Kühtai: Ein Haus mit Bewußtsein

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Kühtai: Ein Haus mit Bewußtsein

Beitrag von snowflat »

Österreich
Ein Haus mit Bewußtsein


Von Andreas Obst

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^^ Schneesicherheit bestimmt das Selbstverständnis von Kühtai

Vor dem Kühtai-Center, einem schmucklosen Bau, in dem das Büro der ersten Skischule des Ortes, die Lifthauptkasse und der Tourismusverband untergebracht sind, steht das lebensgroße Modell einer Kuh. Grau glänzt das Fell, weiß poliert sind die Hörner. Die Hufe fest auf einem schmalen Streifen grünen Kunstrasens, der an ein Skateboard erinnert. An der Unterkante sind Rollen montiert. Bisweilen heben Eltern ihre Kinder auf den Rücken des Tieres und fotografieren das auch noch.

Die Kuh ist der Mittelpunkt von Kühtai, das Modell steht für die Vergangenheit des Ortes. Diese Vergangenheit ist eine Leerstelle, ein langer, stumpfer Blick ins Nichts über der Baumgrenze. Der Name Kühtai leitet sich von dem Begriff Kuhalpe her, über Jahrhunderte wurde so die Hochebene zwischen Sellraintal und Ötztal bezeichnet, auf der die Bauern im Sommer ihr Vieh weideten. Über die Geschicke Kühtais, wo bis heute nur eine Handvoll Menschen das ganze Jahr über lebt, bestimmen schon immer die Bewohner des Dorfes Silz unten im Tal. Bis heute gehört Kühtai zur Gemeinde Silz, fast alle Bewohner Kühtais sind in Silz gemeldet.

Kein Weg ist weit
Erst mit dem Skitourismus entstand Kühtai seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts: als Vorstellung eines Ortes. Tatsächlich ist daraus über die Jahrzehnte eine Ansammlung von Liftanlagen, Hotels und Apartmentgebäuden geworden. Jeder baute dort, wie er wollte und konnte. Von den umstehenden Bergkuppen betrachtet, wirkt Kühtai heute, als sei ein Kind jäh im Spiel mit verschiedenfarbigen Bauklötzen unterbrochen worden und habe alles stehen- und liegenlassen.

Seinen Besuchern bietet Kühtai zahlreiche Parkplätze entlang der Paßstraße, die sich mitten durch den Ort zieht, Dächer über dem Kopf und mehrere warme Mahlzeiten am Tag. In Kühtai ist kein Weg weit. Wohin sollte man auch gehen. So fahren die Gäste tagsüber Ski, abends bleiben sie in ihren Unterkünften.

Murmeltieröl und Hirschtalg
Der Supermarkt wenige Schritte aus der Ortsmitte, die den einigermaßen pompösen Titel Dorfplatz trägt, hat nach eigenen Angaben „viel und mehr“ im Angebot. Frische Wurst und Obst, Süßigkeiten und eine große Auswahl internationaler Zeitungen und Zeitschriften. In einem Regal liegen Produkte der Bergwelt: Adlersalbe und Murmeltieröl, Hirschtalg und Ringelblumencreme. Im Oberdorf, das so heißt, weil die Gebäude am höchsten Punkt der Straße aufragen, konkurrieren mehrere Sportgeschäfte miteinander. Sie haben alles im Angebot, was man im Winter auf der Piste benötigen könnte. Am meisten Betrieb ist in der Abteilung, in der man Skiausrüstungen leihen kann.

Die Schneesicherheit bestimmt heute das Selbstverständnis von Kühtai. Schneesicherheit in Zeiten, da man sich auf den Winter kaum irgendwo noch verlassen kann, ist ein hohes Gut. Auf 2020 Metern gelegen, ist Kühtai der höchstgelegene Skiort Österreichs. Der Schnee, oft viele Meter hoch, bleibt dort länger als ein halbes Jahr liegen, bis weit ins Frühjahr hinein sind die Bergmatten weiß überzogen. Manchmal schneit es sogar noch im Juni. Doch der Sommer hatte in Kühtai noch nie eine touristische Chance. Zwar sind einige der Bergbahnen auch während der Sommermonate im Betrieb, der wenigen Wanderer wegen aber lohnt sich der Aufwand im Grunde kaum. Nun will Kühtai Höhentrainingsstation für Berufssportler werden, und die Tourismusmanager träumen davon, daß das Echo klingender Athletennamen auch weniger leistungs-ambitionierte Sommerurlauber anzieht.

Skifahren ohne sportlichen Ehrgeiz
Geld wird freilich weiterhin vor allem im Winter verdient. Neben den Hoteliers ist die Bergbahngesellschaft die stärkste Macht am Platz. Die Bergbahnen Kühtai haben sechsundsechzig Eigentümer, es ist ein „gesundes Unternehmen“, sagt Philip Haslwanter, einer der drei Geschäftsführer. Seine Familie stammt aus Silz, in Kühtai gehört ihr das Hotel Seiler. Von den rückwärtigen Zimmern schaut man auf den Sammelplatz der Skischule und die Talstation der Hochalterbahn. Damit hat man die Grundfesten Kühtais in einem einzigen Blick beisammen.

Derzeit betreiben die Bergbahnen ein Dutzend Liftanlagen, die sechzehntausend Skifahrer in der Stunde auf die Gipfel der umstehenden Berge verteilen können. Das Netz der Lifte erschließt ein Areal, in dem sich ein durchschnittlicher Skifahrer nach einem halben Tag auskennt. Kühtai versteht sich als Familienskigebiet. Das bedeutet, daß kaum einer, der hier Ski fährt, sportlichen Ehrgeiz entwickelt. Aber schon seit langem ist auf den Orientierungskarten im Ort und den Faltplänen des Skigebiets die gestrichelte Trasse des „Projekts Pirchkogl-Feldring“ verzeichnet. Denn Kühtai hat einen Traum: Zwei neue Bergbahnen sollen den höchsten Gipfel der Umgebung erschließen und damit eine Verbindung nach Oetz schaffen ins untere Ötztal.

Ärger mit den Dauercampern
Inzwischen hat das Vorhaben alle behördlichen Hürden genommen. Seinen Befürwortern ist der Nachweis gelungen, daß es sich bei dem Unternehmen nicht etwa um die Neuerschließung eines Skibergs handeln würde - die in ökologisch korrekten Zeiten ohnehin nicht genehmigt würde -, sondern um den Zusammenschluß zweier kleiner Skigebiete, die jedes für sich womöglich nicht überleben würden. Dennoch bleibt das Pirchkogl-Projekt im Ort umstritten. Stärker noch als die Bedenken von Naturschützern wirkt das Argument, eine Verbindung zur Außenwelt würde mehr Tagesgäste auf das Kühtaier Plateau bringen. Gäste, die nicht bleiben, sind überall in der Skiwelt ein Thema, das geradezu reflexartig die unterschiedlichen Interessen von Bergbahnbetreibern, Restaurantbesitzern und Hoteliers gegeneinanderprallen läßt.

Vor allem die Dauercamper von Kühtai sind manchem Hotelier ein Dorn im Auge, wie sie mit ihren Wohnwagen die öffentlichen Parkplätze blockieren, auf Klappstühlen die Sonne genießen und dabei die mitgebrachten Vorräte verzehren. Die Dauercamper stören das Bild der Idylle eines Orts, der sich seiner fehlenden Seele durch Namen zu versichern sucht, die in ihrer Beliebigkeit vor allem Zeugnis der Verlorenheit des Menschen in der Bergwelt sind. Die Gasthöfe und Hotels von Kühtai heißen „Alpenrose“, „Edelweiß“, „Enzian“ und „Schöne Aussicht“, wie anderswo auch, doch mehr als anderswo wird hier deutlich, daß die Namen in keinem Zusammenhang mit der Wirklichkeit stehen.

Der Fleiß des Hirten
Man muß bis an den Ortsrand fahren, vom höchsten Punkt der Paßstraße steil hinab, um auf ein Haus zu stoßen, dessen Bezeichnung zumindest einen originellen Widerspruch zu seinem Erscheinungsbild aufweist. Das Jagdschloß Kühtai ist ein schwerfällig gedrungener Bau, der eher an ein überdimensioniertes Bauernhaus erinnert als an eine beschwingte Konstruktion für Frohsinn und Lustbarkeiten. Tatsächlich ist das Gebäude der einzige Beleg dafür, daß es Kühtai schon gab, bevor die Skifahrer kamen. Dieses Bild vom Menschen in der Höhe führt sogar noch weiter zurück als zu den Schafhirten Anton Oppl und Anton Schatz, die unweit der heutigen Gipfelstation der Hochalterbahn vor siebzig Jahren Tausende Steine zu einem unförmigen Monument ihres eignen Fleißes häuften - wofür ihnen die Schafbesitzer aus Silz auf einer bronzenen Plakette danken.

