Heli-Skiing: Der weiße Rausch
Ganz schön dekadent: Mit dem Hubschrauber hoch in die tief verschneiten Berge Kanadas und auf extrabreiten Heli-Skiern die Steilhänge wieder runter. Neben möglichen Lawinenabgängen gibt es noch eine "Gefahr" - wer Heli-Skiing einmal probiert hat, will es immer wieder.
Von Michael Hegenauer
Banff - Als ich zu Beginn der Reise beim „Einfahren“ im traditionellen Skigebiet Sunshine Village bei Banff in der kanadischen Provinz Alberta dem Skilehrer Julian von meinem Heli-Skiing-Vorhaben erzählte, stimmte er sofort in eine ausschweifende Schwärmerei ein (Julian ist gebürtiger Spanier...) und zitierte einen Freund, der in diesem Business tätig ist: „Ich bin eigentlich ein Drogendealer, ich mache die Leute abhängig“. Das Märchen von der „Once in a Lifetime Experience“, von der Erfahrung, die man einmal gemacht haben sollte, war damit gnadenlos aufgedeckt. Wer sich den Traum vom endlosen Gleiten auf unberührtem Schnee erfüllt hat, will mehr davon.
Heli-Skiing? Das ist doch ein Grund, hier zu leben!
Am selben Nachmittag, auf der Massagebank des Fairmont Banff Springs Hotels liegend, lausche ich der Physiotherapeutin Angela, die vor vier Jahren - aus Oberstaufen im Allgäu stammend, in Banff hängen gelieben ist, ihrem freimütigen Geständnis: „Das ist ja schließlich der Grund, weshalb ich hier lebe. Wenn man einmal Heli-Skiing gemacht hat, will man das immer wieder.“
Die Bilder, die man im Kopf hat, wenn man an Skilauf per Helikopter denkt, speisen sich aus Hochglanzfotografien mit blauem Himmel und gänzlich unberührten Hängen auf denen meterhoch pulvriger Schnee ruht. Es sind die perfekt gezogenen Schwünge, die in diesen Werbeaufnahmen und verheißungsvollen Videos das Verlangen nähren, eben genau solche organischen Muster ebenfalls – quasi als Signatur – in den Schnee zu zaubern. Von der enormen Vielfalt an Abfahrten, vom schieren Ausmaß der kanadischen Bergwelt und vom Rausch, der einen bereits nach den ersten paar Schwüngen ereilt, hat man nicht die leiseste Ahnung. Doch eines weiß man schon nach einem Tag im Hubschrauber und in den Bergen: Die sonst gern vollmundige Welt der Werbung, die mit Übertreibungen nicht gerade zimperlich umgeht, hat Wort gehalten. Ja, das Produkt übertrifft sogar die Versprechungen über sich selbst.
Wer will macht morgen um halb sieben Stretching in der Gruppe
Um 6.15 Uhr klingelt der Weckruf. 6.30 Uhr ist Stretching angesagt, unten im Kellerraum Kuskanax Lodge im 5000 Seelen-Nest Nakusp, British Columbia. Zu früh? Genau richtig! Ab sieben Uhr gibt es ein stärkendes Frühstück mit heißem Haferschleim, knusprigem Müsli, frischem Obstsalat, hausgebackenem Brot und Croissants sowie kalorienreichen Eierspeisen, Pancakes oder ähnlichem. Einer der „Ski Guides“, allesamt ausgebildete und geprüfte Bergführer, erzählt, wie sich das Wetter heute entwickeln wird, gibt Tipps, wie dick oder dünn man sich wohl kleiden möge und welche Art von Abfahrten zu erwarten seien – ehe offenes, alpines Gelände oder so genanntes „tree skiing“, also das Schwingen zwischen dicht stehenden Nadelbäumen in steilem Terrain.
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Kurz vor acht versammeln sie sich, die Daves und Scotts, Larrys, Roys und Jays. Vornehmlich Männer um die 50, die meisten von ihnen aus den USA. Eine recht dichte, tief hängende Wolkenschicht hat sich über Nakusp und den riesigen Upper Arrow Lake gelegt. Als der wummernde Hubschrauber dann die Wolken durchbricht, sind alle Zweifel im Tal zurück geblieben. Es wird ein sonniger Tag. Perfekt.
