© DIE ZEIT, 30.11.2006 Nr. 49
Der Schneekanonier
Rudolf Winkler, 44, St. Anton
Was kostet Schnee? Herr Winkler holt den Taschenrechner raus. 560000 Kubikmeter Wasser letzte Saison. Mal Kubikmeterpreis. Mal einem Faktor für Energie und Personal. Macht rund 2,3 Millionen Euro Kosten für die Arlberger Bergbahnen AG in St. Anton in Tirol. Über die Vorstellung, dass Schnee vom Himmel fällt, kann der Mann nur milde lächeln.
Leitzentrale Schneeanlage. Über Funk oder Erdkabel werden von hier aus die Schneekanonen der umliegenden Pisten gesteuert. Rudolf Winkler, Blaumann, Fleecepullover, Bergstiefel, ist Schneekanonier. Der 44-Jährige lässt es seit zweiundzwanzig Jahren schneien, seit neun Jahren darf er sich Schneimeister nennen. Wenn Frau Holle versagt, und das ist in Zeiten des »Global Warming« nicht die Ausnahme, sondern die Regel, springt er ein. Und mehr als das: Da eine Skisaison heute am 1. Dezember anfangen muss, weil sonst der Skitourismus leidet, macht der Herr Holle von St. Anton schon seine Schneekanonen klar, wenn noch niemand ernsthaft ans Skifahren denkt. Wochen vor dem Saisonstart pusten seine Maschinen Kunstschnee auf die Pisten. Bis zu zwei Millimeter weiße Pracht pro Stunde, 40 Zentimeter insgesamt – das ist die so genannte Grundbeschneiung. Legt Frau Holle dann noch was obendrauf: gut. Wenn nicht, auch nicht schlimm. Letzte Saison sind sie von Ende November bis Mitte Januar »durchgefahren«. Dann kam von oben jede Menge Naturschnee. »Da haben wir alles eingestellt. Und gewartet, bis wieder besseres Wetter war.« So einer ist Rudolf Winkler: Echter Schnee stört nur.
Winkler kennt den Kunstschnee wie kein Zweiter. Mit seinen Kanonen, die Snowstar heißen und, wenn sie in der Nähe von Häusern schießen, den Zusatz »silent« tragen, mixt er Schnee unterschiedlicher Qualität. Direkt auf die grüne Wiese gehört eine Art Schneematsch: nasser Schnee, der gut am Untergrund haftet und Regen vertragen kann. Obendrauf kommt der Pulverschnee. Vor Ort, an der Kanone, demonstriert der Schneimeister, was alles zu seinem Job gehört: Installation, Elektrik und Meteorologie. Er hangelt sich in einen Erdschacht und schließt eine Art Feuerwehrschlauch an. Er schaltet den Strom ein. Und setzt die Maschine in Gang. Ein Blick auf das Messinstrument, und seine Miene verfinstert sich. Plus zwei Grad – das wird wohl nichts.
Auch Herr Holle kann nicht zaubern. Die Kanone bläst aus Hunderten von Düsen feinste Wassertröpfchen in die Luft, gemischt mit dickeren »Kristallisationskeimen«, und im Flug durch die kalte Luft wachsen feine Schneekristalle heran. Damit das klappt, braucht man allerdings minus 3 Grad Celsius Lufttemperatur. Bei trockener Luft wenigstens minus 0,5 Grad. Dieser November ist vertrackt, es ist schlicht zu warm. Winklers Schneekanone produziert nur Nieselregen. Der Saisonstart ist in Gefahr! Im Dezember grüne Pisten – schlimmer geht es nicht. Immerhin: Winkler wirkt darum noch ganz ausgeschlafen. Wenn er es endlich schneien lassen kann, ist Zweischichtbetrieb rund um die Uhr angesagt. Schneekanonen je nach Wind ausrichten; Schneequalität prüfen; defekte Wasserschläuche auswechseln. Kompressoren mit Öl versorgen, Düsen enteisen, defekte Messeinrichtungen ersetzen. Zu jeder Tageszeit, bei jedem Wetter. Und wenn man nicht aufpasst, begräbt sich die Kanone selbst unter Schnee.