Die Ursprünge des Jagdschlosses liegen im dunkeln. Als gesichert gilt, daß es ursprünglich ein Schwaighof war, wie man Bauernhöfe in karger Berghöhe nannte, wo kein Getreide mehr wächst und die Menschen auf das Vieh angewiesen sind, um zu überleben. Im Gegensatz zu den Almhütten, die nur im Sommer bewirtschaftet wurden, blieben die Bewohner der Schwaighöfe das ganze Jahr über auf dem Berg. Die ältesten Dokumente, die auf die Existenz des Gebäudes hinweisen, stammen aus dem späten dreizehnten Jahrhundert. 1497 pachtete Kaiser Maximilian I., der in Innsbruck residierte, die ganze Region für die Gemsenjagd. Womöglich ließ der Kaiser den Schwaighof zu einer standesgemäßen Unterkunft ausbauen. Genaues über sein Tun in den Bergen weiß man nicht. In der Berghütte „Zum Kaiser Maximilian“, einem der wenigen Orte im Skigebiet, an denen man eine Pause einlegen kann vom Liftfahren und Abwärtsschwingen, hängt immerhin ein Porträt des kunstsinnigen Potentaten als Holzrelief an der Wand. Darunter ist sein Wahlspruch zu lesen: „Ich leb waiß nit wie lang / und stürb waiß nit wan, / mueß fahrn, waiß nit wohin, / mich wundert, daß ich so frelich bin.“

Bastion wider den Wandel
Zu Maximilians Zeit, vielleicht aber auch erst hundert Jahre später, erhielt das Gebäude sein Inneres, das im wesentlichen bis in unsere Zeit blieb: Tonnengewölbe, holzverschalte Fürstenzimmer im ersten Stock und Stuben im Erdgeschoß, die heute als Speiseräume dienen. Im Jahre 1893 kaufte Kaiser Franz Joseph I. das Jagdschloß, sechzig Jahre später wandelte es sein Urenkel Karl Graf zu Stolberg-Stolberg zum Hotel um. Bis zu seinem Tod vor zwei Jahren bewahrte es der Hausherr als Bastion wider den schnellen Wandel der wintertouristischen Zeiten: Das Hotel aber bin ich.

Der Graf kannte alle seine Gäste persönlich, wenn einer von ihnen starb, ließ er die Todesanzeige an der Rezeption aushängen. Allen Modernisierungsbestrebungen widersetzte er sich mit einer Beharrlichkeit, die an Starrsinn grenzte. „Meine Gäste benötigen weder Fernseher noch Hallenbad“, verfügte er: „Meine Gäste können lesen und schreiben, ein Schwimmbad haben sie selbst zu Hause.“

Erlebnis jenseits der Zeit
Wie unter Glas blieb eine Zeit im Jagdschloß Kühtai lebendig, von der anderswo nur die Geschichtsbücher noch wissen: eine Aura von Noblesse, die nicht an Personen aus Adel oder Großbürgertum gebunden ist, sondern an eine Idee von Traditionsverpflichtung, die mit der eigenen Existenz zu entschwinden droht. Um diese Endlichkeit wußte Karl Graf zu Stolberg-Stolberg, und er ließ die Menschen, die ihm begegneten, wissen, was er wußte. Das machte den Umgang mit ihm bisweilen schwierig. Man kann nicht sagen, daß der Graf im übrigen Kühtai, das sich ganz dem normativ unbeschwerten Winterbetrieb verschrieben hat, beliebt war. Allemal war ein Aufenthalt im Jagdschloß ein Erlebnis jenseits der Zeit, das man nicht vergaß.

Inzwischen hat sein Sohn, Christian Graf zu Stolberg-Stolberg, der über fast zwei Jahrzehnte die Wirtschaftsinteressen Österreichs in Hamburg wahrnahm, die Leitung des Hotels übernommen. Er hat die Innenarchitektur und das Selbstverständnis des Hauses behutsam modernisiert. Inzwischen stellt sich auch junger Adel zum Feiern ein, doch wie seit je bevorzugt das Hotel ein Publikum, das sich seiner selbst so sicher ist, daß es darum kein Aufhebens machen muß. Davon ist die Atmosphäre des Jagdschlosses bestimmt. Das Hotel lebt gut damit.


Anreise: Bis Mitte März fliegt Lufthansa donnerstags und sonntags von Hamburg nach Innsbruck und zurück, Hapag-Lloyd Express montags und freitags von Köln/Bonn aus. Informationen im Internet: www.lufthansa.com und www.hlx.com.

Arrangements: Kühtai bietet eintausendzweihundert Gästebetten, die Spanne reicht vom Appartement bis zum Vier-Sterne-Hotel. Das Jagdschloß Kühtai hat mehrere Arrangements aufgelegt: Das Programm „Entfliehen Sie dem Alltag“ bietet zwischen dem 8. und 27. Januar drei oder vier Übernachtungen mit Halbpension und Transfer vom Flughafen Innsbruck ab 120 Euro pro Person und Nacht, im Februar und März umfassen die „K.u.k.-Tage im Jagdschloß“ drei Übernachtungen mit Halbpension, ein Kaiser-Diner, einen k.u.k-Aperitif, einen Gugelhupf und eine Lesung für Preise ab 140 Euro. Informationen: Jagdschloß Kühtai, A-6183 Kühtai, Telefon: 0043/5239/5201, im Internet: www.jagdschloss.at.

Auf der Piste: Das Skigebiet wird von zwölf Liftanlagen erschlossen und umfaßt 37 Kilometer Pisten, zwei Drittel davon sind auch von Anfängern zu bewältigen. Die Tageskarte kostet 28 Euro, der Sechs-Tage-Skipaß 145 Euro. Informationen im Internet: www.lifte.at.

Informationen: Tourismusbüro Kühtai, A-6183 Kühtai, Telefon: 0043/5239/5222, im Internet: www.innsbruck.info und www.kuehtai.co.at.
Quelle: Text: F.A.Z., 21.12.2006, Nr. 297 / Seite R5
Bildmaterial: Andreas Obst, F.A.Z.
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!

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Skisaison
Kühtai, ein Wintermärchen



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^^ Freuen sich mindestens genauso über den Schnee wie die Skifahrer: die Pferde der Dortmunder Hütte

Von Gernot Kramper, Kühtai

Grauer und gelber Schmutz, anstatt weißer Pracht. Wer wollte da in die Alpen? Diejenigen, die gegen alle Vernunft das Wagnis eingegangen sind, wurden am Wochenende mit den schönsten Tagen des Jahres belohnt.

Fett, schwer und sehr selbstzufrieden fallen sie vom Himmel. Gottesgeschenke vor Weihnachten. Himmlische Boten in letzter Not. Sanft lächelt Otto, unser Führer. Unaufgeregt, denn Kühtai, der höchstgelegene Ort Österreichs, hat immer Schnee. Nur in diesem lauwarmen Alt-Weiber-Winter sah es so aus, als könne die Schneegarantie nicht eingehalten werden. Aber nun ist er da, ein weißer fester Teppich, in dem man bei jedem Schritt knietief versinkt.

Die ganze Woche davor herrschte ein einziges Zaudern und Hadern. Fährt man oder fährt man nicht? Jede Stunde im Büro wurde der Blick magisch von der Webcam angezogen - und ein ums andere Mal verspottet. Ein klitzekleines bisschen Schnee war in Kühtai zu sehen, mehr als in den geplagten, tiefer gelegen Gebieten, auf denen alle Pisten im traurigen grau-grün vor sich hindämmerten. Auch ein Lift war dort oben offen. Tausend Meter Abfahrt, damit zumindest die ganz kleinen Skigäste nicht weinen müssen.

Ein Schluck auf die Kaiserin
Und jetzt knirscht das weiße Gold der Alpen unter den Schneeschuhen. Den Knappenweg entlang. Eine perfekte Wanderung, kaum anstrengender als ein Fußweg im Sommer und rundherum der unberührte Schnee. Ein wenig hitzig wurde es unter der Jacke, aber wer will genau sein, immerhin ist es der erste richtige Schnee. Auf dem höchsten Punkt der Wanderung holt Otto den Schnaps aus dem Rucksack. Auf dem Verschluss flattert die Fledermaus, aber anstatt des Industrie-Sprits aus dem Regal gibt es einen guten, selbstgebrannten Obstler. Maria Theresia sei Dank! Immer ums Geld verlegen, verlieh die klamme Kaiserin für gutes Gold den Bauern in Tirol das Recht, den eigenen Schnaps zu brennen.


