Seilbahnen und ihre perfekte Flucht

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Seilbahnfreund
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Seilbahnen und ihre perfekte Flucht

Beitrag von Seilbahnfreund »

Hallo,

mich hat neulich jemand gefragt, wie man eine Seilbahn perfekt in die Flucht stellt - tja.. :?:
Zum einmessen der Fundamente gibt es ja heute Technische Möglichkeiten (Laser, GPS), aber vor 50 Jahren?

Aber, wie bekommt man eine Stütze perfekt ins Lot? Kein Betonbauer der Welt arbeitet auf den Millimeter genau. Man erkennt zwar an einigen Stützen Unterlegscheiben, aber wie gleicht man Unebenheiten bei einer Hubschraubermontage aus, wo es schnell gehen muss? Oder werden die Fundamente vor der Montage nochmals vermessen?
Wie viel darf eine Seilbahn eigentlich aus dem Ruder, sprich über Eck laufen?

Gruß Thomas

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BigE
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Beitrag von BigE »

gute frage :) in arosa (bei der hörnlibahn, eub, ich kann mich aber täuschen) haben sies übrigens mal verbockt, dann abreissen und wieder von vorne anfangen müssen...tönt nach mehrkosten und dem ganzen shit dazu. ja, vermessungsfehler sind etwas nerviges :P

zum einfluchten gibts ja optische, banale und dennoch genaue methoden. du stellst dich an der talstation auf die seilbahnaxe, guckst auf eine an der bergstation angebrachte markierung und weist die gehilfen zwischendrin (dort wo die masten hinkommen sollen) so ein dass sie genau in einer linie zwischen dir und der bergstation stehen. es gibt zwar ein paar fehler wegen der refraktion, die sind aber minim.
heute realistisch ist wohl eher, das ganze mit einem tachymeter zu machen. die dinger sind in der geodäsie unabkömmlich. am schluss kannst ja noch zur kontrolle einfluchten, in arosa haben sie sich das offensichtlich gespart :?

das fundament baust dann ja nicht planlos zu irgend einer zufällig zusammengeschuhsterten stütze, ergo müsste sie automatisch einigermassen lotrecht stehen. die feinausrichtung erfolgt dann durch drehen an den schrauben unten...
kontrollieren kannst das banalerweise mit einem schnurlot. ist allerdings ungenau und besonders in den windigen bergen oft unbrauchbar. besser ist ein optisches lot (so eine art zielfernrohr, aber nach unten halt. das richtest horizontal aus und guckst einen fixpunkt auf dem fundament an. wenn du dann den genau anzielst weisst du dass du dich genau darüber befindest). die gabs schon vor dem laserlot, und auch heute sind sie noch weit verbreitet. ich bin nicht so ein freund vom laserlot, denn den blöden laserpunkt sieht man bei sonneneinstrahlung schnell mal nicht mehr. und dann ists erst noch etwas ungenauer.

über die toleranzen beim seilbahnbau kann ich dir leider nichts sagen.
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Manfred
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Re: Seilbahnen und ihre perfekte Flucht

Beitrag von Manfred »

Seilbahnfreund hat geschrieben:Hallo,
.....Zum einmessen der Fundamente gibt es ja heute Technische Möglichkeiten (Laser, GPS), aber vor 50 Jahren?

Aber, wie bekommt man eine Stütze perfekt ins Lot? Kein Betonbauer der Welt arbeitet auf den Millimeter genau. Man erkennt zwar an einigen Stützen Unterlegscheiben, aber wie gleicht man Unebenheiten bei einer Hubschraubermontage aus, wo es schnell gehen muss? Oder werden die Fundamente vor der Montage nochmals vermessen?
Wie viel darf eine Seilbahn eigentlich aus dem Ruder, sprich über Eck laufen?

