Einen sehr interessanten bericht über frühere Pläne für das Berchtesgardner Land
Edit: Berchtesgardner Anzeige ist die QuelleDer Traum vom Skiparadies Berchtesgaden
Berchtesgaden: Ein klassisches Skirevier ist das Berchtesgadener Land beileibe nicht. Zu wenige Abfahrten und nur geringe Auswahl sorgen dafür, dass wedelnde Kilometerfresser woanders hinfahren, etwa nach Frankreich, Italien, in die Schweiz oder nach Österreich. Dort gehen und gingen die Behörden mit Baugenehmigungen wesentlich lockerer um. Wäre es nach Plänen vieler Lokalpolitiker und Tourismusmanager gegangen, würde Berchtesgaden in einer Reihe mit Davos, Chamonix und St. Anton stehen. Am bekanntesten in der Öffentlichkeit ist immer noch das Projekt einer Watzmannbahn. Nicht alle wissen, dass auch einmal ein Skigebiet unterhalb des Schneibsteines zwischen Königsbachalm und Hohen Roßfeldern in der Diskussion war. Der Vorschlag kam von keinem Geringeren als dem bekannten Bergsteiger Josef Aschauer, der das Skigebiet südlich vom Jenner als Alternative zur Erschließung des Watzmannes beziehungsweise des Watzmannkares ins Gespräch brachte. Landrat Dr. Rudolf Müller hoffte sogar auf Watzmannbahn, Watzmannkar und Schneibstein.
Skitourengeher, die sich auf die »kleine Reibn« begeben, wenn es längere Zeit nicht geschneit hat, finden oft Pistenverhältnisse vor. Wäre es nach den Plänen Josef Aschauers gegangen, wären die pistenartige Verhältnisse rund um den Schneibstein ein »Dauerzustand« im Winter geworden. Ein Blick in die Februar- und Märzausgaben des »Berchtesgadener Anzeigers« aus dem Jahr 1969 bringt die Pläne noch einmal ans Tageslicht. Das »Exposé« hatte der bekannte Berchtesgadener Bergsteiger damals zuerst im »Anzeiger« veröffentlicht. Die Pläne stehen in einem direkten Zusammenhang mit dem geplanten Bau einer Seilbahn auf das Wahrzeichen des Berchtesgadener Landes. Nachdem die Watzmannbahn GmbH am 17. Februar 1968 gegründet worden war, formierte sich recht schnell der Widerstand gegen das Projekt. Naturschützer geißelten die Zerstörung der Berglandschaft. Landrat Dr. Rudolf Müller, Kurdirektor Günter Stopperich und viele Tourismusunternehmer unterstützten das Projekt.
Josef Aschauer konzipierte seinen Plan als Alternative zur Watzmannbahn. Allerdings konnten die Vorschläge nur teilweise als wirkliche Alternative durchgehen. Die Watzmannbahn, so hofften die Planer, sollte überwiegend Sommergäste anziehen. Nur 20 Prozent sollten im Winter »gemacht« werden, wobei die Planer allerdings offen ließen, was die Urlauber bei pfeifenden Winterwinden auf den Watzmann locken sollte. Auch eine Skiabfahrt vom Hocheck konnte kaum die Kassen an der geplanten Talstation Wimbachbrücke zum klingeln bringen.Bekanntlich kann die knapp 2 000 Höhenmeter umfassende Abfahrt nur bei einer festen Frühjahrsschneedecke durchgeführt werden, da die »Schulter« am Watzmann in der Regel abgeblasen ist. Der Beschluss des Gemeinderates Ramsau allerdings lautete: »Der Watzmann ist ein idealer und vor allem schneesicherer Skiberg. Es lassen sich Abfahrt für alle Leistungsklassen von Skiläufern anlegen.«
Ein Sessellift zur Watzmann-Jungfrau
