts führe zu einer "rapiden Destabilisierung" der Wände, prognostizierte im US- Fachblatt "Geophysical Research Letters" der Gletscherforscher und Geografie-Professor Wilfried Haeberli.
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natu ... 72,00.html