Gruß Thomas
Die Vermesser konnten auch schon vor 50 Jahren sehr genau abstecken.
Und die Stahlbauer haben auch seit ewigen Zeiten ihre Methoden, einen wirklich genauen Anschluß an ein Betonfundament herzustellen. 8)
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Christoph Lütz
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Beitrag von Christoph Lütz »

Die Technik der Vermesser war schon vor mehr als hundert Jahren so ausgereift, das man die Trassen der Achsen von Transportsystemen sehr genau abstecken konnte. Man denke nur an den Eisenbahnbau. Die langen Eisenbahntunnel durch die Alpen (Gotthard, Lötschberg, Simplon usw.) aber auch der Tunnel der bayerischen Zugspitzbahn wurden von mehreren Stellen gleichzeitig aufgefahren. Der Durchbruch erfolgte meist mit nur geringen Abweichungen in Lage und Höhe, obwohl zwischen den Ausgangspunkten ein ganzes Gebirge war. Damals eine wahnsinnige Leistung ohne GPS und Satelitenbilder! Dagegen ist das Abstecken einer Seilbahntrasse (gerader Verlauf oder Polygon) eine Kleinigkeit.

Trotzdem werden in bestehenden Seilbahntrassen nach vielen Betriebsjahren plötzlich knicke gefunden. Diese resultieren nicht unbedingt aus Fehlern in der Absteckung, sondern auch aus Bewegungen in den Berghängen.

Beim Umbau eines Schlepplifts in eine kuppelbare 6er-Sesselbahn in Celerina hatte man z. B. in der bestehenden Trasse erhebliche Knicke festgestellt.

Die Stütze 5 der Schilthornbahn steht schwimmend auf einer riesigen Betonwanne im Bereich eines großräumigen Hangrutsches mit jährlichen Kriechverformungen im cm-Bereich. Sie wurde 1965 beim Bau der Bahn um 25 cm bergwärts aus der Achse verschoben.

Eine lange Gerade einer Eisenbahntrasse hat übrigens nach vielen Betriebsjahren und mehreren Durcharbeitungen durch Stopfen auch Achsknicke. Diese ist aber für den Eisenbahnbetrieb kein Problem.
Hägar
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Beitrag von Hägar »

Christoph Lütz hat geschrieben:Man denke nur an den Eisenbahnbau. Die langen Eisenbahntunnel durch die Alpen (Gotthard, Lötschberg, Simplon usw.)
Das ist für mich ein kleines Weltwunder. In einem Museum (vermutlich Gotthardpass) habe ich in einer Vitrine das Vermessungsgerät vom Gotthardtunnel einmal gesehen. Ich staune heute noch.

Zu den "Knicken" in den Bahnen.
Grindelwald Fist ist eigentlich ein einziges grosses Rutschgebiet.
Die Mittelstation von Schönjoch Fiss kommt auch alle Jahre mehrere cm runter. Die Verankerung der Steher in den Stationen ist da ganz speziell gelöst. Habe bei Bedarf Bilder.

Auf der Strecke ist heute gängige Praxis, entweder Schiebechassis auf dem Fundament, oder die Fundamente werden 20 - 25 zur Achse heraus bergwärts gebaut. Hier geht der Ing. und der Geologe von einer Lebensdauer von 20 Jahren aus. Die voraussichtliche Bewegung in 20 Jahren muss also aufgenommen werden können. 20 - 25 cm kann mit dem ausrichten der Stütze und dem schieben der Batterien auf den Auslegern korrigiert werden. In 10 Jahren wird die ROBA mit Stützensockel in der th. Solllage sein. Die restlichen 10 Jahre dann das umgekehrte. Das BAV macht bei solchen Sockeln übrigens die Auflage, mittels Referenzpunkten die jährliche Bewegung über einem Geometer bestimmen zu lassen. Das Erdreich hält sich oft nicht an die Vorgaben des Geologen. Ist halt wie bei den Wetterfröschen und dem Wetter.

Wenn dann der Spielraum ausgeschöpft ist, muss dann was grösseres umgebaut werden.

Auch müssen (wenn vorhanden) die Telefonseile jedes Jahr neu befestigt werden. Es ist meist nebst der Quer- dann auch eine Längsverschiebung vorhanden. Sonst reissen auf einmal die Telefonseile.
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