Mission der Mürrner Profis: Perfekte Pisten
Pistenfahrer im Schilthorngebiet sorgen für ungetrübte Schneesportfreude
Damit die Skifahrer auch bei wenig Schnee noch mit Freude ihre Schwünge in den Hang zeichnen können, leisten Pistenfahrer und Beschneiungsteams viel nächtliche Arbeit. Im Gebiet Mürren-Schilthorn sind die Pistenfahrer mit Begeisterung bei der Arbeit und berichten von den Tücken und Freuden ihrer Aufgabe.
Freitagabend, 17.00 Uhr in Mürren: Am Skilift Schiltgrat laufen soeben die letzten Sessel rückwärts in die Talstation, wo sie über Nacht ordentlich aufgereiht lagern. Adrian Stucki, Ruedi von Allmen und Ruedi Linder stapfen den Hang hinunter zum Skilift. Gegen Abend, wenn die letzten Skifahrer ins Dorf zurückkehren, beginnt dort ihr Arbeitstag. Die Pistenfahrer starten den Motor ihrer Maschinen. «Sie müssen zuerst warm laufen, denn alles läuft mit Diesel», klärt Adrian Stucki, der bereits den achten Winter die Mürrner Pisten präpariert, auf. Jeder habe sein festes Fahrzeug, das gehegt und gepflegt werde, wie Stucki schmunzelt. Wer welches Fahrzeug fahre, entscheide die Altershierarchie, also die Anzahl der Dienstjahre. Er selbst fährt als Teamchef das modernste Fahrzeug mit Seilwinde. Wartungsarbeiten und kleinere Reparaturen erledigen die Pistenfahrer selbst, bei grösseren Schäden wird ein externer Maschinist beigezogen. Von Allmen und Stucki grinsen, als ihr dienstjüngster Arbeitskollege mit der Mini-Ausgabe eines Pistenfahrzeuges mehrere Anläufe für den ersten Steilhang braucht. «Da sieht man nun, was die Erfahrung ausmacht», schmunzelt von Allmen, ebenfalls seit sieben Jahren Pistenfahrer. Ist die Maschine einmal warm, holpert sie über harte Schneebrocken los. Gemeinsam gestartet, trennen sich die Pistenfahrer bald einmal; denn jeder hat sein eigenes Gebiet und sein eigenes System, die Pisten anzulegen, weiss Stucki. Bereits auf dem Weg nach oben bessern die Pistenfahrer einzelne Stellen aus. Schnee wird mit dem schräggestellten Pflug abgetragen, in die von Skifahrern ausgerutschten Rinnen gestossen, zurecht gerückt und schliesslich mit der vollen Wucht des Fahrzeugs und mit bis über einer Tonne Druck festgedrückt.
Blinkender Gruss aus Wengen
Weil es kaum Schnee hat und nicht alle Pisten offen sind, stehen derzeit in den unteren Lagen nur drei der insgesamt sieben Pistenfahrer im Einsatz. Die anderen werden kurzfristig ins Beschneiungsteam eingewiesen. Weisse Pisten verlaufen durch das stellenweise ausgeaperte Gelände. Erstaunt beobachtet von Allmen Gämsen, die sich an den schneefreien Südhängen im Blumental tummeln. Als erste Aufgabe wartet der Transport von Schneemaschinen, die in der Nacht zum Einsatz kommen sollen. «Ein kompliziertes Manöver, das den gewissen Kniff und die nötige Erfahrung braucht», meint der Pistenfahrer und atmet auf, als das teure Gerät wieder sicher am Boden steht. «Die Beschneier entschärfen mit viel Aufwand problematische Stellen», rühmt er die Arbeit seiner Kollegen des Beschneiungsteams, mit denen er eng zusammenarbeitet. Sein Gebiet ist seit Jahren der untere Teil des Kanonenrohres und der Allmendhubel, hinter dem sich an diesem Abend in lebhaftem Abendrot getaucht Eiger, Mönch und Jungfrau erstrecken. Bedacht beginnt von Allmen, sorgfältige Bahnen auf dem Allmendhubel zu ziehen. Derweil fährt Adrian Stucki auf dem Schiltgrat auf und ab. In der fernen Dämmerung sind die blinkenden Lichter seines Fahrzeuges zu sehen. Aber auch auf der anderen Talseite scheinen die Wengener Pistenfahrzeuge freudig blinkend zu grüssen. Dann kommt für von Allmen der anspruchsvollere Teil seiner Arbeit. Die Traversen des Kanonenrohres brauchen viel Fingerspitzengefühl. Die Wälme, die wie Schneewächten über die Traversen hängen, müssen abgehobelt und wieder in die von Schneesportlern ausgefräste Mulde in der Mitte der Piste befördert werden. Bereits ist es Nacht und von Allmen hält inne: über Funk werden ein Mädchen und seine Mutter gesucht. «Das passiert zwischendurch. Meist sind die dann schon unten im Dorf, wenn man sie findet», beschwichtigt von Allmen. Und tatsächlich: Eine halbe Stunde später melden sich die zwei Vermissten an der Schilthornbahn.
