Oberwalliser Zeitung 19.04.07
Trotz Klimawandel und Hiobsbotschaften aus der Bergbahn-Branche: Hans Hallenbarter, Präsident der Bergbahnen Obergoms AG, kämpft unermüdlich für die Erschliessung des Skigebietes Sidelhorn oberalb Oberwald.
Im RZ-Interview spricht der frühere Gemeindepräsident von Obergesteln über die Vorteile des Sidelhorn-Projekts, die Finanzierung, den Tourismus und sagt: „Im Goms wird zu kleinkariert gedacht.“
Die Lifte am Erner Galen werden wohl für immer still stehen. Das Skigebiet Hungerberg ist ernsthaft bedroht. Ihre Sidelhorn-Euphorie muss diesen Winter doch einen kräftigen Dämpfer erhalten haben?
Das Gegenteil ist der Fall.
Wieso?
Es werden in nächster Zeit noch verschiedene Skigebiete eingehen. Vor 30 Jahren waren diese Anlagen vielleicht richtig. Aber die Voraussetzungen sind heute anders: Die Klimaveränderung, veraltete Anlagen und steigende Ansprüche der Gäste verlangen teilweise nach anderen, neuen Skigebietserschliessungen.
Auch im Oberwallis?
Der Strukturwandel wird sich auch im Oberwallis fortsetzen. Bisher sind nur die Schwächsten betroffen, aber es könnten in den nächsten Jahren noch weitere Skiliftunternehmungen den Betrieb einstellen.
Und trotzdem halten Sie am Sidelhorn-Projekt fest. Das braucht schon Courage?
Das mag so sein. Aber das Sidelhorn hat beste Voraussetzungen.
Wie sehen diese Standortvorteile denn aus?
Das Obergoms hat die NEAT schon seit 25 Jahren, nur nutzen wir sie zu wenig. Damit meine ich den Furkatunnel. Von Zürich oder Basel ist der Bahnreisende in zwei Stunden beim Bahnhof Oberwald und somit in der künftigen Talstation der Gondelbahn ins Sidelhorn-Gebiet. Die Skigebiete Oberalp und Sedrun leben vor allem von den Touristen aus der Zentralschweiz. Diese müssen in Andermatt auf die MGB umsteigen. Die MGB-Strecke Andermatt-Oberwald ist kürzer als die Strecke Andermatt-Oberalp-Sedrun. Zudem entsteht in Andermatt ein Ferienprojekt mit 4000 Betten – 20 Minuten entfernt von unserer Talstation.
Konkret: Wie realistisch ist das Sidelhorn-Projekt noch? Wie sieht der Fahrplan aus?
Wir erwarten täglich den Entscheid des Kantons. Bekanntlich haben Umweltorganisationen gegen die Umzonung eingesprochen. Auch nach einem für uns positiven Entscheid bleibt unklar, ob die Einsprecher den Rechtsweg bis ans Bundesgericht gehen werden. Deshalb ist es schwierig, einen zeitlichen Fahrplan festzulegen. Die Bundesbehörden stellen sich auf den Standpunkt, dass das ganze Gebiet zonenkonform sein muss. Ansonsten ist ein Konzessionsgesuch chancenlos.
Was ist genau geplant?
Vom Bahnhof Oberwald bis zur Mittelstation ist eine Gondelbahn geplant. Ob in der zweiten Sektion eine Gondelbahn oder zwei Sesselbahnen gebaut werden, ist noch offen. Die Nutzung im Sommer spricht eher für eine Gondelbahn. Das Sidelhorn-Gebiet ist ein hervorragendes Wandergebiet. Von der Mittelstation führt eine halbstündige Wanderung auf den Grimselpass. Von der Bergstation erreicht man in einer Viertelstunde das Sidelhorn und einer halben Stunde das Tourismusgebiet Oberaar.
Sie behaupten immer wieder, dass die Finanzierung der benötigten 25 Millionen Franken ohne öffentliche Gelder sichergestellt ist. Wer steckt hinter dem Projekt?
Der Investor ist vorhanden. Es gibt eine Gruppe, die heute klar sagt: Bringen Sie die Konzession, den Rest übernehmen wir.
Sie werden nicht im Goms um Aktien betteln?
Sicher nicht. Bestehende Gebiete sind noch eher über einheimische Geldgeber und Aktionäre zu finanzieren. Für neue Grossprojekte braucht es Investoren.