Eine Atempause bringen erst Januar, Februar: Naturschneezeit. Dann kann Rudolf Winkler die Maschinen noch mal richtig fit machen für den letzten Großeinsatz, das Powerschneien im März. Mit diesem Trick umgeht man die Naturschutzbestimmung, die zur Schonung von Flora und Fauna Kunstschnee im April untersagt. Beschneit der Schneemeister den ganzen März lang aus vollen Kanonenrohren und legt allerorten dicke Schneedepots an, hat St. Anton einen ganzen Monat Saison gewonnen. Wunschgemäß liegt dann auf den Pisten Schnee bis zu den Osterferien.
Burkhard Strassmann
Die Wintermacher
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Die Wintermacher
Die Zeit hat eine interessante Serie über Wintersportberufe gemacht.
Zuletzt geändert von Jay am 30.11.2006 - 07:50, insgesamt 1-mal geändert.
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© DIE ZEIT, 30.11.2006 Nr. 49
Der Pistenraupenfahrer
Siggi Trenkwalder, 30, St. Anton
Was er anrichtet, der Skifahrer, tagsüber, wenn er die Hänge runterschießt und schwingt und wedelt und juchzt – davon hat er ja keine Ahnung. Aus der Sicht von Siggi Trenkwalder macht der Skifahrer vor allem eins: Er befördert Schnee von oben nach unten. Jede Abfahrt bedeutet für die Piste ein kleines Desaster. Hunderte, Tausende von Abfahrten führen zum großen Desaster: Oben fehlt der Schnee, unten stapelt er sich. Dann geht der Skifahrer zum Après-Ski – und Trenkwalders Sisyphusarbeit beginnt: Schneeschieben.
Siggi Trenkwalder ist Pistenraupenfahrer. Hierarchisch korrekt: Betriebsleiter Fuhrpark Pistengeräte in St. Anton am Arlberg, Österreich. 30 Jahre jung, schon 25 Mann unter sich, jedenfalls im Winter. Außerhalb der Saison schraubt er mit reduzierter Mannschaft an den monströsen »Geräten«, und der Job ist locker. Doch von Dezember bis Ende April herrscht Stress.
Kaum sind die letzten Abfahrer von der Piste verschwunden, wirft Trenkwalder sein 330-PS-Kettenfahrzeug an, zirkelt es aus der Garage, wo die am Heck montierte fünf Meter breite Fräse so eben durchs Portal passt, und verschwindet in der Einsamkeit der Nacht. Er hakt die Raupe bei der Piste mit einem Seil in einer soliden Verankerung ein, lässt sich talwärts ab und beginnt, mit dem mächtigen Schild den Schnee in Position zu bringen. Ebnet hier ein Hügelchen ein, füllt dort ein Loch, und wo er ein bisschen Schnee übrig hat, legt er Depots an. Für schlechte Zeiten. Nein, so eine Piste ist nicht mehr das natürliche Produkt der meteorologischen Spezialität Schneefall. Der Schnee kommt aus der Kanone. Und wo er am nächsten Morgen liegt, entscheidet Trenkwalder. Der Pistenraupenfahrer nimmt keine Schönheitskorrekturen vor: Er betreibt Schneemanagement.