Brenzlige Situationen mit Nachtsportlern
Mit der halben Raupe über dem Abgrund hängend steuert von Allmen sein Gefährt vorsichtig und meterweise den Pistenrändern entlang. Angst machen ihm diese Manöver keine mehr, der Respekt bleibt. Weit mehr Angst als vor abschüssigem Gelände, Eis und Nebel macht den Pistenfahrern etwas anderes: Menschen, die sich nachts mit Schlitten, Skiern und zu Fuss auf den Pisten tummeln. «Damit ist nicht zu spassen», sagt von Allmen. Es gebe zwischendurch brenzlige Situationen. Adrian Stucki etwa erinnert sich nur ungern an einen Unfall vor zwei Jahren, bei dem er eine Frau rückwärts überfuhr. Sie kam mit Knochenbrüchen davon, er mit einem gewaltigen Schrecken. Besonders gefährlich ist aber die Arbeit mit der Seilwinde, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn die Hänge sehr steil werden. Stucki weiss: «Eine Kollision mit dem gespannten Seil kann tödlich sein. Die bis zu 20 oder 30 Meter weit reichenden Schläge, wenn sich das Seil an einem Hindernis verfängt, auch.» Aber auch sonst sind die nächtlichen Schneesportler den Pistenfahrern ein Dorn im Auge: «Es ärgert ungemein, wenn eine Horde von Schlittlern eine frisch präparierte Piste zerlöchert. Das ist etwa so, wie wenn jemand die Fensterscheiben putzt und ich dann mit fettigen Händen darauf patsche», sagt von Allmen, der wie Stucki in diesem Fall die verwüsteten Streckenabschnitte noch einmal ausbessert.
Mit Leib und Seele Pistenfahrer
Um Nacht für Nacht alleine in den schneebedeckten Weiten und Hängen herum zu tuckern, müsse man schon etwas angefressen sein, lacht von Allmen und erzählt, wie er jeweils schon im Herbst ganz kribbelig werde. Ihn hingegen fasziniere der Gedanke, ganz alleine in der nächtlichen Natur unterwegs zu sein und gleichzeitig mit technischen Mitteln zu arbeiten, sagt Stucki. Ganz alleine sind die Pistenpräparateure denn doch nie. Über Funk stehen sie miteinander in Kontakt. Die Herausforderung sei es zurzeit, auch mit wenig Schnee perfekte Pisten zu präparieren, «denn der Gast will die Rillen immer sehen, sonst ist er nicht zufrieden», erklärt von Allmen. Werde die eigene Piste gerühmt, erfülle ihn das mit Stolz, doppelt Stucki nach. Für die perfekten Pisten sei Teamarbeit wichtig. Jeder müsse sich auf die anderen verlassen können, sagt er. Um den Teamgeist zu stärken, treffen sich die Pistenfahrer der unteren Gebiete auch an diesem Abend zum gemeinsamen Nachtessen, bevor sie alle ihre letzten Runden in der dunklen Nacht drehen, um am nächsten Morgen auch bei wenig Schnee perfekte Bedingungen bieten zu können.
Portrait Pistenfahrer im Schilthorngebiet
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Portrait Pistenfahrer im Schilthorngebiet
Die Jungfrau Zeitung berichtet: