Man ist risikofreudiger geworden

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TPD
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Man ist risikofreudiger geworden

Beitrag von TPD »

«Man ist risikofreudiger geworden»
Skisportler schützen sich mit einem ganzen Ausrüstungsarsenal vor Unfällen – nicht zur Freude aller

Helm, Rückenpanzer, Knieschoner und ein an allen Ecken und Enden abgesichertes Skigebiet – beim Skifahren kann heute kaum mehr etwas passieren. Der neue Sicherheitsstandard lässt Bahnverantwortliche seufzen. Und bringt Juristen Arbeit.

Tanja Frieden und Bruno Kernen tragen bei ihren Wettkämpfen einen, Ueli Kestenholz hat einen getragen und trägt ihn wahrscheinlich immer noch: einen Skihelm. Der Helm schützt heutzutage aber nicht nur die Köpfe der Skistars, er ist zum salonfähigen Modeaccessoire geworden. Das zeigt die Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU): 42 Prozent aller Ski- und Snowboardfahrenden tragen einen Helm. 2003 waren es noch 16 Prozent. Im Alterssegment der bis 17-Jährigen tragen gar 73 Prozent einen Helm. Und dies, obwohl Skifahren und Snowboarden mit Helm freiwillig ist. Der Helm ist allerdings beileibe nicht das einzige schützende Accessoire, das Ski-und Snowboardfahrer tragen: Rückenpanzer, Handschuhe mit eingebauten Schienen als Handgelenk- und Fingerschutz, Knieschoner – sie gehören schon fast zur Standardausrüstung der Skisportler. Und wer neben den Pisten fährt, trägt ein Lawinenverschüttetensuchgerät mit sich, allenfalls einen Lawinen-Airbag oder trägt gar eine Avalung-Weste. Der Lawinen-Airbag öffnet sich beim Ziehen einer Reissleine und hilft Verunglückten, sich an der Oberfläche einer Lawine zu halten – im Schnee zu «schwimmen». Die Avalung-Weste ist mit einem Filtersystem und einem Mundstück ausgerüstet. Damit können Verschüttete im Schnee sauerstoffreiche Luft ansaugen. Beim Ausatmen wird die sauerstoffarme Luft durch ein Ventil am Rücken abgegeben.

«Wir stossen ans Limit»

Was nach viel Eigenverantwortung in Sachen Sicherheit tönt, entlockt dem Geschäftsführer der Lenker Bergbahnen einen Seufzer: «Die Sicherheit, die wir heute haben, ist so hoch, dass wir ans Limit stossen.» Damit meint Hansueli Schläppi nicht nur die Ausrüstungsgegenstände der Skifahrer, sondern auch die Sicherheitsvorkehrungen, die ein Bergbahnunternehmen im eigenen Skigebiet leisten muss. Beispiele: Die Pisten müssen in der Mitte oder am Rand markiert werden, so genannte «Fallen», die 30 bis 40 Meter neben der Piste liegen, müssen bezeichnet und je nachdem abgesichert sein. Wo Absturzgefahr besteht, gehören solide Absperrungen oder gar Fangnetze hin. Und regelmässig befahrene Hänge neben den markierten Pisten müssen die Verantwortlichen ebenfalls absperren und allenfalls mit einer Fahrverbotstafel versehen, wenn Lawinengefahr besteht. Das sei nur ein Ausschnitt aus den «Hunderten von solchen und ähnlichen Auflagen, die wir als Bahnunternehmen haben», sagt Schläppi. Die Richtlinien der Kommission für Unfallverhütung auf Schneesportabfahrten und die Richtlinien der Seilbahnen Schweiz regeln den Sicherheitsstandard, den Bergbahnunternehmen erbringen müssen, schwarz auf weiss.

Pistenpatrouille mit Kamera

Erfüllt ein Unternehmen diese Auflagen nicht und passiert ein Unfall, kann das Bahnunternehmen zur Verantwortung gezogen werden. Und das passiere heutzutage nicht selten, wie Gregor Benisowitsch, Präsident der Schweizerischen Fachstelle für Alpinrecht, festhält. Der ehemalige Zürcher Untersuchungsrichter schreibt unter anderem Gutachten zu Unfällen im Alpinbereich und sagt: «Man ist prozessfreudiger als früher – die Leute lassen viel eher abklären, ob bei einem Bergunfall eine Drittverantwortung geltend gemacht werden kann.»

