Quelle: Text: F.A.Z., 11.01.2007, Nr. 9 / Seite R1Zugspitze: Das Höchste muss nicht immer das Schönste sein
Von Roswin Finkenzeller
^^ Rekordberg aber kein Wahrzeichen: Die Zugspitze
Die Zugspitze ist der höchste, nicht aber der schönste Berg Deutschlands. Sie gleicht einem Urgestein, das die Natur, eine nicht unbegabte Bildhauerin, zu formen vergessen hat. An den gerade noch bayerischen Eibsee oder nach Ehrwald in Tirol begibt man sich, wenn man imposante Vierschrötigkeit bequem bestaunen möchte: einen Riesen ohne Individualität. Die Garmischer wussten schon, warum sie zu ihrem Wahrzeichen die Alpspitze erkoren, eine Erhebung von geometrischer Schönheit, ein in den Himmel stechendes Dreieck, das so schnell niemand vergisst.
Selbst der kleine Daniel, ein felsiger Däumling, strahlt im Vergleich zu der ihn weit überragenden Zugspitze ästhetische Würde aus. Die optische Ehrenrettung des deutschen Rekordhalters erfolgt allenfalls aus der Perspektive eines Bergsattels namens Hupfleitenjoch. Von dort aus sieht man das schräge Schneefeld des Höllentals, zu zwei Dritteln eingerahmt von hohen Steilwänden - Maler in Bergschuhen hatten schon ihre Freude daran.
Gipfelbesteigungen mit Todesstrafe bedroht
Wichtiger ist ein anderes Schneefeld, ein längeres und breiteres, mit Blicken erst zu umfassendes, wenn der Betrachter sich an Ort und Stelle befindet, in 2300 bis 2800 Meter Höhe, wo es noch zuverlässig schneit, immer noch, trotz allen Klimawandels. Früher regnete es auf der Zugspitze im August, mittlerweile auch noch, aber wenigstens nicht im November und den folgenden Monaten. Vom Herbst bis zum Frühjahr bestehen Niederschläge aus Flocken und nicht aus Tropfen. In Garmisch-Partenkirchen lag zwischen den Jahren etwas Schnee - er lag halt, aber er trug nicht. Die Südseite des Kramers bot grüne Weihnachten, während die Nordseite des Hausbergs zwar weiß aussah, auf Skifahrer und Snowboarder aber nicht einladend wirkte. Die klobigen, polternden Skischuhe gehören nicht mehr recht ins Tal und werden deshalb erst nach einer Bergbahnfahrt angelegt, oben, ganz oben, wo der Winter noch in Ordnung ist.
Die Zugspitze hieß ursprünglich der Zugspitz, und das bestimmt nicht nach der Spitze eines Zuges der erst vor knapp hundert Jahren gebauten Zahnradbahn. Ein Zug war vielmehr ein Lawinenstrich, ein Ballungsraum im unheimlichsten Sinne des Wortes, ein Hang, an dem der Schnee den späteren Dampflokomotiven seit Urzeiten vorgeführt hatte, was Beschleunigung ist und was Getöse. Lawinen brauchen keine Steilwand, sondern eine Rutschbahn und weisen damit dem Bergwanderer, diesem Klettermuffel, den sommerlichen Weg. Von Anfang an leuchtete ein, dass Gipfelbesteigungen mit Todesstrafe bedroht waren, Annäherungsversuche über das Reintal aber vielleicht doch nicht.
^^ Wohl dem, der den Gipfel erreicht hat und die Aussicht genießen darf: Sonnenuntergang mit Alpendohlen
Erste Bezwinger
Noch heute ist das Tal ein Idyll. Vorne, am Ortsende von Partenkirchen, wird es von einem Zerberus bewacht, der Partnachklamm, die aber bequem zu umgehen ist. Am Ende des Tals, an der Reintalangerhütte, sind die alpinen Marschierer längst unter sich. Nun beginnt eine Durststrecke, auf der die vulgärphilosophische Ansicht, der Weg sei das Ziel, sich selbst in den Köpfen sonst unbelehrbarer Denker rasch verflüchtigt. Auf jeden Fall geht bis in 2600 Meter Höhe ein Fußweg, kein ununterbrochen bequemer, doch immerhin ein Fußweg, ohne weiteres auch von Personen einzuschlagen, denen schwindlig würde, lehnten sie sich im sechsten Stock eines Hauses aus dem Fenster.
Als die ersten Bezwinger des Berges gelten drei Männer, die mit ihrer Expedition so wenig Eindruck machten, dass aus den Quellen nicht eindeutig hervorgeht, ob der Primus inter Pares, Leutnant Naus, mit Vornamen Josef, Joseph oder Karl hieß. Wie auch immer, er war Vermessungsoffizier und willens, auf Steilanstieg, Gletscherwanderung und Klettertour bestens vorbereitet zu sein - durch tiefen Schlaf in jener Bretterbude, aus der einmal die Reintalangerhütte werden sollte. Doch Flöhe sonder Zahl raubten ihm und seinen Kameraden die Ruhe.