Minus 13 Grad Celsius hat es am ersten Landeplatz, den die zweimotorige Bell 212 ansteuert. Kalt genug, um den immerhin schon acht Tage alten Schnee zu rekristallisiseren. Die oberen 30 bis 40 Zentimeter der insgesamt rund drei Meter hohen Schneedecke sind leicht. Und so pulverig, dass jeder Versuch, eine Schneeballschlacht anzuzetteln, zum sofortigen Scheitern verurteilt ist.
Danni, Skiführer aus Interlaken/Schweiz, weiß, wo es lang geht. Wo wir unseren Spaß haben werden, wo es sicher ist. Die ersten paar hundert Meter sind noch recht freies Gelände, nur hier und da en Baum. Weiter unten dann, wir haben die Baumgrenze durchfahren, wird es enger. Und steiler. Sehr viel steiler. Ungewohntes Terrain für den auf hergerichteten Alpenpisten erprobten Europäer – eine Wonne für die Mitstreiter aus Colorado.
Wenn man Glück hat, erlebt man bei einem einwöchigen Skiurlaub irgendwo zwischen Tirol und Trois Vallees eine solche erinnerungswürdige Tiefschneeabfahrt. Und hier, in den Selkirk Mountains von Kootenay (einem Vorgebirge der Rocky Mountains), war das die erste des ersten Tages. Die „Droge“ zeigt Wirkung.
Alles begann in Banff, Alberta
Man kann Hans Gmoser, 1965 noch ein junger österreichischer Einwanderer, im Nachhinein gar nicht genug danken ("Hans" wie er allseits genannt wurde, verstarb im Sommer 2006). Er gründete Canadian Mountain Holidays (kurz: CMH) und legte Mitte der Sechziger den Grundstein für eine begeisterungsfähige Sportart, die ihresgleichen sucht. Mit Bedacht wählte er Banff als Basis seines Unternehmens. Der Ort im gleichnamigen Nationalpark hatte sich längst aufgrund der natürlichen heißen Quellen als Erholungsort international einen Namen gemacht. Diese Reputation wollte Gmoser nutzen und stempelt Banff zur „Wiege Heli-Skiing“, wenngleich Mosers erste Unternehmungen weiter westlich in den „Bugaboos“ losgingen, außerhalb des Nationalparks.
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CMH startete als Pionier und fand viele Nachahmer. Heute gibt es an die 40 Heli-Skiing-Unternehmen in Nordamerika, allein 25 in der kanadischen Provinz British Columbia („BC“). CMH hat nicht nur die größte Erfahrung und die meisten Gäste. Das zu Verfügung stehende Terrain scheint schier unerschöpflich. Mit 15.765 Quadratkilometern deckt es etwa 40 Prozent der Schweiz ab. Und obwohl der Platzhirsch zwölf Lodges in diesem Areal hat (so etwa „Bugaboos“, „Andamants“, „Monashees“ oder „Kootenay“) amüsieren sich zeitgleich maximal 500 bis 600 Skifahrer. Allein das Gebiet „Kootenay“ bei Nakusp umfasst1155 Quadratkilometer mit etwa 230 Abfahrten. Und obwohl die reine Größe noch nichts über das befahrbare Gelände und die Anzahl der möglichen, sicheren Abfahrten aussagt, könnten hier sechs Gruppen mit je zehn Personen drei Wochen lang Skifahren, ohne auch nur einmal eine einzige Abfahrt zweimal zu nehmen.
Das Anstehen am Sessellift ist gaaanz weit weg
Der Aufdruck eine T-Shirts im Skishop der Kuskanax Lodge bringt es auf den Punkt: Das Signet eines Sessellift fahrenden Skiläufers ist durchgestrichen, ein Pfeil weist auf die stilisierten Umrisse eine Hubschraubers. Schlange stehen für den Sessellift, Gondel oder 6er-Kabine? Blaue, grüne, rote, schwarze Pisten? Liftpass? Pistenbully, SB-Restaurant und Après-Ski-Bar? Buchstäblich Schnee von gestern. Hier in BC, im weiten Gelände der Selkirks ist die Rede von „Too Deep“, „Userfriendly“, „Silver Slipper“ „Bunny Hop“, „Orgasm“ oder wie die unerschöpflichen, mehr oder minder fantasievoll benannten Abfahrten sonst noch so heißen.
