Feinster Pulverschnee, kaum Lawinengefahr, geringe Wartezeiten: Kaliforniens Skigebiete locken europäische Wintersportler mit besten Bedingungen. Auch sonst ist manches anders als in den Alpen - zum Beispiel die BHs und Spitzenhöschen in den Baumkronen.![]()
Lake Tahoe - "Europäisch" gilt in den Skigebieten von Kalifornien als Markenzeichen - in der Architektur nachempfundener Alpendörfer, bei den zaghaften Versuchen eines europäischen Après-Ski-Ambientes und gerne auch bei der Herkunft der Skilehrer. Aber beim Schnee, da sind sich Besucher einig, soll es möglichst amerikanisch bleiben: Die weiße Pracht ist hier immer reichlich und weich und bis in den späten Frühling eine ideale Grundlage für alpines Vergnügen. Vereiste Pisten sind ein Fremdwort in Lake Tahoe und Mammoth Mountain.
Wer bei der Liftfahrt meint, in Baumwipfeln BHs und Spitzenhöschen zu entdecken, kann getrost seinen Augen trauen. "Ein typischer Spaß unter Freunden", sagt Kate Colligan von Mammoth Tourismus, und dem Schalk in ihren Augen ist zu entnehmen, dass sie weiß, wovon sie spricht. Freunde suchen sich meist einen bestimmten Baum aus und "schmücken" ihn in der Saison. "Eine Riesengaudi, und oft mit viel Protest verbunden, wenn am Ende der Saison die Reinemacher kommen."
Das Skigebiet ist über eine Gondel aus Mammoth Lake zu erreichen. Dort gibt es einen Sonderservice für Familien: Wer sich für 25 Dollar (18,75 Euro) anmeldet, kann in einer reservierten Etage mit Sofas und Spielecke ohne Drängelei und mit persönlicher Betreuung sein Skimaterial ausleihen. Vom Familienzentrum geht es direkt zur Gondel.
Skihütten mit Sporthallen-Charme
So richtig urig wird es ein paar Kilometer außerhalb des Dorfkerns, an der 1924 gebauten "Tamarack Lodge". Dies ist ein Ausgangspunkt für bestens präparierte Langlaufpisten. Oberaufsicht führt Ueli Lüthi aus Spietz in der Schweiz, der seit 1973 in den USA lebt. In der Lodge gibt es Kaffee und Cider am Kamin, im umliegenden Wald können Touristen Holzhütten für das echte Winterambiente mieten.
In den kalifornischen Skigebieten ist es ansonsten mit der Gemütlichkeit so eine Sache. Nette Hütten für den Aufwärmtrunk sind eine Seltenheit. Die Selbstbedienungsrestaurants haben eher den Charme von Turnhallen. In Mammoth bemüht sich das "Mill Café" auf rund 3000 Metern Höhe mit Bar und Kamin um Atmosphäre. Sehr praktisch sind die Wäscheklammern am Kaminsims, um Handschuhe während des Essens im Warmen baumeln zu lassen.
Aber feuchtfröhliches Aufwärmen an der Piste in einer Zeltbar oder den Glühwein nach vollbrachtem Pistentag - das kennen die Amerikaner nicht. Dagegen locken Heavenly und Reno, nicht weit von den Skigebieten am Nordende des Tahoe-Sees gelegen, mit dem Glücksspiel. Après-Ski auf Amerikanisch eben.
Von Christiane Oelrich, gms
Der Schnee hat hier mehr Feuchtigkeit, wegen der Nähe zum Pazifik", sagt Ernst Häger, ein Österreicher, der seit 1971 in den USA lebt und heute Betriebsleiter des Skigebietes Squaw Valley ist. In drei Autostunden erreicht man von dort den Pazifik bei San Francisco. "Im Frühjahr friert der Schnee wegen des klaren Himmels besser über Nacht und bleibt dann länger hart." 300 Sonnentage hat Kalifornien im Jahr zu bieten. Wenn es schneit, dann meist kurz und heftig. Oft gibt es mehr als einen Meter über Nacht, obwohl Lake Tahoe nach dem Breitengrad auf der Höhe von Mallorca liegt. Auf die Schneestürme folgt schnell das "Zuckerwetter".
