Quelle: Hamburger AbendblattSpanien: Nicht nur als sommerliches Badeziel ist Andalusien eine gute Adresse
Mit Königen und Champions auf der Piste
In der Sierra Nevada gehören auch Juan Carlos und Kronprinz Felipe zu den Stammgästen.
Von Helge Sobik
Ein kalter Tag, findet Mohamad Ngolo aus Senegal. "Tengo frío", sagt er. "Ich friere." Es sind zwei von zwanzig Worten, die er auf Spanisch kann. Er zieht seine brombeerfarbene Mütze mit dem weißen Schriftzug noch weiter in die Stirn, klatscht mit den dicken Handschuhhänden, trippelt in der Thermohose auf der Stelle und grinst. Dabei steht die Sonne hoch am strahlend blauen Himmel, doch das Thermometer zeigt nur vier Grad minus. Auf der Plaza Andalucia herrscht reges Treiben an diesem Vormittag. Mohamad Ngolo ist Strandhändler, im Sommer zieht er mit einem Bauchladen voller nachgemachter Markenuhren von Badelaken zu Badelaken. Heute Morgen erschrak er, als sich ein zwei Meter langer Eiszapfen vom Vordach eines Apartmenthauses löste und sechs Meter neben seinem improvisierten Verkaufsstand aufs Pflaster krachte.
Für den Winter hat Mohamad Ngolo seinen angestammten Strandabschnitt an der Costa del Sol verlassen und ist 140 Kilometer weit ins andalusische Gebirge gestiegen. Im Wintersportort Pradollano auf 2100 Meter Höhe hat er eine Plastikplane im Schnee ausgebreitet und darauf Handschuhe, Mützen, Schals und ein paar Ski-Helme ausgelegt. Die Logos dürften gefälscht sein, denn sie passen nicht zu den Preisen. Der Schriftzug Sierra Nevada aber auf der brombeerfarbenen Mütze ohne sichtbares Markenzeichen ist echt. Diese Kopfbedeckung ist der Renner der Saison von Mohamad Ngolos mobilem Kleinbetrieb. Es macht ihm nichts, dass er den Laden im Schnitt dreimal am Tag eilig zusammenräumen und kurzzeitig verschwinden muss, wenn die Polizei kommt. Das Geschäft mit den Skiurlaubern läuft trotzdem gut.
Das Dach der iberischen Halbinsel ist weiß - mindestens von November bis April. Die Sierra Nevada - das ist Spaniens größtes, höchstgelegenes und beliebtestes Skigebiet. Die Lifte fahren bis auf über 3000 Meter Höhe. An schönen Tagen tummeln sich hier mehr als 10 000 Wintersportler - bislang kaum Deutsche.
Schöne Tage gibt es viele, weil es meist nur im November und Dezember schneit und danach bis in den April hinein fast immer sonnig und klar ist - bei Temperaturen, die häufig nur ein paar Grad unter dem Gefrierpunkt liegen.
Wer sich mit dem Auto die schmale Serpentinenstraße in Europas südlichstes Skigebiet hinaufschraubt, kommt sicher an einer der typischen Osborne-Werbetafeln mit dem schwarzen Stier vorbei. Um diese Zeit steht er sehr wahrscheinlich mit den Füßen im Schnee. Auf einem anderen Plakat am Straßenrand wedelt ein stilisierter Schlittschuhläufer und wirbt für die nächstgelegene Eislaufbahn. Julio Iglesias etwa nimmt regelmäßig diesen Weg und Antonio Banderas und Melanie Griffith kommen oft übers Wochenende aus ihrem Haus in Marbella zum Skifahren hier hoch. Ebenso zählen Kronprinz Felipe und König Juan Carlos, beide begeisterte Wintersportler, zu den Stammgästen. Sogar Madonna war schon ganz privat und auch nahezu unerkannt da.
Und einmal landete Mick Jagger mit dem Hubschrauber auf dem Asphalt der mehrspurigen Parkhauseinfahrt von Pradollano. Viele haben den spektakulären Auftritt gesehen, aber keiner wusste, wer der Passagier mit der Spiegelbrille war. Nur zehn Minuten später stand er in der Liftschlange, und keiner interessierte sich mehr für ihn. "Viele Prominente kommen hierher", erzählt Ski-Lehrer Pablo Ruiz de Almiron, der Spaniens Erfolgs-Skifahrerin Maria José Rienda schon trainiert hat, als sie elf Jahre alt war. "Die Promis kombinieren Strandspaziergänge an der Costa del Sol sowie Shopping- und Kultur-Trips ins 32 Kilometer entfernte Granada mit Wintersport in der Sierra Nevada. Wirklich umlagert aber wird nur einer: Fernando Alonso!"
