Quelle: www.reise-journal.deWenn die Rendite schmilzt
Die Alpenländer haben mit nachhaltigem Gästeschwund und wärmeren Wintern zu kämpfen Sekunden nur währt die Abfahrt, ein schneller Schuss 300 Meter bergab. Jahrzehnte aber soll er nachwirken. Das jedenfalls hoffen die Bergbahnen in der österreichischen Ski-Hochburg Sölden, die in Bispingen weit vor den Toren Hamburgs zum Winterauftakt eine der modernsten Skihallen Europas eröffneten. Söldens Bergbahnen, die sich schon bei ähnlichen Projekten in Holland und Dänemark engagiert haben, wollen mit der Skihalle auf dem umkämpften Deutschlandmarkt neue Kunden gewinnen. "In Holland und Dänemark", weiß Carmen Fender, Sprachrohr der Sölden-Touristiker, "ist die Rechnung aufgegangen".
Ähnliche Ziele verfolgt Österreich auch in den Skihallen in NRW. So rührt das Salzburger Land in Neuss mit Veranstaltungen die Werbetrommel, engagiert sich Kärnten in Bottrop.Hintergrund der Marketing-Mühen ist der Kampf um neue Winterurlauber. Um künftige Kunden, die Betten, Skilifte und Bergbahnen auf Dauer auslasten sollen. Allein in Österreich und der Schweiz sind über eine Million Beschäftigte auf die Schneegäste
angewiesen, garantieren die Winterurlauber Einnahmen von mehr als 20 Milliarden Euro jährlich. Zwischen Wien und Bregenz hängt jeder fünfte Arbeitsplatz am weißen Gold. In Vorarlberg mit der Wintersportmetropole Lech liegt der weitaus größte Teil der Nächtigungen - in einigen Orten fast 90 % - in der kurzen kalten Jahreszeit.Gut 6 000 Lifte und Seilbahnen muss der Wintersport in den Alpenländern amortisieren. 175000 Betten gilt es täglich in den Schweizer Schneeregionen zu belegen, mehr als eine halbe Million in den österreichischen Bundesländern Salzburg und Tirol, wo die deutschen Winterurlauber gewöhnlich Station machen. Früher meist 8 bis 14 Tage, inzwischen nur noch eine knappe Woche oder gar nur ein verlängertes Wochenende. Neun von zehn deutschen Winterurlaubern fahren in die Alpen, zwei Drittel davon nach Österreich, der Rest meist
in die Schweiz oder nach Italien. Um die Gunst der Schneehungrigen kämpfen Dutzende großer und kleiner Wintersport-Regionen, immer mehr inzwischen auf scheinbar verlorenem Posten. Orte unter 1600 Höhenmetern, so die Prognosen der Meteorologen, werden angesichts des Klimawandels in zwei, drei Jahrzehnten keine Schneesicherheit mehr gewähren können. Zwar müht man sich vielerorts mit modernsten Schneekanonen um das künftige Wohl der Gäste, allein Österreich beschneit inzwischen fast die Hälfte seiner Pistenfläche, die Investitionen
aber drücken umgekehrt auf die Preise für den Ski-Urlaub.
"Viele Wintersportorte", hat die Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften ausgerechnet, "sind längst am Rand oder bereits jenseits der Rentabilitätsgrenze angelangt".Nicht weniger Sorge macht den Wintersportregionen der demografische Wandel. Rückt in den nächsten Jahrzehnten doch eine Generation ins Rampenlicht, für die Wintersport noch immer exotisch und teuer ist. In den Quellmärkten wie Deutschland, formuliert es der Innsbrucker Tourismusforscher Hubert Siller in einer Prognose, gibt es eine "rückläufige Winter(sport)affinität". Selbst in der Schweiz und Österreich schwindet das Interesse am Wintersport.
Die Zeiten, in denen Skifahren zum Schweizer und Österreicher gehörte wie das Reiten zum Cowboy, scheinen zu enden. Die Lust, in den Schnee zu fahren, könnte auch der Klimawandel weiter dämpfen. "Wenn es am Wohnort nicht mehr schneit", wollen Schweizer Touristik-Forscher
herausgefunden haben, "fährt man auch nicht mehr Ski". In schneearmen Wintern, haben ihnen die Bürger verraten, würde jeder dritte weniger Skifahren. Ein Verzicht, der vor allem jene Regionen träfe, die nicht unbedingt schneesicher sind. "Allerdings kann in diesem Fall durch Medienberichte wie die Übertragung von Skirennen auch bei fehlendem Schnee vor Ort zur Fahrt in Skigebiete animiert werden". Genau das übrigens versprechen sich viele große alpine Skiorte, die im Fernsehen übertragene Wintersport-Events, vom Biathlon-Schießen bis zum
Slalom-Weltcup, mit vielen Millionen Euro unterstützen.
Bislang waren Skifreizeiten und Klassenreisen ein guter Markt, um die Kunden von morgen für den Wintersport zu gewinnen. Doch auch die sind weniger geworden, seit sie der Staat wie in Österreich aus Geldmangel nicht mehr so wie früher fördert. Selbst in der Schweiz gingen die schulischen Skifreizeiten in den letzten Jahren um mehr als 10 Prozent zurück. Ganz zu schweigen von Deutschland, wo viele Schulen ihre Klassenfahrten aus Kostengründen in den Sommer verlegten.Neue Initiativen also sind gefordert, um den Ski-Nachwuchs zu ködern. Einige Regionen werben auf den Packungen von Süßigkeiten für den Spaß im Schnee, andere bieten Neulingen kostenlose Übungslifte im Tal oder offerieren Kindern Skipass und -unterricht zum Nulltarif. Vor allem aber sollen Skihallen künftige Wintersportler akquirieren. So belegten in Neuss zuletzt fast 15 000 Schüler aus 500 Schulen einen Ski-Kurs.Die Frage aber bleibt, ob die Kinder am Ende den Weg aus den modernen Hallen in die Alpen finden. Unter Umständen könnte der Kampf um neue Wintersportler in gigantischen Skihallen auch zum Pyrrhussieg der Marketing-Strategen werden. Denn haben sich die Kunden erst mal an die künstlichen Bergwelten gewöhnt, fürchten manche, entfällt der Zwang zur Reise in die Alpen. "Schneeerlebnis" und "Naturgenuss", haben Wissenschaftler herausgefunden, sind zumindest für Kinder immer weniger Anlass, Wintersport zu treiben. Dreimal häufiger nennen sie "Spaß" als Motivation - und den gibt es auch in der Skihalle.
Günter Schenk
Wintertourismus: Wenn die Rendite schmilzt
- snowflat
- Moderator
- Beiträge: 16048
- Registriert: 12.10.2005 - 22:27
- Skitage 25/26: 3
- Ski: ja
- Snowboard: nein
- Hat sich bedankt: 249 Mal
- Danksagung erhalten: 3477 Mal
- Kontaktdaten:
Wintertourismus: Wenn die Rendite schmilzt
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!