Quelle: Die Zeit»Kommen Sie zu uns – wir haben nichts!«
Das Osttiroler Villgratental wehrt sich seit Jahren erfolgreich gegen Skilifte. Im Namen des wahren Wintersports
Von Stefan Schomann
Wir schreiben das Jahr 2005. Tirol wird von Seilbahnen und Skiliften durchzogen. Ganz Tirol? Nein, ein von unbeugsamen Bergbauern gehaltenes Tal leistet hartnäckig Widerstand. Seit zwanzig Jahren sträuben sich die Bewohner des Osttiroler Villgratentals mehrheitlich gegen immer wiederkehrende Pläne, ihre Hänge ans nächste Skigebiet anzuschließen.
So blieb erhalten, was Bewohner und Besucher vieler Alpenregionen gar nicht mehr kennen: Winter in Reinkultur. Eine vom Schnee versiegelte Bergwelt mit makellosem Panorama. Es steht nichts in der Landschaft, was dort nicht hingehört. Trotzdem tummeln sich an guten Tagen Hunderte von Skifahrern an den Hängen. Doch jeder von ihnen ist sein eigener Schlepplift: Das Tal hat sich zu einem idealen Gebiet für Tourengeher entwickelt. Man könnte drei Wochen lang hier Urlaub machen und jeden Tag eine andere Route wählen.
Wenn es nur nicht so beschwerlich wäre! Stoisch schieben wir uns über verschneite Almen, den Blick auf die noch immer ferne Kreuzspitze gerichtet. 2624 Meter hoch, eine Bergbesteigung auf Skiern. Als Belohnung verheißt uns Bergführer Hannes Grüner eine herrliche Aussicht und eine zünftige Abfahrt, vor allem aber tiefe Befriedigung über die vollbrachte Leistung. Wenn Pistenfuzzis damit angeben, wie viele zigtausend Höhenmeter sie am Tag herunterreißen, sagt er nur: »Steig erst mal 500 bergauf, dann reden wir weiter.«
Event heißt hier, der Bischof predigt unterm Gipfelkreuz
350 haben wir schon hinter uns. Der Hang wird steiler, der Schnee massiver. Die aufgebockte Bindung genügt nicht mehr als Steighilfe, Harscheisen müssen angesteckt werden. Damit arbeiten wir uns in Serpentinen bergan. Weiter droben stapft eine ganze Kolonne vor sich hin. Neulich bei der Bergmesse, erzählt Grüner, da sei es erst zugegangen! Ein Lindwurm aus 400 Teilnehmern sei himmelwärts gekrochen, geführt von einem geländegängigen Bischof, der dann unterm Gipfelkreuz in vollem Ornat gepredigt habe. So viel zur Eventkultur im Villgratental.
Nach drei Stunden sitzen wir auf dem weißen First. Der ganze Dolomitenkranz scheint zum Greifen nah, weit im Westen wacht der Ortler, nach Norden zu stehen die Stubaier und die Zillertaler Alpen gestaffelt, das Großglocknermassiv schließt den Ring. Tief unter uns liegt das Villgratental. Lang und v-förmig zieht es sich bis zu jener Felsenpforte hin, die es mit dem Hochpustertal verbindet. Draußen wohnen »die Landner«, drinnen »die Villgrater«. Bei denen die Betonung übrigens auf der zweiten Silbe liegt, in der möglichst noch etwas Tiroler Tremolo mitschwingen sollte. Hoch droben an den Sonnenlagen drängen sich die ältesten Höfe, die Urhöfe, aneinander wie Adlerjunge im Nest. Im Talgrund siedelte man erst später, des Hochwassers vom Gebirgsbach und der geringeren Erträge wegen. Am Gegenhang stehen nur wenige Häuser. Steilhänge lassen sich urbar machen, Schattenlagen nicht.