Der Arbeitsplatz ist einigermaßen komfortabel. Beheizte Kabine, körperfreundlicher Sessel, Stereo. Trenkwalder steht nicht auf Humba tätärä und Anton aus Tirol, er hört lieber Reggae. »Vom lustigen Leben kriegen wir nichts mit«, sagt er, »das überlassen wir den Skilehrern.« Außerdem muss er Acht geben. Der Schrecken der Pistenraupenfahrer sind die nächtlichen Tourengeher, die mit untergeschnalltem Fell und besonders bei Vollmond die Pisten raufkraxeln, um später fröhlich abzufahren. Und schlimmstenfalls über das bis zu einem Kilometer lange Halteseil der Pistenraupe zu stürzen. Im Übrigen sind die Nächte nicht immer sternenfunkelnd. Es gibt Nebel, da kann man sich regelrecht verirren. Oder es kommt zur Begegnung mit frischem Naturschnee. Ist der pulvrig und tief, findet nur der Erfahrene den richtigen Weg. Man kann auch ins Rutschen kommen. Sogar umkippen. Ist das also ein gefährlicher Job? »Ich finde nicht. Eine Hausfrau lebt gefährlicher.« Im Alltag gibt es vor allem eine Gefahr: dass der Sprit ausgeht. Wem das passiert, der muss den Kollegen eine Kiste Bier ausgeben.
Ist die Schneedecke erst einmal prinzipiell okay, kommt der ästhetische Teil der Arbeit. Über Funk ruft Trenkwalder zwei Kollegen herbei, zum »Finishen«. In Formation fahren drei Pistengeräte nebeneinander die Piste talwärts. Sie fräsen das »Pistenbild«, jenen Idealzustand, den der Skifahrer am nächsten Morgen für selbstverständlich hält. Die Oberfläche soll fein krümelig sein, mit leichter Rippenstruktur, die ein hinter der Fräse herlaufender Gummilappen in den Schnee prägt. Am Ende liegt der Schnee »wie ein Teppich da, ohne Falten«.
Um Mitternacht ist Feierabend. Dann wird im Sozialraum des Betriebshofs noch ein wenig geschwatzt. Die Kollegen, die von weiter her kommen, verziehen sich auf die Übernachtungszimmer, Siggi Trenkwalder fährt nach Hause ins 20 Kilometer entfernte Landeck. Die Freundin, so viel verrät er, ist nicht nur begeistert über die Nachtarbeit. Zum Glück ist nicht immer Saison.
Burkhard Strassmann
Zuletzt geändert von Jay am 30.11.2006 - 07:47, insgesamt 1-mal geändert.
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Der Discjockey
Chriss Tuxi, 33, Hintertux
Erst einmal hört man ihn nur. Wer nachmittags gegen halb fünf die Hohenhaus Tenne in Hintertux betritt, hört nur diese Stimme, die irgendwo zwischen Wolfgang Ambros und Tom Waits liegt, in jedem Fall aber so klingt, als wären die Stimmbänder kurz vor dem Zerreißen. Und die Stimme ruft: »Schatzilein, jetzt gib halt a bissi Gas, mir san schließlich ned zum Spaß hier!« Es laufen die Beach Boys, und die Leute auf der Tanzfläche sind noch etwas lahm, zu lahm für den Geschmack von Christian Cabala alias DJ Chriss Tuxi. Wenn man ihn dann sieht, wie er im schwarzen Poloshirt oben auf der hölzernen Galerie in seiner DJ-Kanzel steht, das Headset in einem weichen, fast faltenlosen Gesicht, kann man kaum glauben, dass diese Stimme zu diesem Menschen gehört.