Haben Sie einen zweiten Sawiri wie die Andermatter in der Hinterhand?
(schmunzelt) Nein. Ich kann nur so viel verraten: Schweizer Investoren sind am Sidelhorn interessiert.
Die Investition ist das eine, der Betrieb das andere. Ist die Wirtschaftlichkeit wirklich gegeben?
Unsere drei Gemeinden verfügen über 4000 Fremdenbetten. Zudem verspreche ich mir einiges an Tagesausflüglern. Das Skigebiet am Oberalp lebt heute fast ausschliesslich vom Tagestourismus. In Sachen Erreichbarkeit sind wir durchaus konkurrenzfähig.
Mit wie viel Umsatz rechnen Sie?
Drei bis vier Millionen Franken sind durchaus realistisch. Im Zeitalter des Klimawandels haben wir einen grossen Vorteil: Mit wenig Aufwand ist das Skigebiet vollends schneesicher. Und zwar auch für den Langlauf. Wir können im Sidelhorngebiet ohne grosse Investitionen eine 15 Kilometer lange Loipe präparieren. Das wäre ein ideales Trainingsgebiet für Spitzenlangläufer. Auf den Punkt gebracht: Das Sidelhorn spricht Skifahrer, Snowboarder, Langläufer und Wanderer an.
Und die Betriebskosten?
Die Anlagen werden nach modernsten Erkenntnissen angelegt. Im Vergleich zu den heutigen Skigebieten mit veralteten Anlagen rechnen wir mit 25 Prozent tieferen Betriebskosten.
Trotzdem: Von wo nehmen Sie die Zuversicht? Gesamtschweizerisch haben die Bergbahnen im letzten Winter über fünf Prozent Umsatz verloren.
Es ist ein Trugschluss zu meinen, dass man nichts mehr investieren soll, nur weil einige Betriebe in der Branche Mühe haben. Vergleichen Sie die Situation mit der Hotellerie: Weil heute im Goms viele Hotels Mühe bekunden, heisst es noch lange nicht, dass man kein neues Hotel bauen soll. Im Gegenteil: Es braucht neue, modernere und grössere Hotels. Ähnlich verhält es sich mit den Bergbahnen. Es ist klüger, neue Gebiete mit modernen Anlagen zu erschliessen, als alte Lifte mit Mühe am Leben zu erhalten. Natürlich ist es für die Betroffenen hart, wenn ein Gebiet wie der Erner Galen still gelegt wird. Aber vielleicht bringts dem Tourismus mittelfristig mehr, den Betrieb einzustellen und dafür eine Busverbindung nach Fiesch und Bellwald anzubieten. Das gilt übrigens auch für das Skigebiet Hungerberg.
Die Konzession am Hungerberg, die im Herbst 2008 ausläuft, gehört den Bergbahnen Obergoms. Wie weit ist die Konzessionserneuerung?
Das Bundesamt für Verkehr soll uns aufzeigen, welche Massnahmen für die Konzessionserneuerung notwendig sind. Wir hoffen hier mit kleinen Investitionen eine Übergangslösung zu finden. Die Gemeinden Oberwald, Obergesteln und Ulrichen als Hauptaktionäre werden aber nicht bereit sein, mehrere hunderttausend Franken oder gar eine Million in den Hungerberg zu investieren. Wenn die Konzession nicht verlängert werden kann, müssen wir in der Übergangsphase bis zur Eröffnung des Sidelhorn-Gebietes das Gespräch mit den Bergbahnen in Fiesch und Bellwald führen. Oder es finden sich einige Idealisten, die den Weiterbetrieb des Hungerberg finanzieren.
Die Bergbahnen AG könnte der heutigen Betriebsgesellschaft Schwyberg AG den Hungerberg doch ganz abtreten?
Die Gemeinden wollen den Neuausbau am Sidelhorn. Deshalb werden wir die Konzession auch nicht abtreten. Die Bergbahnen Obergoms sind bereit Hand zu bieten bis zur Eröffnung des Sidelhorn-Skigebietes. Aber die Ausgangslage ist nicht einfach: Der Hungerberg lässt sich nicht mit dem Erner Galen vergleichen. Ich war übrigens erstaunt, dass man in Ernen keine Lösung gefunden hat.
Müssen Zweitwohnungsbesitzer zur Sicherung der Skiliftunternehmen stärker in die Verantwortung genommen werden?