Um Licht und Schatten geht es auch beim Konflikt um das Skigebiet. Westlich des Talausgangs erhebt sich der 2400 Meter hohe Thurntaler, auf dessen abgeschrägtem Plateau sich ein Skizirkus mittlerer Größe ausbreitet. Er wird von draußen, vom Pustertal her erschlossen, nur eine Abfahrt am Rande zweigt nach Außervillgraten ab. Das Tal selbst bleibt davon unberührt, noch sind seine Hänge geschlossen bewaldet. Doch zu gerne würden die Betreiber des Skigebietes auch hier Liftschneisen schlagen und Abfahrten anlegen, schon der sonnengeschützten Nordostflanke wegen. Massentourismus wäre die Folge, Bettenburgen und Großparkplätze, dazu die allfällige Ausstattung mit Discos, Boutiquen, Fun-Park und Erlebnisbad, fürchten die Leute in Villgraten.
Die Befürworter einer Erschließung versprechen sich mehr Arbeitsplätze, höhere Steuereinnahmen, bessere Infrastruktur und mehr Prestige. Verfechter eines sanften Tourismus dagegen fürchten, dass das Tal mit dem Wald auch seine Seele verkauft. »Die Leut’ kommen hierher, weil’s anders ist«, meint Bergführer Grüner, »echter, schöner, ursprünglicher.« Bräche der Skizirkus erst los, sähe es hier bald genauso aus wie überall in Tirol. Nicht mit Sensationen und Superlativen solle man daher werben, sondern mit deren Abwesenheit: »Kommen Sie zu uns – wir haben nichts!« Keinen Verkehr nämlich, keine Schnee- und Schallkanonen und weder Nachtleben noch Lasershows.
Zwei Kolkraben streichen über die Grate. Fast feierlich schnallen wir uns die Skier wieder unter. Diese gleißenden Hänge haben nie eine Pistenraupe auch nur gehört. Vorsichtig wedeln wir hinein. Vor lauter präparierten Pisten haben die Füße fast vergessen, dass echter Schnee sich anders anfühlt. Dass es kein steriler Belag ist, sondern ein lebendiges Medium, dessen Beschaffenheit je nach Sonneneinstrahlung, Windrichtung und Untergrund ständig wechselt. Kurz gesagt: Auch das Abfahren ist Arbeit. Freilich eine köstliche, haben wir uns doch jeden Meter verdient.
Die letzten Schwünge bringen uns nach Kalkstein, einen Weiler im Talschluss mit einem zierlichen Kirchlein und ein paar verstreuten Höfen. Der kuschlige Kessel wurde schon oft als Kulisse für Heimat- und Bergfilme benutzt. Dass freilich manchmal ganze Busladungen von Besuchern hier einfallen, hat noch einen weiteren Grund: das Wilderergrab.
»Ich wurde«, heißt es da auf einem wuchtigen, mit allerhand Beiwerk überfrachteten Grabstein auf dem Friedhof, »am 8. September 1982 von zwei Jägern aus der Nachbarschaft kaltblütig und gezielt beschossen und vom 3. Schuss tödlich in den Hinterkopf getroffen.« Ein fataler Zwischenfall im Wald, bei dem ein notorischer Wilddieb und zwei unbeherrschte Waidmänner aneinander geraten waren. Die Angelegenheit ist den Villgratern peinlich, vermittelt sie doch ein Bild, das sie partout vermeiden wollen: dass sie die Hinterletzten seien. Andererseits hat diese Untat das Tal berühmter gemacht als alle Tiefschneeabfahrten zusammen. »Um diese Geschichte beneiden uns viele«, heißt es hinter vorgehaltener Hand.
Beneidet werden die Villgrater auch um ihre malerischen Almdörfer. Winteransichten der Oberstaller- oder der Kamelisenalm schmücken zahllose Poster und Kalender. Bis zu einem Dutzend Hütten scharen sich dort um eine kleine Kapelle. Oasen der Stille, die nur auf Schneeschuhen oder Skiern erreichbar sind. Auf den Dächern ruhen dicke Schneekissen, die dunklen, wettergebeizten Fassaden leuchten im Sonnenschein. Früher bahnten sich die Bauern auch mitten im Winter einen Weg dorthin. Zu mächtigen Ballen geschnürt, fuhren sie das kostbare Bergheu auf Schlitten zu Tal. Auch Holz wurde so aus dem Wald geholt. Heute sind die meisten Hochweiden durch Zufahrten erschlossen.
