Tag 1: Lech / Zürs, 28.01.2007
"Everything..... in its right place!" weich und mit wundervoller analoger Wärme klingt Radioheads Opener der Kid A aus den alten Kopfhörern. Mein Kopf ruht an der Glasscheibe dieses Hochgeschwindidkeitszuges, dessen Fahrgeschwindigkeit auf der alten Schnellfahrtsstrecke von Hannover nach Würzburg heute geringer ist, als die eines Intercity auf einer normalen Strecke! Wozu dann eigentlich der Zuschlag und die Strecke? Ich erinnere mich noch, wie ich einst mit dem ICE in den ersten Stunden der Strecke mit angegebenen 270 km/h die Trasse entlang gerauscht bin. Heute fährt der Zug - wie so oft mittlerweile - nicht einmal mehr 190 km/h. Damit ist er langsamer als die gewöhnlichen Fernverkehrszüge auf der Strecke Hannover - Hamburg, die nicht einmal für Hochgeschwindigkeitsfahrten gebaut wurde. Ich vermute der Grund liegt in der heute sehr hohen Zugdichte auf der ehem. Neubaustrecke Hannover - Würzburg. Seit jeder IRE, IC und teils sogar die Nahverkehrszüge die Trasse nutzen, dürfte allein aus Platzgründen keine Geschwindigkeit oberhalb von 200 km/h mehr möglich sein - zumindest tagsüber.
Es ist Mittag, der Mittag des 26. Januar 2007. Der Welt verschwindet nach wenigen Metern im schmierigen Grau eines typisch norddeutschen Wintertages - warm und regnerisch und so überhaupt nicht winterlich. Der Gedanke an Schifahren scheint bizarr. Ich spüre den extremen Schlafmangel der letzten Nächte, lausche der Musik und tausche diese eintönige Welt immer wieder mit derer meiner Träume.
Die Musik hat sich verändert, ich muss ein längeres Stück geschlafen haben... und auch das Landschaftsbild ist anders - es ist weiß! Ich bin in Bayern, die Sonne scheint und eine herrlich strahlende kleine Schneedecke hüllt die fränkischen Lande in winterliche Friedlichkeit. Ab Nürnberg folgt der Zug der neuen Hochgeschwindigkeitstrasse nach Ingoldstadt, die dem Reisenden die Fahrt durch die kurvigen Täler und insbesondere eine halbe Stunde Fahrzeit erspart. Lang genug hat der Bau ja gedauert, fast zehn Jahre für dieses gar nicht lange Stück! Ich weiß nicht, welche Probleme beim Bau aufgetreten sein mögen, jedenfalls war die im Verlgeich um einiges längere Strecke von Frankfurt nach Köln deutlich schneller fertig - und kann dazu mit 300 km/h befahren werden. Auf dieser Strecke hier werden heute immerhin 250 km/h erreicht - dann hat sich der ICE Aufschlag ja möglicherweise doch noch gelohnt!
Am frühen Nachmittag treffe ich in München ein, die Sonne ist mittlerweile wieder in den Wolken verschwunden, die winterliche Stadt gefällt mir aber. Am Kopfende des Bahnsteiges wartet Marius - wir haben drei Stunden Zeit für Weizen, gutes bayrisches Essen und vor allem viele Gespräche. An der Tramhaltestelle auf dem Weg zum Augustiner werde ich das erste mal von einem älteren Herren auf die Schi angesprochen - es soll nicht das letzte mal in diesem Urlaub bleiben!
Nach einer weiteren Eisenbahnfahrt - diesmal durch das nächtliche tief verschneite Allgäu - erreiche ich schließlich Oberschwaben - mein Domizil für heute Nacht und weiterer Zwischenstopp auf dieser Reise der Besuche. Nach einer kurzen, aber schönen Nacht, viel gutem oberschwäbischen Essen und einem ruhigen Nachmittag gleitet erneut ein Zug mit mir durch das Dunkel - diesmal endlich in Richtung Alpen. Ein Zwischenstopp am Bahnhof Lindau, ein weiterer in Feldkirch - dessen moderner und architektonisch sehr gelungener Bahnhof mir sehr gut gefällt - folgt schließlich das Ende der ersten Etappe: der EuroCity von Zürich nach St. Anton. Bei leichtem Schneefall gleitet der Zug durch ein herrlich winterliches Vorarlberg. So hatte ich mir das vorgestellt! Ich bin wie immer positiv überrascht von der österreischen Bahn: tolle moderne Züge, ausreichend Platz für Schi und Gepäck, gemütliche saubere Abteile - nicht der Konserventransport des viel zu teuren deutschen ICE, bei dem man dann die Schi quasi auf den Schoß nehmen darf! So stelle ich mir Bahnreisen vor - liebe DB, hier seht ihr, wie es wirklich geht!