Im Skigebiet der Meiringen-Hasliberg-Bahnen tragen deshalb die Pistenpatrouillen neuerdings immer einen Fotoapparat im Rucksack mit sich. «Passiert ein schwerer Unfall, müssen wir beweisen können, dass wir unsere Aufsichtspflicht auch wahrgenommen haben. Entsprechend sollten wir sehr gut dokumentiert sein – mit Fotos, und wenn möglich auch noch mit Zeugenaussagen», sagt Hans Beeri, Direktor der Meiringen-Hasliberg-Bahnen.

Regeln werden übertreten

Der Sicherheitsstandard im Skisport bringt noch etwas anderes mit sich: «Man ist risikofreudiger geworden», sagt der passionierte Alpinist Benisowitsch. «Wohl auch, weil viele glauben, die richtige Ausrüstung beim Skifahren schütze sie ausreichend. Ein Rückenpanzer, ein Helm und ein Lawinenverschüttetensuchgerät nützen aber nichts mehr, wenn einer beim Fahren neben der Piste eine Felswand hinunterfällt.»

In der Fachsprache bedeutet das Tragen eines Helms beim Skifahren auch «Risikokompensation». Oder anders ausgedrückt: Wer einen Helm trägt, fühlt sich beim Skifahren sicherer. Und fährt deshalb also kopfloser die Piste herunter? Dem widerspricht Rolf Moning, Mediensprecher bei der BfU. Diese These bestätige sich seiner Ansicht nach in der Praxis nicht. Aber auch er hat festgestellt, «dass die Leute heute eher bereit sind, gewisse Regeln in den Skigebieten zu übertreten».

Aufklärung statt Verbot

Das hat man bei den Seilbahnen Schweiz schon vor einiger Zeit festgestellt. Doch statt das Fahren neben der Piste zu verbieten, lancierte der Seilbahnverband 2002 eine Aufklärungskampagne über das richtige Verhalten und die Gefahren beim Fahren im unmarkierten Gelände. Freeriden ist mittlerweile zum Lifestyle vieler Skifahrer und vor allem vieler Snowboarder geworden. «Seit wir die Kampagne lanciert haben, ist eine Abnahme der Unfälle abseits der Pisten feststellbar», sagt Felix Maurhofer, Sprecher der Seilbahnen Schweiz. «Ob dies aber wirklich auf die Kampagne zurückzuführen ist oder auf den mangelnden Schnee in den letzten Jahren, das ist offen.» Er glaubt denn auch, dass künftig wieder ein Anstieg von Unfällen zu verzeichnen sein könnte. Und zwar, wenn es in den nächsten Wochen besonders viel Schnee geben würde. «Die Leute haben dann ein Nachholbedürfnis und Risiken werden eher ausgeblendet», so Maurhofer.
Mireille Guggenbühler
Quelle: Der Bund 19.02.07
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trincerone
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Beitrag von trincerone »

Ein hochinteressanter Artikel, der viel diskussionswürdiges und in meinen Augen wahres enthält! Ich glaube auch, dass ein mehr an Absicherung tendenziell eine höhere Risikobereitschaft nach sich zieht. Der Effekt war bereits in den 80er Jahren mit der Einführung des ABS beim Auto zu beobachten, als die die Unfallrate bei schlechten Straßenverhältnissen erstmal sogar anstieg anstatt abzunehmen (das ging aber natürlich zurück später und das ABS hat sich jawohl auch mehr als bewährt).

Gerade im Freizeit bereich in einem Sport, wo ein bisschen "Action" (ich formulier es mal bewusst so neudeutsch) dazugehört, dürfte das nach meiner Ansicht noch ausgeprägter sein. Einmal, weil eben mehr Sicherheitsequipment den einzelnen möglicherweise selbstsicherer macht, zum anderen, weil ich der Ansicht bin, dass in einem Bereich, wo es auch um Erlebnisse geht, eine zu große Absicherung durch Dritte möglicherweise auch das Erlebnisbedürfnis steigert. Dies trifft zwar nicht auf Equipment oder Fangzäune zu, wohl aber auf Pistenentschärfungen. Wenn die Piste in ihrer Anlage nur noch wenige oder gar überhaupt keine Herausforderung mehr darstellt, dann ist der logische Weg, schneller zu fahren, weil es erstens möglich und zweitens spannender ist.