Erst seit Ende der sechziger Jahre führt eine verwegene Straße herauf zum Hof der Familie Senfter auf 1700 Meter Höhe. Früher mussten alle Lasten per Seilaufzug emporgehievt oder im Buckelkorb geschleppt werden. Wer im Winter zur Kirche ging, schnallte sich Steigeisen um. Heute freilich, bekennt Bäuerin Martha, sei sie seit Jahren nicht mehr zu Fuß unten im Dorf, in Innervillgraten, gewesen. Obwohl die Diretissima kaum länger dauert als die Fahrt auf der schmalen Bergstraße.
Wenn es im Tal auch einige Gasthöfe und kleine Hotels gibt, sind Privatquartiere doch die gängige Form der Unterkunft geblieben. Bei Großfamilien wie den Senfters lebt der Gast den Alltag mit, vom Frühstück unterm Herrgottswinkel bis zur abendlichen Viehfütterung im Stall. Wie auf den meisten Höfen wohnen hier drei Generationen mitsamt Katze unter einem Dach. Hunde gibt es viel weniger, vielleicht würden die sich auf den schroffen Hängen dauernd überschlagen. Bis heute prägt die Steillage das Leben auf den Urhöfen. Die Villgrater sind tollkühne Rodler, aber lausige Ballspieler. Die umliegenden Hänge haben siebzig Prozent Gefälle. Zum Mähen muss Bauer Hubert Steighilfen anlegen.
Wer Kühe hat, kann auch Touristen versorgen, sagen die Einheimischen
Die Höfe stehen auf wuchtigen Podesten, sodass sie auf der Talseite oft doppelt so hoch aufragen wie auf der Bergseite. Mehr als die Hälfte dieses Volumens wird freilich für Vieh und Heu benötigt, die Menschen nehmen mit kleinen, niedrigen Räumen vorlieb. Die schönsten davon kriegen die Gäste. »Wer Kühe hat, kann auch Touristen versorgen«, sagt Martha Senfter, »Hauptsache, es ist immer jemand da.« In der Regel trifft es die Frauen; manche kommen jahrelang nicht aus dem Tal heraus.
Auch Rita Walder vom Graferhof war in ihren siebzig Lebensjahren kaum je außerhalb von Osttirol. Einmal aber haben Gäste sie zu einem Gegenbesuch in Salzgitter überredet. »Seither versteh’ ich, warum die dreimal im Jahr zu uns kommen.« Doch die Stammgäste sterben aus. »Jahr für Jahr san’s kumma, wie die Schwalben«, seufzt sie nostalgisch. »Wann’s fortgfahren sind, ham’s schon reserviert fürs nächste Jahr.« Die heutigen Urlauber sind unberechenbarer geworden und wählerischer. »Früher ham fünfe sich a Klo teilt und war’n doch glücklich. Jetzt brauchst schon Komfortzimmer.«
Diese charmante kleinbäuerliche Gastlichkeit würde bei Einrichtung des Skigebiets zwangsläufig entwertet. Die Höfe würden an den Rand rücken, die Unterkünfte unpersönlicher und kommerzieller. Die Pistenfuzzis würden sicher gerne kommen, die Winterliebhaber aber, die Einsamkeitssucher, die unermüdlichen Tourengeher, dieses ganze scheue Wild würde vergrämt. Vorerst verharrt das Tal am Scheideweg, diskutiert wie jeden Winter mit fast schon ritueller Inbrunst das viele Für und Wider.
Ob wohl der Bischof trotzdem noch käme? Seit am Wallfahrtskirchlein von Kalkstein ein Bet- und Besinnungshaus eingerichtet wurde, hat das Tal auch im katholischen Milieu landesweite Bekanntheit erlangt. Geleitet von Laienschwester Maria Krizmanich, finden hier Wanderexerzitien, Fastenkurse und Meditationen statt. Ob Bankdirektor oder angehender Priester, ob ratlose Schülerin oder fünffache Mutter, sie alle suchen einen Ort der Einkehr. Je lauter es rundum zugehe, meint Schwester Maria, desto notwendiger werde Stille. Die unberührte Winterwelt des Tals lasse sie als etwas Reales, Dichtes, Erfülltes erlebbar werden. Stille erneuere die Menschen und brächte Entschlüsse ins Rollen. Auch so kann Aktivurlaub aussehen. Das Kirchlein heißt übrigens seit alters her Maria Schnee. Gelobt sei der Winter.