Am Bahnhof von St. Anton - der mir übrigens trotz Auszeichnung architektonisch viel weniger zusagt als der von Feldkirch - wartet lieberweise Gerrit auf mich: mit ihm werde ich die nächsten zwei Tage am Arlberg verbringen. Da ich nur zwei Tage dort sein werde, wollen wir jeweils einen Tag in Lech / Zürs und einen in St. Anton schifahren, damit ich die Chance habe, alles wenigstens einmal kennen zu lernen. Für morgen steht Zürs auf dem Programm.
Mit Gerrits Wagen queren wir also im strahlenden Morgenlicht - das war perfekt: erst Neuschnee und dann eine Woche nur Sonne! - den wunderbar verschneiten Arlbergpass und Flexenpass. Gerade letzterer hat micht immer schon beeindruckt wegen der faszinierenden Trassierung auf der Südrampe. Fahren konnte ich ihn leider nie, so ist Zürs für mich ein Novum. Auch wenn es nicht viel geschneit hat: heute erstrahlen alle Hänge in so herrlich makellosem Weiß, dass man sich an alte Schiatlanten erinnert fühlt. Auch beeindruckt mich die Landschaft! Die weiten weißen einsamen Hänge, das alles wirkt sehr französisch! Ganz anders hatte ich mir zumindest Lech und Zürs vorgestellt: eher so wie Warth und Schröcken. Die hochalpine Wirkung fasziniert!
Zur Verdeutlichung der folgenden Beschreibungen bietet es sich an, den Pistenplan unter dem folgenden Link aufzurufen. Leider ein interaktiver Pistenplan (wie sinnlos!), der dazu nicht gerade übermäßig gut designt ist (typisches Flashgemale halt). Für unseren Zweck wird er jedoch reichen.
http://ski.intermaps.com/skiarlberg/de_west.html
Mich fasziniert ja die Trittkopfbahn! Nicht nur, dass ich PBs sehr mag und als Skilifte geradezu favorisiere, ihre Trasse, ihre ausgesetze Bergstation - das hat schon was! Überhaupt nicht das, was ich von einem Schigebiet am Arlberg erwartet hätte! Ich muss sagen, Zürs hat Klasse! Ich werde den Schiort im Laufe des Tages weiter in mein Herz schließen. Ich mag übrigens auch diese Hotelkomplexe, die mit leichtem 70s Touch in der sonnengefluteten weißen Weite liegen. Alles wirkt sehr französisch - mir gefällts!
Verschneiter Parkplatz in Zürs mit Blick auf den Flexenpass - ein bisschen wie vor dreißig Jahren!
Blick auf den Trittkopf mit PB - faszinierende Anlage, faszinierendes Trassé - ein Berg, der schon aufgrund der Pendelbahn Lust zum Schifahren macht!
Coole Architektur in Zürs - Vive l'Autriche!
Dennoch ist der Trittkopf nicht unser erstes Ziel, vielmehr wollen wir auf die westlichen Hänge zwischen Muggengrat und Madlochjoch. Was ich etwas überraschend finde, ist, dass man um hinüber zugelangen eine kurze DSB nutzen muss, die auch als Anfängerbahn dient. Trotz wenig Verkehr ist also teilweise Anstehen angesagt. Das Gebiet westlich von Zürs wird durch zwei KSBs im unteren Bereich erschlossen, an die sich jeweils zwei DSBs anschließen. Letztere sind relativ langsam und daher heute recht kalt, ein Ersatz zumindest der Madlochjochbahn durch eine KSB wäre möglicherweise nicht verkehrt. Dennoch gefällt mir das Schigebiet hervorragend! Geniale Landschaft, tolle Pisten und vor allem viel Raum! Wenige Anlagen erschließen viele Pisten, daneben ist genügend Raum im Gelände und die Felsen geben dem Ganzen das nötige Ambiente: ein tolles Schigebiet!
Zunächst folge ich der Abfahrt vom Muggengrat zurück nach Zürs: eine absolut geniale Piste! Einsam durch eine ansonsten unerschlossene Geländekammer mit tollem Blick auf die fast Dreitausender des Arlbergs, dazu ein wahnsinnig gefälliges Trassé und ein vernünftiges Verhältnis von Raum zu Mensch! Viel zu wenig gibt es heute solche Abfahrten und - ich wiederhole mich - ein weiteres Mal denke ich an frühere Jahre in Frankreich, dessen Perlen immer schon diese Pisten "hinten hinab" waren!
Einige Zeit später stehen wir erneut am Muggengrat, diesmal jedoch ist nicht die Piste das Ziel, sondern eine der Schirouten zum Flexenpass, die Herzbergroute. Nach einer ziemlich langen Traverse mit einem kurzen Zwischenanstieg stößt diese Route aus den Bergen nördlich oberhalb Stubens zum Flexenpass hinab, wo ein Busanschluss besteht. Die Route ist eine leichte Tiefschneeabfahrt in Süd-Ost-Exposition, die zwar keine großen Höhenunterschiede, dafür aber ein geradezu traumhaftes Panorama bietet. Wenn man dazu trotz der nicht gerade idealen Schneebedingungen solchen Tiefschnee findet, wie wir am heutigen Tage, dann rechtfertigt sich die lange Traverse allemal. Bei besseren Verhältnissen mögen sich auch andernorts möglicherweise einfacher zu erreichende Routen finden lassen, jedenfalls fungiert die Traverse aber auch ein Stück weit als Filter, so dass man hier möglicherweise bessere Karten hat, unverspurtes Gelände zu finden. Heute ist allerdings viel los auf der Traverse, das ist schon fast wieder belustigend. Die Route selbst ist leicht verspurt, aber gut zu fahren, für mich mit meinen noch ausbaufähigen Tiefschneekenntnissen ein Traum. Alles weitere überlasse ich nun den Bildern!
Auf der ersten Traverse vom Muggengrat zur Herzbergroute, der Blick schweift zu Rendl und Silvrettagruppe.
Vis-à-vis: ist das die Rückseite der Valluga? Ich meine ja.
Blick auf das Schigebiet zwischen Rüfikopf und Trittkopf.
Gerrit kurz vor dem Ende der Traverse.
Vorne Valfagehr, dahinter das Schigebiet von St. Christoph, auf der anderen Talseite dann Rendl.
Tolles Schigebiet am Trittkopf mit der von mir so lobbesungenen PB!
Gerrit weiß, wie es geht! Ich hoffe, eines Tages sieht es bei mir auch so aus!
Der Flexenpass kommt in Sichtweite.
An der Passstraße genießen wir für einige Momente die wunderbar warme Sonne, bis schließlich der Bus kommt. Wenig später stehen wir wieder einmal am Parkplatz in Zürs, dann fahren wir ein drittes Mal in das Schigebiet westlich von Zürs hinauf, diesmal aber mit einem anderen Ziel: dem Madlochjoch. Vorerst ist aber zunächst noch eine Mittagspause angesagt, erst anschließend trauen wir uns in die ebenfalls sehr kalte DSB. Die lange Auffahrt erlaubt aber wiederum wundervolle Blicke auf die Felswelt dieses Bereiches des Zürser Schigebietes.
Interessantes Stationsdesign der südlichen KSB von Zürs hinauf ins Schigebiet. Ich will nicht einmal sagen, dass ich besonders schön finde, aber es freut mich keine UNI-G zu sehen und irgendwie hat das Gebäude auch etwas, wie ich finde.
Licht und Schatten an der Flexenspitze.
Sorry, musste sein!
DSB zum Muggengrat, dort hinab führt rückwärtig die eingangs erwähnte tolle Piste zurück nach Zürs.