Hundertfünfzig Kilo Eisen, Kupfer und Gold
^^ Vom Westgipfel auf den Ostgipfel umgezogen: Das Gipfelkreuz
Trotzdem standen am Mittag des 27. August 1820 der Geometer, ein Messgehilfe und ein Handwerker auf dem Zugspitz, an der höchsten Stelle, und sahen bei schlechtem Wetter außer schauerlicher Tiefe kaum etwas. Dann stellte sich heraus, dass Deutschlands höchster Berg insofern ein ganz normaler war, als der Abstieg den Aufstieg an Mühseligkeit weit übertraf. Außerdem schlug in der Nähe der Blitz ein. Wenn es, lernte Naus bei dieser Gelegenheit, in knapp dreitausend Meter Höhe blitzt und donnert, hört sich das für den Zeugen nicht nach Lebensgefahr an, sondern nach Weltuntergang. Die Alpen stürzten jedoch nicht ein, so dass der Leutnant im Flachland weiterhin Karriere machen konnte und schließlich bayerischer Generalmajor wurde.
Jahrzehnte später musste das Wetter garantiert schön sein. Nicht drei Männer mit leichtestem Gepäck wollten zum Gipfel, sondern neunundzwanzig Personen mit einem in achtundzwanzig Teile zerlegten Gipfelkreuz. Zu schleppen waren mehr als hundertfünfzig Kilo, denn das Kreuz aus Eisen, Kupfer und Gold sollte vier Meter hoch sein und wäre vermutlich niedriger und leichter gewesen, hätten sich an der Subskription zu seiner Finanzierung nicht so unerwartet viele Bayern beteiligt.
Von den Nazis abgeflacht
Der königliche Forstrat Kiendl, dessen Vorname zweifellos Karl war, leitete das Unternehmen und holte sich die Wettervorhersage bei einer besonders kompetenten Person ab, einer oberhalb der Partnachklamm ansässigen Bäuerin. Die schaute auf ihr Barometer, studierte kurz das Licht, in dem die Bergwelt lag, und prophezeite drei schöne Tage. Sie hatte Augen im Kopf, eine präzise Erinnerung an tausend Witterungsnuancen und somit auch diesmal recht. Schwerarbeit, weil Millimeterarbeit, harrte hoch oben der kleinen Gesellschaft trotzdem. Denn der Platz für das Kreuz, der Arbeitsplatz also, war nach der anschaulichen Beschreibung eines Teilnehmers nur „von der Länge und Breite eines mäßigen Tisches und von drei Seiten von den tiefsten Abgründen umgeben“.
Jahr für Jahr stand das Kreuz nun aufrecht da und trotzte den Blitzen, bis es von einem besonders bösartigen demoliert wurde. Es herunterzuholen war nicht mehr so schwierig, es zu reparieren noch weniger, es aber wieder aufzustellen schon eher. Da fiel schlauen Leuten ein, dass der Berg nicht nur einen Westgipfel habe, sondern auch einen um zwei Meter niedrigeren Ostgipfel. Auf diesen kam das restaurierte Schmuckstück, wobei die Älpler, wir sind noch im tiefsten neunzehnten Jahrhundert, bestimmt nicht an die Nazis dachten. 1938 wurde nämlich der Westgipfel abgeflacht, das heißt einfach weggesprengt. Hin ist hin, mochte auch der Plan, von der neuen Plattform aus den Luftraum militärisch zu überwachen, niemals verwirklicht werden.
Blutverschmierter Hund
Eines bestimmten Gerüchtes wegen, das im vergangenen Jahr kursierte, muss die Rede noch einmal auf die Tischplatte über den Abgründen kommen, vor allem auf denjenigen, der als Allererster oben gewesen war und sich dann nach getaner Arbeit von den Kameraden trennte. Der Jagdgehilfe Michael Baur wollte nicht wie alle anderen in Richtung Reintal zum Schneeferner hinuntersteigen, obwohl schon das gefährlich genug gewesen wäre, sondern über den nördlichen Abgrund zum Eibsee hinab. Eine Selbstmordvariante. Die Nordwand der Zugspitze ist zwar keine Eigernordwand, doch steil genug für tausend Gelegenheiten, sich den Hals zu brechen. Das Gefühl, nicht mehr weiter- und nicht mehr zurückzukönnen, begleitete den fünfundzwanzig Jahre alten Baur vom Gipfel bis zur Baumgrenze.
Einmal gebot es die Not, nicht zu klettern, sondern nur noch zu springen. Unten leuchtete ein kleines Schneefeld, dem niemand ansehen konnte, ob es sich nicht um eine bepuderte Eisfläche handelte. Der Jagdgehilfe zog seinen besten Gefährten aus dem Rucksack, einen Hund, nunmehr eine Art Minenhund. Die kleine Kreatur sauste durch die Luft, landete tatsächlich in festem Schnee und jaulte nach oben, so dass ihr Herr sich ein Herz fasste und seinerseits sprang. In diesem Stil glückte eine lange Reihe von Wahnsinnstaten. Die Leute im Tal machten große Augen, als sie den blutenden Mann mit dem blutverschmierten Hund sahen, und bestätigten bereitwillig, eine Verrücktheit wie diese noch nie erlebt zu haben.