Eine weitere »Alternative« zur Watzmannbahn hatte Hellmut Schöner, Verfasser des AV-Führers »Berchtesgadener Alpen«, am 24. Februar 1968 im »Anzeiger« vorgelegt. Er schlug vor, statt des Watzmanngipfels das wesentlich skifahrerfreundliche Watzmannkar zu erschließen. Der Plan von Schöner sah vor, die Straße zur Schapbachalm auszubauen und dort eine Talstation zu errichten. Ein Sessellift sollte von dort bis zum Fuß der Jungfrau führen. Zwei Schlepplifte sollten dann das dritte Kind und die Skischarte erschließen. Die Begründung lieferte der Freund der Berchtesgadener Alpen gleich mit: »Mit dem Massenskilauf muss man sich wohl oder übel genauso auseinandersetzen, wie mit der Massenmotorisierung, Mit einer grundsätzlich ablehnenden Naturschutzeinstellung ist dem Problem nicht beizukommen. (...) Daß ein paar Lift- und Seilbahnstützen wenig auffallen, kann niemand bestreiten. Das Watzmannkar kann als schneesichere Wintersportbasis von Berchtesgaden genauso beansprucht werden wie das Zugspitzplatt von Garmisch oder das Dammkar von Mittenwald.«
Die Argumente für den Ausbau der Liftkapazitäten 1968/1969 unterscheiden sich nicht wesentlich von denen, die heute für andere Projekte ins Feld geführt werden. So schrieb Landrat Dr. Rudolf Müller in einer Stellungnahme für den »Anzeiger«: »Wer meint, es gäbe keine wirtschaftliche Notwendigkeit für den Bau der Watzmannbahn, weil Berchtesgaden im Sommer ohnehin voll ausgelastet ist, verkennt vollständig den Ernst der Konkurrenzsituation. Der Tourismus gilt allgemein als Wachstumsbranche Nummer 1, dennoch befindet sich der oberbayerische Fremdenverkehr seit 1961/62 in einer Phase der Stagnation. Etwa die Hälfte der Bundesbürger verbringt ihren Urlaub im Ausland (...) Wir werden uns in diesem verschärften Wettbewerb nur behaupten können, wenn wir unsere Leistungen für den Gast durch neue Einrichtungen, wozu auch Bergbahnen gehören, weiter verbessern.«
Auch mit Horrorszenarien sparte Landrat Rudolf Müller nicht: »Die wahre Alternative zur Watzmannbahn hieße also: Industrieansiedlung im Berchtesgadener Land.« Obwohl Rudolf Müller meinte, die Watzmannbahn diene vor allem dem Sommertourismus, stellte er diese, wenig stringent argumentierend auch als Kriterium dar, die Olympischen Winterspiele 1980 nach Berchtesgaden zu »holen«. Wenn er wirklich die Herrenabfahrt vom Watzmann plante, war er offenbar kein Kenner der alpinen Abfahrtstrecken. So weist die gesamte Strecke vom Hocheck bis zur Wimbachbrücke schlappe sechs Kilometer auf und ist vor allem im unteren Bereich extrem steil. Die Rennläufer hätten sich bestimmt gefreut, schließlich liegen beim längsten Weltcuprennen der Saison, bei der berühmten Lauberhornabfahrt in Wengen, nicht wenige Rennläufer japsend im Zielraum, und das nach »nur« 4450 Metern Abfahrtstrecke.
Zurück zum Skigebiet unterhalb des Schneibsteins. Was alles verbaut werden sollte, kann der Leser im Einzelnen aus Aschauers Exposé entnehmen. Einleitend brachte Aschauer einige Argumente für die Ankurbelung des Wintertourismus. »Skilauf ist gesund, modern und schick, ein Familien- und Gesellschaftssport mit modischem Einschlag; man muß es als junger Mensch einfach können, um up to date zu sein. Dies sind die Gegebenheiten, die dem Skilauf den riesigen Auftrieb verschaffen. (...) Zum Skilaufen braucht man aber Raum. Zwei bis fünf Minuten Abfahrt, und fünfmal so lange Schlangestehen am Lift, das ist nicht Skilauf wie ihn viele wünschen.«
An der Königsbachalm sollte die Talstation der Schneibsteinbahn entstehen. Den Zwischenstopp für die Bahn plante Aschauer auf der Königstalalm. Auf dem Gipfel des Schneibsteins wollte Aschauer schließlich die Bergstation platzieren. Eine Anmerkung von Aschauer verrät, warum er die Erschließung des »Schneibers« für ideal hielt: »Der Blick ist hier nach allen Richtungen von überwältigender Schönheit, eine Aussicht mit drei Sternen.« Die Talstation der Schneibsteinbahn sollte entweder über Busse vom Parkplatz Hinterbrand erschlossen werden oder über eine Abfahrt auf der Strecke Jenner - Königsbergalm.
