Interview zur Klimageschichte: "Das ist dummes Zeug&quo

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piano
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Interview zur Klimageschichte: "Das ist dummes Zeug&quo

Beitrag von piano »

war heute in der AZ:
Der preisgekrönte Klimaforscher Gerald Haug warnt vor Klmafrust und falschen Experten, die den Klimawandel herunterspielen

Herr Professor Haug, die drei Teilberichte des UNO-Klmarats IPCC haben dieses Jahr für grosse Aufregung gesorgt. Viele Menschen waren beunruhigt. Inzwischen schlägt das Pendel wieder in die Gegenrichtung: Von "Spiegel" über "NZZ am Sonntag" bis "Sonntags-Zeitung" heisst es nun, dass ein bisschen höhere Temperaturen nicht so schlimm seien. Was halten Sie von dieser Entwicklung?
Gerald Haug: Es ist immer so, dass wenn in den Medien und der Politik etwas richtig hochgekocht wird, die Gefahr besteht, dass die Leute überdrüssig werden. Ich mache mir tatsächlich Sorgen, dass aus einer Klimahysterie nun ein Klimafrust wird und man die Dinge nicht tut, die jetzt nachhaltig angegangen werden müssten.

Was ist von Aussagen zu halten, wie "Wärmere Sommer und mildere Winter - warum freuen wir uns eigentlich nicht darüber?" oder "Wir gehen mit der Erwärmung insgesamt einer guten Zeit entgegen", wie sie zurzeit der Zoologe Josef Reichholf überall verbreitet?
Haug: Das ist dummes Zeug. Das nehmen 99 Prozent meiner Kollegen aus der Klimaforschung nicht ernst. Es ist immer wieder verwunderlich, wer in den Medien manchmal zu Wort kommt. Diese in Fachkreisen überhaupt nicht bekannten Leute machen dort dann auf einmal Statements zur Klimaforschung, die in der Regel fachlich einfach unqualifiziert sind. Das frustiert. Man hat sich aber damit auch irgendwie abgefunden.

Immer wieder erwähnt wird das "Mittelalterliche Temperaturoptimum", bei dem die Temperaturen fast gleich hoch waren wie heute. Die Wikinger siedelten damals auf Grönland, und Bayern exportierte Wein nach Italien. Ihr Spezialgebiet ist die Klimageschichte: War ein wärmeres Klima nicht meist ein Segen für viele Menschen?
Haug: Natürlich, das ist auch heute so. Sie haben immer Regionen, die vom Klimawandel profitieren, das steht ganz ausser Frage. Die Russen bauen in Sibirien ihre Häfen nicht ohne Grund aus. Auch für Nordeuropa kann man sich vorstellen, dass es vorteilhaft ist, wenn es ein bisschen wärmer wird. Doch man darf etwa die Besiedlung Grönlands nicht überbewerten. Das waren vielleicht ein paar hundert Leute in zwei Kleinstkolonien. Diese lebten mehr schlecht als recht dort, wo sich die Gletscher zurückgezogen hatten. Das war kein "grünes Land" wie der Name "Greenland" sagt. Diese Bezeichnung war eher eine Art Werbekampagne für die neue besiedelte Kolonie, um die Leute daheim zu beeindrucken.

Wenn es beim Klimawandel Gewinner gibt, dann ist das Ganze ja gar nicht so schlim.
Haug: Eine schnelle Kllimaänderung mit grosser Amplitude hat einige Gewinner, aber sehr viele Verlierer. Das Problem ist, dass, wenn die CO2-Konzentration weiter steigt, wir einen Schwellenwert erreichen, bei dem das ganze Klima kippt. Die Nordhemisphäre wird dann eisfrei, und der Meeresspiegel steigt um mindestens sechs Meter an. Dann müsste man beispielsweise einen Drittel der Weltbevölkerung umsiedeln. Das passiert nicht in diesem Jahrhundert (dafür betragen die Vorhersagen für den Anstieg 40 cm bis 1 m). Das Klima ist träge. Die Voraussetzungen zum Überschreiten des kritischen Schwellenwertes werden wir jedoch noch in diesem Jahrhundert schaffen. Wir werden neben dem aktuellen Klimawandel zusätzlich Prozesse in Gang setzen, die sich erst vielleicht in zwei- bis dreihundert Jahren im vollen Ausmass zeigen und die dann nicht mehr reversibel sind.

Wie viel Grad muss es denn wärmer werden, damit wir diesen Schwellenwert überschreiten?
Haug: Global etwa drei Grad. Dann werden wir ganz grundlgende Veränderungen unter anderem in den Ozeanen haben, die dazu führen, dass zusätzliches CO2 in die Atmosphäre gelangt. Das System wird dann für Jahrtausende bis Jahrzehntausende in einen Zustand geschickt, bei dem wir praktisch kein Eis mehr haben auf der Nordhemisphäre. IN der Klimageschichte hatten wir diesen Zustand schon einmal vor drei millionen Jahren - im Pilozän, lange bevor es den modernen Menschen gab.

Wieso kam es damals zu dieser Warmzeit?
Haug: Bei den polaren Ozeanen sitzt heute eine Art Süsswasserdeckel oben drauf. Dieser ist rund 150 Meter dick, was im Vergleich zu den rund drei Kilometer tiefen Ozeanen wenig ist. Diese Schicht reduziert stark das Ausgasen von CO2 in die Atmosphäre. Vor drei Millionen Jahren fiel die gleiche Schicht im Nordpazifik weg, und grosse Mengen Treibhausgase gelangten vom Meer in die Atmosphäre. Wenn sich die Atmosphäre heute um drei Grad aufwärmt, wird wahrscheinlich das Gleiche nochmals passieren. Das zusätzliche CO2 aus den Ozeanen würde etwa der Menge entsprechen, die die Menschheit bereits heute produziert hat.

Sie arbeiten nun schon seit vielen Jahren als Klimaforscher und gelten als einer der Besten auf dem Gebiet. Sind Sie es nicht gelegentlich satt, die Gefahren des Klimawandels immer wieder von neuem erklären zu müssen?
Haug: Das ist Teil unseres Jobs. Dass der Klimawandel tatsächlich stattfindet, braucht man heute zum Glück nicht mehr zu erklären. Wir Wissenschafter müssen jetzt vor allem differenziert aufzeigen, wie der Wandel stattfindet. Es liegt an der Politik, entsprechende Massnahmen einzuleiten. Die Wissenschaft kann da nur beratend wirken.

Gerald Haug erhielt erst kürzlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft den mit 2.5 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis für Spitzenforschung. Seine Spezialität sind Klimarekonstruktionen früherer Ereignisse anhand von Sedimentuntersuchungen.

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