Eins von neun Skigebieten am nördlichen Ende des Tahoe-Sees ist Squaw Valley. 1960 fanden hier die Olympischen Winterspiele statt, die Erinnerung hängt bis heute in der Luft. Pistenwärter Sean war noch gar nicht geboren, als Heidi Biebl aus dem Allgäu die Goldmedaille in der Abfahrt holte und das "Traumpaar auf dem Eis", Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler, Silber. Aber auch er sagt: "Ein cooles Gefühl zu wissen, dass das hier mal stattgefunden hat". "Retro-Skifahren", meint dagegen ein deutscher Tourist, als er die noch von Hand abzuknipsenden Lifttickets und die knarrigen Zweier- und Viererlifte - meist ohne Sicherheitsbügel und Fußrasten - in Augenschein nimmt.
Platzverweis für Raser, Schnupftuch für Schlangesteher
Squaw Valley ist bekannt für seine Extrem-Abfahrten und riesige Kegel voller Pulverschnee, in die sich jeder hineinstürzen kann, der sich traut. Innerhalb der markierten Grenzen des Skigebiets kann jeder fahren, wie er will, auch abseits der präparierten Pisten. Weil hier auf mehr als 2500 Metern Höhe noch Bäume wachsen, ist die Lawinengefahr gering.
Pisten-Etikette wird groß geschrieben. Wer im Schuss an Sean vorbeirauscht, wird unten angehalten. "Wir sagen den Leuten, dass man hier nicht rasen darf", sagt er. Wer's nicht kapiert, läuft Gefahr, sein Ticket zu verlieren. Wer europäisches Gedränge gewohnt ist, wird verwöhnt. Am Lift zum Beispiel: Es geht immer der Reihe nach, die Läufer fädeln sich in Vierergruppen ein, Lifthelfer weisen die Gruppen ein und verteilen nebenbei Schnupftücher und Pistenpläne.
Die kalifornischen Skigebiete sind Wochenend-Ausflugsziele. An den Wochentagen herrschen für alpengewohnte Skifahrer paradiesische Zustände. Wartezeiten am Lift sind eine Seltenheit. "In Squaw Valley kann man für einen Dollar eine Versicherung kaufen. Wer länger als zehn Minuten warten muss, bekommt sein Geld zurück", erzählt Häger.
Ein guter Ausgangspunkt für viele Skigebiete ist Truckee mit dem Hauch einer Westernstadt. "Selbstgekochtes nach Großmutters Art" preist das Café an der Donner Pass Road an. Attraktion ist die Jazz-Kneipe "Moody's" im "Truckee-Hotel" von 1873. "Hier wird immer der frischeste Jazz serviert", steht an der Tür. Und manchmal sogar richtige Weltklasse: Paul McCartney etwa, der sich schon mal spontan auf die Bühne schwang und aus dem Stegreif einen "Truckee Blues" bot.
Ein Vaterunser vor der Totenkopf-Abfahrt
Auch die anderen Skigebiete - Northstar, Alpine Meadow und Sugar Bowl etwa - haben Pisten und Terrain für alle Könner-Ebenen. Auf breiten Abfahrten wie "Broadway" oder "Gold Coast" toben sich vorsichtigere Läufer aus. Wenn eine Piste aber wie in Alpine Meadow "Vater unser" heißt und oben mit einem Totenkopf gekennzeichnet ist, sind Verzagte fehl am Platz.
Mitten im Skivergnügen macht sich der 680 Quadratkilometer große Tahoe-See breit. Das bis fast 500 Meter tiefe Wasser friert nie zu. Am Südufer des Sees liegt Heavenly - Himmlisch auf Deutsch. Der Name ist Programm, was den Ausblick angeht: Der Blick auf den See vor der Kulisse der schneebedeckten Sierra-Berge ist atemberaubend. Das Skigebiet ist nach Angaben von Tourismus-Sprecherin Lynsey Wright mit 23 Liften und 92 Abfahrten das zweitgrößte der USA nach Vail in Colorado. Die längste Abfahrt ist sieben Kilometer lang. Wie überall liegt auch in Heavenly der große Reiz im Variantenfahren. "Man kann von jedem Lift aus ins Gelände fahren", sagt Wright.
Durch Heavenly verläuft die Grenze zwischen Kalifornien und Nevada unübersehbar: Keine fünf Meter dahinter steigt in Nevada das erste Casino-Hotel-Hochhaus auf. Glücksspiel wie in Las Vegas ist angesagt. "Wir haben mehr als 100 Bars und 24 Stunden Entertainment", erzählt Wright. Wer heimeliges Bergambiente sucht, wird hier enttäuscht.