Für den 33-jährigen Steirer hat die Saison längst begonnen, seit Anfang November ist hier im Gletscherskigebiet Betrieb. Von halb vier Uhr nachmittags bis acht Uhr abends legt er täglich zum Après-Ski auf. Die Hohenhaus Tenne, rein für diesen Zweck gebaut, sieht von außen aus wie ein Tiroler Bergbauernhof, bietet innen aber High Tech und Platz für 800 Personen. 500 kommen im Schnitt, sie wollen trinken, tanzen und noch mehr trinken, und DJ Chriss Tuxi ist ihr Zeremonienmeister, nun schon in der fünften Saison. Es gehört zum Konzept, dass er mitsingt, die Gäste anspricht und animiert, und vor allem muss er eines tun: mitsaufen. Die ganze Zeit spendieren Gäste ihm Schnäpse, und weil viele Stammgäste darunter sind, wissen sie bereits, was sein Lieblingsgetränk ist. Und wer es nicht weiß, dem zeigt er es, indem er den Ärmel seines Poloshirts hochrafft. Dort steht, auf den Oberarm tätowiert: Ramazotti. So könne er seine Stimme schonen, wenn ihn jemand fragt, und der italienische Bitter sei halt »bekömmlich«. 15 bis 20 Schnäpse kommen da an einem gewöhnlichen Nachmittag schon zusammen, eigentlich zu viel für eine Leber. »Aber ich habe einen kleinen Zaubertrick: Ich trinke immer viel Wasser nach, zwei, drei Liter – das hilft.« Jedenfalls habe er, »man glaubt es kaum, relativ normale Leberwerte«.
Um sechs ist das Lokal pumpvoll. Die Gäste, großteils Deutsche, schwitzen in ihren Skihosen und ihrer Funktionsunterwäsche auf der Tanzfläche. Zeit für die richtigen Après-Ski-Kracher: »Du hast mich tausendmal belogen / du hast mich tausendmal verhext / ich bin so hoch mit dir geflogen / doch der Himmel war besetzt.« Oder: »Wenn ich dich seh / dann denk ich an ein Auto / denn deine Hupen sind so wunderschön …« Alle singen mit. Ein bisschen schlüpfrig dürfe es schon sein, »aber wir wollen hier keine perverse Veranstaltung«. Im Gegensatz zum »Bierkönig« auf Mallorca, wo DJ Chriss Tuxi die fünf Sommermonate lang auflegt, sei die Atmosphäre in Hintertux viel angenehmer, nicht so exzessiv.
Auf dem Höhepunkt des Nachmittags spielt der DJ das von ihm selbst aufgenommene adaptierte Kinderlied Und wer im Jänner geboren ist. Dabei mischt er sich samt einer mit Spenderventil versehenen Schnapsflasche unters Tanzvolk und singt im Halbplayback mit: »…der nimm sein volles Glas zur Hand und sauf es aus bis an den Rand…« Freiwillige, im gerade besungenen Monat geboren, treten vor, werfen den Kopf in den Nacken, und der DJ gießt ihnen den Schnaps direkt in den Mund. Die Menge quittiert es mit einem dreifachen »Sauf aus, sauf aus, sauf aus!«.
Hans Gasser
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Der Lawinensprenger
Alban Scheiber, 39, Hochgurgl
Hochhäuser sprengen – kleine Sache! Da reicht ein normaler Sprengschein. Lawinen sprengen: schon besser. Da braucht man den Lawinensprengschein. Die hohe Schule aber ist der Lawinensprengschein Hubschrauber. Sehr speziell! Alban Scheiber hat sie alle.
Alban Scheiber ist nicht leicht zu fassen. Er ist 39 und sieht wie ein fescher Skilehrer aus (was er auch ist). Er ist einer der 16 »Eingeborenen« von Hochgurgl oben im österreichischen Ötztal und dort zusammen mit seinem Zwillingsbruder eine Art Patron. Ihnen gehören ein Hotel, die Skianlagen, Restaurants, eine Skischule. Das honorigste Amt aber ist die Mitgliedschaft in der Lawinenkommission. Diese besteht aus Experten, die früh aus dem Bett müssen. Computer an, www.lawine.at checken, Winddaten von den örtlichen Messstationen einholen, warm anziehen und los. Zu den Hängen.