Ich sehe die genaue Lösung auch nicht. Allerdings: Der Tourismus ist keine Sozialinstitution. Entweder können wir mit touristischen Unternehmungen Geld verdienen oder wir hören damit auf. Eine Schreinerei oder ein Verlag kann auch nicht jeden Herbst nach Unterstützung schreien, um die nächste Saison zu sichern. Dieser Grundsatz muss eigentlich auch für die Bergbahn-Branche und sogar für den Langlauf gelten. Es kann doch nicht sein, dass wir den Langlaufbetrieb auf die Dauer mit Steuergeldern finanzieren. Der Langläufer muss einsehen, dass er für die Loipenpräparierung tiefer in die Tasche greifen sollte.
Muss das Tourismusgesetz hier neue Grundlagen schaffen?
Der Zweitwohnungsbesitzer muss stärker zur Kasse gebeten werden. Das gilt aber grundsätzlich für die Infrastruktur, welche eine Tourismusgemeinde zur Verfügung stellen muss. Die hat einen gewissen Wert, der vom Ferienwohnungsbesitzer abgegolten werden muss. Beim Thema Bergbahnen werden aber viele Zweitwohnungsbesitzer entgegen halten, dass sie wie alle ihre Tages- oder Saisonkarte bezahlen und Skilifte nicht über Ferienwohnungen zu finanzieren sind.
Aber der Ferienwohnungsbesitzer weiss auch, dass seine Liegenschaft bei der Stillegung des Skigebietes schlagartig an Wert verliert?
Das stimmt. Aber vielen Ferienwohnungsbesitzern ist das egal – vor allem ältere Chalets sind bereits abgeschrieben. Gerade die Walliser Zweitwohnungsbesitzer, welche nicht an einer Vermietung interessiert sind, werden sich gegen eine zusätzliche Gebühr oder Steuer wehren. Ein Beispiel: Wenn eine Tourismusgemeinde die Kehrichtgebühr erhöht, sind die Walliser Chaletbesitzer die ersten, die reklamieren.
Das andere Problem ist die Vermarktung der Betten – und zwar in der Parahotellerie und der Hotellerie?
Viele Gommer Hotels kämpfen ums Überleben. Zwischen Niederwald und Oberwald können Sie gegenwärtig zehn Hotels kaufen. Das Hauptproblem ist die Wertschöpfung. Die Wintersaison ist einfach zu kurz. Vielfach steht auch ein Generationenwechsel an. Das erschwert das Ganze. Kommt hinzu, dass die Vermarktung – auch in der Parahotellerie – professionalisiert werden muss. Im Goms wird zu kleinkariert gedacht. Offenbar ist unsere Generation immer noch Bauer und nicht Tourismusunternehmer.
Das Obergoms braucht also nicht nur einen Bergbahn-Investor, sondern auch einen Geldgeber für neue Hotels?
(schmunzelt) Es gibt solche Ideen. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Grundsätzlich gilt für Hotels das- selbe wie für Bergbahnen: Wir müssen in grösseren Dimensionen denken und dem wachsenden Komfortanspruch der Gäste gerecht werden. Wir müssen in der Hotellerie nach neuen Lösungen suchen, indem beispielsweise die Obergommer Hotels noch von zwei Gesellschaften geführt werden.
Das tönt wie in der Politik, wo man sich den Kopf über Gemeindefusionen zerbricht?
Richtig. Aber solange in der Diskussion über die Gemeindefusion darüber gestritten wird, ob dann die Kehrichtgebühr nachher zehn Franken höher oder das Sprunggeld für Kühe angepasst wird, kann ich nur den Kopf schütteln.
Ist das nicht eine Mentalitätsfrage?
Das ist leider so. Wer ist schon bereit, fünf oder zehn Hotels in eine Gesellschaft zusammen zu führen? Vielleicht befiehlt uns das eines Tages ein anderer. Offenbar müssen wir zuerst noch etwas tiefer fallen, bevor wir uns zu neuen, mutigeren Schritten aufraffen können – zum Beispiel in Richtung Sidelhorn.
Neuerschliesssung Sidelhorn?
- TPD
- Moderator
- Beiträge: 6771
- Registriert: 09.03.2003 - 10:32
- Skitage 25/26: 0
- Ski: ja
- Snowboard: nein
- Ort: (Region Bern)
- Hat sich bedankt: 292 Mal
- Danksagung erhalten: 179 Mal
- Kontaktdaten: