Die Langsamkeit wird zum Renner
Rainer Orben setzt bei der Seilbahn in Rüdesheim auf Nostalgie / Autakt der Saison
Von
Manfred Knispel
RÜDESHEIM Geruhsam über die Weinberge hinweg bis zum Niederwalddenkmal schweben - das ist seit Samstag wieder möglich. Zum Saisonstart erklärt Seilbahn-Profi Rainer Orben, weshalb er auf moderne Technik und gleichzeitig auf Nostalgie setzt.
Als begeisterter Skifahrer weiß er durchaus, wie effektiv Seilbahnen sein können, wenn es darauf ankommt, möglichst viele Menschen schnell nach oben zu bringen. Und hier in Rüdesheim? Gerade mal zwei Personen pro Kabine und alles im Schneckentempo. Das klingt vorsintflutlich. "Aber es ist genau das, was wir wollen", sagt Orben. Er ist seit 2002 Geschäftsführer. In diese Zeit fiel auch die komplette Sanierung der Bahn. Alle namhaften Seilbahn-Bauer aus der Alpenregion rieten damals zu großen geschlossenen Gondeln für mindestens sechs Personen. Doch wer heute die neue Seilbahn sieht, der bemerkt kaum einen Unterschied zum Vorgänger. "Dass es bei uns ruhig und langsam zugehen sollte", das hätten die Hersteller zunächst überhaupt nicht verstanden, erinnert sich Orben. "Eigentlich widerspricht unsere neue Bahn dem Stand der Technik und allen ökonomischen Überlegungen."
Die Fahrgäste "wollen aber nicht einfach nur nach oben", sondern eine zehnminütige gemütliche Fahrt mit Aussicht genießen. "Wir verkaufen Nostalgie und Entschleunigung." Einen "vollautomatischen Check-In" werde es jedenfalls nie geben: "Bei uns wird die Fahrkarte noch per Hand abgerissen und dann `Gute Fahrt` gewünscht."
"An der Bahn hängt schon mein Herzblut", sagt Orben. Er ist in Rüdesheim aufgewachsen - allerdings im gleichnamigen Ort an der Nahe. Heute wohnt der Betriebswirt wieder in Rüdesheim, allerdings dem am Rhein. Die Gelassenheit der Fahrt über die Weinberge ist auch einer der Gründe, weshalb Orben den Saisonstart kaum erwarten kann. Dann nämlich muss er sich auch selbst nicht mehr ins Auto setzen, wenn er auf der Bergstation etwas zu erledigen hat.
Die alte Seilbahn war nach 50 Jahren schlicht in die Jahre gekommen. Der Wartungsaufwand sei zuletzt riesig gewesen. Die Seilbahn hatte 1954 die 1884 in Betrieb genommene Zahnradbahn ersetzt, die 1939 zerstört und nicht wieder aufgebaut worden war, und seither stets unfallfrei knapp 30 Millionen Fahrgäste transportiert. An den Daten hat sich heute nur wenig geändert: 1,4 Kilometer ist die Strecke lang, 210 Höhenmeter werden zurück gelegt. Statt 18 gibt es nur noch zwölf Masten, die Bahn gleitet ein paar Meter höher über die Weinberge - nun gibt es keine Kollisionsgefahr mehr mit den modernen großen Maschinen der Winzer.
Rund 350000 Personen fahren jedes Jahr mit der Rüdesheimer Seilbahn, 720 können pro Stunde befördert werden, mit der alten Bahn waren es rund 500. Die Edelstahl-Kabinen sind lediglich ein wenig größer geworden, das bannte die Gefahr, sich beim Einsteigen den Kopf zu stoßen. Auch die Anzahl ist nahezu identisch. 85 Stück gibt es.
Wer sich indes wundert, trotzdem die Nummern 99 und 100 zu entdecken - "das haben wir aus Nostalgiegründen so gelassen", erklärt Orben. Vor allem die Nummer 100 werde immer wieder von Hochzeitspaaren gebucht. Nur vier der alten Gondeln hat er als Erinnerungstücke behalten, die anderen wurden verkauft. Sie stehen jetzt in etlichen Gärten im Rheingau. Die richtigen Unterschiede zwischen alter und neuer Bahn sind erst auf den zweiten Blick zu erkennen.
Besitzer der Bahn sind neben zwölf privaten Anteilseignern auch der Kreis und die Stadt. Immerhin fünf Millionen Euro hatte der Umbau gekostet. Vorgabe sei gewesen, dass die Bahn wiederum mindestens 50 Jahre halte.
Immerhin: Die Bahn macht Gewinn. Die Zahl der Fahrgäste sei stabil, erklärt Orben, die jährlichen Schwankungen lägen je nach Wetter bei höchstens fünf Prozent.
Rüdesheim: Die Langsamkeit wird zum Renner
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Jay
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Rüdesheim
i muß dem Betriebsleiter Recht geben, so ne Sommerbahn muß net auf volle Touren laufen. Es iss viel schöner, wenn ma langsam über die Weinberge schwebt... und das ganze geniessen kann. Bin zwar selber noch net mitgefahrn, aber dafür mal mit der ebenso etwas langsamen Eckbauerbahn in Garmisch. Und grad die Talfahrten, die man ja normalerweise als Schifahrer nicht macht -- sind sehr reizvoll. Und das diese Bahn mit Gewinn arbeitet kann ich mir durchaus vorstellen, wer einmal in Rüdesheim war-- und die ganzen Touristenbusse gesehn hat... da gehts zu wie aufm Oktoberfest. Iss aber ein schönes Fleckerl--- sogar einer der wenigen Orte mit einer Liftschaukel-- oben geht ne DSB nach Assmanshausen runter...ebenso sehr langsam. Aber man muß ein Stückerl gehn, die Bergstationen liegen a weng auseinander.
Fabi,alpiner Schifreak
TSC 2012-13, Stand 20.01.2013 - 17 Sektionen Bike, 20 Schitage in Tirol ; Zillertal, Stubaital, Ötztal, Kitzbühel,Schiwelt , Schijuwel Alpbach ;
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