Alpintourismus
Rauf auf die Berge - und, wer hat's erfunden?
Die Berge riefen und die Gentlemen kamen: Vor 150 Jahren wurde in der Schweiz das Bergsteigen erfunden – von den Briten. Der "Alpine Club", erster Bergsportverein der Welt, wurde 1857 im Londoner Covent Garden aus der Taufe gehoben.
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Mondnacht am Stellisee (2537 m) im Gebiet von Sunnegga-Blauherd, Zermatt im Kanton Wallis. Im Hintergrund das 4478 Meter hohe Matterhorn.
„Beim Schreiben in der Stube des Hotels Monte Rosa ist mir die Tinte eingefroren“, notierte Reverend Christopher Smyth, Erstbesteiger des Strahlhorns und der Dufourspitze. Die unbequemen Zustände in der damals einzigen Fremdenherberge von Zermatt mit ihren nur sechs Gästezimmern konnten den Geistlichen freilich nicht abschrecken. Der Alpinismus war in der englischen Oberschicht gerade zum Mega-Trend geworden. Wer es sich leisten konnte und etwas darstellen wollte, ging Bergsteigen. Am liebsten in der Schweiz.
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Beim Abstieg von einer geglückten Gipfeltour zum Finsteraarhorn beschloss man hier im Sommer 1857, endlich einen Club für den neuen Freizeitsport aus der Taufe zu heben. Am 22. Dezember 1857 treffen sich elf Gentlemen im „Ashley Hotel“ im Londoner Covent Garden, um den ersten Bergsportverein der Welt zu gründen, den „Alpine Club“. In der „Goldenen Zeit“ des frühen Bergtourismus zwischen 1854 und 1865 gehen mehr als drei Viertel aller Erstbesteigungen eidgenössischer Gipfel auf das Konto der wackeren Briten und ihrer tapferen Schweizer Bergführer.
Aber der Reihe nach. Bis ins Mittelalter waren die Berge kein Freizeitterrain, sondern der erklärte Feind des Menschen. Pässe überquerte man nur, wenn Krieg oder Handel dazu zwangen. Als die ersten Forscher Flora und Geologie der Walliser Alpen erkundeten, nannten die Sennen diese freiwilligen Bergläufer „Kraut- und Steinnarren“. Schon bald aber revolutionierten reisende Gipfelstürmer das Leben der bettelarmen Walliser Bergbauern. Doch nicht die Zermatter konnten sich als erste an der touristischen Wertschöpfung freuen, sondern die weiter unten im Tal lebenden Leute von St. Niklaus.
Weil man damals nämlich noch nicht in einem Rutsch mit der Bahn von Brig bis Zermatt reisen konnte, musste in St. Niklaus Station gemacht werden. Heute erinnert hier ein Museum mit originellen Exponaten an die Frühzeit des Bergtourismus.
Sonntags durften keine verletzen Bergsteiger gerettet werden
Von Anfang an hatte das Matterhorn am Ende des Oberwalliser Tals eine geradezu magische Anziehung. Natürlich gibt es höhere Berge, auch in den Alpen, aber nirgendwo hat die Natur ein so spektakuläres Design hingelegt wie bei dieser Felspyramide. Das Matterhorn wollen Reisende aus der ganzen Welt sehen. Heute erklimmen in jeder Sommersaison zwischen 1000 und 1500 Bergfexe den Gipfel - an Gutwettertagen sind es bis zu 140 Personen, weshalb es zuweilen Wartezeiten vor den letzten Metern gibt.
Die Zaniglaser, wie sich die Leute von St. Niklaus nennen, erwiesen sich „dazumal“ als äußerst aufgeschlossen für den Wandel. Sie gaben das Bergbauerntum auf und wurden Pioniere des Alpintourismus. Innerhalb von wenigen Jahren entstanden im Ort sieben stolze Hotels und kein Engländer verließ St. Niklaus, ohne einheimischen Bergführer im Schlepptau. Und weil jede Touristengruppe mehrere Betreuer brauchte, waren bald ganze Dynastien im Geschäft. Doch es galt Widerstände zu überwinden. Sonntags, so wollte es die Kirche und drohte andernfalls mit Exkommunikation, durften weder Berge gestürmt noch verunfallte Touristen aus dem Fels gerettet werden.
Die Zaniglaser hatten Glück, denn ihr Kaplan, selbst ein begeisterter Bergfex, hatte nichts gegen den Gipfelsturm am Feiertag. 1865 wird das Matterhorn erstmals bestiegen, 1871 steht die erste Frau auf dem Gipfel, 1900 wird das Abseilen am doppelten Seil erfunden. Und immer sind die Zaniglaser dabei, die bald auch zu Expeditionen in die Anden und zum Himalaya aufbrechen. Mehr als 300 Erstbesteigungen weltweit verbuchen die tapferen Mannen von St. Niklaus.