Ein Kandidat liegt hoch oben, direkt unter dem Wurmkogl, auf fast 3000 Meter Höhe. Blickt man hoch, fällt ein avantgardistisches Glashaus auf, das soeben eröffnete Top Mountain Star, eine Bar mit umwerfendem Ausblick gen Südtirol und die Dolomiten. Dort endet eine Sesselbahn und beginnt eine atemberaubende schwarze Piste. Die führt knapp an diesem »lawinösen« Südhang vorbei. Ein paar Sonnentage, die dem Schnee einen Schmelzharschdeckel aufgesetzt haben, dann Neuschnee und ordentlich Nordwind – und eine Lawine droht.
Scheiber kommt dann, lange vor den Skiläufern, herangeknattert. Mit einem Motorschlitten oder in einer Pistenraupe. Prüft die Schneedecke. Entdeckt die verharschte Gleitschicht, auf der der Neuschnee ins Rutschen kommen kann. Und stapft zu einer kleinen manuellen Seilbahn, die bis zum Grat hoch reicht. Er hängt ein schwarzes Päckchen dran und zündet eine lange Lunte. Dann wird gekurbelt. Kurz unter dem Grat macht es krawumm, und durch die Druckwelle setzt sich die Lawine in Bewegung. Oder auch nicht. Kommt der Schnee nicht ins Rutschen, lässt Scheiber es zur Sicherheit noch mal krachen. Dann gilt der Hang als sicher. Die vergangene Saison war schneereich. »Der Schneedeckenaufbau war schlecht. So schlimm wie noch nie.« Da mussten sie alle zehn Kandidaten mindestens einmal die Woche absprengen. Das bedeutete bis zu zwanzig Detonationen am frühen Morgen. Immerhin geht man so auf Nummer sicher. Der Experte muss lange nachdenken, bis ihm das letzte Lawinenopfer in den Sinn kommt: »Das ist hier in Hochgurgl 15 bis 20 Jahre her. In der Region vielleicht 4 Jahre.«
Das Sprengseilbahnverfahren hält Scheiber für ideal. Wenn man richtig gerechnet hat – ein Meter Zündschnur brennt in zwei Minuten und zwanzig Sekunden ab, fünf bis sechs Minuten lang wird gekurbelt – dann entfaltet die Explosion ein paar Meter über der Schneedecke die optimale Wirkung. In anderen Skigebieten wird mit fest installierten Gaskanonen gesprengt. Doch dafür ist das Gelände hier zu unwegsam. Ganz problematische Hänge werden mittels des Obergurgler Rettungshubschraubers angeflogen. An Bord zündet man die Ladung, schmeißt sie in den Schnee und macht, dass man wegkommt. Geht auch, ist aber weniger effektiv.
Gefressen hat Alban Scheiber die »Unbelehrbaren«. Leute, die unter Absperrseilen durchkriechen und über Fangzäune klettern. Rein in den Tiefschnee. Ohne zu ahnen, dass man schon mit 80 Kilo Körpergewicht – besonders am Rand eines Hanges, wo man auf die Gleitschicht trifft – Fatales bewirken kann. Er hält es sogar für möglich, dass es manche drauf anlegen. Wie Geisterfahrer. Einmal im Leben eine große Wirkung haben. Auch für solche Vögel steht Scheiber morgens um sechs auf.
Burkhard Strassmann
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Jay
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© DIE ZEIT, 30.11.2006 Nr. 49
Der Seilbahntechniker
Raimund Haid, 54, Hochgurgl
Im Norden wäre er wahrscheinlich Seemann geworden. Er hat diesen weit schweifenden, blauäugigen Blick. Im österreichischen Ötztal sollte er Bauer werden, der elterliche Hof liegt in Lengenfeld. Er heuerte lieber bei der Seilbahn an. Mit 20 wurde er Maschinist, heute leitet er die Hochgurglbahn. Ein ruhiger, fast provozierend gelassener Typ. Wenn man schon in einer Gondel, am dünnen Seile baumelnd, tiefe Schlünde überqueren muss, dann am liebsten unter der Aufsicht von einem wie Raimund Haid.