„Userfriendly“ beispielsweise entspricht perfekt dem Klischee einer „traumhaften Tiefschneeabfahrt“: weites, breites, baumfreies Terrain, das es etliche Male zulassen würde, zehn bildschöne, parallel gesetzte Schwünge im Schnee zu markieren. Und man kann nicht umhin, als sich bei der erstbesten Verschnaufspause umzudrehen und ein „Wow, das haben wir gemacht“ auszustoßen.
Nach kurzem Smalltalk über die zurückliegende Heli-Skiing-Woche – wir fuhren gerade zum Flughafen nach Calgary – fragte ich Matthew, wo er denn sonst so Skifahren würde. Frankreich, Österreich, Schweiz? „Oh“, antwortete der Londoner Geschäftsmann und legte seine Stirn in Falten, „ich glaube, ich war die letzten sieben, acht Jahre nicht mehr in den Alpen. Ich mache jedes Jahr Heli-Skiing in Kanada.“
Artikel erschienen am 17.02.2007
Info
Was Sie zum Thema Heli-Skiing wissen müssen
Eines vorweg: Die meistgestellte Frage, seien wir mal ehrlich, lautet: Kann ich mir Heli-Skiing zutrauen? Der Spezialveranstalter Aeroski antwortet darauf wiefolgt: "Wenn Sie ein guter und sehr versierter Skiläufer sind, der auch in unterschiedlichem Gelände und bei wechselnden Schneeverhältnissen (also nicht nur in leichtem Pulver) kontrolliert fahren kann, dann gehören Sie dazu. Sie sollten aber in den letzten Jahren viel aktiv gefahren sein."
Die ehrliche Einschränkung: "Wer noch nie auf Skiern gestanden ist, für den sind unsere CMH-Heliskiwochen nicht zu empfehlen. Heliski-Neulingen dagegen wird nahe gelegt, eine „Powder-Introduction“-Woche zu buchen."
Komplett-Angebote Der Spezialveranstalter Aeroski Reisen (Tel. 06081/2082),
www.aeroski.com) hat in Deutschland die Generalvertretung des weltweit größten Heli-Skiing-Veranstalters CMH. Eine volle Woche Heliskiing in einem der zwölf CMH Skiegebiete mit garantierten 30.500 Höhenmetern (jede weitere 1000 Meter kosten 86 CAN$) kosten im März etwa 4800 Euro). Im Preis dieser neuntägigen Reise sind die Flüge mit Air Canada, alle Transfers, sämtliche Mahlzeiten und alkoholfreie Getränke, sieben Übernachtungen im Doppelzimmer, die Benutzung spezieller Heli-Ski und natürlich das Heliskiing mit geprüften Bergführern enthalten.
Über denselben Veranstalter kann man auch eine Pre-Heli-Pauschale buchen: Das Package umfasst drei Nächte im Post Hotel Lake Louise mit Frühstück, zwei Liftskipässe für Lake Louise oder Sunshine, alle Transfers, Leihski und -stöcke, Aufenthaltssteuern und kostet ab 860 CAN$ (etwa 575 Euro).
Der Veranstalter Stumböck Club bietet etwa die neuntägige "Heli 6 Classic"-Reise mit Air Canada-Flügen, sieben Übernachtungen, Vollpension und Heliskiing an sechs Tagen (26.000 Höhenmeter sind garantiert) im März ab 4028 Euro pro Person im Doppelzimmer. Tiefschnee-Ski können geliehen werden (38 CAN$ p.P./T.).
Zur individuellen Einstimmung: Das beste Hotel in Banff ist das The Fairmont Springs ( XXX), die Skigebiete Sunshine Village (XXX) und der kleine Hausberg Mount Norquay liegen 15-30 Minuten entfernt; das Skigebiet Lake Louise etwa 30-45 Minuten.
Anreise: Air Canada fliegt täglich von Frankfurt nach Calgary (Tickets ab 700 Euro, Zubringerflüge ab fast allen deutschen Flughäfen mit Lufthansa etwa 60 Euro.
WELT.de/heg
Artikel erschienen am 17.02.2007
Quellen: Die Welt