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© Gernot Kramper
Wellness mit Ayurveda oder Latschenkieferanwendung sucht man in der Dortmunder Hütte vergebens


Am Abend vorher sah es in Tirol gar nicht goldig aus. In Innsbruck blies der Föhn mit 16 Grad in die Nacht. Bei der Auffahrt nach Kühtai konnte man sich den Hals verrenken, Wunschgebete abschicken, Flüche runterschlucken - Schnee wollte trotzdem nicht erscheinen. Und dann am Morgen war er da, mehr als zwanzig Zentimeter. Gleich nach der Wanderung geht es auf den Berg. Noch immer fallen die kleinen, scharfen Kristalle. Schneiden in die Haut. Sicht gibt es nicht in der weißen Dämmerung, nur Gottvertrauen. Heldentaten wurden am ersten Tag von keinem auf der Piste vollbracht, nur Arbeitssiege konnte man der grauen Dunkelheit abtrotzen. Aber in welch verzauberten, weißen Stimmung.

Wintersport jenseits von Ayurveda und Latschenkiefer
Rostbraten und Hüttenteller schließen den Abend im Gastraum der Dortmunder Hütte. Sie ist eine der wenigen Häuser des Alpenvereins, das direkt im Skigebiet liegt und dabei mit dem Auto zu erreichen ist. Tage in einer solchen Hütte bieten die einfachen und guten Dinge des Lebens. Die Tourengeher am Nachbartisch packen die Gitarre aus. Bernd Klüver "Der Junge mit der Mundharmonika" ertönt - hier könnte nichts besser klingen. Im Sommer, wenn man von Hütte zu Hütte geht, beschwert sich niemand über den bescheidenen Komfort. Verwöhnte schaffen den Aufstieg ohnehin nicht und nach sieben, acht Stunden im Gebirge mit Marschgepäck auf dem Rücken wird jeder empfänglich für kräftige Portionen und keiner vermisst das Satelliten-TV. Wirtin Monika Fliegl ist selbst im Hochgebirge groß geworden. "Wer da zu uns kam, wusste, was er auf einer Hütte erwarten kann." Direkt am Skigebiet Kühtai kommt es schon mal zu Verwechslungen. Wellness mit Ayurveda oder Latschenkieferanwendung sucht man in der Dortmunder Hütte vergebens. Die Dusche liegt am Ende des Ganges - für drei Minuten warm muss man einen Jeton bei der Wirtin lösen. Die Zimmer sind zum Umfallen zu klein, die Betten für manchen zum Liegen. "Ach, wenn da so ein Riese kommt, so ein stattliches Mannsbild, da denke ich jedes Mal: Wenn das bloß passt."


Mehr Informationen
Tourismusbüro Kühtai
A-6183 Kühtai
Tel: 0043 5239 5222
Fax: 0043 5239 5255
www.schneegarantie.at

Dortmunder Hütte
A-6183 Kühtai
Tel: 0043 5239 5202
Fax: 0043 5239 21619
www.dortmunderhuette.at

Errichtet wurde der trutzige Bau Anfang der Dreißiger von der Dortmunder Sektion des Alpenvereins. Ein Gebäude in klassischen Proportionen. Aus Naturstein, mit Fenstern wie Schießscharten und den typischen Läden in den Landesfarben. Ein Kontrast zu den Riesenhotels in den Alpen, die immer aussehen müssen, als hätte ein bösartiges Krebsgeschwür einen Gugelhupf befallen. Hütten muss man lieben, nur wegen des Preises sollte man nicht kommen. Auch wenn die Preise locken: Zwanzig Euro kostet die Übernachtung im Einzel- oder Doppelzimmer. Solche individualistischen Errungenschaften gibt es bei der Sektion Dortmund durchaus, auch wenn sich Romantiker im Doppelzimmer mit einem Etagenbett arrangieren müssen. Die Nacht im klassischen Gruppenlager kommt auf 15 Euro, das Ambiente erinnert dann allerdings an die Ausbildung bei den Kaiserjägern. Aufschläge für Kurzbucher sind unbekannt, alle Mahlzeiten liegen um und meist unter zehn Euro. Zu diesen Preisen kommt man in Kühtai sonst nicht unter und auch zum doppelten Entgelt geht es kaum.

Die Wirtsleute der Hütte gehören zu den wenigen echten Kühtaiern, die anderen sind nur während der Saison im Ort. Am Abend üben die Jäger in der Stube ihre Weisen auf dem Horn, am Tag lässt der Wirt die Pferde aus dem Stall. Wie junge Füllen springen sie in dem tiefen Schnee. Mit krummen Rücken werfen sie sich zur Sonne, keilen vor Lebensfreude aus. Denn schon am nächsten Tag ist nicht nur eine Piste geöffnet, am Nachmittag strahlt der blaue Himmel über dem Tal. Zeit, den müden Sesselfurzern zu Hause eine hämische Mail zu schicken.
Quelle: Stern

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Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
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