Durchgeknallte Kampfpiloten fliegen unter Seilbahnseilen durch. Liftsessel rutschen vom Seil. Kabinenabsturz durch Seilbruch. Es gibt nicht viele, aber schlimme Seilbahnunglücke. Wer Haid nach der Seilbahnsicherheit fragt, dem erzählt er vom Bergen. Kann ja mal sein, dass die Technik streikt, alle Motoren kaputt, auch der Notdiesel, der immerhin langsames Fahren gewährleistet. Oder eine der Rollen, die das Seil über die Stützpfeiler führt, ist hinüber. Die Anlage steht. Dann hängen sich die Seilbahnleute in ein Bergegerät, lassen sich zu den Gondeln hinabgleiten und seilen die Insassen ab. Wird einmal im Jahr geübt. Den Ernstfall hat Haid in über 30 Jahren Berufspraxis nicht einmal erlebt.
Lieber redet er, klar, über die Maschine. Zweimal 350 Kilowatt asynchron, ein Trumm, in der Bergstation installiert, wartungsarm. Oder über die Kabinen, Kunststoffleichtbau, mit Aluprofilen stabilisiert. Doch am allerliebsten redet der Seilbahntechniker über das Seil, an dem alles hängt.
Hat je einer das Seil angemessen besungen? Es hat sogar eine Seele! Früher, erinnert sich der 54Jährige, war sie aus Hanf, heute ist sie aus Nylon. Um die Seele herum sind die sechs Stahllitzen gewickelt, das Nylon verhindert, dass sie sich aneinander aufreiben. Ab Werk ist das Seil auf Lebenszeit gefettet. Und doch altert es unaufhörlich. Zehn bis zwanzig Jahre hält es, je nach Wartung und Verwendung. Die Stelle, an der die Gondel hängt, ist heikel. Ein Klemmmechanismus verhindert, dass die Gondel auf dem Seil ins Rutschen gerät. Wo Litzen aber über Gebühr gequetscht werden, droht immer gleich Korrosion. Und damit Litzenbruch. Schlimmstenfalls Seilbruch.
Eine der Hauptaufgaben des Seilbahntechnikers ist demzufolge die Seilkontrolle. Monatlich einmal »augenscheinlich« – dann hockt Haid stundenlang neben dem Seil, das in Langsamfahrt an ihm vorbeizieht, und achtet auf verräterisch bräunliche Stellen oder Quetschungen. In größeren Abständen wird das Seil magnetinduktiv »durchleuchtet«: Charakteristische Störungen im induzierten Magnetfeld weisen auf innere Probleme hin.
Um das Seil zu entlasten und die Bahn etwas vor Wind und Wetter zu schonen, fahren alle Gondeln am Abend ins »Parkhaus«. Erst wird der Klemmmechanismus gelöst, dann werden sie vom Seil genommen und laufen über Schienen in ihr Nachtlager. Manchmal ist die Kurzinspektion kein Vergnügen. Da sind dann Sitzpolster aufgeschlitzt. Oder die Leute haben »ihre Wünsche mit dicken Filzstiften auf Fenster und Wände geschrieben«, wie der Seilbahner freundlich formuliert. Kaum schöner sind die Hinterlassenschaften von Fahrgästen, die beim Blick in den Abgrund ihr Mittagessen nicht bei sich behalten konnten. Dann schiebt sich der Feierabend des Seilbahntechnikers hinaus.
Burkhard Strassmann
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Re: Die Wintermacher
Vielen Dank für diese interessanten Artikel!- Sie geben einen guten Eindruck von den Diversen Tätigkeiten..
-> Das hört sich allerdings etwas heftig anRudolf Winkler: Echter Schnee stört nur.
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Re: Die Wintermacher
entspricht aber der Tatsache!Didi hat geschrieben:Vielen Dank für diese interessanten Artikel!- Sie geben einen guten Eindruck von den Diversen Tätigkeiten..-> Das hört sich allerdings etwas heftig anRudolf Winkler: Echter Schnee stört nur.
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