DSB zum Madlochjoch.
Die Madloch-Route - der Weg ins Schigebiet von Lech.
Vom Madloch aus folgen wir dem sog. weißen Ring mit einem weiteren Klassiker: der Madlochroute in Richtung Lech. Leider ist diese Route schon etwa ab der Hälfte extrem eisig und abgefahren, so dass zumindest im unteren Stück von Spaß keine Rede sein kann. Die Landschaft ist aber wieder einmal wundervoll, viele Varianten der Route bieten sich an: bei besseren Schneeverhältnissen oder mit mehr Zeit für Varianten ist auch dieser Sektor sicher toll zu befahren.
Von Zug aus bringt uns die Sesselbahn zum Kriegerhorn in das Schigebiet von Lech und Oberlech. Ein Schigebiet, das man meines Erachtens getrost völlig vergessen kann und das den guten Eindruck, den ich bis dato vom Arlberg hatte, insofern ein Stück weit wieder relativiert. Nichtssagende Abfahrten in (heute) absolut grauenhaften Zustand, ein KSB Verhau sondergleichen, ohne dass sich ein wirkliche Struktur erkennen ließe. Im großen und ganzen dem Schigebiet von Warth recht ähnlich, langweiliges Gelände mit unspektakulären Pistentrassen, dazu völlig überfüllt - zumindest der möglicherweise auch nicht ganz aussagekräfte kurze Eindruck des heutigen Tages sagt mir, dass ich diesen Teil des Schigebietes nicht wieder besuchen will!
Lech als Ort zeichnet sich dem Klientel nach nach meinem heutigen Eindruck primär durch ein Chic aus, mit dem ich wenig anfangen kann. Es fehlt die Klasse und Tradition der schweizer und italienischen Nobelorte, so meine Impression. Viel neureiches Publikum, das mit dem Roadster aus dem nahen München herübergekommen scheint und das dem Stil nach allenfalls Falko und Thomas Anders Konkurrenz machen kann. Ebenfalls nichts, worin ich einen auch nur irgendwie gearteten Reiz ausmachen könnte.
Das Schigebiet am Rüfikopf hingegen - obwohl ich hiervon leider mangels Zeit auch nur wenig sehe - gefällt mir erneut. Weite weiße, keinesfalls übererschlossene Hänge mit viel Raum und Panorama. Die Abendstimmung tut ein übriges. So bleibt auch dieser Teil des Gebietes mir mit dem Gedanken an ein Wiederkommen mit mehr Zeit in Erinnerung. Über den Hexenboden, der mit einfachen aber ähnlich schön gelegenen Pisten besticht, gelangen wir zurück nach Zürs. Für eine Fahrt zum Trittkopf bleibt leider keine Zeit mehr. Dennoch: ein hochgradig interessanter, abwechslungsreicher und in vielerlei Hinsicht auch sehr schöner Schitag. Das Schigebiet von Zürs ist wirklich klasse und erweckt in mir den - ehrlich gesagt für persönlich unerwarteten Wunsch - mit etwas mehr Zeit wieder zu kommen. Gleiches gilt für den Rüfikopf. Zum Gebiet rund um das Kriegerhorn habe ich wohl alles gesagt, die geplante Verbindung mit Warth ist aus meiner Sicht ebenfalls völlig uninteressant. Reizvoller fände ich eine Verbindung mit dem Gebiet von St. Anton / St. Christoph / Stuben - eine solche ist aber wohl meines Wissens nicht projektiert. Aber auch so ist Zürs in sehr zu empfehlendes Schigebiet, das auf und neben der Piste Abwechslung und Überraschungen bietet, moderne Anlagen und solche, die Raum für Träumereien lassen, verbindet und vor allem durch seine immer wieder beeindruckende und Erstaunen weckenden Landschaften besticht. Bei guten Schneeverhältnissen sicherlich immer eine Reise wert!
Wunderbare Stimmung auf gemütlichen, aber durchaus reizvollen Pisten zwischen Hexenboden und Zürs.
Eine letzte Hommage an den Trittkopf, den ich gerne eines Tages besuchen würde!
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Ausblick:
2. St. Anton
3. Andermatt
4. Cervinia
5. und 6. Zermatt
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