»Landschaft nirgends gestört«
Zudem fasste Aschauer mehrere Schlepplifte auf dem Gebiet bis zu den Hohen Roßfeldern ins Auge. So wollte er etwa den großen freien Hang Richtung Priesberg erschließen, von dort sollte ein weiterer Lift die Skifahrer Richtung Hohe Roßfelder befördern. Der Büchsenkopf sollte zum »Idiotenhügel« umfunktioniert werden. Mit diesem Ausbau hoffte Aschauer den »großen Skizirkus« im Berchtesgadener Land etablieren zu können. Dafür sprächen vor allem die Höhenlage von 1 200 bis 2 300 Metern und deshalb sichere Schneelage des Skigebietes.
Interessant sind die Argumente, die Aschauer den ökologischen Bedenken entgegenstellt. »Vom Standpunkt des Naturschutzes aus kann das Gebiet nicht grundsätzlich abgelehnt werden, da die technischen Anlagen in den eingeschnittenen Mulden von Königsbach, Königstal und Königsberg geführt werden. Von Berchtesgaden aus wären die Anlagen nicht sichtbar, die Landschaft nirgends gestört.« Nicht ganz klar ist, ob Aschauer auch die »große Reibn verlifteln« wollte, denn eine Aufstiegshilfe am Gegenanstieg zu den Hohen Roßfeldern war nicht Inhalt seiner Projektskizze.
Das Exposé verfehlte seine Wirkung nicht. So jubelte der Münchener Merkur »Schneibstein - die wirklich große Lösung«. Der Redakteur Ulrich Link lobte den Vorschlag in den höchsten Tönen: »Josef Aschauer hat mit seinem Plan die wirklich große Lösung für Berchtesgaden. Millionen Skifahrer könnten von einer Verwirklichung des Projektes profitieren, das gleichzeitig den Bau der mit Recht umstrittenen Watzmannbahn und der Anschlußlifte überflüssig machen würde. (...) Das Gebiet Jenner - Schneibstein - Hohe Roßfelder ist dem Watzmannkar an Weiträumigkeit und und Vielfalt des Geländes sowie an verschiedenen Variationsmöglichkeiten der Abfahrten weit überlegen.«
In der Kreistagssitzung im April 1969 wurde dann deutlich, dass es für die meisten Politiker kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch gab. Das hieß konkret: Auf dem Wunschzettel stand sowohl die Watzmannbahn mit Erschließung des Kares, als auch die Skipisten am Schneibstein. Und als wäre das noch nicht genug, hofften einige auf den Ausbau der Eckerleiten als Ergänzung zum Roßfeld und hatten auch schon eine Skischaukel vom Götschen zum Hochschwarzeck im Kopf.
Gebaut wurde schließlich nur in Frankreich, Italien, Schweiz und Österreich. Dem Berchtesgadener Land blieb eine massive Verdrahtung erspart. Vor allem in Frankreich boten sich ganz andere Möglichkeiten. Dort wurden ganze Skigebiete nach dem Überfliegen mit dem Hubschrauber wie vom Reißbrett aus dem Boden gestampft. Ob eine solch rabiate Vorgehensweise der dortigen Bevölkerung wirklich den »Goldrausch« beschert hat, darüber lässt sich streiten. Wer allerdings einmal in massiv ausgebauten Liftgebieten, etwa in Teilen der Dolomiten oder in den Savoyer Alpen war, kann beobachten, dass die dortigen Lifte die Sommertouristen nicht unbedingt in Scharen locken. Stattdessen werden dort Geländewagenrennen auf den Geröllpisten veranstaltet. Für die hiesige Region kann gesagt werden, dass auch die Prognose von Landrat Müller, dass falls ein Nationalpark statt der Seilbahnen komme, die Menschen »betteln müssen« nicht eingetreten ist. Hax