Etwa vier Autostunden südlich von Lake Tahoe liegt Mammoth Mountain mit 28 Liften und 1400 Hektar Skigebiet. Allein die Fahrt entlang der Sierra, auf der Rückseite des Yosemite-Nationalparks, ist eine Winterreise wert. Auf dem Highway 395 durch die schneebedeckte Wüste High Desert weht der Wind der sprichwörtlichen großen weiten Welt Amerikas. In den Ebenen hängt der Schnee wie eine unendlich weite glänzende Matte. Dann geht es durch enge Schluchten, vorbei an bizarren roten Felsformationen, in der Ferne immer die majestätischen schneebedeckten Berge, an denen die Wolken wie Zuckerwatte hängen.
Mammoth ist das Wochenend-Skigebiet für Los Angeles, auch wenn die Reise fünf Stunden dauert. Doch die weiten Pisten und die riesigen naturbelassenen Hänge sind selbst am Wochenende nur mäßig voll. Markenzeichen ist der reichliche Schnee - zehn Meter in der Regel. "Weich wie Butter, dick wie Baiser, samten wie Sanddünen", heißt es.
BHs schmücken Baumkronen
Die Saison dauert bis weit in den April, wenn man im T-Shirt auf immer noch festem Schnee die Pisten runterrauschen kann. Zum Spaß sind hier die Lifte auch schon mal zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli angeworfen worden. Ein Tag zum Akklimatisieren ist angebracht - das Skigebiet liegt zwischen 2400 und 3400 Metern Höhe. Auf den Pisten von Mammoth stehen Skiführer bereit, die Neuankömmlingen kostenlos das Skigebiet zeigen. Am Treffpunkt werden die Gäste je nach Können in Gruppen geteilt.
Wer bei der Liftfahrt meint, in Baumwipfeln BHs und Spitzenhöschen zu entdecken, kann getrost seinen Augen trauen. "Ein typischer Spaß unter Freunden", sagt Kate Colligan von Mammoth Tourismus, und dem Schalk in ihren Augen ist zu entnehmen, dass sie weiß, wovon sie spricht. Freunde suchen sich meist einen bestimmten Baum aus und "schmücken" ihn in der Saison. "Eine Riesengaudi, und oft mit viel Protest verbunden, wenn am Ende der Saison die Reinemacher kommen."
Das Skigebiet ist über eine Gondel aus Mammoth Lake zu erreichen. Dort gibt es einen Sonderservice für Familien: Wer sich für 25 Dollar (18,75 Euro) anmeldet, kann in einer reservierten Etage mit Sofas und Spielecke ohne Drängelei und mit persönlicher Betreuung sein Skimaterial ausleihen. Vom Familienzentrum geht es direkt zur Gondel.
Skihütten mit Sporthallen-Charme
So richtig urig wird es ein paar Kilometer außerhalb des Dorfkerns, an der 1924 gebauten "Tamarack Lodge". Dies ist ein Ausgangspunkt für bestens präparierte Langlaufpisten. Oberaufsicht führt Ueli Lüthi aus Spietz in der Schweiz, der seit 1973 in den USA lebt. In der Lodge gibt es Kaffee und Cider am Kamin, im umliegenden Wald können Touristen Holzhütten für das echte Winterambiente mieten.
In den kalifornischen Skigebieten ist es ansonsten mit der Gemütlichkeit so eine Sache. Nette Hütten für den Aufwärmtrunk sind eine Seltenheit. Die Selbstbedienungsrestaurants haben eher den Charme von Turnhallen. In Mammoth bemüht sich das "Mill Café" auf rund 3000 Metern Höhe mit Bar und Kamin um Atmosphäre. Sehr praktisch sind die Wäscheklammern am Kaminsims, um Handschuhe während des Essens im Warmen baumeln zu lassen.
Aber feuchtfröhliches Aufwärmen an der Piste in einer Zeltbar oder den Glühwein nach vollbrachtem Pistentag - das kennen die Amerikaner nicht. Dagegen locken Heavenly und Reno, nicht weit von den Skigebieten am Nordende des Tahoe-Sees gelegen, mit dem Glücksspiel. Après-Ski auf Amerikanisch eben.
Von Christiane Oelrich, gms
Quelle: http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1 ... 13,00.html