Der spanische Formel-1-Rennfahrer bevorzugt die mit 5,9 Kilometern längste Abfahrtspiste der Region und ist auch auf Skiern sofort an seinem Fahrstil zu erkennen, der sich als recht weltmeisterlich und ein bisschen gewagt umschreiben lässt. Beim Boxenstopp gibt es Tapas und Bocadillos, und im Ziel muss der König der Rennfahrer regelmäßig Autogramme geben. Bereitwillig krakelt er seinen Namenszug wohin auch immer ihn die Fans haben wollen. Nur aus dem Après-Ski-Rummel hält er sich heraus: keine Mojitos in den Bars, keine durchtanzten Nächte in den vielen Discos. "Alonso geht früh schlafen", erzählt jedenfalls Mohamad Ngolo, der seinen Stand häufig vor dem Hotel des Rennfahrers an der Plaza Andalucia aufbaut. Um acht sei der schon im Bett. Der fliegende Händler grinst wieder und packt ein paar zusätzliche Brombeer-Mützen in die Auslage. Ski-Legende Alberto Tomba, der vor Jahren hier bei der Weltmeisterschaft zwei Goldmedaillen gewonnen hat, ist da viel temperamentvoller: Er kehrt regelmäßig an die Stätte seines großen Triumphes zurück, um sich selbst zu feiern - und dies die ganze Nacht.
Jede Menge Eisbären bewegen sich täglich zwischen 9 und 17 Uhr Richtung Gipfel. Sie schmücken als lebensgroße Werbelogos einer spanischen Bank die Kabinen der Seilbahn, die von Pradollano in das einen Kilometer höher gelegene Borreguiles führt, hoch über die Köpfe der talwärts wedelnden Skifahrer und Snowboarder hinweg in Richtung auf Spaniens höchsten Gipfel.
Bereits ein paar Meter von der Bergstation entfernt knirscht der Schnee, als liefe man durch ein Meer aus Styroporkügelchen, die unter den Skiern oder Schneeschuhen in alle Richtungen auseinanderzustieben scheinen. Die Winterwanderer, die diesen Vormittag auf großen Latschen hinter Pablo Ruiz den Hang entlangstapfen, machen kleine Schritte, bis sie sich an die dünne Luft gewöhnt haben. Tief versinken sie im weichen Weiß, breitbeinig staksen sie durch die Schneemassen. Sie lassen sich von den Sonnenstrahlen wärmen und beobachten durchs Fernglas seltene spanische Steinböcke und weiter am Horizont das Mittelmeer - bis Ruiz das Fernglas in die Gegenrichtung schwenkt und in 100-facher Vergrößerung die Pisten anpeilt: Der da, sagt er, im roten Dress! Unverkennbar! Der Fahrstil! Das ist Alonso!
Für Mohamad Ngolo hat es sich gelohnt, etwas zu frieren. Der Umsatz war besser als an einem Hochsommertag an der Costa del Sol. Nur einmal musste er einpacken, weil die Polizei kam. Eine Stunde später war er wieder da und baute seinen Laden 50 Meter weiter auf. "Langsam gefällt es ihm hier oben. Vielleicht", sagt er etwas halbherzig, "probiere ich sogar mal aus, wie sich Skifahren anfühlt." Und wieder klatscht er mit den Handschuhen in die Hände, springt auf der Stelle. "Vielleicht wird es bald wärmer."
Anreise: Zielflughäfen für die Sierra Nevada sind Granada und Malaga. Tickets beispielsweise mit Air Berlin (www.airberlin.com), Hapagfly (www.hapagfly.com) oder Lufthansa (www.lufthansa.com) nach Malaga und zurück ab 100 Euro.
Sportangebot: Das Skigebiet verfügt über Lifte mit einer Transportkapazität von etwa 45 000 Personen pro Stunde (zwei Kabinenbahnen, 16 Sessellifte, zwei Schlepplifte, ein Seillift und zwei Transportbänder). Pisten aller Schwierigkeitsgrade (insgesamt 87 Kilometer lang) stehen ebenso zur Wahl wie Langlaufloipen (vier Kilometer lang), ein Snow-Park mit Halfpipe und ein Freizeitgelände für Nicht-Skifahrer.
Kosten: Leihwagen gibt es z. B. bei Holiday Autos (www.holidayautos.de) ab rund 140 Euro pro Woche. Der Skipass kostet für einen Tag 30 Euro, für eine Woche rund 180 Euro.
Übernachtung: Fünf Nächte z. B. im Hotel "Telecabina" ab 310 Euro, Tel. 0034/902/70 80 90, Internet: www.sierra-nevada.costasur.com
Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstr.14 in 60323 Frankfurt/M., Tel. 069/72 50 33, Internet: www.spain.info
Spanien: Mit Königen und Champions auf der Piste
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Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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