INFORMATION
Anreise:
Die Bahn fährt bis Sillian, von dort weiter mit dem Bus. Mit dem Auto durch den Felbertauerntunnel nach Lienz. Die nächsten Flughäfen Salzburg und Klagenfurt werden zum Beispiel von Hapag-Lloyd Expresss angeflogen
Unterkunft:
Übernachtung mit Frühstück im Privatquartier ab 16 pro Person, Ferienwohnung zwischen 40 bis 50 Euro pro Tag
Essen:
Das stilvolle Feinschmeckerlokal Gannerhof in Innervillgraten (Tel. 0043-4843/5240, www.gannerhof.at ) wird weithin gerühmt
Bergführer:
Bergschule Alpin Aktiv Hochpustertal, A-9920 Sillian 1b, Tel. 0043-4842/6085, www.sillian.com/bergschule
Auskunft:
Tourismusverband Villgratental, Tel. 0043-4843/5194, www.innervillgraten.info
Villgratental: 'Kommen Sie zu uns - wir haben nichts'
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Villgratental: 'Kommen Sie zu uns - wir haben nichts'
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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Noch was aus der Tiroler Landeszeitung:
Innervillgraten: Liftlos, doch in der Sonne der Mediengunst
Mit hochgerüsteten Tourismusorten will und kann sich Innervillgraten nicht messen. Offenbar entspricht das Dorf gerade deshalb dem "Zeit"-Geist.
Der Advent war für Oswald Fürhapter heuer noch hektischer als sonst. "Wir haben gewaltig viele Anfragen zu bewältigen", teilte der Tourismusbetreuer von Innervillgraten zwei Tage vor Weihnachten mit. "Seit 14 Tagen tun wir nichts als Prospekte verschicken."
Ausgelöst haben die Anfragenflut zwei Reportagen. Im Dezember-"Panorama" des Deutschen Alpenvereins wurden auf fünf Seiten und mit vielen Bildern "Feine Skitouren in den Villgrater Bergen" vorgestellt. Der Bericht hätte nicht wohlwollender ausfallen können.
Anfang Dezember stiftete auch "Die Zeit" fast eine ganze Seite dem Villgratental. Titel des Erlebnisberichts: "Kommen Sie zu uns - wir haben nichts."
Das bezieht sich auf eine Anregung des Führers Hannes Grüner von der Bergschule Hochpustertal (www.sillian.com/bergschule), der mit dem deutschen Reisejournalisten auf die Villgrater Skigipfel gezogen ist. Gemeint war: Die Abwesenheit von Schnee- und Schallkanonen, Verkehr und Lasershows kann auch Gäste anlocken.
Der Wahrheitsbeweis ist in Villgraten erbracht. Die nur 300 Winterbetten sind gut ausgelastet - wenn die Tourenverhältnisse passen.
Dass die Osttirol-Werbung einen Riesenartikel über liftlosen Winterurlaub im Zeitungs-Flaggschiff "Die Zeit" lancierte, bekam OW-Geschäftsführer Lukas Krösslhuber allerdings schlecht. Denn ein Teil der Seilbahnwirtschaft meint, alleine die Werbelinie der aus vielen Töpfen gespeisten Osttirol-Werbung vorgeben zu können.
Auch in Innervillgraten sehen manche das Heil ausschließlich im Anschluss an das Thurntaler-Skigebiet. Befund der "Zeit": "Vorerst verharrt das Tal am Scheideweg, diskutiert mit fast schon ritueller Inbrunst das viele Für und Wider."
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
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Quelle: Die WeltKeine Lifte, kaum Spuren im Schnee
Wer urwüchsige Natur und Ruhe zum Entspannen sucht, ist im Osttiroler Villgratental richtig. Seine Bewohner verweigern hartnäckig den Anschluss an den alpinen Skizirkus. Es gibt keine Lifte und kein Après-Ski, nicht einmal Handys funktionieren hier.