Gefahren der Einsamkeit
Andere Wunder brachte die Zivilisation hervor. Auf dem Grat zwischen den beiden Gipfeln stand 1897 das Münchner Haus, ein Flachbau mit schwindelerregender Aussicht. Bergsteiger mit viel Zeit übernachteten dort. Münchner Arbeitnehmer hielten es anders. Am Samstag nahmen sie sich frei, fuhren mit der Bahn nach Garmisch, hasteten zu Fuß nach Hammersbach, betraten dort das stark ansteigende Höllental und richteten es so ein, dass sie die auf halbem Wege liegende Hütte bei Einbruch der Dunkelheit erreichten. Am nächsten Morgen, aber unbedingt vor dem Aufzug der Morgensonne, die das Höllental mit besonderer Gnadenlosigkeit bestrahlt, ging es über einen Gletscher und dann in die Kletterwand, fast senkrecht hoch zum neuen Münchner Haus. Gemächliche Menschen frühstückten dort. An Strapazen gewöhnte Naturen nahmen oben auch noch das Mittagessen ein, mussten sich dann aber sehr beeilen, wenn sie nach einer kleinen Kletterei, einer Gletscherüberquerung, einer Rennerei in Serpentinen und dann noch einem Lauf durchs lange, lange Reintal in Garmisch-Partenkirchen den letzten Zug nach München erreichen wollten.
Weil damals auf den Winter noch Verlass war, packte die Familie des Hüttenwirts im Herbst ihre Siebensachen und verabschiedete sich von dem jungen Eremiten, der sich in 2963 Meter Höhe einschneien ließ, um in einem benachbarten Turm das Wetter zu studieren. Von 1900 an fand sich Jahr für Jahr ein Meteorologe, der die Gefahren der Einsamkeit auf sich nahm, die witterungsbedingten wie die seelischen. Letztere hielten sich in Grenzen, da der Klausner nicht nur Statistiker, sondern auch Hausmann und Handwerker zu sein hatte.
Schauerromantik kehrte zurück
Dauernd musste die Telefonleitung repariert werden, die durchs Reintal gelegt worden war und den hohen Herrn mit seinen wissenschaftlichen Arbeitgebern in München sowie mit begeisterten Damen verband. Viele versprachen, die Einsamkeit mit ihm, dem armen Kerl, zu teilen. Doch keine kam. Wie denn auch? Um sein Glücksgefühl in Worte zu kleiden, rezitierte Joseph Enzensperger, der erste Wintermensch dort oben, die erste Strophe einer Schiller-Ballade, die mit dem Vers anhebt: „Ich stand auf meines Daches Zinnen.“ Nur krank durfte er nicht werden, weder er noch Putz, der Hund. Enzensperger fühlte sich kerngesund, starb auch nicht auf der Zugspitze, sondern drei Jahre später in einem exotischen Land an Vitaminmangel.
Alles vergangen, alles Romantik. Bald stürmte den Gipfel nicht irgendwer, sondern die Zivilisation mit ihren Sonderangeboten bequemer Überwinterung. Am Schneeferner entstand das Schneefernerhaus, mit Garmisch-Partenkirchen durch eine Zahnradbahn, mit dem Münchner Haus durch eine Seilbahn verbunden. Eine solche legten sich von Ehrwald aus auch die Tiroler zu und eine weitere, vom Eibsee aus, die Bayern. Und die Romantik, genauer die Schauerromantik, kehrte zurück.
Zwei wohlgeformte Brüder stehen davor
Bei der Jungfernfahrt der Eibseebahn schlang sich das Zugseil um das Tragseil, worauf die Gondel nicht mehr fuhr, sondern nur noch hing und schwebte, über Abgründen, ganz entsetzlich anzusehen, und das länger als eine Stunde. Der mühsam zurückgekurbelten Gondel entstiegen schließlich an der Talstation schreckensbleiche Ehrengäste, unter ihnen ein Bundesverkehrsminister, ein Wirtschaftsminister und ein Weihbischof. Ein paar Jahre später löste sich am alten Lawinenberg die fürchterlichste Lawine, denn sie begrub das Schneefernerhaus und forderte zehn Todesopfer. Heute ist das einstige Hotel fest in den Händen der Meteorologen und die neue Raststätte Sonn-Alpin das Reiseziel derer, die Sicherheit wollen. Sicher soll sein, dass Skilifte und Pistenraupen funktionieren, sicher vor allem, dass Schnee liegt, dass die neue Mangelware wenigstens im Winter vom Himmel fällt.
Doch nun ist es an der Zeit, das Garmisch-Partenkirchener Geheimnis zu lüften. Wo ist hier die Zugspitze? Sie verbirgt sich. Zu sehen ist sie höchstens von den Ortsrändern aus. Zwei wohlgeformte Brüder stehen davor, der Kleine und der Große Waxenstein. Die günstigere Perspektive eröffnet sich da, wenn auch nur an Föhntagen, in München-Süd. Dort ist die Zugspitze der unzweifelhafte Höhepunkt einer fernen Silhouette, gewaltig und sogar schön.
Bildmaterial: ddp, dpa, F.A.Z.