Auch zeigt der Artikel, was für Auswüchse diese ganze Prozessiererei und Haftungsanspruchsflut mit sich gebracht hat! Nach meiner (moralischen, nicht juristischen) Ansicht ist ein Pistenbetreiber einzig dazu verpflichtet, den Schifahrer vor unvorhersehbaren Gefahren zu schützen bzw. solchen, auf die der Schifahrer keinen Einfluss nehmen kann. Will heißen: ein Schifahrer muss darauf verlassen können, dass eine geöffnete Schipiste lawinensicher und frei von aperen Stellen / Steinen ist. Ist letzteres nicht der Fall, müssen entsprechende Gefahrenstelle markiert werden.

Alles andere fällt meines Erachtens in den Eigenverantwortungsbereich. Wenn die Piste ein Kurve macht, dann macht sie halt eine Kurve. Und da muss man dann eben um die Kurve fahren. Wenn man trotzdem geradeaus fährt, dann ist der Liftbetreiber schuld? 8O

Ich weiß, einige sehen das hier anders, aber das ist ja auch nur meine persönliche Meinung. Für mich ist auch nicht die Gemeinde schuld, wenn ein Motorradfahrer gegen einen Baum auf der Landstraße fährt. Ich wünsche niemanden ein solchen Unfall, aber wenn er passiert, sehe ich die Verantwortung beim Verursacher und nicht bei einem dritten, den man zu Kasse bitten darf.
-tom-
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Beitrag von -tom- »

Du schreibst wahre Dinge Trincerone. Es gibt keinen Vollkasko Skisport. Man sollte als Skifahrer erkennen können, wo der gesicherte Skiraum aufhört. Alles dahinter liegt meines Erachtens außerhalb der Zuständigkeit des Betreibers. Mich nervt auch, dass findige Juristen nach amerikanischem Vorbild jegliche Eigenverantwortung des Individuums auf den Betreiber einer Anlage abwälzen wollen.
Jeder soll Sicherheitsausrüstung mitbringen und benutzen wie er möchte, es darf aber im Nachhinein niemand zur Last gelegt werden, wenn er dies nicht getan hat. Allerdings sehe ich auch hier schon Tendenzen in der Rechtsprechung. (Einem 12 jährigen wurde in erster Instanz die Mitschuld an einem Unfall zugesprochen, weil er ohne Helm Fahrrad fuhr. Das Urteil wurde allerdings von der nächsten Instanz kassiert)

Gruß, Tom
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TPD
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Beitrag von TPD »

Auch ich bin mit dem Kommentar von trincerone vollkommen einverstanden. Aber es gibt etwas das man gerne übersieht:
Bekanntlich sind die Versicherungen sehr knausrig wenn es um das Auszahlen geht. Das heisst meine Unfallversicherung zahlt nicht, solange nicht erwiesen ist dass der Unfall selbstverschuldet war. Sondern die Anwälte meiner Versicherung werden irgend einen blöden Grund suchen um die Schuld den Bergbahnbetreiber in die Schuhe zu schieben. Denn dann muss die Haftplichtversicherung des Bahnbetreibers die Unfallkosten übernehmen und meine Versicherung hat schön Prämien kassiert ohne etwas auszuzahlen.
Da natürlich die Haftpflichtversicherung der Bahnbetreiber behauptet der Unfall sei selbstverschuldet kommt der Fall meistens vor Gericht, da sich die beiden Versicherungen im Normalfall nicht einigen können.
Und da die Gerichte oft sehr komische Urteile fällen haben wir dann eben an jeder übersichtlichen Stelle Fangnetze und viele Verbotsschilder... :evil:
Andererseits wer möchte schon eine Woche Spital selber bezahlen ?
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