„Das waren Kerle, die auch auf dem Parkett daheim waren, vielsprachig und versiert im Umgang mit den Reisenden“, erklärt Museumsführer Raimund Sarbach. Der Holzboden im Meierturm, dem vornehmen einstigen Vogt-Domizil, knackt leise, während man von einer Schautafel zu anderen wandert und an den Computerstationen per Mausklick den Alpinisten folgt. „Bergführer sein, hieß Anschluss an die große Welt haben“, sagt Sarbach stolz.
Tragisches Ende der Matterhorn-Erstbesteigung
Freilich heißt es bis heute auch, sich einem extrem gefährlichen Job zu widmen. Es gibt im Wallis keinen Einheimischen, der nicht jemand kennt, der am Berg umgekommen ist - oft genug in Ausübung des Berufs als Bergführer. Auch die Erstbesteigung des Matterhorns im Sommer 1865 endet tragisch. Das Team von Edward Whymper lieferte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einer italienischen Gruppe.
Alles ging zunächst gut, als erste waren die Briten am Ziel und endlich „lag die Welt zu unseren Füßen und das Matterhorn war besiegt“. Doch beim Abstieg, für den man nun alle Zeit der Welt hatte, riss das Seil und vier Männer stürzten in den Tod. Das Unglück führte mitnichten zu einem Rückschlag des Extremsportes. Im Gegenteil: Nun reisen noch mehr Touristen an, um den Schicksalsgipfel aus der Nähe zu sehen.
1930 fährt die Eisenbahn elektrifiziert in einem Rutsch bis nach Zermatt, das fortan die Bergführer stellt und schnell zu dem wird, was es heute ist: ein Nukleus des Alpintourismus mit Tausenden von Gästebetten, Bergbahnen und Skipisten. Neuerdings gibt es auch ein „Matterhornmuseum“, ein alpines Disneyland, in welchem nur allenfalls die Erinnerungen an die am Matterhorn verunglückte Bergsteiger zu Herzen gehen. Gegenüber im historischen Hotel Monte Rosa geht es inzwischen ebenso behaglich wie luxuriös zu. Und garantiert gefriert keinem Gast mehr die Tinte im Glas.
^^ Klettern in den Walliser Alpen. Eine Dreierseilschaft steigt über den Ostgrat auf den 4527 Meter hohen Liskamm auf.
^^ Damals war's: Aufstieg zum Beigrat im westlichen Aletschgebiet. Man beachte den Rock.
^^ Gute Freunde kann niemand trennen... Bergsteiger auf dem Gipfel der Jungfrau (4158 Meter).
^^ Weit und gefährlich war die Route der Erstbesteiger über den Morteratsch-Gletscher auf den Piz Bernina.
^^ Das Überqueren einer Gletscherspalte während einer geführten Wanderung auf dem Aletschgletscher im Kanton Wallis.
^^ 'Le Glacier inferieur du Grindelwald & le Mont Eiger'. Kolorierter Umrissstich von Gabriel Lory pere, 1788.
^^ Die Erstbesteiger des Matterhorns, 14. Juli 1865. Zeichnung von Edward Whymper.
^^ Finsteraarhorn - Tritte im Eis: Die Ausrüstung war dürftig, das Abenteuer mächtig. Während 17 Tagen hielten sich die Alpinisten im vergletscherten Hochgebirge auf, ohne dass sie ausrutschten und abstürzten. Titelvignette eines englischen Alpinbuches, 1859.
^^ Moderne Schutzhütte in den Schweizer Alpen.
^^ Bergsteiger am Barrhorn (3610 m) oberhalb St. Niklaus im Mattertal, Kanton Wallis.
^^ Toggenburg im Kanton St. Gallen, Ostschweiz. Der Alpaufzug läutet den Bergsommer ein. Im Hintergrund sind die Churfirsten immer noch schneebedeckt.
^^ Wanderer bei der Bergstation der Wengen - Männlichen Bahn im Berner Oberland. Im Hintergrund die Jungfrau.
^^ Die steilste Zahnradbahn der Welt führt auf den 2119 Meter hohen Pilatus in der Zentralschweiz mit einer maximale Steigung von 48 Prozent, wie hier in der Eselwand kurz vor der Bergstation.
^^ Im Toggenburg wachen die Sieben Churfirsten über dem Walensee. Besonders das 'Dach vom Chaeserrugg' gilt als Kletterparadies.
Quelle Text: Die Welt
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