Von Beate Schümann
In diesem Tal gibt es nichts. Nichts, außer uns zweien. Unsere Bank steht vor einer Almhütte. Der Schnee zeigt nur eine Spur - unsere. Die verschneiten Villgrater Berge, die fast bis 3000 Meter in die Höhe reichen, blitzen in der Sonne, als stünden kleine Leuchtfeuer auf den Gipfeln. Uns umgibt tiefe Stille.
Im Villgratental, das zum Osttiroler Hochpustertal gehört, steht nur das, was schon seit Generationen hierher gehört: Berge und Bäume, Holzhäuser und die Wallfahrtskirche Maria Schnee. Es gibt keine Seilbahn, keinen Skilift, kein Luxushotel, keine Diskothek, Boutique oder Badeanstalt.
"Wir haben nichts", sagt Ossi Fürhapter, und ein verschmitztes Lächeln huscht über sein Gesicht. "Mehr wollen wir auch nicht." Er ist gebürtiger Innervillgrater und für vieles zuständig: für den Tourismus, die Dorfchronik und den Widerstand. Seit gut zwanzig Jahren sperren sich die Bewohner erfolgreich gegen die moderne Zeit und immer wiederkehrende Pläne, ihr Tal an die umliegenden Skigebiete anzuschließen. So haben sie erhalten, was in vielen Alpenregionen nicht mehr zu finden ist - urwüchsige Natur und viel Romantik.
"Das bleibt so", sagt Fürhapter siegesgewiss. Denn er weiß die 2000 Seelen der Talgemeinde mehrheitlich hinter sich. Und viele Gäste. Jährlich verbucht das Tal rund 47000 Übernachtungen. In den Wintermonaten sind es vor allem Wanderer und Skitourengeher, die die 350 Betten der Gasthöfe und Privatquartiere nutzen. "Bei uns kann man Ruhe finden und zu sich selbst finden." Fürhapter verspricht uns nicht zu viel. Selbst das Handy funktioniert hier nicht.
Das Dorf Innervillgraten ist überwältigend romantisch. Es zählt rund 230 Häuser, alle in altem Familienbesitz und in der traditionellen Holzbauweise erbaut. Viele sind mehr als hundert Jahre alt, sie haben drei, manchmal vier Balkongalerien. Seit die Geranienreihen verblüht sind, wetteifern Eiszapfen an den Dachrinnen um jeden Zentimeter.
Von den etwa hundert Bauern bewirtschaften vierzig die Höfe im Vollerwerb und sorgen für naturnahe Kost im Dorf: selbst gemachter Schinkenspeck, Käse, Milch, Brot. Der Schnee liegt auch hier noch nicht so hoch wie sonst, aber für deutsche Städter, die sich inzwischen an Frühlingstemperaturen gewöhnt haben, reicht es gewiss.
Authentisch bergbäuerliche Kulisse für Heimatfilme
Beim "Grüß-Gott-Hof" von 1846, der wegen seiner ins Holz geschnitzten Inschrift so heißt, winkt uns die Bäuerin zu. "Kommen S' nur", ruft sie. "Heute ist Backtag." Wie früher bereitet sie den Teig auf dem Küchentisch, klopft ihn und schiebt die Laibe in den Holzofen. Was für ein Duft! Ein fertiges Brot als Wegzehrung gibt sie uns mit. Am Berger-Kirchensteig geht es in Serpentinen bergauf in Richtung Kamelisenalm (1974 Meter) und Oberstalleralm (1883 Meter). Innervillgraten liegt auf 1400 Metern, und wir haben erst gut 200 Höhenmeter hinter uns. Die winterliche Almenidylle verzaubert nicht nur uns; wenn eine authentisch bergbäuerliche Kulisse für Heimatfilme gesucht wird, wenden sich Regisseure gern an Innervillgraten.
In Kalkstein ist Schluss. Das Villgratental endet bei Maria Schnee, dem Wallfahrtskirchlein, das 1634 nach einer Pest entstand. Ein paar Höfe kamen hinzu, 1898 ein Außenposten der Kalasantiner und vor ein paar Jahren ein Bergrestaurant.
