Sterben die kleinen Lifte aus?
Trotz etlichen Zentimetern Neuschnee Anfang Woche: Die kleinen Skigebiete im Oberland leiden unter dem schneearmen Winter. Sie haben weniger Möglichkeiten als die grossen – aber sie ziehen aus der Kleinheit auch Vorteile.
Der Schneefall anfangs Woche liess aufhorchen und aufschauen. Da wurden sogar einige der Voralpen-Skigebiete in ein schönes weisses Gewand gehüllt. Nur eben: Es war an den meisten Orten trotzdem zu wenig, um den Skibetrieb jetzt aufnehmen oder gar die Saison damit retten zu können. Gerade in tiefer gelegenen Gebieten ist der Boden zu warm. Oder es fehlt an einer festen Grundlage, auf der sich der Neuschnee hätte setzen können (siehe auch Kasten). So gerne man die verzuckerte Landschaft diesen Winter mehr so gesehen hätte: Sie wird an der mageren Bilanz der kleinen Skilifte und Bahnen nicht viel ändern.
Es gibt auch einen Vorteil
Und: Wenn es künftig immer häufiger solche warmen Winter geben sollte, dann sieht es schlecht aus für die kleinen Voralpenlifte im Oberland. Das zeigt eine Umfrage unter kleineren Skigebieten im Oberland, denen die Saison Sorgen bereitet. Allerdings: Saisons mit wenig Schnee gab es schon immer, und deshalb kommt damit niemand an den Rand der Existenz, auch wenn es bisweilen ziemlich kritisch wird.
Die kleinen Bahnen haben den Vorteil, dass sie keine Festangestellten benötigen, sondern den Personalbedarf oft mit Landwirten, die einen Nebenverdienst suchen, decken können. Deshalb sind auch die Betriebskosten gering, wenn die Skilifte nicht laufen. Hier haben die kleinen Betriebe einen Vorteil gegenüber den grossen Gebieten. Allerdings bleiben so die Gäste auch für andere Geschäftszweige aus. Mehr Kunstschnee ist nirgends ein Thema.
Lauenen: Grosse Sorgen
In Lauenen im Saanenland lief der Lift von Weihnachten bis Anfang Januar und von Mitte Januar bis Mitte Februar. «Damit liegen wir sehr knapp über einem Viertel des durchschnittlichen Jahresumsatzes und sind gerade nicht mehr berechtigt, um Kurzarbeitsentschädigung einzufordern», sagt Elisabeth Brand, Verwaltungsratspräsidentin der Skilift Rohrbrücke-Brüchli AG. Sie sei deshalb zur Zeit auf der Suche nach zusätzlichen Mitteln. «Ja, ich mache mir grosse Sorgen», sagt sie. Allerdings gebe es den Lift seit 40 Jahren und wegen einem schlechten Winter lasse man den Kopf nicht hängen. «Wir haben ganz ’flotte’ Angestellte. Einige haben Arbeit auf dem Bau gefunden», sagt sie.
Wie in der ganzen Region fahren in Lauenen Kinder bis zum zehnten Geburtstag gratis – ein Umstand, der bei einem Einsteigerlift besonders ins Gewicht fällt. Brand macht sich zwar Gedanken zur Zukunft. Kunstschnee oder die Aufgabe der Unabhängigkeit seien aber kein Thema.
Jaunpass: 90% weniger
Deutlich schildert Peter Thöni, Verwaltungsrat der Sportbahnen Jaunpass AG, die Lage: «Bei uns sind momentan zwei von drei Liften in Betrieb. Wir hatten nur zweimal für sechs Tage geöffnet. Wir haben Einbussen von 90 Prozent.» Da in den letzten Jahren keine grossen Reserven gebildet werden konnten, stelle sich ein Liquiditätsproblem. Der Verwaltungsrat bemüht sich deshalb um Bürgschaften für einen Kredit, damit die kritische Phase überbrückt werden kann. Peter Thöni ist optimistisch, dass der nächste Winter besser sein werde.
Diese Saison sei kaum mehr zu retten: «Wenn wir im März noch Schnee bekämen, hätte sowieso niemand mehr Ferien.» Für zehn Jahre will er keine Prognose machen, aber er ist überzeugt, dass die Lifte noch einige Jahre überleben werden. Das wäre wichtig: Die wetterbedingten schlechten Frequenzen bekommen sämtliche touristischen Einrichtungen wie Camping, Skischule, Hotel und Restaurants zu spüren.
Wiriehorn: Ungünstig
Die Wiriehorn Bahnen AG haben Kurzarbeit beantragt: Laut Geschäftsführer Roger Friedli erreichte bisher der Umsatz nur 20 bis 25 Prozent eines Durchschnittswinters. «Normalerweise könnten wir das gut verkraften», sagt er. «Im Zusammenhang mit den geplanten Investitionen in einen Sesselbahn-Neubau ist der Zeitpunkt aber denkbar ungünstig.» Deshalb ist Friedli auf der Suche nach Gegenmassnahmen. Die Saison ist für ihn gelaufen: «Die Gäste haben den Winter abgeschrieben.» Von einer längerfristigen Zukunft seines Skigebiets ist er aber überzeugt – dank Beschneiung.
Aeschiried: Ach und Krach
In Aeschiried war diese Saison einzig der Kinderlift während fünf Tagen in Betrieb – «und auch das nur mit Ach und Krach», wie Rudolf Zenger, Betriebsleiter der Skilift Aeschiallmend AG, sagt. «Im Herbst haben wir noch investiert und jetzt ist ausser Spesen nichts gewesen.» Längerfristige Prognosen macht Zenger nicht, man lebe von der Hand in den Mund. Sein grosser Pluspunkt: «Das Dorf steht wahnsinnig hinter den Liften. Dank dem Gewinn aus der Skibar, der uns vollumfänglich zugute kommt, können wir die Fixkosten tragen. Das sichert uns den Betrieb. Und wir haben keine Festangestellten.»
Beatenberg: Vier Tage
Der Skilift Hohwald in Beatenberg konnte in dieser Saison bisher erst an vier Tagen betrieben werden. VR-Präsident Andreas Grossniklaus mag sich auf keine Prognosen für das mittelfristige Bestehen des Liftes festlegen: «Dazu sage ich gar nichts. Der ’Berner Oberländer’ berichtet ohnehin immer nur dann, wenn es schlechte Neuigkeiten gibt», erteilte er der Anfrage eine Absage.
Gadmen: Grenze erreicht?
Der Skilift in Gadmen gehört dem Skiclub und wird jeweils nachmittags ehrenamtlich betrieben. «Normalerweise geht es gerade so auf, dass wir mit den Einnahmen die Fixkosten decken können», sagt Kassierin Maja Huber. Diese Saison war der Lift aber erst rund vier Wochen in Betrieb. «Wenn es so weitergeht, stossen wir an unsere Grenzen. Wir machen uns schon Gedanken», gesteht Huber. Sie erinnert daran, dass man in den 90er-Jahren schon einmal gar nicht habe fahren können. Doch das Wetter sei nicht beeinflussbar, Beschneiung zu teuer. Mit der Klimaerwärmung werde es für Skigebiete ab 1200 Metern kritisch. «Eigentlich sind wir ausgeliefert – wir fahren halt, solange es noch geht.»
Schwanden: Zuversicht
Jürg Wegmüller, VR-Präsident der Skilift AG in Schwanden, ob Sigriswil, sagt: «Die Saison war bisher gar keine. Wir konnten den kleinen Lift nur an zwei Tagen betreiben.» Die Erfahrung habe gezeigt, dass auf zwei gute Saisons im Durchschnitt eine schlechte komme. «Die letzten beiden waren gut, deshalb liegt das drin. Auch wenn der nächste Winter noch schlecht sein sollte, bringt uns das nicht in Verlegenheit.» Er ist zuversichtlich, weil die Angestellten der AG Luft verschafften: «Wir können sie einfach abrufen, dann haben sie einen Nebenverdienst oder wir setzen sie eben nicht ein.» In Schwanden steht eine Anlage für punktuelle Beschneiung zur Verfügung, aber das bringt in diesem Winter auch nichts. Deshalb verspricht Wegmüller: «Wer bei uns eine Saisonkarte gekauft hat, darf diese auch nächste Saison noch benützen.»
«Schwarze Saison»
Ulrich Berger ist VR-Präsident der Skilift AG Heimenschwand und spricht von einer «schwarzen Saison» – er konnte gar nie fahren. «Ich mache mir schon Sorgen, ob wir in Zukunft noch über die Runden kommen.» Die AG sei schuldenfrei und der Lift in einem guten Zustand. «Aber wenn wieder grösserer Investitionsbedarf bestehen sollte, müssen wir uns schon fragen, ob sich das noch lohnt.» Die Frage von Schneekanonen sei intensiv diskutiert worden, aber das wäre schlicht zu teuer. Die Situation sei tragisch für alle Voralpenlifte und deren Angestellte, denen der Zusatzverdienst fehlt. «Zwei schlechte Saisons können wir wegstecken – aber wenn die Klimasituation so weitergeht, kommen wir an den Rand der Existenz.
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Jay
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