Der Wiener Orden ist heute durch einen Mönch und eine Laienschwester vertreten, die Fastenkurse, Meditationen und spirituelle Wanderungen anbietet. "Zu uns kommen Menschen, die zu sich finden wollen", sagt Schwester Maria Krizmanich. Seit 1996 leitet sie das Besinnungshaus "Bethanien". Auf dem Rückweg kreuzt Pater André, der immer in Sandalen geht, unseren Weg, nickt uns freundlich zu und eilt zur Kirche, wo er um 18 Uhr die Andacht spricht. Schon klingen die Glocken durch die Winterwelt.
Es duftet herrlich nach Zirbenholz
Zurück in Innvervillgraten wärmen wir uns am offenen Kamin vom "Gannerwirt". Das Feuer prasselt, das Holz knackt. In der guten Stube duftet es wohlig nach Zirbenholz, das an die 200 Jahre alt ist. Aus der Küche kommt der Duft vom heimischen Lamm, das Gourmetkoch Alois Mühlmann butterzart, mit Parmesanknödeln und Trüffelhonig serviert. Auch zum Frühstück gibt es Heimisches und Hausgemachtes, Brot und Marmelade von der Chefin.
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Den nächsten Ausflug machen wir mit Kutscher Ingo. Im Winkeltal, wo der Winkeltalbach in den Villgratenbach mündet, hat er Fuchsi vor den Pferdeschlitten gespannt. Die bayerische Kaltblutstute wartet gelassen, bis wir uns in Decken eingemummelt haben. Dann trabt sie los, am vereisten Bach entlang, durch den tief verschneiten Wald bis zu einer kleinen Kapelle. Bei jedem Schritt schellen die Glöckchen an Fuchsis Geschirr.
Diese Romantik ist den Villgratern noch nicht vollkommen genug. Jenseits der Villgrater Berge beginnt der Nationalpark Hohe Tauern, eine 1800 Quadratkilometer große, friedliche Naturschutzzone. "Warum nicht auch bei uns?", haben sie sich gefragt und einen Antrag auf Erweiterung abgeschickt.
Margit Riepler, die Nationalparkbetreuerin, führt uns durch die unbeschilderte Schneelandschaft und hält ständig an, um das Spektiv aus dem Rucksack zu holen. Mit 160-facher Vergrößerung sehen wir Steinböcke an den Hängen springen, Gämsen und Bartgeier. Zwischen Fichten, Lärchen und Zirben erklärt sie die ungezähmte Wildnis und die Gletscher. Unter dem Großglockner, dem mit 3798 Metern höchsten Berg Österreichs, sind wir wieder die Einzigen. Spuren im Schnee sind zu sehen. Sie stammen von Schneehühnern, Eichhörnchen und Schneehasen - und von uns.
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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So beschaulich und ruhig geht es in Innervillgraten aber auch nicht immer zu.
Es ist zwar schon mehr als 20 Jahre her, seit dort der letzt Wilderer in Österreich erschossen wurde, aber bei einigen ist das noch immer als ob es gestern passiert wäre.
Ich habe da einen Bericht im ORF2 gesehen, der um den 20 jahrestag entstanden sein muss. Von heile Welt und bergromantik war da jedenfalls nicht viel zu spüren.
Ich glaube allerdings tatsächlich, dass in Innervillgraten noch längere Zeit keine Lifte stehen werden, weil bei den Familenfeindschaften die dort herrschen ist das kaum möglich.
Es ist zwar schon mehr als 20 Jahre her, seit dort der letzt Wilderer in Österreich erschossen wurde, aber bei einigen ist das noch immer als ob es gestern passiert wäre.
Ich habe da einen Bericht im ORF2 gesehen, der um den 20 jahrestag entstanden sein muss. Von heile Welt und bergromantik war da jedenfalls nicht viel zu spüren.
Ich glaube allerdings tatsächlich, dass in Innervillgraten noch längere Zeit keine Lifte stehen werden, weil bei den Familenfeindschaften die dort herrschen ist das kaum möglich.